(de) FdA/IFA: gai dao #72 - Die libertären Ideen in die Welt tragen! ­- Ein Interview mit der Bibliothek der Freien Von: Benjamin (Gai Dào) / Jakob, Michael, Robert, Sascha und Wolfgang (Bibliothek der Freien, Berlin)

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Mon Dec 12 17:25:39 CET 2016


"Ziel der Bibliothek ist es, Publikationen zur anarchistischen Theorie und Praxis der 
interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und auf diese Weise zur Kenntnis der 
libertären Ideen beizutragen, deren Relevanz und Aktualität gerade in Deutschland noch 
immer unterschätzt wird." ---- Liebe Leute der Bibliothek der Freien. Zuerst einmal eine 
Frage zu eurer Geschichte: Seit wann gibt es das Projekt, gab es Höhepunkte und Krisen und 
wie ist die Situation der Bibliothek heute? ---- Die Bibliothek der Freien wurde im 
Dezember 1993 als libertäre Leihbücherei gegründet. Damals hatten wir einen Raum im 
anarchistischen Infocafé "El Locco" in Berlin-Kreuzberg. Nach der Schließung des Ladens 
sind wir im Jahr 2000 ins "Haus der Demokratie" im Prenzlauer Berg umgezogen. Mit den 23 
Jahren, die wir inzwischen auf Sendung sind, können wir (für Anarcho-Verhältnisse) als 
ganz schön zäh und langlebig gelten, was unserer Sammlung natürlich zugutekommt.

Existenzielle Krisen mussten wir zum Glück noch nicht durchstehen,
aber der Trend vieler Leute zum vorübergehenden und eher
unverbindlichen Engagement ist natürlich problematisch für ein
Bibliotheksprojekt, das auf Dauer angelegt ist. Zu den positiven
Entwicklungen zählen bestimmt die inzwischen recht vielfältigen
Angebote der Bibliothek: Wir organisieren monatlich Veranstaltungen,
veröffentlichen die Broschüren-Reihe "Findmittel und Bibliographien"
und vergeben jährlich die Auszeichnung "Buch des Jahres" (mehr im
Internet unter www.BibliothekderFreien.de). Wer kontinuierlich
mitarbeiten will oder weitere Projekte im Rahmen der Bibliothek
aufziehen möchte, ist herzlich willkommen. Mit unserem Namen
beziehen wir uns übrigens auf die Berliner "Freien". Im unruhigen
Berlin vor der 1848er Revolution hatten sie sich zu einem kritisch-
respektlosen Debattierclub zusammengeschlossen und gleich mehrere
Autoritäten auf einmal herausgefordert.

Was genau kann mensch bei euch finden und sind eure Bestände
nach einem bestimmten Schema sortiert?

Aus unserer Sicht ist Deutschland eine Art anarchistisches
"Entwicklungsland", daher wollen wir allen Interessierten authentische
Informationsangebote zum Anarchismus zur Verfügung stellen und
sammeln hierfür Publikationen und Archivalien aller anarchistischer
Strömungen, aus allen Zeiten und in allen Sprachen. "Auch in Suaheli?"
fragte mal ein Freak. "Na klar!" konnten wir ihn beruhigen. In einem
Wort: Wir sammeln einfach ALLES mit anarchistischem Bezug, dieser
Bezug kann gut und richtig sein, aber auch irrig, kann positiv ausfallen
oder kritisch. Wir versuchen den weiten Horizont, den Libertäre haben
sollten, in unserer Bibliothek abzubilden, dazu zählen neben den
klassischen Werken (Bakunin, Emma Goldman u.a.) auch Randgebiete,
wie herrschaftskritische Ethnologie oder antiautoritäre Strömungen in
der Literatur.

Um das Stöbern zu erleichtern, haben wir unseren Bestand in folgende
Rubriken unterteilt:

1. Anarchismus: Einführungen, Gesamtdarstellungen, Textsammlungen,
Bibliographien usw. (auch Textsammlungen und Anthologien, libertäre
Sonderthemen, Romane, Lyrik, Comics, Bibliographien,
Auslieferungsverzeichnisse, Adressbücher, Kalender)

2. Libertäre A-Z (unter anderem Bakunin, Bookchin, Chomsky,
Godwin, Goldman, Kropotkin, Landauer, Mackay, Malatesta, Most,
Mühsam, Proudhon, Rocker, Stirner)

3. Libertäre Bewegungen (unter anderem Spanien, Russland/Ukraine,
deutschsprachige Länder, China, Frankreich, Großbritannien, Mexiko,
USA)

