(de) FdA/IFA: gai dao #72 - Gegenseitige Hilfe in Krisenzeiten Von: thiel

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Do Dez 22 14:40:39 CET 2016


Die Möglichkeiten und Grenzen von anarchistischen "Hilfsorganisationen" ---- Dieser 
Artikel ist eine Ausarbeitung und Erweiterung eines Vortrags mit dem Titel "Möglichkeiten 
von anarchistischen "Hilfs"organisationen und das Versagen des Staates". Ich habe diesen 
Vortrag im Rahmen des "Bunten Abends" vom Anarchistischen Kollektiv Glitzerkatapult, in 
dem ich organisiert bin, gehalten. Der Text ist als Übersicht für Ideen von Gegenseitiger 
Hilfe in Krisenzeiten zu sehen und kann leider nicht auf jede genannte Möglichkeit in 
aller Tiefe eingehen, weil sich jede dieser Ideen für einen eigenen Artikel lohnen würde. 
---- Zu Beginn soll kurz auf das Prinzip der Gegenseitigen Hilfe eingegangen werden, 
welches für eine anarchistische Sichtweise auf das Thema Hilfe in Krisenzeiten relevant 
erscheint. Anschließend wird es um anarchistische und vom Anarchismus inspirierte Gruppen 
gehen, um danach genauer konkrete Projekte, die in Krisenmomenten entstanden sind, zu 
betrachten. Das Prinzip der Gegenseitigen Hilfe wurde im Jahr 1902 vom kommunistischen 
Anarchisten Pjotr Alexejewitsch Kropotkin ausführlichim Werk "Gegenseitige Hilfe in der
Tier- und Menschenwelt" festgehalten. Kropotkin schrieb hierzu, dass
"Gegenseitige Hilfe[...]das Gesetz des Fortschritts" sei. Er formulierte
durch seine Untersuchungen der Evolution eine scharfe Kritik an der
Interpretation von Charles Darwins Thesen, da seiner Ansicht nach
nicht der "Kampf ums Dasein" die Mensch- und Tierwelt
weitergebracht habe, sondern dass Gegenseitige Hilfe das zentrale
Wesen in der Entwicklung von Menschen und Tieren war. Darauf
aufbauend sei zu beobachten, dass die zentralen Leitmotive schon
immer Gegenseitigkeit, Solidarität und freiwilliges Zusammenwirken
waren und diese "bis in die heutige Zeit von der Menschheit
aufrechterhalten wurde[n], trotz aller Widersprüche der Geschichte".
Gegenseitige Hilfe ist ein ethisches Verhaltensprinzip und umfasst alle
Facetten des Lebens. Zudem ist es eine direkte Kritik an
Individualisierung - gemeint ist hier die Vereinzelung und nicht
individuelle Freiheiten. Es handelt sich um ein offenes Modell
freiwilliger Kooperation von Kleingruppen in Abgrenzung zu
"unselbstständiger" Kooperation. Durch Gegenseitige Hilfe und
Kooperation von Individuen, aber auch von Gruppen, ist mehr zu
erreichen, als von Individuen oder Gruppen/Organisationen, die alleine
versuchen zu funktionieren - nach der Überlegung "Alle von uns oder
keine*r!". Ebenso ist das Prinzip der Gegenseitigen Hilfe eine Kritik an
kapitalistischem Wirtschaften, an Lohnarbeit und einem Waren-
/Geldkreislauf. Es soll durch dieses Prinzip nicht mehr zentral sein, was
Einzelne leisten und wie sie ihre Arbeitskraft eintauschen können,
sondern es umfasst als zentrale Aussage "jede*r nach ihren*seinen
Bedürfnissen". Es geht also um konkrete freiwillige gegenseitige
Unterstützung nach den Bedürfnissen aller, ohne irgendwelche
Gegenleistungen zu erwarten. Deshalb ist dieses Prinzip auch so
interessant, um einen anarchistischen Standpunkt auf Hilfe in
besonderen Situationen, wie Krisenmomenten zu entwickeln. Da
Krisensituationen bittere Realität sind, müssen wir uns darüber
Gedanken machen, wie und wo wir konkret helfen können, um das Feld
nicht verschiedenen Akteur*innen - wie Staaten, Unternehmen, NGOs
etc. - zu überlassen, die dabei zu oft eigene Interessen verfolgen und
nicht das Wohl und die Selbstbestimmung, der von Krisen bedrohten
Menschen im Fokus haben. Als Ausgangspunkt für Hilfe in Krisenzeiten
sollen nun verschiedene anarchistische oder anarchistisch inspirierte
Gruppen vorgestellt werden, die in Krisensituationen eine wichtige
Rolle spielen können bzw. bereits konnten. Es wird ebenso kurz auf die
jeweiligen Entstehungsgeschichten der Gruppen eingegangen, da diese
oft schon einen Aufschluss darüber geben, welche Art von Hilfe,
die durch die jeweilige Gruppe geleistet werden kann, möglich ist.

