(de) FAU-IAA Direct Action #233 - Faulheit als politisches Kampfmittel

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Mon May 2 13:02:38 CEST 2016


Ein Plädoyer für die passive Resistenz ---- Wir begehen heuer das Jahr 2016, und dennoch 
wollen wir unseren Blick in der Zeit nach hinten richten. Genau genommen in das Jahr 1919. 
Am 5. Juni erschien im Syndikalist der Artikel Faulheit als politisches Kampfmittel. Der 
Verfasser Karl Roche war ein bekennender Syndikalist und Theoretiker seiner Zeit. ---- DER 
AUTOR ---- Er begann seine Laufbahn als Gewerkschafter und Mitglied bei der damals noch 
illegalen SPD. Die Liaison mit der Partei endet mit dem Rausschmiss durch die 
Sozialdemokratie. Nach insgesamt 33 Jahren Parteibuch tritt Karl Roche der lokalistischen 
Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften bei. Dort rechnet er mit der Schrift Aus dem 
Roten Sumpf mit seiner Vergangenheit beim Zentralverband der Bauhilfsarbeiter Deutschlands 
ab. Daraufhin wird er von einem Hamburger Schöffengericht zu 200 Mark oder 20 Tagen 
Gefängnis verurteilt.

Als Delegierter der Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften nimmt Roche am ersten 
internationalen Syndikalistenkongreß teil, der vom 27. September bis 2. Oktober 1913 in 
London stattfindet.Während den Kriegsjahren verhält sich Roche ruhig und lebt 
zurückgezogen. Nach dem Ende des 1. Weltkriegs tritt die syndikalistische Bewegung wieder 
in Erscheinung und mit ihr auch Roche. Im Jahr 1919 wechselt er die Gewerkschaft und wird 
Mitglied bei der Allgemeinen Arbeiter Union (AAU). Dort verweilt er trotz einiger 
Grabenkämpfe bis in das Jahr 1924, in dem sein Engagement wieder der Freien Arbeiter Union 
Deutschland (Nachfolgegewerkschaft der Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften) zählt. 
Karl Roche stirbt im Alter von 68 Jahren am 1. Januar 1931.Im folgenden wird sein Artikel 
aus dem Syndikalist von 1919 abgebildet.

K. Nebel

KARL ROCHE

FAULHEIT ALS POLITISCHES KAMPFMITTEL

Wir leben nicht, um zu arbeiten, wir arbeiten, um leben zu können. Das Leben ist 
Selbstzweck. Arbeit ist Mittel dazu. Je leichter und müheloser wir das Mittel der Arbeit 
handhaben, desto sorgloser gestaltet sich unser Dasein. Gewiss ist Arbeit ein natürliches, 
inneres Bedürfnis. Aber gerade als solches verträgt Arbeit keinen äußeren Zwang. 
Freiwillige Arbeit ist natürlich, aufgezwungene ist widernatürlich.

Der Selbstzweck des Lebens wird erfüllt durch Lebensfreude. Wo die fehlt, ist das Leben 
verfehlt und betrogen. Jeglicher Zwang lässt die Freude am Leben nicht aufkommen; der 
äussere Zwang zur Arbeit verbittert uns, lässt uns die Arbeit hassen.Die sozialistische 
Organisation der Arbeit wird ihr den Fluch des Zwanges nehmen. Sie wird den Menschen zu 
seiner natürlichen Pflicht zurückführen, an der Gütererzeugung freiwillig Anteil zu 
nehmen. Sie wird vermittels Technik und Wissenschaft die Arbeit zum Genuss werden lassen. 
Arbeit und Leben werden ineinander aufgehen. Der Lebenszweck findet seine Erfüllung in 
Arbeitsfreude, abgelöst vom sinnenumrauschten Müssiggang.So wird es einmal sein.Heute ist 
es ja noch beträchtlich anders. Heute, wie seit tausend und mehr Jahren, sind die 
Arbeitenden noch Sklaven. Heute wird uns die Arbeit aufgezwungen von denen, die ihr ganzes 
Leben hindurch Arbeitsverweigerung verweigern. Hunger, Verelendung sind die Skorpione, mit 
denen uns die Ewigfaulen an die Arbeit zwingen.Welches persönliche Interesse sollten wir 
an der Ergiebigkeit der Arbeit haben, da wir doch ausgeschlossen sind vom Genusse jener 
Güter, die das Leben froh und lebenswert machen!Wir sollten uns um das Gedeihen einer 
gesellschaftlichen Unordnung bemühen, welche lediglich das Arbeitsprodukt als Wert 
einschätzt, nicht aber den Arbeiter!Was haben wir von einer Kultur, die für uns keine sein 
kann, da wir nicht zugelassen werden, weil wir sie nicht bezahlen können!Wir, unsere 
Eltern, unsere Voreltern waren dumm genug, fleissig zu sein.