4. Umfeldthemen (Herrschaftskritik, Ethnologie, Pädagogik usw.)

5. Aufklärung, Vormärz, Linkshegelianismus, Frühsozialismus

6. Kritik des "Real existierenden Sozialismus"

7. Unkonventionelle Literatur. Anarchismus und Kunst

Das alles ist in unserem Freihandbestand öffentlich zugänglich, mehr
als 4000 Bände. Darüber hinaus existieren zwei große separate Bereiche:
Eine umfangreiche historische Zeitschriftensammlung und unser
Archivbereich mit unveröffentlichten Materialien (Sammlungen und
Nachlässe), die zum geschützten Altbestand zählen und auf Nachfrage
zugänglich gemacht werden können. Dazu gehören Materialien zum
Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939), das Archiv "Fritz Kater" (1861-
1945), Dokumente zum Anarcho-syndikalistischen Widerstand in der
NS-Zeit, das Archiv des Karin Kramer Verlags und vieles mehr.

Wie funktioniert die Ausleihe? Gibt es eine Anmeldung?

Die Bibliothek ist während der Öffnungszeiten (freitags 18-20 Uhr und
nach Vereinbarung) ohne Anmeldung frei zugänglich. Dabei können
Bücher und Broschüren von allen Interessierten ausgeliehen werden,
die sich bei uns registrieren. Die Standard-Ausleihe für einen Monat
kostet 2,50 € (ermäßigt 1,50 €); für ausdauernde Leser*innen gibt es
Rabatt: 12 Monate kosten 10 € (entspricht dem Preis von 4 Bieren). Ich
würde die Jahreskarte für einen Zehner nehmen, wenn ich nicht schon
Mitarbeiter wäre.

Zu unserem Angebot gehören auch Beratung und Unterstützung, die
Bibliotheksmitglieder sind in diversen Themenfeldern kompetent. Zu
den Vorteilen der Bibliotheksarbeit gehört ja gerade ein weiter Blick,
Vielfalt statt Einfalt. Anarchistische Literatur ist eine grandiose
Inspirationsquelle, Libertäre aus vergangenen Zeiten haben damit
Fundamente emanzipatorischen Denkens und Handelns geschaffen, auf
denen wir heute stehen.

Biblithek der Freien Anarchistische Bucherei im Haus der Demokratie Berlin

Ihr veranstaltet ja auch oft Einführungen in die Bibliothek und
Vorträge zu spannenden anarchistischen Themen. Wie genau
organisiert ihr das alles?

Dreimal im Jahr machen wir eine Programmkonferenz. Wir denken
uns Themen aus und greifen gern Vorschläge von außen auf.
Weil wir alle Bücherleser*innen sind, ist die Bibliothek eine Inspiration
für die thematische, anarchistische Vielfalt. Diese spiegelt sich bei
unseren lebhaften Diskussionen wieder, zum Beispiel bei einem Drink
freitagabends. Für jede geplante Veranstaltung ist intern eine Patin*ein
Pate zuständig.

Eine eher allgemeine Frage: Wie würdet ihr die derzeitige Situation
des Anarchismus einschätzen?

Im deutschsprachigen Raum gibt's da noch viel Entwicklungspotenzial
- das liegt auch an den geschichtlichen Vorbedingungen. Es fehlt an
Kontinuität, besonders generationsübergreifend. Für viele libertär
orientierte Menschen ist die "Szene" ein Durchlauferhitzer. Mit Beruf
und Familie stellen sie oft jedes Engagement ein. Einen Teil der
Attraktivität gewinnt der Anarchismus aus seiner häufig subkulturellen
Gestalt. Leider ist diese nicht selten seine größte Beschränkung.
Emanzipatorische Haltungen sind zum Glück relativ weit verbreitet; der
Anarchismus sollte da möglichst andocken und auch eigene Akzente
setzen. Heute bröckelt der Glaube an die Alternativlosigkeit des
Parlamentarismus und der hierarchischen Organisation der Gesellschaft
immer weiter. Mehr und mehr Menschen machen sich auf die Suche
nach neuen Organisationsformen jenseits von Hierarchien, Elitenmacht
und Gerontokratie. Libertäre sind aber leider kaum international
vernetzt. Sektiererei und Fraktionierungen verhindern nicht selten eine
bessere Zusammenarbeit. Trotzdem: Insgesamt gibt es ein tolles
Potenzial, es lohnt sich, aktiv zu werden und nachhaltige Strukturen
aufzubauen.