Food Not Bombs

Food Not Bombs (im Folgenden FNB) ist
ein weltweites Netzwerk von
Gruppen/Kollektiven, die veganes oder
vegetarisches Essen kochen und dieses umsonst, an alle
Menschen, die möchten, ausgeben. FNB wurde 1980 in Cambridge,
Massachusetts (USA) von Anti-Nuklear Aktivist*innen gegründet. Zu
Beginn war FNB hauptsächlich in der Friedensbewegung aktiv bzw. ist
in dieser entstanden. Wichtig war bereits von Beginn an eine
antiautoritäre Haltung. Im Laufe der Jahre brachten sich immer mehr
Sektionen in die globalisierungskritischen Bewegungen ein und waren
bei wichtigen Gipfelprotesten aktiv und kochten für die Aktivist*innen.
So waren FNB-Sektionen z.B. auch in die Anti-WTO Proteste in Seattle
involviert. In dessen Zuge schlossen sich immer mehr Anarchist*innen
an, da es viele interessante Anknüpfungspunkte für sie gab. In den
2000er Jahren waren FNB-Sektionen gegen den Irak-Krieg, gegen
kapitalistische Globalisierung und Ausbeutung allgemein aktiv und
brachten sich auch in andere Bewegungen, wie ökologischen
Graswurzelaktivismus ein. Food Not Bombs Prinzipien umfassen den
Protest gegen Krieg, Armut, Rassismus und Kapitalismus. Um zudem
gegen die Verschwendung von Lebensmitteln zu protestieren, werden
die verkochten Lebensmittel durch Containern oder Nachfragen bei
Supermärkten, bevor diese das Essen wegschmeißen, beschafft. Jede
FNB-Sektion ist komplett autonom und entscheidet im Konsens und
jede*r, die*der die Prinzipien teilt, kann Teil sein oder eine eigene
Sektion aufbauen. FNB versteht sich stets als Gewaltfrei und sieht sich
nicht als alternative Speisung von Wohnungs- und Geldmittellosen
Menschen, sondern als Teil einer weltweiten Graswurzelbewegung, die
auf den Prinzipien von Gegenseitiger Hilfe aufbaut. FNB ist immer
häufiger Repressionen ausgesetzt. So verboten manche Städte
(hauptsächlich in den USA) bereits, dass FNB-Sektionen Essen
ausgeben durften. Es wurden zudem Aktivist*innen wegen FNB- und
anderem Aktivismus festgenommen und wegen Terrorismus-Verdacht
angeklagt - denn FNB würde "neben Fleischfreiem Essen auch
Antikapitalismus und Staatskritik" servieren. Die FNB-Sektionen
versuchen sich davon jedoch nicht einschüchtern zu lassen und im Jahr
2011 waren mehr als 400 FNB-Sektionen Weltweit gelistet. Es gibt
außerdem viele Gruppen, die sich nicht Food Not Bombs nennen, aber
ähnliche Hilfe leisten - die meistens aber mehr innerhalb
von anarchistischen und anderen Graswurzelbewegungen
tätig sind.

