(de) FDA-IFA, Gai Dào N°65­ Mai 2016 -- Anarchistisch älter werden – (wie) geht das? Von: Gerald Grüneklee

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Tue May 17 22:06:28 CEST 2016


Anm.d.Red.: Der Text „Anarchistisch älter werden“ wurde im November 2014 (Nr. 393) von der 
Graswurzelrevolution veröffentlicht. Gerald referierte diesen Vortrag bei mehreren 
Gelegenheiten, u.a. aufder Anarchistischen Buchmesse in Mannheim im April 2015. Die 
Anarchistische Gruppe Mannheim hat Anfang April 2016 Gerald zu einem ganztägigen Workshop 
eingeladen, um das Thema eingehender diskutieren zu können. Der Bericht zu dieser 
Veranstaltung wird in der folgenden JuniAusgabe der GaiDao publiziert. ---- „Wer mit 
sechzehn nicht Anarchist ist, ist ein Idiot. Aber wer es mit 40 noch ist, ist es auch“, so 
der französische Politiker Georges Clemenceau (1841-1929). Tatsächlich scheint Anarchismus 
vielen im Nachhinein eher eine peinliche, pubertierende „Jugendsünde“ zu sein, was aber 
wohl eher mit einem sehr begrenzten Anarchismusverständnis zusammenhängt.

„Der Anarchismus ist generationsübergreifend und hält jung.

Es ist nie zu spät, Anarchist oder Anarchistin zu werden“, meint
demgegenüber Bernd Drücke 1 . In einer Veranstaltung auf dem anarchis-
tischen Sommercamp 2014 wollten wir der Frage nachgehen, warum
doch anscheinend meist relativ wenig angegraute Menschen im anar-
chistischen Milieu sichtbar sind 2 . Folgende Thesen dienten zunächst der
Veranstaltungsvorbereitung, sie wurden dann von mir ergänzt um
Aspekte, die im Rahmen der Diskussion angeschnitten wurden 3 . Dabei
wird deutlich werden, dass es nicht so sehr um eine Fachberatung für
selbstbestimmtes, menschenwürdiges Altern geht. Denn so wichtig bei-
spielsweise die Auseinandersetzungen um Altersarmut, Vereinsamung
im Alter, um Pflege und alternative Betreuungsformen auch sind – hier
geht es, um mal ein hochgestochenes Wort zu nehmen, eher um so et-
was wie einen neuen „Generationenvertrag“. Gefragt sind also „junge“
UND „alte“ Menschen – besser: Menschen unterschiedlichsten Alters
und eben auch unterschiedlichster Erfahrungen und Beweggründe.
„Anarchistisch“ kann in Bezug auf die diskutierte Thematik hierzulande
auch ersetzt oder ergänzt werden durch „linksradikal“ oder meinetwe-
gen auch „kommunistisch“ - es gibt viele politische Kulturen, die ähnli-
chen Entwicklungen ausgesetzt sind. Aus anarchistischer Perspektive
reiße ich es hier an, weil dies die Schublade ist, in der ich selbst mich
am ehesten wiederfinde – nach wie vor.

1. Keine Jugendbewegung: Anarchismus ist historisch keine „Jugend-
bewegung“, auch aktuell ist die anarchistische Bewegung an den welt-
weit wenigen Orten wo es eine lange durchgängige anarchistische
Tradition gibt (z.B. Carrara/ Italien) erkennbar generationsgemischt (je-
doch scheint der Anarchismus weltweit männerdominiert – ein bislang
ebenfalls zu wenig reflektierter Umstand).

2. Folgen der NS-Zeit: Im deutschsprachigen Raum ist dass, jedenfalls
nach der optischen Wahrnehmung, anders. Hier wirkt offenbar noch die
Geschichte des Nationalsozialismus nach: stärker noch als z.B. in Italien
wurde im deutschen Faschismus (2.Weltkrieg) eine ganze Generation
„verheizt“. Nach 1945 gab es in der BRD nur wenige überlebende „Alt-
Anarchisten“, die Organisationen aufzubauen versuchten, bis auf weni-
ge Ausnahmen jedoch den Kontakt zur heranwachsenden Jugend nicht
(mehr) fanden. So gingen auch diese Versuche langsam ein, bis es ab
1968 eine gewisse Renaissance gab, jedoch als Neuorganisierung im
Zuge der Studentenbewegung, wiederum ohne Kontakte zu den NS-
Überlebenden. Aufgrund des Faschismus wurden zudem ältere Men-
schen vielfach pauschal der Nähe zum NS-System bezichtigt, es ging
darum, verkrustete Strukturen aufzubrechen, die mit der Eltern-Gene-
ration identifiziert wurden. Folge war ein starkes Abgrenzungsbedürf-
nis. Erst die Geschichtswerkstätten in den 80er Jahren versuchten vor
Ort wieder in größerem Umfang überlebende (antifaschistische) Au-
genzeugen aufzutun, die nun allerdings nach und nach wegstarben.

