(de) fau.org: Kulturhauptstadt Wroclaw 2016 - Erst gefeiert, jetzt gefeuert!

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Mi Dez 28 10:22:10 CET 2016


Das polnische Wroclaw war die europäische Kulturhauptstadt 2016. Kaum gehen das Jahr und 
die Kultursubventionen zu Ende, folgt nun auf das Feuerwerk der kulturelle Kahlschlag. 
Alleine am Polski Theater der Stadt sollen jetzt 11 langjährige Beschäftigte gekündigt 
werden. Schlimm genug, wäre da nicht zusätzlich auch noch der Umstand, dass es sich bei 
ihnen allesamt um Mitglieder der syndikalistischen "ArbeiterInnen-Initiative" (IP) handelt 
und dass sie zuvor gegen Kürzungen und die Arbeitsbedingungen im Theater mobil gemacht 
hatten. Die IP ruft zu Protesten auf. ---- Präludium ---- Die 2008 gegründete 
Betriebs-Kommission der "ArbeiterInnen-Initiative" (IP) im Polski Theater in Wroclaw hat 
sich die letzten vier Monate mehrmals mit dem neuen Theater-Leiter Cezary Morawski 
getroffen, um über Forderungen der ArbeitnehmerInnen zu sprechen, die am 1. September 2016 
Jahres eingereicht wurden.

Es ging ihnen zum einen um die Erhöhung des sehr niedrigen Grundgehalts im polnischen 
Theater, sowie das Erhalten der aktuellen Anzahl der MitarbeiterInnen (SchauspielerInnen, 
technisches und administratives Personal) für die nächsten zwei Theater-Saisons. Diese 
Hauptforderungen wurden vom Arbeitgeber abgelehnt. Der Theaterleiter behauptete, dass ein 
Sanierungsplan erforderlich wäre, wobei diese Schuldenreduzierung des Theaters in 
Wirklichkeit auf Kosten des Repertoires oder Personals gehen wird. Die letzte Anpassung 
der Löhne im Theater liegt fast 8 Jahre zurück und heute sind sie deutlich niedriger als 
der nationale Durchschnittslohn.

In den Forderungen ging es nicht nur um die soziale Sicherheit der MitarbeiterInnen und 
darum, ihnen angemessene Bedingungen zu ermöglichen (Zahlung von Wohngeld aus dem 
Sozialfonds, Organisation der Kinderbetreuung für Kinder der MitarbeiterInnen), sondern 
auch darum, eine kulturelle Arbeitsfreiheit zu haben, um ggf. die Teilnahme an einem Stück 
ablehnen zu können ("Gewissenklausel"). Es ging auch um die Ernennung einer 
Vertrauensperson der/die gegen Diskriminierung aufgrund des Geschlechts und der sexuellen 
Orientierung arbeiten soll.

Der Konflikt eskalierte, als die MitarbeiterInnen des Theaters die Entlassung des Leiters 
forderten. Die beiden Seiten haben keine Einigung über irgendeinen der Punkte erreicht, so 
dass die Betriebs-Kommission einen Streik angekündigt hat.

Im Sinne der "guten Veränderung"

Für die Betriebs-Kommission der IP im Polski-Theater gab es bis dahin keinen direkten 
Anlass, um den Arbeitskampf zu beginnen. Die Situation änderte sich jedoch mit der Wahl 
des neuen Theaterleiters. Laut MitarbeiterInnen des Theaters fehlte dem Auswahlverfahren 
nicht nur Transparenz, sondern auch jegliche Legitimität. Da nicht nur die Kompetenz und 
die Haltung der gewählten Person für diese Funktion zweifelhaft sind, bekam diese keine 
Unterstützung und Akzeptanz von den MitarbeiterInnen.

Die Streikenden des Theaters haben keine Zweifel, dass es eine politische Entscheidung im 
Sinne der sog. "guten Veränderung" war, eines politischen Konzepts der seit dem Oktober 
2015 mit der parlamentarischen Mehrheit regierenden national-konservative Partei "Recht 
und Gerechtigkeit" ("Prawo i Sprawiedliwosc", PiS). Diese "moralische Heilung des 
öffentlichen Lebens der polnischen Gesellschaft" versucht PiS mittels u.a. der 
Politisierung der TV und Kultur-Institutionen ("neues, aber treues" Personal) als auch 
durch Zensur einzuführen. Unterstützung findet die PiS auch bei der katholischen Kirche 
und deren Medien. Die PolitikerInnen nehmen nicht nur an verschiedenen Messen und Festen 
teil, sondern treten auch tagtäglich in den Medien der Kirche auf. Dies alles dient dazu, 
aus der polnischen Gesellschaft eine homogene, rechts-konservative und katholische Nation 
zu machen.