Anarchist Black Cross (ABC)

Das Anarchist Black Cross wurde wahrscheinlich im Jahr
1906 im zaristischen Russland als Anarchist Red Cross
gegründet. Es änderte den Namen jedoch kurz darauf, um ihre
Abgrenzung zum Staatsnahen Roten Kreuz deutlich zu machen. Es
folgten verschiedene Namen, bis schließlich ABC gewählt wurde. Es
wurde von russischen Anarchist*innen in Russland und im Exil
aufgebaut, um die anarchistischen Gefangenen im zaristischen Russland
zu unterstützen, die nicht vom Roten Kreuz unterstützt wurden. Weil
eine*r der Gründer*innen danach nach New York zog, wurde auch dort
eine Gruppe aufgebaut. Viele ABC- und vergleichbare Gruppen waren
ebenso in den Jahren nach der russischen Revolution aktiv, inhaftierte
oder verfolgte Gefährt*innen im bolschewistischen Russland zu
unterstützen und wurden selbst Ziel von Verfolgungen und
Repressionen. In den 1960er Jahren wurde ABC dann wieder in
Großbritannien neu belebt und sollte Hilfe für gefangene
Anarchist*innen in Franco-Spanien koordinieren. Gegen Mitte bis Ende
der 1990er Jahre gab es Versuche, die Arbeit der verschiedenen ABC-
Gruppen zu koordinieren. Zunächst wurde von einigen Gruppen die
ABC Federation gegründet. In Abgrenzung gründete sich Anfang der
2000er Jahre dann das ABC Network. Nachdem es zunächst
Unstimmigkeiten gab, auf welche Art die Arbeit der Gruppen
organisiert wurde, kam es auf einer Anti-Knast-Konferenz dann zur
Einigung auf eine gleichberechtigte Zusammenarbeit. ABC stellt Hilfe
für Gefangene und legt einen besonderen Fokus auf so genannte
"politische Gefangene". Der Fokus ist abolotionistisch, ihre Arbeit
richtet sich also gegen Gefängnisse im Allgemeinen und die Zerstörung
von Knästen im Speziellen. Dennoch ist den ABC-Gruppen bewusst,
das Gefängnisse eine traurige Realität sind und sie bieten für die
Gefangenen Hilfe im Alltag und, wenn gewünscht, auch in der
Öffentlichkeitsarbeit an - wenn die Gefangenen z.B. auf ihren Fall oder
ihre Kritik am Knast aufmerksam machen wollen. Aktuell sind aktive
ABC-Gruppen in vielen Städten und Ländern der Welt zu finden.
Natürlich gibt es auch andere Gruppen, die mit einer anarchistischen
Perspektive Gefangene unterstützen (z.B. Legal Teams, Prisoner
Solidarity-Gruppen etc.), ABC soll hier nur als Beispiel dienen.