Wir hatten ein Recht auf Faulheit und schreien nach dem Recht auf Arbeit. Je mehr wir im 
Elend waren, desto härter strengten wir uns bei der Arbeit an, um herauszukommen. Aber wir 
kamen dabei immer tiefer hinein, nämlich in die Ausbeutung. Als Arbeiter und Klasse der 
Ausgebeuteten ist unser natürliches Recht in der Gegenwart die Faulheit. Der Fleiss, die 
Anstrengung bei der Lohnarbeit ist der Ausdruck unserer Sklavendemut. Unser Fleiss fördert 
die Besitzenden, lässt ihre Herrschaft über uns wachsen; unsere Freiheit schädigt die 
grundsätzlich Faulen, die nur fleissige Menschen sind im Nehmen.So lange sich die Reichen 
von der Arbeit drücken, haben wir ein unveräusserliches Recht auf Faulheit. So lange die 
grundsätzlich Faulen geniessen dürfen, weil sie nicht arbeiten, und herrschen wollen, um 
so weiter faul sein zu können, so lange sind wir Esel, wenn wir fleissig sind.Mag nur 
diese wunderbare kapitalistische „Ordnung“ vollends in die Brüche gehen, mag der Rest an 
Wirtschaft, den der Weltkrieg übrig gelassen, von unserer Faulheit verschlungen werden. 
Wir dürfen mit satanischer Freude dabeistehen. Die Faulen haben uns lange genug bestohlen, 
sie hielten uns mit der Lohnarbeit gefesselt. Das Diebesgut ist ihnen im Blute des 
Weltkrieges weggeschwommen, die Fesseln schütteln wir ab. Wir bleiben faul, so lange nicht 
der Fleiss aller zur Nutzanwendung kommt.Die neue Vertrauenskörperschaft der grundsätzlich 
Faulen, die Regierung, hat es wahrlich nicht leicht, auch faul sein zu können; sie soll 
etwas denken und auch etwas mehr handeln und kann nicht. Als Konkursverwalter des 
bankrotten Kapitalismus fehlt ihr die Routine, aber der verbissene Hass gegen den 
Sozialismus peitscht sie auf. Wie der wütende Stier wirft sie sich auf jeden roten Lappen.

Wer sich rühret wird geschlossenUnd womöglich schon erschossen,?Eh’ man ihm das Urteil 
fällt.?Die Justiz – geheim und schnelle,?Fördert noch vor Tageshelle?Jeden Meuterer aus 
der Welt.

Ja, Dichter und Seher! Das schrieb Herwegh 1846. Damit geisselte er den unfähigsten der 
Preussenkönige und traf den ersten – sozialdemokratischen König.