3. Eine Frage des Habitus: Eine weitere anarchistische „Welle“ gab es
im deutschsprachigen Raum (Österreich, Deutschland, Schweiz) ab den
1970er Jahren mit der Jugendzentrumsbewegung, die, im Gegensatz zu
den in dieser Zeit ebenfalls entstehenden Kommunikationszentren,
schon begrifflich die Altershomogenität ausdrückte. In den 1980ern er-
lebte die Hausbesetzerbewegung ihre Hoch-Zeit Diese Bewegungen
setzten sich vielfach vom „Habitus“ (Kleidung, Sprachgebrauch, ästhe-
tische Gestaltung der Treffpunkte etc.) stark von den „Älteren“ ab, so
dass diese primär „Jugendbewegungen“ blieben. Lange Jahre wirkte ein
„linksradikaler Dresscode“ ausgrenzend. Tausende von Menschen waren
in der Hoch-Zeit der Besetzungen aktiv; heute sind sie um bzw. jenseits
der 50 – und kaum noch sichtbar.

4. Subkultur-Falle: Die starke „subkulturelle Inszenierung“ hatte zur
Folge, dass es vielen im Zuge des Älterwerdens nicht mehr attraktiv
schien, an der „Szene“ teilzuhaben (z.B. schmälerten Beruf, Kinder etc.
auch die zeitlichen Möglichkeiten, an zähen und oft zeitlich ausufern-
den Plena, nächtlichen Konzerten etc. teilzunehmen. Der stark infor-
melle „Touch“ der Szene (wer nicht „gesehen“ wird bei den
einschlägigen Demos und Veranstaltungen ist nicht richtig „dabei“, vom
Informationsfluss ausgenommen etc.) tat ein übriges. Anarchismus
wurde daher nicht mehr als eine Praxis angesehen, die über das Ende
des Studiums/ den Eintritt ins Berufsleben hinaus lebbar ist. Als Le-
bensentwurf ist eine so verstandene juvenil geprägte Bewegung schlicht
untauglich.

5. Anarchistische Theorie ja – aber...: Demgegenüber fällt bei Gesprä-
chen auf, dass viele Ältere die anarchistische Theorie bis in die Gegen-
wart richtig finden. Punktuell sind diese Menschen dann durchaus
mobilisierbar (etwa bei Kampagnen gegen Gentrifizierung und Atom-
kraft, Themen also, die die Lebenswelt über die Generationen hinweg
berühren), allerdings scheinen die „Älteren“ oft nicht mehr an vielen
Punkten zugleich aktiv sein zu können/ zu wollen, sondern suchen sich
eher für sie zentrale spezifische Themen/ Aktionsfelder aus. In den we-
nigen Orten, wo es relativ kontinuierliche und größere von anarchisti-
schen Gedanken mit getragene Zusammenhänge gibt (z.B. Hamburg,
Berlin) sind noch vergleichsweise viele Ü40er/50er aktiv, Menschen also,
die sich in den Bewegungen der 80er Jahre politisiert hatten.

6. Statt umfassender „Bewegung“ allenfalls fragmentierte Teilbe-
reichsbewegungen: Welche Beispiele zumindest zeitweise erfolgreicher
anarchistischer Bewegungen fallen uns ein (ein sporadisches Beispiel
wie das Stören eines Gipfels oder eine Nazi-Aufmarsch-Blockade zählt
nicht!)? Wenn wir zur Beantwortung dieser Frage mal locker 3 Genera-
tionen in die Vergangenheit
schauen müssen, dann ist klar,
dass der Anarchismus ein
ewiger Verlierer in der Ge-
schichte ist. Kein Wunder, sind
wir doch die ewigen „natürli-
chen“ Feinde jeder Macht, und
ist herrschaftsförmiges Den-
ken als vermeintlich „alterna-
tivlos“ doch in den
allermeisten Hirnen fest ver-
ankert. Im Alltag müssen wir
kleine Brötchen backen – eine
starke Kluft zu den hohen
Zielen und Idealen. Eine große
Frustrationstoleranzgrenze ist
da nötig. Nicht alle haben die psychische Struktur, „singend mit der
Pfeife im Mund Niederlagen zu ertragen“ 4 , ohne daran zu verzweifeln.
Da ist es wenig erstaunlich, dass sich viele nach einigen Jahren der Ak-
tivität resigniert und/ oder ausgebrannt zurückziehen. Unter diesen
Umständen ist die „Szene“ von hoher Fluktuation gekennzeichnet. Kon-
tinuierlichere Strukturen gibt es kaum.

