(de) Anarchistische Gruppe Neukölln: Stoppt die Hetze gegen Geflüchtete - Bericht einer bundesweiten Aktion gegen den rassist­ischen Diskurs in der BRD

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Sa Feb 11 13:08:25 CET 2017


Zwischen den Jahren, in der Zeit von Ende Dezember bis Anfang Januar, wurden bundesweit 
durch einige Gruppen der Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen in vielen Städten 
mehrere 10.000 Flugblätter verteilt, um über Vorurteile gegenüber geflüchteten Menschen 
aufzuklären. Wir als Anarchistische Gruppe Neukölln haben ebenfalls an der Aktion 
teilgenommen. Die Flugblätter haben wir hauptsächlich am Ostkreuz an Passant*innen 
verteilt, sowie im Neuköllner Reuterkiez in Briefkästen geworfen. ---- Hier gibt es das 
Flugblatt als PDF. ---- Und hier nun ein Bericht der Aktion, den ihr auch in der Februar 
Ausgabe der Gaidao nachlesen könnt: ---- Anlass für die Kampagne war (und ist) das 
vermehrte Auftreten von Vorurteilen gegenüber Geflüchteten, welche in einem medialen und 
einem breiten gesellschaftlichen Kontext häufig unreflektiert reproduziert wurden. Und nur 
allzu häufig werden die Behauptungen ohne Entkräftigung und Gegenargumentation im Raum 
stehen gelassen. Das Flugblatt behandelte einige dieser Vorurteile, griff sie auf und 
dekonstruierte sie.

Es wurden beispielsweise folgenden Aussagen widerlegt: "Wir können nicht die ganze Welt 
aufnehmen!", "Und wer soll das alles finanzieren?", "Flüchtlinge aus den Balkan haben 
keinen Schutzbedarf und kommen nur wegen unserer Sozialleistungen" und "sind meistens 
kriminell und gefährlich!"

In Deutschland repräsentieren geflüchteten Menschen zur Zeit weniger als 1 Prozent der 
Gesamtbevölkerung, weil die meisten Menschen auf der Flucht nicht mal die Grenzen des 
eigenen Staates durchqueren können und es nur sehr wenige nach Europa schaffen, was aktiv 
durch die EU-Staaten mit Zäunen, Militär und Überwachung gefördert wird. Dafür ist 
tatsächlich Geld da!
Dass Rom*nija in ihren Herkunfstländern massiv diskriminiert werden und fast keinen Zugang 
zu Wohnraum, Bildung und Arbeit haben, ist von verschiedenen Menschenrechtsorganisationen 
und Beobachter*innen nachgewiesen worden, und es gibt keine Hinweise darauf, dass 
geflüchteten Menschen krimineller als die Durschnitts-Bevölkerung sind.

Die Aussagen und Gegenargumente im Flyer richteten sich hauptsächlich an bürgerliche 
Menschen. Die Gegenargumentationstexte waren deshalb so formuliert, dass sie möglichst 
bürgernah Informationen vermittelten. Auf ideologisch linksradikale Sprache wurde komplett 
verzichtet. Dennoch ging es nicht nur um eine oberflächliche Widerlegung der Vorurteile 
mittels bürgerlicher Argumentationsmuster. Auch Verweise auf die gesellschaftlichen 
Verteilungsmechanismen der Ressourcen wie Jobs, finanzieller Mittel, Wohnraum etc. im 
Kapitalismus sowie die Rolle Deutschlands in der Welt als Waffenexporteur oder 
Stabilisator der kapitalistischen Verhältnisse werden genannt.

Dennoch schwanken die oben angesprochenen Vorurteile gegenüber Geflüchteten häufig 
zwischen Unwissenheit und offen zur Schau getragenem Rassismus. Das Erstarken 
rechtspopulistischer, oder auch neonazistischer Parteien und Gruppierungen zeigt die 
enorme Instrumentalisierung eben jener Vorurteile zugunsten der eigenen, 
menschenverachtenden politischen Ziele und zum Schaden all jener, welche - aus welchen 
Gründen auch immer - fliehen und versuchen sich ein neues Leben aufzubauen. Die 
Dekonstruktion stellt für uns somit einen Teil einer politischen Strategie dar, welche 
darauf ausgelegt ist rechter Hetze den Boden zu entziehen und eigene Akzente und Inhalte 
zu setzen, Vorurteile abzubauen und letztendendes auf ein uneingeschränktes, 
menschenwürdiges Leben für alle, ohne Grenzen und Vorurteile.