# Wir überlassen euch die Kultur nicht (# nie oddamy wam kultury)

Anfang Oktober 2016 wurde in Warschau, u.a. von der IP ein Protest unter dem Motto "#Wir 
überlassen euch die Kultur nicht" organisiert. Die GenossInnen der IP, darunter die 
MitarbeiterInnen des Polski-Theaters, haben aktiv daran teilgenommen. Neben den 
ArbeiterInnen der Kulturinstitutionen waren auch die bekanntesten und einflussreichesten 
SchauspielerInnen der Bühne und des Kinos anwesend, wodurch auch die Aufmerksamkeit der 
Medien erregt wurde. Der Protest richtete sich gegen PolitikerInnen und Beamte, die "sich 
in allen Bereichen der Kultur einmischen sollen, um sie zu unterjochen und zum Nutzen ihre 
eigenen politischen Linie zu formen". Daher das Motto des Protestes: "Stop Politisierung 
der Kultur" und "Stop politische Zensur".

Der Protest zeigte, dass die Situation im Polski-Theater kein Einzelfall ist. Eine 
ähnliche Situation fand auch in der Kulturhauptstadt Europas im Mai 2016 statt. Im Modern 
Museum wurde der Arbeitsvertrag der damaligen Leiterin nicht verlängert, um dadurch neue 
politische Nominierungen zu ermöglichen. Außerdem waren dadurch weitere Stellen in Gefahr 
und die IP-Mitglieder haben aus Solidarität Proteste organisiert. Anhand eigener 
Erfahrungen solidarisieren sie sich mit ihren IP-KollegInnen aus dem Polski-Theater und 
unterstützen ihren Arbeitskampf im Kultur-Bereich: "Für viele von uns war im Laufe unserer 
Karriere die Zusammenarbeit mit dem Leiter der politischen Herkunft eine unangenehme 
Notwendigkeit. Oft waren diese Situationen mit der Verletzung der ArbeitnehmerInnenrechte 
verbunden. Sie führen immer zu einem Riss im Theater-Team und dem Zusammenbruch der 
Institution, mit deren Programm die MitarbeiterInnen sich nicht mehr identifizierten. Und 
jetzt wird ein solches Szenario entworfen für das Polski-Theater - eine der wichtigsten 
und aktivsten öffentlichen Bühnen in Polen - durch Verantwortliche für den Verlauf des 
Auswahlverfahrens, der Vertreter der lokalen Behörden. Mit großer Sorge beobachten wir die 
Aktionen der Lokal-PolitikerInnen, die für Organisation der Arbeit der Kulturinstitutionen 
verantwortlich sind. Die Kulturhauptstadt Europas 2016 ist zu einem Symbol des 
Missbrauchs, als auch zu einem des Entzuges der demokratischen Verfahren und des 
unverantwortlichen, destruktiven Verhaltens der Behörden gegenüber den wertvollsten 
Kulturinstitutionen geworden."

Repressionen gegen die IP-GewerkschaftlerInnen

Am 15. Dezember erhielt Tomasz Lulek, als Vertreter der Betriebs-Kommission der 
"ArbeiterInnen-Initiative" (IP) im Polski Theater in Wroclaw, 11 Mitteilungen über "die 
Absicht langfristige Arbeitsverträge mit den ArbeitnehmerInnen zu beenden". Alle sind 
Mitglieder der IP-Betriebsgruppe (Komitee): Anna Ilczuk, Marta Zieba, Andrzej Klak, Michal 
Opalinski (SchauspielerInnen); Lukasz Twardowski (Regisseur); Nina Karniej, Kasia 
Majewska, Alicja Szumanska (die Literaturabteilung); Natalia Kabanow, Michal Matoszko, 
Piotr Sarama (Grafik-Abteilung). In drei Fällen ist der offizielle Grund die Streichung 
der Stellen. Die restlichen acht werden aus disziplinarischen Gründen entlassen. Die 
Begründungen sind unter anderem: Kritik am Theaterleiter, verlorenes Vertrauen in die 
ArbeitnehmerInnen, kritische Facebook-Beiträge, Teilnahme an Demonstrationen zur 
Verteidigung des Theaters, zugeklebte Münder während des Schlußapplaus usw.