Street Medics

Die Idee der Street Medics ist während
der Proteste der schwarzen
Bürger*innenrechtsbewegung und der
Antikriegsbewegung entstanden. Steet
Medics waren ebenso in Umsonst-Kliniken
aktiv, die von verschiedenen Gruppen (u.a.
Black Panthers) gegründet wurden. Auch später sind sie immer wieder
in allen wichtigen Protesten in Erscheinung getreten. Die Street Medics
sind immer Freiwillige, die verschiedene Grade an medizinischer
Erfahrung und/oder Ausbildung aufweisen. Sie bieten Erste Hilfe auf
Demonstrationen an, helfen und unterstützen Verletzte. Sie arbeiten
nicht mit Behörden und staatlichen Organen zusammen. Alles basiert
auf freiwilliger Hilfe, die nicht entlohnt werden muss. Die Street Medics
sind in Zeiten von wachsender Repression ein unverzichtbarer Teil der
Graswurzelbewegungen geworden und arbeiten ebenso, wenn auch
nicht explizit so benannt oder definiert, nach anarchistischen
Prinzipien. Die beschriebenen Gruppen können alle, im Rahmen ihrer
Möglichkeiten, wesentliche Aufgaben in Krisenzeiten übernehmen, wie
es nun hoffentlich im Folgenden durch konkrete Projekte, die in
Krisenmomenten entstanden sind, deutlich wird. Es sind natürlich bei
weitem nicht alle Projekte, die in Krisenmomenten sinnvoll und nötig
sind, und zudem auf anarchistischen Prinzipien aufbauend organisiert
werden können. Natürlich sind viele weitere Aufgabengebiete denkbar.
Aber diese beschriebenen Gruppen können bereits Grundbedürfnisse,
wie Essen und medizinische Versorgung stellen und den ebenso in
Krisenzeiten stattfindenden Repressionen entgegenwirken. Auch die
nun beschriebenen Projekte sind nur ein Ausschnitt, da sich bestimmt
vieles meinem Fokus entzieht und still und leise ihre wichtige "Arbeit
gemacht hat". Wenn ihr also Erweiterungen habt, schreibt gerne einen
Artikel oder Leser*innenbrief an die Gai Dào.

Projekte, die in Krisenmomenten entstanden sind Common Ground Collective (ab 2005, USA)

2005 wurde die Stadt New Orleans in den USA vom Hurrikan Katrina
verwüstet. Fast 80% der Stadt und der Außenbezirke waren überflutet,
1400 Menschen starben durch den Hurrikan und seine Folgen. Viele
Anwohner*innen, besonders aus den von Armut betroffenen Gebieten,
waren von allem abgeschnitten. Die dafür zuständigen Institutionen,
also Bürgermeister, Governeurin, Präsident und die dafür beauftragte
Behörde FEMA (Federal Emergency Management Agency) versäumten
es (oder taten dies mit Berechnung) im Zuge der Katastrophe adäquate
Hilfe in die betroffenen Regionen zu schicken. Auch das Rote Kreuz
war ineffizient. So schickten sie nur unzureichend oder verspätet Hilfe
- waren aber führend beim Spendensammeln und diese in ihrer
Bürokratie versinken zu lassen. Die Polizei von New Orleans war
zunächst hauptsächlich damit beschäftigt, wieder "Recht und Ordnung"
zu stabilisieren. Die Verhinderung von Aneignungen von
Gegenständen, wie Lebensmitteln und Gebäuden wurde die
Hauptaufgabe, ebenso wie das Bedrohen und Verfolgen von
hauptsächlich betroffenen Bevölkerungsgruppen (People of Color und
von Armut betroffene Gruppen, was in der Stadt oft miteinander
verbunden war/ist). Zusätzlich gründeten sich weiße Milizen, um "ihr
Eigentum und ihre Teile der Stadt" zu verteidigen, die oft weniger
zerstört waren oder günstiger für den Fall eines Hurrikans lagen.
Dadurch kam es vermehrt zu rassistischer Hetze und Gewalt und stellte
eine echte Gefahr für die Leben der hauptsächlich schwarzen
Bevölkerung dar. Die Polizei reagierte darauf nicht, bzw. akzeptierte
dies und schikanierte und bedrohte die Menschen mit. Das ganze
Projekt Common Ground Collective nahm seinen Startpunkt
ursprünglich durch den Versuch von Scott Crow, einem anarchistischen
Aktivisten, und Brandon Darby, der später als FBI-Informant entlarvt
wurde, einen Freund - den Black Panther Robert King - aus New
Orleans zu retten. Der Versuch scheiterte, aber dadurch entstand ein
wichtiger Kontakt zu anderen Freund*innen und Gefährt*innen, Malik
Rahim und Sharon Johnson. Diese baten um Unterstützung für ihre
Nachbar*innenschaft Algiers. Dies war ein besonders durch den
Hurrikan, ebenso wie durch Polizei- und Milizenrepression, betroffener
Teil New Orleans. Hier wurden dann die ersten Versuche
unternommen, direkt den Menschen von New Orleans zu helfen.

