(de) Fau-Iaa Direct Action #232 NOV/DEZ 2015: „Die Welt riss mich“ -- Eine Autobiografie des Schweizer Syndikalisten Max Tobler

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Mon Apr 25 09:53:22 CEST 2016


Feminist, Arzt, Zoologe, Antiimperialist, Schriftsteller, Journalist und Kriegsgegner – 
all dies lässt sich über Max Tobler sagen. Doch zu Max Tobler findet sich im 
deutschsprachigen Wikipedia kein Eintrag und auch innerhalb der Schweizer Linken war der 
seinerzeit sehr populäre Sozialist und Syndikalist in Vergessenheit geraten. Seit ihrer 
Entstehung 1925 blieb Max Toblers Autobiografie „Die Welt riss mich – Aus der Jugend eines 
feinsinnigen Rebellen“ unveröffentlicht. Diese Lücke konnte Christian Hadorn mit der 
Herausgabe der Memoiren im Züricher Chronos Verlag nun schließen. ---- Max Tobler und 
seine Ehefrau, die Ärztin und Frauenrechtlerin Minna Christinger, ca. 1922
Wer eine Schilderung der bewegten Zeit erwartet, als sich berühmte Anarchisten wie 
Bakunin, Mühsam und Guillaume in der Schweiz trafen, wird vielleicht enttäuscht sein. Als 
die Antiautoritäre Internationale von Saint-Imier 1872 entstand, war Max Tobler noch nicht 
geboren. Doch auch sein eigenes politisches Schaffen spielt in seiner Aufzeichnung keine 
Rolle. Wie der Titel verrät, widmet diese sich ausschließlich seiner Kindheit, Jugend und 
den frühen Jahren des Erwachsenseins, noch auf der Suche nach dem richtigen Platz in 
dieser Welt. „Ein Juwel schweizerischer Coming-of-Age-Literatur des 19.

Jahrhunderts“ meint die Neue Züricher Zeitung. Im Zentrum steht der Konflikt mit dem 
reaktionären Vater, der das bürgerliche Milieu verkörpert, in dem Tobler aufwuchs und dem 
er zu entfliehen versuchte. Gut geeignet für ein erstes Aufbegehren als junger Gymnasiast 
schien ihm die Mitgliedschaft in einem Abstinenzverein. Abstinenz, das Straight-Edge des 
19. Jahrhunderts, ist einzuordnen in eine ganze Reihe von Reformbewegungen aus dieser Zeit 
wie Vegetarismus, FKK, Turner- oder Wandervogelbewegung. Gemeinsam ist ihnen eine Kritik 
an der industrialisierten, modernen Gesellschaft sowie gleichzeitig vorhandene 
sozial-radikale und reaktionäre Strömungen. Tobler beschäftigte sich im Abstinenzverein 
„Humanitas“ erstmals mit fortschrittlicher Literatur, Naturwissenschaften und sozialen 
Themen. Für den spießbürgerlichen Vater war dies ein Affront: „Ich will dir nicht 
verbieten einzutreten, aber das musst du mir versprechen, dass du kein Sozialdemokrat und 
kein Sonderling wirst“, forderte er von seinem Sohn. Die Mutter fungierte als stete 
Vermittlerin in den wiederkehrenden Konflikten mit dem Vater, bei denen Tobler selten die 
direkte Konfrontation suchte. Obwohl er von Indien träumte, versuchte er zunächst über 
eine Anstellung als Lehrer und dann mit einem Studium der Zoologie von zu Hause 
wegzukommen und seinen eigenen Weg zu finden. Geringe Freude bereitete ihm die Tätigkeit 
als Lehrer: „Die Methode war schrecklich, und da ich mich für den Stoff gar nicht und für 
meine Schüler sehr wenig interessierte, so fiel mein Unterricht nach meinem Erachten sehr 
mangelhaft aus.“ Ebenso erging es ihm mit seiner Doktorarbeit über eine neuseeländische 
Schnecke: „Viele Stunden habe ich mich jeden Tag mit der Schnecke beschäftigt, aber mein 
Herz gehörte ihr nicht.“

