(de) FAU-IAA Direct Action #233 - Kolumne Durruti

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Fri Apr 29 08:34:58 CEST 2016


Wie bei so vielen anderen auch, die in den Achtzigern als Punks unterwegs waren, 
verhinderten die Band Motorhead und deren Frontmann Lemmy Kilmister, dass Moscher 
(kuttentragende Metaller mit langen Haaren) ein Feindbild für mich wurden. Das Bild, das 
ich aus eigener Erfahrung von dieser Szene hatte, war nicht eben das beste: langweilige 
Machotypen mit kruden bis rechten Ansichten. Da waren mir ja Psychos noch lieber. ---- 
Doch dann sah ich diesen Film im Kino, in dem eine bunt zusammengewürfelte Gruppe aus 
Linksterroristen, angestiftet von einem mysteriösen Spion, Kannibalismus als Waffe gegen 
das Kapital einsetzt. In Eat The Rich (GB 1987) verfüttern sie Manager und Minister an 
ihresgleichen, und die Gäste freuen sich auch noch, so herrlich postmodern unfreundlich 
bedient zu werden. Motorhead steuert Titelsong und Soundtrack bei zu diesem raren 
Glanzstück politischer Satire; Lemmy hat hier einen Cameoauftritt als Handlanger des 
Spions.Es schien auf den ersten Blick nicht zusammenpassen zu wollen: hier die 
angriffslustige Sozialsatire, dort die Rocker-Attidüde. Ich erinnere mich noch gut an die 
Bekanntschaft mit einem unabhängigen Rocker (also ohne MC), die ich in dieser Zeit machte. 
Beim Bier gestand er mir beinahe verschämt, dass er „eher links“ dächte und Sympathien für 
die Hausbesetzerszene hege; innerhalb seiner Szene aber stünde er damit ziemlich alleine da.

Obwohl Motorhead nie dezidiert politisch oder links auftraten, bedeuteten Film und Album 
ein Signal: die Idee von linkem Metal war geboren. Es folgten Bands wie Hells Kitchen oder 
Sacred Reich, die Thrash-Metal, Langhaarigkeit und Motorhead-Kutte mit linksradikalem 
Gedankengut kombinierten (und sogar mit feinem schwarzen Humor wie auf Surf Nicaragua). 
Motorhead lieferten einen Anstoß, die Subkultur des Metal aufzubrechen und sie für 
politische Themen und selbstkritische Betrachtung zu öffnen; Stereotype wurden 
dekonstruiert. Plötzlich sah man auch auf Punk-Konzerten Motorhead-Shirts, ohne dass sich 
jemand daran stieß (umgekehrt bekam ich damals einmal fast auf die Fresse, weil ich mit 
einem Slayer-T-Shirt ein Punkkonzert besuchte).

In der Folge wurde der Metal vielschichtiger, nicht nur thematisch, sondern auch 
kulturell. Eine Entwicklung, während derer sich 1998 Rob Halford, Sänger der klassischen 
Heavy-Metalband Judas Priest als schwul outete. Als schwul („gay man“), wohl gemerkt – 
ganz bewusst. Denn dieses Wort, noch ein Jahrzehnt zuvor überwiegend als Schimpfwort 
verwendet, war längst von der Schwulenszene dekonstruiert worden. Durch die demonstrative, 
selbstbewusste Aneignung eines abschätzigen Ausdrucks wurde er in eigene Stärke 
umgekehrt.Die Taktik kultureller Dekonstruktion scheint leider in Vergessenheit geraten 
und durch eine verstiegene Sprachprüderie ersetzt worden zu sein. Seitdem die Gesellschaft 
für deutsche Sprache erklärte, die Wortendung -ling klinge „in sprachsensiblen Ohren 
tendenziell abschätzig“, spricht die deutsche Politik nur noch von „Geflüchteten“. Eine 
seltsame Behauptung, denkt man etwa an Zwilling, Schmetterling, Liebling. Die hieraus 
abgeleitete Konsequenz, ein allgemein gebräuchliches Wort beim leisesten Anschein einer 
negativen Konnotation fallen zu lassen wie eine heiße Kartoffel, bedeutet sogar eine Art 
umgedrehter, reaktionärer Dekonstruktion: eine harmlose, weil vieldeutige Wortendung wird 
auf eine von vielen Mitbedeutungen reduziert, und genau darum auch noch verdammt.

Matthias Seiffert

https://www.direkteaktion.org/233/kolumne-durruti


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