Von Anfang an war für alle Beteiligten klar, dass es keine
Wohltätigkeitsorganisation sein sollte, sondern ein Netzwerk für
direkte, gegenseitige Hilfe. Ihr Solgan wurde "Solidarity Not Charity!".
Es kam zu wichtigen Überlegungen: Können kleine Kollektive, wie Food
Not Bombs, Anarchist Black Cross und Street Medics dauerhafte
Strukturen aufbauen, um echte Hilfe an zu bieten? Es wurden Aufrufe
für die Hilfe von Aktivist*innen, besonders aus den genannten
Spektren, geworben. Aktivist*innen in den ganzen USA spendeten
daraufhin Güter und immer mehr Freiwillige kamen, um direkt zu
helfen. Die Gruppe begann damit, diese Güter, wie Essen, Wasser und
andere Gebrauchsgegenstände, für die Grundbedürfnisse zu verteilen.
Aber ebenso wollten sie einen effektiven Schutz bieten und Präsenz
gegen Übergriffe von weißen Milizen und Polizei zeigen. So
bewaffneten sich sogar gewaltfreie Aktivist*innen, für den Fall das es zu
einer Gewalthandlung kommen sollte. Autonome Strukturen von Street
Medics kamen und bauten eine Umsonstklinik auf, in die die komplette
Nachbar*innenschaft eingebunden war. Ebenso kamen Aktivist*innen
von verschiedenen Food Not Bombs-Sektionen und kochten für
tausende von Menschen jeden Tag Essen. Legal Teams, Anarchist Black
Cross- & Cop Watch Gruppen waren ebenso aktiv, wie Aktivist*innen
gegen Zwangsräumungen, die von Hausbesitzer*innen im Zuge des
Chaos durchgeführt wurden/werden sollten. Indymedia-Aktivist*innen
halfen, die Nachrichten aus New Orleans und vom Common Ground
Collective zu verbreiten und die wichtige Kommunikation zum Rest der
Bewegung aufrecht zu erhalten. Aktivist*innen des Common Ground
Collective begannen, einfache Aufräumarbeiten durchzuführen - auch
um mögliche Seuchen, die oft bei solchen Katastrophen aufkommen,
vorzubeugen - und zu helfen, Häuser wieder bewohnbar zu machen
(Reparatur von Dachdecken, Fenstern und Wänden, Entrümpelungen
etc.). Anwohner*innen und Aktivist*innen legten Gärten an, um eine
Selbstversorgung für die Zukunft zu gewährleisten und die Autonomie
der Nachbar*innenschaften zu ermöglichen und stärken. Alles geschah
nach Absprachen mit Nachbar*innen. Es gab große Plena, die für alle
offen waren, die gemeinsam und möglichst im Konsens entschieden
und alle Anliegen besprachen. Die Anwohner*innen sollten nur
Unterstützung finden, ihre eigene, selbstbestimmte Zukunft
aufzubauen. Es sollte vermieden werden, dass angereiste Aktivist*innen
über die Köpfe der Bewohner*innen von Algiers und den Rest von New
Orleans entschieden. Das Common Ground Collective baute im Laufe
der Zeit an mehreren Stellen der Stadt Verteilungscenter für
Lebensmittel und andere Güter, Rechtshilfestrukturen und autonome,
selbstorganisierte Kliniken auf. Im Laufe der Aktivitäten des Kollektivs
und ihrer Unterstützer*innen kam es immer wieder zu Repressionen
und Verboten von offizieller Seite. Dennoch kamen nach Schätzungen in
den ersten drei Jahren ca. 28000 Aktivist*innen, um die Strukturen vor
Ort zu unterstützen. Was das Common Ground Collective von anderen
Hilfsorganisationen unterschied, war die Ablehnung und direkte
Auflehnung gegen jede Autorität, keine Zusammenarbeit mit dem Staat
(es gab aber eine marginale Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen
wie den Maltesern), Selbstbestimmung der Anwohner*innen,
Hierarchiefreiheit und Antirassimus, Basisdemokratie und echte, direkte
Hilfe, ohne dass eine Seite nur empfing. Der Versuch war, alle Arbeit
auf Augenhöhe zu organisieren und auf anarchistischen Prinzipien
aufzubauen.

