(de) FAU-IAA Direct Action #233 - Grüne statt gelbe Gewerkschaften

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Sat Apr 30 07:18:26 CEST 2016


Soziale und ökologische Kämpfe gehören zusammen ---- Daran, dass die ökologische Frage 
irgendwie drängt, erinnern uns frühlingshafte Temperaturen zur Weihnachtszeit. Doch das 
schlechte Gewissen und die temporäre Besorgnis sind bei einer leckeren veganen und 
garantiert ökologisch produzierten Entenbrust als Festtagsschmaus schnell wieder 
vergessen. Schließlich leistet der umweltbewusste Großstadtmensch ja schon seinen Beitrag 
zum besseren Weltklima, indem er zumindest hin und wieder nachhaltig, biologisch und 
regional konsumiert. ---- Illustration:Findus ---- Auch wenn wir die Polemik beiseite 
lassen, lässt sich konstatieren: Die Umweltbewegung im deutschsprachigen Raum befasst sich 
neben Partei- und Lobbyarbeit überwiegend mit Konsumfragen. Damit schiebt sie die 
Verantwortung – ganz in neoliberaler Manier – dem oder der Einzelnen in die Schuhe.

Mit erhobenem moralischen Zeigefinger werden wir inzwischen sogar im Discounter daran 
erinnert, „bewusst“ zu konsumieren. Statt die ökonomischen Ursachen für Monokultur, 
Ressourcen-Raubbau und Umweltzerstörung zu benennen, treibt diese Praxis die Menschen 
weiter in die Vereinzelung und Machtlosigkeit. Denn eine politische Wirkung durch die 
Änderung des Konsumverhaltens ließe sich nur dann erzielen, wenn sie gewerkschaftlich 
organisiert wäre. Dies war zuletzt in großem Maßstab bei den Boykotts südafrikanischer 
Waren in den 90ern der Fall, die dazu beitrugen, das Apartheidsregime zu stürzen.Allzu oft 
dient der Konsum von Produkten aus dem Bioladen Teilen der privilegierten Mittelschicht – 
oder jenen, die gerne dazu gehören würden – schlicht als soziales Abgrenzungsmerkmal. Wer 
ALG II empfängt oder in prekären Beschäftigungsfeldern tätig ist, ist aber finanziell gar 
nicht in der Lage, im Bioladen einzukaufen oder zum Ökostrom-Anbieter zu wechseln.

Auch der Arbeitskampf der FAU Berlin beim Biohof Teltower Rübchen oder die aktuelle 
Auseinandersetzung in der Neuköllner Pizzeria Sfizy Veg, die auf ihrer Homepage mit 
„politischem Engagement, Tierrechten und einem ökologischen Bewusstsein“ für sich wirbt, 
sprechen Bände. Denn das politische Bewusstsein der Bosse hört meist dann auf, wenn es um 
die Rechte der Lohnabhängigen geht. Die Profite in der „ökologischen Nische“ werden ebenso 
wie in anderen Branchen auf dem Rücken der Beschäftigten durch massive Ausbeutung 
erwirtschaftet.Ökologisch zu konsumieren ist deshalb nicht „falscher“ als nicht ökologisch 
zu konsumieren. Aber zu glauben, dass sich durch Konsum die kapitalistische 
Produktionsweise verändern ließe, ist schlichtweg naiv. Denn auch ein Kapitalismus mit 
grünem Anstrich basiert auf Wachstum und Profitmaximierung und wird deshalb nach wie vor 
menschlich und ökologisch über Leichen gehen.

Dieser Entwicklung lässt sich nur etwas entgegen setzen, wenn Menschen sich dort 
organisieren, wo sie die Macht über die Produktionsmittel und -verhältnisse haben: an 
ihrem Arbeitsplatz.Die syndikalistische Organisationsweise bietet effektive Methoden und 
Strategien, auch ökologische Forderungen durchzusetzen. Durch die kollektive und 
basisdemokratische Organisierung am Arbeitsplatz lassen sich nicht nur Lohn- oder 
Mitbestimmungsrechte einfordern, sondern auch umweltschützende Maßnahmen erzwingen. Sei es 
die Verwendung ökologischer Rohstoffe oder die Verminderung umwelt- und 
gesundheitsschädlicher Chemikalien bei Herstellungsprozessen. Letztendlich stärken die 
gemeinsam errungenen Siege das Bewusstsein dafür, dass sich kollektiv spürbare 
Veränderungen erzielen lassen – so kleinschrittig dieser Prozess auch ist.Momentan sieht 
die Realität in der BRD aber anders aus. Klimaproteste werden meist von der radikalen 
Klimabewegung initiiert. Diese führt in erster Linie symbolische Aktionen durch. Auch das 
ist nicht falsch – aber es fehlt ihr an betrieblicher und gewerkschaftlicher Anbindung und 
meist auch an Klassenbewusstsein.

Die mangelnde Verankerung ökologischer Forderungen in den DGB-Gewerkschaften tut ihr 
übriges, um die „machtvolle Synthese“ von ökologischer und gewerkschaftlicher Praxis zu 
verhindern. So verteidigt etwa die IG BCE die für Mensch, Umwelt und Klima extrem 
schädlichen Braunkohletagebaue im Rheinland und in der Lausitz, indem sie sich mit 
kurzfristiger Standortlogik bei RWE und Vattenfall anbiedert.Wer nach Beispielen für eine 
gelungene „grüne“ Gewerkschaftsarbeit sucht, muss daher auf andere Kontinente schauen. 
Etwa ins Australien der 70er und 80er Jahre, wo es GewerkschafterInnen gemeinsam mit 
AnwohnerInnen gelang, Naturschutzgebiete vor der Bebauung zu bewahren oder die 
Atomindustrie durch Streiks lahmzulegen (siehe Dan Jakopovich in DA #191). Das 
eindrucksvollste Beispiel radikaler grüner Gewerkschaftsarbeit aber bleibt das von Judi 
Bari 1989 initiierte Bündnis zwischen Holzarbeitern und radikalen UmweltschützerInnen in 
Nordkalifornien. Der IWW- und EarthFirst!-Organizerin gelang es, beide Gruppen in einer 
Sektion der Wobblies zu organisieren, die für eine nachhaltige und sozial gerechtere 
Holzwirtschaft eintrat. Baris Gedanken zu diesem Kampf sind dabei nach wie vor elementar: 
„Eine revolutionäre ökologische Bewegung muss sich auch unter armen und arbeitenden 
Menschen organisieren. Denn es sind die arbeitenden Menschen, die ihre Hand an der 
Maschinerie haben. Und nur durch den Stopp der Zerstörungsmaschinerie können wir jemals 
hoffen, diesen Wahnsinn zu beenden.“ Wir sollten den Klimaschutz jedenfalls nicht den 
Passivhaus-EigentümerInnen überlassen.

Silke Bremer

https://www.direkteaktion.org/233/grune-statt-gelbe-gewerkschaften


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