(de) Fau-Iaa Direct Action #232 NOV/DEZ 2015: Barfuß auf Lampedusa -- Kunst und Kultur zwischen Migration und Militarisierung

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Sat Apr 23 08:20:05 CEST 2016


Schwimmwesten hängen von der Decke, daneben Regalbretter voller zerbeultem Blechgeschirr. 
Vergilbte Koransuren sind über zerschlissenen Bibeln ausgestellt. Eine große Collage aus 
Kleidungsstücken zeigt die Erde, Kontinente aus Kinderkleidung. Außerdem kleine, 
bescheidene persönliche Gegenstände wie zerknitterte Fotos, Briefe und einige Kassetten 
mit arabischer Musik. Dies sind die Spuren, die Menschen auf ihrer Flucht hinterlassen 
haben. Gefunden an den Stränden von Lampedusa, auf verlassenen Flüchtlingsbooten. Die 
Objekte sorgfältig zusammengestellt und arrangiert. ---- EIN MUSEUM DER MIGRATION? ---- 
Porto M nennt sich dieser unwahrscheinliche Ort auf Lampedusa. M für Migration, 
Mittelmeerraum, Militarisierung, Memoiren, Mobilisierung, Meer. Betrieben wird das 
kulturelle Zentrum vom Kollektiv Askavusa. Auf sizilianisch bedeutet der Name „barfuß“, 
das Logo: zwei Füße, roter Stern auf schwarzem Grund. Das Kollektiv hat es sich zur 
Aufgaben gemacht, das Thema Migration als Folge des kapitalistischen Wirtschaftssystems, 
des Neokolonialismus und der Ausbeutung Afrikas durch die europäischen Staaten anzugehen. 
Auch wurde Porto M geschaffen: Er beherbergt neben dem kleinen Ausstellungsraum Platz für 
Konzerte, Filmvorführungen oder Lesungen und dient als Treffpunkt verschiedener lokaler 
Gruppen. Schon von weitem leuchten die Schiffsplanken aus buntem Holz, mit denen die 
Fassade von Porto M verkleidet ist. Auch sie stammen von Flüchtlingsbooten, zurückgelassen 
voller Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa. Von den italienischen Behörden als Müll 
angesehen, sollten sie vernichtet werden.

„Porto M soll kein Museum sein“ erklärt Lucio vom Kollektiv Askavusa. „Denn in einem 
Museum sind die Objekte tot. Diese sollen weiter leben.“ Deshalb auch keine 
Beschriftungen, keine Vitrinen.Die Welt aus Kleidungsstücken zusammengesetzt, von der 
Decke baumelt ein Arrangement aus Schuhen. Kein Museum also, sondern eine 
Kunstausstellung? Der Künstler Giacomo Sferlazzo, Gründungsmitglied von Askavusa, schuf 
zunächst Skulpturen aus den Schiffsplanken. Doch ihn beschäftigte die Frage, ob er ein 
Recht darauf hätte, daraus Kunstobjekte herzustellen. Heute werden die Bootsteile so 
ausgestellt, wie sie gefunden wurden: bunt lackiert oder vom Wetter spröde, mit arabischen 
Schriftzeichen und Schutzsymbolen.

Kunstraum Porto M auf Lampedusa

FOLGEN DER FESTUNG EUROPA AUF LAMPEDUSA

Und doch ist Kunst eine wundervolle Möglichkeit, Botschaften zu vermitteln und ist 
besonders geeignet für die sehr spezielle Situation auf Lampedusa. Lampedusa, das sind 20 
km2 Land, näher an Afrika als an Italien gelegen und von der Regierung in Rom wenig 
beachtet. Rund 5.000 Lampedusani, wie die BewohnerInnen heißen, leben dort. Kein 
Krankenhaus, aber mehrere Kasernen, Luftwaffenstützpunkte und zwei Lager für MigrantInnen. 
Und dazu die TouristInnen, Haupteinnahmequelle der Insel, die seit den Medienberichten 
über Lampedusa zunehmend ausbleiben. Dabei landen heute keine Boote mehr an den Küsten, 
die MigrantInnen werden bereits auf hoher See abgefangen. „Anfangs wurde unser Kollektiv 
von den Einheimischen kritisiert, weil wir über die Migration sprechen. Das könne man doch 
nicht machen, weil dann die TouristInnen nicht mehr kämen“, erzählt Lucio, der wie viele 
von Askavusa nicht selbst aus Lampedusa stammt. Gegründet wurde das Kollektiv von einigen 
Lampedusani, inzwischen beteiligen sich Leute aus ganz Europa. Und Askavusa ist laut Lucio 
die einzige Organisation auf der kleinen Insel, die tatsächlich von dort kommt. Als solch 
eine politische Realität wird sie inzwischen anerkannt. Als die Beschäftigten der 
Müllabfuhr dieses Jahr wegen ausstehender Gehälter in einen wilden Streik traten, baten 
sie das Kollektiv um Unterstützung. Gemeinsam konnte erreicht werden, dass der Lohn 
endlich gezahlt wurde. Zentrales Anliegen der „Barfüßigen“ ist es, das Thema Migration mit 
den Rechten der Inselbevölkerung zu verbinden. „Auf Lampedusa findet ein Wechselspiel von 
Migration und Militarisierung statt“, so Lucio. Riesige Radaranlagen belasten die 
Bevölkerung mit Elektrosmog, eine weitere, wenig beachtete Folge der Festung Europa. Dem 
Thema der Militarisierung des Mittelmeerraums widmete sich auch „Lampedusa in Festival“, 
das diesen September zum siebten Mal vom Askavusa organisiert wurde. War es in den letzten 
Jahren vorrangig ein Filmfestival, bekam es dieses Jahr eine stärkere politische 
Ausrichtung. Neben Filmen, Theater, Ausstellungen und Konzerten fand über drei Tage auch 
das Forum ControFrontiere – GegenGrenze statt. AktivistInnen aus Grenzregionen wie Calais, 
Melilla oder dem Brenner, wo sich die Festung Europa am massivsten manifestiert, 
diskutierten und vernetzten sich.

Gelingt auch ein Austausch mit jenen MigrantInnen, für die die Insel inzwischen 
international bekannt ist? Nein, denn die sind in den Lagern eingesperrt, Zutritt 
verboten. Aber wieder gelingt es der Kunst als Medium, Botschaften zu übermitteln. 
„Manchmal gehen wir zu den Lagern und machen davor Musik für die Internierten“ meint Lucio 
mit einem Lächeln. „Neulich haben draußen wir gesungen und drinnen haben die Leute für uns 
gesungen“.

Bettina Moser

https://www.direkteaktion.org/232/barfus-auf-lampedusa


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