(de) FdA/IFA: gai dao #72 - Piep, piep, piep ­ Anarchist*innen und Trotzkist*innen habt euch lieb! Von: Maurice Schumann

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Sa Dez 24 11:13:27 CET 2016


Eine Rezension zum Buch: "Revolutionäre Annäherung" (Löwy / Besancenot) ---- "Wir fragen 
dich nicht nach Verband und Partei // bist du nur ehrlich im Kampf mit dabei", sang einst 
der rote Orpheus Ernst Busch. In der bisherigen Geschichte stellten sich kommunistische 
"Brüderküsse" leider häufig als "Judasküsse" heraus. Sicherlich sind auch nicht die 
Anarchist*innen immer Heilige, aber zweifellos ist bislang jedes historische Bündnis von 
Anarchist*innen mit Staatskommunist*innen - ganz gleich auf welche*n Prophet*in des 
Marx'schen Evangeliums sie sich berufen haben - schief gegangen und das häufig auf Kosten 
der Leben und der Freiheit von Anarchist*innen. ---- Beide Strömungen haben ihre Wurzeln 
in der Aufklärung, der französischen Revolution und dem Frühsozialismus, aber die 
Entwicklung ist diametral entgegengesetzt verlaufen. Die von Johann Most als "feindliche 
Brüder" titulierten Strömungen haben nicht einen leichten Familienzwist, wie von vielen 
naiven Aktivist*innen angenommen, sondern eher ein biblisches Kain-Abel-Verhältnis.

Nichtsdestotrotz kam es immer wieder zu
versuchen, marxistische und anarchistische Positionen - unter Ignoranz
wesentlicher Widersprüche - zu vereinen oder zumindest anzunähern.
Die bekanntesten Vertreter*innen jener Tendenz waren Karl Korsch,
Daniel Guerin, Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und John Holloway. Die
postmoderne Beliebigkeit bietet der Konstituierung von
Flickenteppichideologien einen neuen Nährboden und lässt diese Idee
vielerorts gut gedeihen.

Einer der neueren Versuche der familiären Annäherung stellt das,
anlässlich des 150. Geburtstages der ersten IAA, erschienene Pamphlet
"Revolutionäre Annäherung. Unsere roten und schwarzen Sterne" von
den beiden französischen (ex-?)Trotzkisten Olivier Besancenot und
Michael Löwy dar. Sie wollen den Samen für einen libertären
Marxismus legen, den sie u.a. bereits in der umstrittenen Gruppe
Alternative Libertaire, einer mit staatskommunistischen Ideen
liebäugelnden Abspaltung der Fédération Anarchiste, sowie der
trotzkistischen Nouvelle Parti Anticapitaliste (NPA) wiederzufinden
glauben.

Das Ergebnis dessen ist mehr als dürftig und
weitgehend einfach nur ärgerlich. Dies
beginnt im Vorwort, wenn versucht wird, die
Pariser Commune als gemeinsames Projekt
von Anarchist*innen und Marxist*innen zu
lesen. Abgesehen davon, dass sich Marx'
Position in der Folge der Erfahrung der
Commune geändert hat, stand das
Aufkommen dieser, konträr zu seinen bis dato
vertretenen Anschauungen. Ebenso ist der
Ansatz, ein Bündnis von Marxist*innen und
Anarchist*innen, basierend auf der
Begeisterung für den Aufstand der
Zapatist*innen in Mexiko zu schmieden,
ziemlich dürftig.