Als Student habe ich mich schon oft gefragt, warum der
Anarchismus als Philosophie bzw. politische Theorie in der
Wissenschaft nicht die berechtigte Anerkennung erhält. Was
würdet ihr sagen, woran das liegt?

Der deutsche Obrigkeitsstaat ist seit Jahrhunderten eine autoritäre
Veranstaltung, die in der Nazizeit kulminierte und die bis heute auf die
(politische) Kultur, den Bildungsbereich usw. abfärbt. Die
Bildungsinstitutionen in Deutschland sind Teil dieser autoritären
Tradition. Speziell die Unis sind trotz aller Reformbemühungen
hierarchisch aufgebaute Systeme geblieben; d.h. die oberen Etagen
geben vor, was in ihrem Kontext relevant sein soll und lassen nur dem
entsprechende Leute auf der Karriereleiter weiterkommen. Zudem sind
die so genannten Geisteswissenschaften oft durch eine ausgeprägte
Politik- und Staatsnähe gekennzeichnet und stehen regelmäßig im
Verdacht, als Legitimations-"Wissenschaften" zu wirken. Wie soll bei
diesen Voraussetzungen eine anarchistische Philosophie oder
Gesellschaftstheorie Fuß fassen?

Seit ein paar Jahren steigt zwar das Interesse Studierender am
Anarchismus und zugleich die Zahl der Doktorant*innen und Postdocs,
die versuchen, sich mit "anarchist studies" zu profilieren. Aber das ist
nicht die Reflexion über Anarchismus, um die es uns geht. Mit der
anarchistischen Institutionenkritik sollten wir im Hochschulbereich
(wie im Parlamentarismus) die "Klebrigkeit der Institutionen"
diskutieren. Deren Hauptfunktionen sind Selektion und Anpassung -
im letzteren Fall winkt die Lösung der sozialen Frage, nämlich der
eigenen. Dem gegenüber müsste eigentlich klar sein: Libertäre leben für
(nicht vom) Anarchismus.

Kein Wunder, dass ein Großteil der relevanten Anarchismus-Forschung,
von der es immer noch viel zu wenig gibt, in Deutschland außerhalb
der Institutionen stattfindet. Wir brauchen Bildung und
wissenschaftliche Methoden in der Bewegung. "Unsere Wissenschaft"
muss alle rationalen Libertäre mit einbeziehen, verständlich und offen
bleiben auch für Nicht-Akademiker*innen. Die Ausgrenzung von
Nachwuchs-Gelehrten durch den Uni-"Apparat" ist also kein großer
Schaden. Wissenschaft sollte viel mehr sein als das bisschen, das im
oftmals zweifelhaften akademisch-institutionellen Rahmen stattfindet.
Vor diesem Hintergrund braucht sich der Anarchismus gar nicht
abzustrampeln um den Segen und die Anerkennung der Unis zu
erhalten - das hat er gar nicht nötig.

Habt ihr Kontakt zu anderen anarchistischen Archiven wie
beispielsweise dem 'AnArchiv' oder 'der anarchistischen Bibliothek
in Wien'? Gibt es da einen Austausch?
Ja, ebenso mit der "Biblioteka Anarchistyczna" in Poznan (PL), dem
CIRA in Lausanne und vielen anderen. Wir sind Mitglied in der
FICEDL, der Föderation libertärer Dokumentationszentren (Fédération
internationale des centres d'études et de documentation libertaires).
Wenn wir personell breiter aufgestellt wären, könnten wir hier aber
mehr machen.

Als anarchistische Zeitschrift interessiert uns natürlich auch, dass
ihr ja auch viele anarchistische Zeitschriften archiviert.
Welche sind das?

Wir haben ungefähr 8000 Exemplare von 600 anarchistischen Periodika
gesammelt, unter anderem beinahe vollständige Sammlungen der
'Direkten Aktion', der 'Graswurzelrevolution', des 'Schwarzen Fadens'
und vieler anderer Titel. Zu den Schwerpunkten zählen außerdem
spanischsprachige Zeitschriften, unsere älteste Nummer bis jetzt: "La
Revista Social. Eco del Proletariado" aus Madrid vom 6. März 1884.
Ganz witzig: "El Chauffeur", das Organ der anarchistischen Taxifahrer
in Montevideo (Uruguay) von 1921. Daneben auch Zeitschriften der
CNT und der FAI aus dem Spanischen Bürgerkrieg.