Occupy Sandy! (ab 2012, USA)

Im Oktober 2012 schlug der Hurrikan Sandy in der Ostküste der USA
ein, u.a. war New York stark betroffen. Wieder, wie im Falle von New
Orleans, waren FEMA und Rotes Kreuz abwesend, in
Nachbar*innenschaften, die von Menschen, die von Armut betroffen
sind und People of Color bewohnt wurden. Daraufhin kamen viele
Aktivist*innen von Occupy Wall Street und ehemalige Aktivist*innen
des Common Ground Collectives zusammen und gründeten das
Netzwerk Occupy Sandy! Sie bauten es auf Prinzipien auf, die bereits
bei Common Ground gewirkt hatten und übernahmen auch Ideen aus
anderen radikalen Zusammenhängen. Auch Occupy Sandy! baute
Verteilungszentren auf, um Menschen mit Essen, Wasser und allem
Nötigen zu versorgen. Es handelte sich also auch hier um direkte Hilfe
vor Ort. Auch bei Occupy Sandy! gab es medizinische Versorgung durch
Street Medics, aber auch Reparaturarbeiten wurden angeboten, es gab
autonome Wettervorhersagen und Nachrichten und eine Car-Sharing-
und Mitfahrbörse. Wichtig für das Funktionieren von Occupy Sandy!
waren auch stets die Nutzung von Sozialen Medien. Der konkrete Plan
der Aktivist*innen war, zur Unterstützung von Anwohner*innen
anwesend zu sein, so dass diese eigene Hilfszentren nach eigenen
Bedürfnissen aufbauen konnten. Es ging also um Empowerment der
Menschen vor Ort und Gegenseitige Hilfe, so dass der Aufbau von
dauerhaften Hilfsprogrammen, zur Eigenhilfe der Anwohner*innen und
besonders betroffenen Communities möglich werden sollte. Als
Hinweis muss gesagt werden, dass es nicht dauerhaft zu einer radikalen
Ablehnung des Staates, kam, da es eine marginale Zusammenarbeit
zwischen Occupy Sandy! und FEMA, Rotem Kreuz und sogar dem
damals amtierenden Bürgermeister Bloomberg gegeben hat. Hier wird
also ein Unterschied zu Common Ground deutlich. Eine solche
Zusammenarbeit ließ sich vielleicht nicht verhindern, sollte aber
dennoch kritisch hinterfragt werden. Dennoch war Occupy Sandy! ein
auf Gegenseitiger Hilfe aufbauendes Graswurzel-Netzwerk.

mobile anarchist school (2013, Philippinen)

Im November 2013 fegte der Taifun Yolanda über die philippinischen
Inseln. Es gab tausende von Toten und viele zerstörte Häuser. Ebenso
fiel der Strom in vielen Teilen der Inseln aus. Die Regierungen blieb
relativ untätig, obwohl es große Ladungen von Hilfsgütern aus der
ganzen Welt gab, die in Häfen darauf warteten verteilt zu werden, und
viele Spenden, die übermittelt wurden. Ihnen wurde ebenso
vorgeworfen, dass sie bereits vor dem Eintreffen des Taifuns für die
Sicherheit vieler Menschen hätten sorgen können, dies aber unterlassen
hatten. Die mobile anarchist school wollte nicht untätig zusehen und
machte sich - auch durch die Unterstützung vom local autonomous
network und anderer autonomer Gruppen - auf den Weg, in einer
Gemeinde eine Photovoltaik-Anlage zu bauen, an der Telefone und
Taschenlampen aufgeladen werden konnten, damit die Menschen
Kontakt aufnehmen konnten und wenigstens ein paar Lichtquellen in
ihren - teilweise im Wiederaufbau befindlichen - Häusern hatten. Pro
Tag kamen viele Menschen und da die Leistung der Anlage begrenzt
war - und die Aktivist*innen nur zu viert waren - konnte leider nicht
immer allen geholfen werden. Dennoch gaben sich die anwesenden
Aktivist*innen größte Mühe. Als sie die Gemeinde schließlich wieder
verlassen mussten, hatten sie den Menschen aus der Gemeinde die
Anlage und ihre Bedienung erklärt und diese komplett an die Gemeinde
übergeben. Danach planten sie, ein Camp aufzubauen und dort