Im ersten Abschnitt des Buches unter dem
Titel "Solidarische Annäherungen" widmen
sich die beiden Autoren einer idealisierten
Darstellung der IAA, der "Märtyrer von
Chicago", der Charta von Armiens, der spanischen Revolution und der
globalisierungskritischen Bewegung. Gerade in der Darstellung der
spanischen Revolution werden einige Mankos deutlich. Es kommt zu
einer Idealisierung der POUM, wie sie in linken Kreisen seit Ken Loach'
Film üblich ist - in völliger Verkennung anti-anarchistischer Positionen
jener Partei vor dem Bürgerkrieg. Ignoriert wird z.B. die öffentlich von
den Führer*innen jener Partei vertretene Position, dass ein
Anarchist*innen-freies Spanien wünschenswert wäre. Das Trostpflaster,
dass die Parteigründer*innen ja selber mal Mitglieder in der CNT
waren ist als Argumentation mehr als dürftig, da ja auch einige
führende Politiker*innen der stalinistischen Kommunistischen Partei
Spaniens ursprünglich aus der CNT kamen. Weiter geht es mit
Persönlichkeiten wie z.B. Louise Michel, Buenaventura Durruti, Rosa
Luxemburg oder Subcommandante Marcos. Was haben Louise Michel20
und Emma Goldman aber mit dem Marxismus am Hut? Es fehlt auch
eine Thematisierung dessen, dass der Führungskult um Durruti ein
originär kommunistisches Propagandaerzeugnis ist. Die Frage, was
Subcommandante Marcos zum Anarchisten oder Marxisten macht,
bleibt offen. Der Antianarchismus von Luxemburg wird weiterhin von
den Autoren heruntergespielt, um ihre Vorstellungen von Spontanität zu
einem Anknüpfungspunkt zu machen.

Der zweite Abschnitt widmet sich gemeinsamen Kämpfen - à la
Russische Revolution - unter Einbeziehung der Ereignisse von
Kronstadt. Hierin zeigt sich auch noch die anhaltende Verhaftung im
Trotzkismus. Trotzki wird zwar wegen seines militärischen Vorgehens
kritisiert, gleichzeitig findet sich redundant der Versuch, sein Vorgehen
zu rechtfertigen und damit teilweise zu entschuldigen. Locker-flocking
geht es dann weiter zu "Marxistisch-libertären Theoretiker*innen", d.h.
Walter Benjamin, Daniel Guerin, André Breton. Karl Korsch, Cornelius
Castoriades oder Cohn-Bendit hingegen, die hier von Relevanz wären,
werden völlig ignoriert. Im vierten Abschnitt werden kurz und bündig
die "politischen Fragen" abgehandelt - sei es "Individuum und
Kollektiv" oder "Die Revolution machen, ohne die Macht zu
übernehmen?". Hier werden ein paar altbekannte Fakten präsentiert. So
wird u.a. mal wieder heraus gekramt, dass Marx in seinen Frühschriften
durchaus dem Individualismus etwas abgewinnen konnte.

Das ist lange schon bekannt und macht ihn noch lange nicht zu einem
möglichen und wünschenswerten Bündnispartner. Das ganze mündet in
dem Plädoyer für einen libertären Marxismus. Über diesen erklären die
Autoren im Gestus der Phrasendrescherei verhaftet bleibend: "Wir
denken nicht, dass der libertäre Marxismus einer Doktrin gleichkommt,
einen vollendeten theoretischen Korpus darstellt: Es handelt sich
vielmehr um eine Wahlverwandtschaft, einen bestimmten politischen
und intellektuellen Ansatz: den gemeinsamen Willen, sich mit der
Revolution von der Diktatur des Kapitals zu befreien, um eine nicht
entfremdete Gesellschaft zu errichten, egalitär, befreit vom autoritären
Joch des Staates." (155).

Dieses Machwerk ist einfach nur ärgerlich. Hier versuchen zwei
Trotzkisten im anarchistischen Spektrum zu angeln. Ziemlich wahllos
werden Theoretiker*innen und Ereignisse herangezogen und
Differenzen heruntergespielt, übertüncht oder einfach gar nicht
erwähnt. So ein stümperhafter Versuch einer Vereinigung bringt
niemanden etwas. Schade, dass sich der Verlag Die Buchmacherei auf
die Publikation dessen eingelassen hat.
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Oliver Besancenot / Michael Löwy:
Revolutionäre Annäherung. Unsere roten und schwarzen Sterne
- Für die Solidarität zwischen Marxist*innen und
Anarchist*innen, Verlag Die Buchmacherei Berlin 2016, 167 S.,
ISBN: 978-3-00-053364-8, Preis:12 €.


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