Die Regierung tanzt auf einem leeren Fasse. Die Arbeiter sollen die ausgeladene Tonne 
wieder füllen, mit Arbeit. Sie schreien die Arbeiterklasse an, sie möge doch arbeiten. 
Beim seeligen Marx und beim heiligen Lassalle, der Sozialismus gehe in die Brüche, wenn 
die Proleten die Ausbeutung restlos zerstören! Die Arbeiter schütteln die Köpfe und wollen 
nicht. Nein, sie wollen nicht. Die passive Resistenz wird von ihnen mit Begeisterung 
aufgenommen und zähe durchgeführt. Das begreifen ist ja auch so kinderleicht: entziehen 
wir der Ruine Kapital vollends das letzte Blut durch passive Resistenz, dann muss sie 
gänzlich zusammenstürzen. Das ist keine Theorie: es ist die nüchternste Wahrheit, die 
jeder Prolet ohne weiteres erkennt. Faulheit als politisches Kampfmittel! Wer hätte je 
geglaubt, dass das in der deutschen Arbeiterklasse möglich wäre. Es ist möglich und wird 
mit Erfolg angewendet. Auf dem sozialdemokratischen Parteitage in Weimar sagte 
Reichsminister Wissel, das Schlimmste seien nicht die Lohnforderungen, sondern die passive 
Resistenz der Arbeiter.Aber da haben sich die auf der leeren Tonne balanzierenden 
Akrobaten einen Zauberkünstler zur Hilfe geholt: Herrn Bernhard Dernberg, den ehemaligen 
Kolonialminister. Er hat sich auf das leere Fass gestellt und jongliert mit papierenen 
Milliarden.

Für den ehemaligen Direktor der Deutschen und dann der Darmstädter Bank sind das 
Kleinigkeiten. Für das laufende Finanzjahr sind im Reichsbudget 25 Milliarden aufgestellt. 
25.000 Millionen! Bei 62 Millionen Einwohnern ergibt das auf den Kopf der Bevölkerung die 
Summe von 400 Mk. Vater, Mutter und zwei Kinder müssen zusammen 1.600 Mk. Steuern 
aufbringen. Wohlgemerkt, allein an Reichssteuern. Das ist natürlich nicht möglich. 
Verbrecher ist, wer diese Wirtschaft weitertreiben will. Aber – ein ehemaliger Direktor 
der Deutschen Bank kennt bei „Finanzierungen“ keine Hindernisse. Die Arbeiter sind doch 
da! Und wozu wären sie denn weiter da, als zum Füllen der leergelaufenen Tonnen. Also 
„regt“ Herr Dernburg „an“: die Reichsarbeitsstunde. Zum Achtstundentag soll eine Stunde 
zugefügt werden. Die Reichskasse verlangt vom Unternehmer für jede „Stunde“ 1 Mk. Herr 
Dernberg rechnet, dass in Deutschland 21 Millionen Menschen tätig sind. Das würde im Jahre 
7 Milliarden ergeben. Glückt es, so wird im nächsten Jahr die zehnte und später die elfte 
angehängt und – siehe da! Deutschland ist aus dem Dalles!

„Gewissermassen“ wird man als „Nebenerscheinungen“ Streiks verbieten und die 
Erwerbslosenunterstützung „abbauen“ und – Deutschland ist wieder in der Welt voran, es 
kann wieder zum neuen Massenmorden rüsten.Jedoch – die Arbeiterschaft von heute ist nicht 
mehr die von 1914. Sie wird den gordischen Knoten der Revolution nicht mit der Schwerte 
Arbeit durchhauen. In der Lauge ihrer Faulheit wird sie den Kapitalismus völlig zur 
Auflösung bringen. Es wird so lange passive Resistenz geübt werden, bis die Arbeiterklasse 
selbst in der Lage sein wird, die Arbeit sozialistisch organisieren zu können.Warum soll 
denn das Arbeitsvolk nicht passive Resistenz anwenden dürfen? Die „sozialistische“ 
Regierung versteht ja diese syndikalistische Tugend ausserordentlich. Sie redet von 
Sozialisierung und tut nichts dazu; sie redet vom Sozialismus und lässt Sozialisten 
erschiessen; sie redet von Gefangenenbefreiung und lässt im eigenen Lande Tausende 
ehrlicher Arbeitern einsperren. Das ist nur passive Resistenz, das ist zerstörender, 
verbrecherischer Sabot verübt gegen die sozialistische Arbeiterschaft.Die Geschichte 
dieser Revolution wird einmal berichten von der Faulheit, die Wunder wirkte.

Karl Roche: Faulheit als politisches Kampfmittel. Erschienen in Der Syndikalist Nr. 30 vom 
5. Juli 1919 [I. Jahrgang]

vgl.https://archivkarlroche.wordpress.com/

https://www.direkteaktion.org/233/faulheit-als-politisches-kampfmittel


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