7. Latente Überforderung: Aufgrund von Unverbindlichkeit und Frust,
allzu wenigen Aktiven (die sich oft zu viel aufbürden), Erfolglosigkeit
und Perspektivlosigkeit etc. überfordern sich viele derer, die sich über
einen längeren Zeitraum in der anarchistischen Bewegung engagieren –
physisch, psychisch, finanziell. Ein „Ausstieg“ erscheint vielen als einzig
mögliche Konsequenz. Ein blinder Fleck ist auch der hohe Anteil jener
Menschen in linken und alternativen Bewegungen die regelmäßig Dro-
gen konsumieren, Psychiatrieerfahrungen haben etc. - auch wenn es
dafür natürlich mehr Ursachen gibt als die latente Überforderung, so
sollte dies allein schon Grund genug sein, über Auswege und Perspekti-
ven nachzudenken, die aus einer offenkundig verfahrenen Situation
hinausführen.

8. Verkürzte „Autonomie“: In eine zusätzliche Falle scheinen wir oft-
mals mit einem unreflektierten Autonomie-Begriff selbst zu tapsen:
wenn Menschen soziale Wesen sind, so beinhaltet dies auch, dass Men-
schen voneinander abhängig und – gerade mit zunehmendem Alter –
hilfsbedürftig werden. Diese Tatsache wird oft von AnarchistInnen
ignoriert, Freiheit und Unabhängigkeit werden auf eine Weise ideali-
siert, die an das vom Marlboro-Cowboy in der Zigarettenwerbung ver-
körperte Bild denken lässt – und so nebenbei gesagt so auch leicht
durch neoliberale Praxen der Individualisierung integrierbar ist. Älter-
werden (wie auch generell eine anarchistische Perspektive) erforderte
also einen Freiheitsbegriff, der Autonomie nicht als Selbstzweck in den
Mittelpunkt stellt, sondern stets in den Zusammenhang nötiger - und
erstrebenswerter!) tragfähiger sozialer Bezüge stellt. Mit anderen Wor-
ten: das zugrundeliegende Menschenbild braucht eine zentrale Stellung
in Diskussionen um anarchistische Perspektiven.

9. Gemeinschaftlichkeit vs. Unverbindlichkeit: Gemeinschaft fällt
nicht vom Himmel, das bekommen gerade diejenigen zu spüren, die
versuchen, mal mehrere jener
Menschen an einen Tisch zu
bekommen, die sich anarchis-
tisch nennen. Generell schei-
nen gegenwärtig gerade die
bestehenden anarchistischen
Strukturen – zumindest im
deutschsprachigen Raum –
einen stark individualistischen
Touch zu haben. Aufeinander
zuzugehen und dabei Kom-
promisse einzugehen scheint
nicht gerade eine Stärke der
Menschen im anarchistischen
Spektrum zu sein - einer Sze-
ne, die zwar schnell von Soli-
darität, gegenseitiger Hilfe etc. redet, diese Begriffe aber selten wirklich
definiert und füllt: von „freiwilliger Vereinbarung“ bleibt oft nur noch
„freiwillig“ übrig, und so schafft sich jede/r ganz postmodern und „be-
dürfnisorientiert“ seine/ ihre eigene Welt und muckelt vor sich hin
(Theorie ist ja ohnehin vielfach „verdächtig“). Gemeinschaftlichkeit
jenseits der Klein- oder Patchworkfamilie muß heutzutage offenbar ge-
übt – aber auch erlebt – werden, die Bereitschaft dazu scheint aber ge-
ring.