Ein Spezial-Angebot befindet sich auf unserer Homepage: Lidiap (Liste
digitalisierter anarchistischer Periodika), ein Verzeichnis digitalisierter
libertärer Zeitschriften im Internet (derzeit Version 3.3 mit 659
Einträgen): http://www.bibliothekderfreien.de/lidiap/eng/index.html

Gescannte historische Zeitschriften oder moderne elektronische
Journale des Anarchismus sind ja extrem verstreut, diese zentral
koordinierte Liste führt alle Titel zusammen und stellt ein gutes
Hilfsmittel für die Anarchismusforschung und alle Interessierten dar.
Lidiap bringt uns anerkennende Reaktionen aus zahlreichen Ländern
ein.

Welchen Ratschlag würdet ihr einer jungen anarchistischen
Zeitschrift wie der GAIDAO mit auf den Weg geben?

Keep on rocking! Und sorgt dafür, dass die Nummerierung der
Ausgaben stimmt:-) Es gab ja schon Scherzkekse wie bei den
"Schwarzen Protokollen", die nach den Ausgaben 1 bis 6 die Nummer
124 herausbrachten (= Nr. 7, entsprechend der Quersumme) ... Wer weiß
das heute noch? Anschließend folgten, kalt lächelnd, die Ausgaben 8, 9,
10 ... Aber im Ernst: Ein Risiko ist bestimmt, dass Zeitschriften-
Redaktionen dazu tendieren, sich nur noch auf sich selbst zu
konzentrieren, das führt oft zu Dogmatismus und Verknöcherung -
interessanter ist ein weiter Blick, Interesse für Impulse von außen, auf
andere Libertäre zuzugehen ... das ist natürlich auch anstrengender.

Gibt es einzelne anarchistische Autor*innen, die ihr empfehlen
würdet, um sich einen guten Einstieg in die libertären Ideen zu
ermöglichen?

Wir empfehlen als Einstieg: "Der Anarchismus und seine Ideale" von
Cindy Milstein. Dann, hierzulande schon Klassiker, die Bücher von
Horst Stowasser: "Leben ohne Chef und Staat" und "Anarchie! Idee -
Geschichte - Perspektiven". Wer im historischen Anarchismus auf
Schatzsuche gehen will, lese Gustav Landauer, Errico Malatesta und
Michail Bakunin in guten Textausgaben. Das ist der Steinbruch, aus
dem wir zum Teil glänzende Ideen beziehen können, und der
Sportplatz, auf dem wir das Schärfen unserer Kritik trainieren können.
Spannende, kontroverse Positionen finden sich auch in Büchern der
Leute von CrimethInc.

Gibt es eine aktuelle anarchistische Veröffentlichung, die ihr jeder
interessierten Person ans Herz legen würdet?

Gerne unsere Bücher des Jahres: www.bibliothekderfreien.de/buch-
des-jahres.html. 2014 zum Beispiel war dies Tilman Leder: "Die Politik
eines Antipolitikers. Eine politische Biographie Gustav Landauers."

Welche Veranstaltungen gab bzw. gibt es in der letzten / nächsten
Zeit? Wie kann man mit euch Kontakt aufnehmen und euch
unterstützen? Bis zum 1.12.2016 lief im Haus der Demokratie und
Menschenrechte noch die aufwändig gemachte Ausstellung "Tragödie
der Freiheit - Revolution und Krieg in Spanien (1936-1939)", die wir
nun auch gerne auf Reisen schicken wollen.

Einen Workshop zu "Subversiven Schätzen bei Edgar Bauer und
Michail Bakunin" werden wir im Januar oder Februar 2017 machen.
Derzeit planen wir unser Programm für Januar bis April 2017 -
Anregungen sind erwünscht. Wer mit uns Kontakt aufnehmen will
kommt am besten mal freitagabends vorbei und spricht uns an. Und
wer uns unterstützen will, findet Infos zu Mitarbeit, Sachspenden und
finanzieller Hilfe auf unserer Homepage. Dazu gibt es auch einen
Freundeskreis der Bibliothek der Freien.

Vielen lieben Dank für das Interview und den spannenden
Einblick in euer Projekt! Die GAIDAO wünscht euch alles Gute!
Wir danken Euch und wünschen Euch alles Gute für Eure Zeitschrift!

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Kontakt:
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Bibliothek der Freien.
Anarchistische Bücherei im Haus der Demokratie
Greifswalder Str. 4, 2. Hof, Raum 1102
10405 Berlin - Prenzlauer Berg
eMail: DieFreien at BibliothekderFreien.de
URL: http://www.BibliothekderFreien.de
Tel. 030 / 477 41 94
Öffnungszeiten: freitags 18-20 Uhr


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