Hilfsgüter zu verteilen, medizinische
Versorgung anzubieten und einen Trauma-
Support zu organisieren.

No Border Kitchen (seit September 2015, wechselnde Orte)

Die No Border Kitchen(s) starteten im
September 2015, um Geflüchtete auf ihrem
gefährlichen und langen Weg zu unterstützen und
Widerstand gegen Grenzen im Allgemeinen zu leisten. Zuerst begannen
sie auf der sogenannten "Balkanroute" zu kochen, auf der viele
Geflüchtete versuchten, eine sichere Zukunft zu finden. Nachdem diese
von den Regierungen faktisch geschlossen wurde, kamen die
Geflüchteten nun nicht weiter als auf die Griechischen Inseln, wo sie
Grenzen, Abschiebeknäste und andere Gefängnisse erwarteten. Durch
diese Situation waren - und sind - sie zu immer gefährlicheren Wegen
auf ihrer Flucht gezwungen. Die No Border Kitchen startete dann
erneut am Strand von Tsamakia und blieb dort bis zur brutalen
Räumung Mitte 2016. Schließlich begannen sie erneut, dieses Mal auf
Lesbos, um die Situation vor Ort mit zu überwachen und Geflüchtete
effektiv unterstützen zu können. Das Team besteht aus vielen
Aktivist*innen, sowohl Menschen mit und ohne Fluchterfahrungen und
sieht, dass das Kochen für die Menschen nur ein kleiner Teil vom
großen Ganzen ist. Sie bauen ihre Arbeit auf anarchistischen Prinzipien
auf, ohne dass alle involvierten Menschen Anarchist*innen sind,
dennoch sehen sie ihren Kampf als Teil des Widerstandes gegen das
herrschende System, jeden Staat und jede Grenze. Im Laufe des
Bestehens, waren die Aktivist*innen mit vielen Repressionen
konfrontiert, zudem ist es eine psychisch belastende Situation. Sie sind
nach wie vor auf Support angewiesen. Also checkt aus, wie ihr helfen
könnt.