10. Und nun?

Um stabile anarchistische Strukturen zu bilden, die auch biographisch
eine Einbindung über die Jahrzehnte hinweg ermöglichen wäre also
nötig:

- Erfahrungsvielfalt: es als Bereicherung wahrzunehmen, sich (wech-
selseitig!) zwischen den Generationen auszutauschen und so von den
unterschiedlichen Erfahrungen zu profitieren. Eine entsprechende in-
nere Beweglichkeit, um sich miteinander zu verständigen und und
(weiter) zu entwickeln ist hierfür eine Grundvoraussetzung.

- Reflektion: Begriffe wie Freiheit und Autonomie nicht zu verabsolu-
tieren, sondern stets zu hinterfragen und um Aspekte wie Gegenseitig-
keit, Sozialität, Bedürftigkeit etc. zu ergänzen. Hinterfragt werden muss
nicht nur die Theorie, sondern auch das eigene Handeln – nicht zuletzt
dort, wo sich Handlungsweisen vom ursprünglichen Kontext verselbst-
ständigt und so auf ausgrenzende Weise ritualisiert haben -, der gesell-
schaftliche Rahmen etc.

- Unterschiedlichkeit: unterschiedliche Aktions- und Interventionsfor-
men als gleichberechtigt anzusehen (wie dies z.B. im Wendland bei den
Protesten gegen die Castor-Transporte gelingt) – wer eine Hüft-Operati-
on hinter sich hat, kann vielleicht nicht mehr an jeder Aktion auf der
Straße teilnehmen, doch eine gute Infrastruktur bereitzuhalten und für
Schlafplätze und warme – oder kalte, je nach Jahreszeit – Getränke zu
sorgen ist nicht minder wichtig. Ebenso legitim muss es natürlich sein,
sich „Auszeiten“ zu gönnen.

- Inhaltlichkeit: einen „identitären Anarchismus“ (über Lifestyle-Attri-
bute wie z.B. Kleidung nach außen getragen, weniger über Positionen/
sichtbare Aktionen) in einen „inhaltlichen Anarchismus“ zu überführen,
in dem sich Menschen unterschiedlichen Alters wohlfühlen und bei
dem es nicht auf das Aussehen, körperliche Agilität etc. ankommt.

- „Inklusion“: generell Praxen nicht-ausgrenzender Verhaltensweisen
und gegenseitiger Akzeptanz sowie eines wohlwollenden Miteinanders
zu entwickeln, in denen „Detailfragen“ vielleicht nicht ganz so wichtig
sind und eine hundertprozentige Übereinstimmung auch nicht erforder-
lich ist, ohne deshalb entweder Widersprüche zu ignorieren oder sich
gleich wieder zu spalten.

- Mehrdimensionalität: die vorangestellten Aspekte als Voraussetzung
für den Aufbau tragfähiger Strukturen zu nehmen, die sowohl psycho-
logische Perspektiven („ich fühle mich in diesen Strukturen wohl, weiss,
dass ich geschätzt werde wie ich bin, und es ist nicht so schlimm, wenn
ich es nicht schaffe, immer überall dabei zu sein“) und persönliche / so-
ziale Perspektiven (z.B. Mehrgenerationen-Wohnprojekte, Kommunen)
wie auch ökonomische Perspektiven (z.B. selbstverwaltete Betriebe,
Genossenschaften / solidarische Ökonomie, „Projekte-Anarchismus“)
beinhalten.

„Empörung alleine reicht nicht. Sie muss konstruktiv werden“ schrieben
die GenossInnen vom A-Laden Berlin mal. Stimmt. Denn eine politi-
sche Perspektive, die diese genannten Aspekte nicht als Grundlage hat,
scheint mir eine Kopfgeburt zu sein. Die zentrale Frage ist also, wie aus
den bisherigen gesellschaftlich irrelevanten anarchistischen Fragmenten
eine Bewegung entstehen könnte, die diesen zugegeben hohen Ansprü-
chen Rechnung trägt, ohne angesichts oft trister Realitäten vorschnell
wieder in Resignation umzuschlagen.

[1] In: Anarchismus Hoch 2 – Soziale Bewegung, Utopie, Realität, Zukunft; Berlin 2014, S. 47
[2] Die Initiative zu dieser Veranstaltung und die Stichworte für den Ausgangspunkt der 
Diskussion kamen von M.K. von der anarchistischen Siebdruckerei Hönkeldruck, mit dem ich die
Veranstaltung durchführte.
[3] Wolf-Dieter Narr, in: Anarchismus Hoch 2, s. Anm. (1), S. 168
[4] Wolf-Dieter Narr, in: Anarchismus Hoch 2, s. Anm. (1), S. 168


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