POLITISIERUNG IM KAFFEEHAUS

Bedeutender für den Studenten waren die Debatten im Kaffeehaus über Literatur, Moral und 
Politik. An der Universität in Genf begegneten ihm erstmals Studentinnen, damals noch 
etwas Außergewöhnliches und, wie alles Weibliche, etwas sehr Aufregendes für den jungen 
Tobler. Neugierig, aber viel zu schüchtern war der und erst mit der Zeit lernte er die 
Kommilitoninnen kennen, von denen viele aus Russland stammten. Regelmäßig pflegte er den 
Umgang mit den „russischen Revolutionärinnen“. Seine sozialistische Überzeugung scheint 
noch mehr eine Freude am Skandal ohne tiefere Auseinandersetzung mit der Materie gewesen 
zu sein. Dennoch lernte Tobler während seiner Studienzeit charismatische Sozialisten und 
komische Anarchisten kennen und plante zumindest am Kaffeehaustisch Verschwörungen für den 
gesellschaftlichen Umsturz. Die Armut und das ungerechte Schicksal seiner ersten Liebe 
Anna machten die Klassenfrage für ihn greifbarer. Tobler begann, Marx zu lesen und ging 
als Lehrer nach England. Doch auch dort trieben ihn das blasierte bürgerliche Umfeld und 
der mangelnde Sinn in seinem Tun um: „Sicher kannte ich die englischen Arbeiter nicht. 
Gerade so viel wusste ich über sie, als ich in Büchern gelesen hatte, und das war 
vielleicht alles nur gelogen.“ Mit der Rückkehr in die Schweiz enden die Memoiren des 
damals 26-jährigen.Den weiteren Lebensweg beleuchtet das ausführliche Nachwort Hadorns, 
das nachzeichnet, wie Tobler sich weiter radikalisierte und politisch tätig wurde, z.B. 
als Redakteur der sozialdemokratischen Zeitung „Das Volksrecht“ oder als Mitbegründer der 
Schweizer Roten Hilfe.

Eine zentrale Rolle in Toblers politischem Leben spielte sein Freund, der bekannte 
Arbeiterarzt und Anarchist Fritz Brupbacher.Desweiteren bietet das Nachwort 
Erklärungsversuche dafür, warum Toblers Autobiografie so früh endet. Hadorn sieht zum 
einen die thematische Geschlossenheit, zum anderen die Schwierigkeit, Dichte und 
Komplexität der politisch aktive Jahre literarisch zu verpacken, als mögliche Ursachen. 
Gleichzeit sei zu überlegen, ob Tobler nicht noch vorhatte, weiter daran zu arbeiten. Er 
starb 1929, nur fünf Jahre nach dem Verfassen seiner Jugenderinnerungen.Der Reiz in 
Toblers Aufzeichnungen liegt weniger in der Skizzierung der damaligen 
Arbeiter_innenbewegung und ihrer Köpfe, sondern vielmehr in den feinsinnigen Betrachtungen 
eines rebellischen Heranwachsenden. Tobler liefert ein Sittenbild der bürgerlichen 
Schweizer Gesellschaft um die Jahrhundertwende aus der Perspektive eines klugen Teenagers. 
Natürlich geht es auch um Liebe. Schwärmerische Träumereien und erste Annäherungsversuche 
des schrecklich schüchternen Toblers werden von seinem älteren Ich selbstironisch 
beschrieben. Dieses Augenzwinkern zieht sich wohltuend durch das gesamte Buch, so dass 
sich das Lesevergnügen auch für Nicht-Biografie-Fans einstellt.

Cindy Mecate

https://www.direkteaktion.org/232/201edie-welt-riss-mich201c


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