Fragen die bleiben - und was wir tun können

Alle beschriebenen Projekte sind Versuche, direkte Hilfe in Zeiten von
Notlagen und Krisenmomenten zu leisten und diese auf anarchistischen
Prinzipien aufzubauen. Die zuvor beschriebenen Gruppen - und
natürlich auch viele weitere ungenannte - sind in diese Versuche
involviert gewesen und leisteten wichtige Arbeit. Die wichtige Frage,
die durch diese Beispiele ein Stück weit beantwortet werden sollte, ist
natürlich, ob unsere Strukturen solche Krisenfälle auffangen können.
Wie dies das Common Ground Collective überlegte, müssen wir uns
fragen, ob Gruppen von Freiwilligen diesen Belastungen stand halten
und dauerhafte Strukturen aufbauen können. Street Medics sind zwar
effektiv, wenn es um die kurzzeitige Versorgung von Verletzten auf
Aktionen geht, aber wie können diese, teilweise Autoditakt*innen, eine
funktionierende Klinik aufbauen, die Menschen und ihre Sorgen und
Bedürfnisse adäquat versorgen kann? Es lässt sich darüber natürlich nur
mutmaßen, im Falle New Orleans hat es aber funktioniert und dieses
Beispiel sollten wir uns als Vorbild nehmen, um nicht irgendwelche
Fehler, die dort auch sicher gemacht wurden, zu wiederholen. Ebenso
ist es eine Belastung für Food Not Bombs und ähnliche Gruppen,
plötzlich nicht mehr nur ein mal die Woche kochen zu müssen, sondern
eine komplette Gemeinde täglich zu versorgen. Auch das hat geklappt
und klappt in ähnlicher Form auch weiter in der No Border Kitchen.
Dennoch ist es ein gewagtes Projekt, auf das wir unsere Gedanken
verwenden sollten. Denn die nächste Notsituation kommt bestimmt.
Allgemein ist zu sagen, dass der starke Do-it-Yourself-Charakter vieler
anarchistischer Zusammenhänge sehr positiv einsetzbar wäre, wenn es
zu solchen Situationen kommt. Der Wiederaufbau von Häusern und
Strom ist unglaublich wichtig und nicht leicht zu bewerkstelligen.
Wenn wir bereits solche Fähigkeiten erworben haben, können diese
einfacher abgerufen und angewandt werden. Diese Gedanken sollen
nur zeigen, wo und wie wir mit anarchistischer Gegenseitiger Hilfe
wirken und helfen könnten. Natürlich ist es nicht eins zu eins so
umsetzbar. Krisenmomente sind schwer zu verallgemeinern und eine
gefährliche Situation. Wir müssen auch so ehrlich sein, zu erkennen,
dass unsere Strukturen auch selber Grenzen haben und die beteiligten
Menschen sich auch selber schützen müssen. Dennoch sollten wir
darüber nachdenken, ob wir theoretisch und praktisch in der Lage zu
solch einer Hilfe wären - auch weil dies ein wichtiger Schritt hin zu
dauerhaften Strukturen sein kann, die wir nach der Zerstörung des
Kapitalismus und aller Staaten und Grenzen ja aufbauen möchten. Wir
müssen uns natürlich bewusst sein, dass wir nicht die gleichen Mittel
wie Staaten und staats- oder kirchentreue NGOs haben, weder
finanziell noch materiell.

Unser Vorteil ist allerdings, dass für uns die betroffenen Menschen im
Mittelpunkt stehen und nicht irgendwelche Vorstellungen von
Profitmaximierung oder Machterhalt. So schnell Staaten durch die
ihnen zur Verfügung stehenden Mittel helfen könnten, so ineffektiv
arbeiten sie in solchen Fällen wirklich, weil ihnen nicht die direkte
Hilfe von Menschen von Wichtigkeit ist, sondern der Erhalt von "Recht
und Ordnung" und die Menschen und ihre individuellen Bedürfnisse
dabei vergessen. Hier ist unsere Chance, tätig zu werden und zu zeigen,
dass die Menschen nicht auf Staaten und Regierungen vertrauen
sollten, sondern auf ihre eigenen Stärken und die Gegenseitige Hilfe
von ihren Gemeinden und solidarischen Menschen, die sich für den
Erhalt der Gemeinden und den Ausbau ihrer Autonomie einsetzen. Und
auch wir dürfen dabei nicht vergessen, dass es bei dieser Hilfe nicht
einzig um die Verbreitung des Anarchismus gehen sollte, sondern um
das Empowerment und die Selbstbestimmung der Menschen vor Ort.
Wir sollten diese Taten, die auf anarchistischen Prinzipien fußen, für
sich sprechen lassen und nicht im Zuge unserer Arbeit nur über
Anarchie "predigen". Selbstbestimmte, freie Menschen sind der Anfang
und das Samenkorn, aus dem unsere Utopie entstehen kann. Daher
wäre diese Arbeit ein wichtiger Schritt, Staaten zu destabilisieren und
an ihrer Stelle solidarische Netzwerke von freien Menschen
aufzubauen. Diese Netzwerke können, wenn sie frei und auf
Augenhöhe entstehen, ein Anfang sein. Solidarity not charity!


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