Die IP schreibt:

"Wir betrachten es als Angriff auf unsere Gewerkschaft und die Betriebs-Kommission, sowie 
als Beeinträchtigung der Gewerkschaftsaktivitäten bei Kollektivverhandlungen mit dem 
Arbeitgeber. Wir haben einen Streik angekündigt, und wir rufen dazu auf, unseren Protest 
auf alle möglichen Weisen zu unterstützen, u.a. das Senden von Protest-E-Mails an den Chef 
des Theaters und die niederschlesische Regional-Verwaltung, insbesondere an den 
Vize-Marschall Tadeusz Samborski.

Wir appellieren an alle (Betriebs-)Kommissionen unserer Gewerkschaft sowie an 
Schwester-Gewerkschaften und soziale Organisationen, Protestschreiben an die Leitung des 
Theaters und an den Marschall der Woiwodschaft Niederschlesien zu schicken. Eine Vorlage 
des Briefes und Kontaktinformationen finden sich nachfolgend."

Die Betriebs-Kommission der Arbeiter-Initiative (IP) am Polski-Theater in Wroclaw

Musterbrief (Deutsch, Englisch, Polnisch)
	
An: Mr. Cezary Przybylski, Marshall der Woiwodschaft Niederschlesien (e-mail: 
marszalek at dolnyslask.pl)
An: Mr. Cezary Morawski, Leiter des Polski-Theaters in Wroclaw (e-mail: 
sekretariat at teatrpolski.wroc.pl)

Auf Deutsch

Ein Protest gegen Entlassungen im Polski-Theater in Wroclaw
Wir protestieren gegen die Entlassung der MitarbeiterInnen des Polski-Theaters in Wroclaw, 
die Mitglieder und AktivistInnen der IP sind. Es handelt sich um eine Verletzung von 
BürgerInnen-, ArbeitnehmerInnen- und Gewerkschaftsrechten, insbesondere angesichts der 
laufenden Kollektivverhandlungen im Theater. Die Entscheidung über die Entlassung ist 
durch die Rache an den ArbeitnehmerInnen motiviert, die gegen die Zerstörung des Theaters 
in seiner gegenwärtigen Form protestierten. Wir stimmen dieser Entwicklung nicht zu und 
fordern den Marschall der Woiwodschaft auf, in dieser Angelegenheit wirksame Aktivitäten 
im Sinne der Beschäftigten zu entfalten.

Auf Englisch

A statement of protest against dismissals in the Polski Theatre in Wroclaw
We protest against dismissal of the employees Polski Theatre in Wroclaw, members and 
activists of the Workers' Initiative Union. It is an act of violation of civic, workers' 
and union rights, especially in the face of an ongoing collective bargaining in the 
Theatre. Decission about firing is motivated with revenge on the workers who protested 
against destruction of the Theatre in its current shape. We do not approve of that and 
appeal to the Voivodship Marshal to undertake effective activities in that matter.

Auf Polnisch

List protestacyjny przeciw zwolnieniom w Teatrze Polskim we Wroclawiu
Protestujemy przeciwko zwalnianiu pracowników Teatru Polskiego we Wroclawiu, czlonków i 
dzialaczy Ogólnopolskiego Zwiazku Zawodowego "Inicjatywa Pracownicza". Jest to pogwalcenie 
praw obywatelskich, pracowniczych i zwiazkowych szczególnie w sytuacji sporu zbiorowego, 
jaki toczy sie w Teatrze Polskim we Wroclawiu. Decyzja o zwolnieniach motywowana jest 
zemsta za protest przeciwko niszczeniu teatru w jego obecnym ksztalcie. Nie zgadzamy sie 
na to i apelujemy do Pana Marszalka o podjecie dzialan ratunkowych.

http://www.fau.org/artikel/art_161223-131109


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