Initiiert wurde die Aktion innerhalb der Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen 
(FdA) von einer Gruppe, die auch den Text als Rohfassung ausgearbeitet hat. Die Idee 
inklusive der Textrohfassung wurde dann allen Gruppen in der FdA zugänglich gemacht. Alle 
Gruppen, die sich für die Aktion interessierten, konnten sich unkompliziert und direkt 
beteiligen: Bei der Überarbeitung des Textes, Layoutvorschlägen sowie Ideen, wie die Flyer 
verteilt werden können. Jede Gruppe konnte (entsprechend der Autonomie jeder Gruppe 
innerhalb der Föderation) selbst entscheiden, welche Anzahl an Flyern sie bestellen will 
Auch wo und auf welche Art und Weise die Gruppen ihre Anzahl an Flyern verteilen wollen, 
lag in der Entscheidung jeder einzelnen Lokalgruppe. Durch die Föderierung wurden 
anfallende Aufgaben aufgeteilt sowie Ideen, Wissen und Ressourcen ausgetauscht. Dass die 
Aktion im gleichen Zeitraum in unterschiedlichen Städten koordiniert ablief, brachte eine 
höhere öffentliche Aufmerksamkeit.

Die beteiligten Gruppen verteilten die Flyer in folgenden Städten: Ludwigsburg, Karlsruhe, 
Offenburg, Kaiserslautern, Bonn, Köln, Aachen, Göttingen und Umland sowie in Berlin.
Die Verteilung der Flyer lief unterschiedlich ab, sei es im direkten Kontakt mit Menschen 
auf öffentlichen Plätzen - wie beispielsweise auf Weihnachtsmärkten oder Einkaufszentren - 
oder indirekt, indem in Briefkästen und in Kneipen Flyer (aus-)gelegt wurden. Insgesamt 
wurden die allermeisten Flyer in Briefkästen verteilt, sodass es darauf keine unmittelbare 
Reaktion auf den Flyer zu beobachten gab. Wenn aber Menschen sich auf den Flyer in unseren 
Präsenz eingelassen haben, waren deren Reaktionen ganz unterschiedlich: Es gab ermutigende 
Kommentare und im nachhinein positive Kommentare im Internet. Die Lokalpresse griff die 
Aktion in Einzelfällen auf (zum Beispiel die Stuttgarter Zeitung).
Wir konnten beim Flyern aber auch ein völliges Desinteresse bis hin zu Floskeln eines 
rechten Diskurses und einem aggressiven Verhalten beobachten.
Und genau deshalb halten wir es für wichtig darüber zu kommunizieren, das Schweigen zu 
brechen und den rechten Diskurs argumentativ in Worten und Taten entgegenzutreten.
Diese Aktion für Bewegungsfreiheit für alle und eine herrschaftsfreie Gesellschaft - egal 
aus welcher Ecke der Welt jede*r kommt - ist nicht die letzte, denn bis alle Grenzen weg 
sind, kämpfen wir weiter!

Libertäres Bündnis Ludwigsburg
Libertäre Gruppe Karlsruhe
Anarchistische Initiative Kaiserslautern
Anarcho-Syndikalistische Jugend Göttingen
Anarcho-Syndikalistische Jugend Bonn
Anarchistische Gruppe Neukölln
Anarchistisches Kollektiv Köln
Nigra (Ortenau)

https://anarchistischegruppe.noblogs.org/post/2017/02/05/stoppt-die-hetze-gegen-gefluchtete-bericht-einer-bundesweiten-aktion-gegen-den-rassist%C2%ADischen-diskurs-in-der-brd/


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