(de) Fda-Ifa, Gai Dao N°64 - Der Aufbau von Selbstverwaltung in der Türkei und Kurdistan: Die DAF Von: Corporate Watch (ROAR-Magazine, 3.9.15) / Übersetzung: madalton

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Thu Apr 21 13:06:08 CEST 2016


In diesem Interview spricht die DAF über die Geschichte des Anarchismus in der Türkei, 
ihre Aktionen im antikapitalistischen Kampf und über die kurdische Freiheitsbewegung. ---- 
Im Mai diesen Jahres (2015, Anm. d. Übers.) bereisten forschende Aktivist*innen von 
Corporate Watch1 die Türkei und Kurdistan um über die Truppen Ermittlungen anzustellen, 
die militärische Ausrüstung für die türkische Polizei und Armee bereit stellten. Wir 
sprachen mit einer Menge Gruppen von einer Vielzahl verschiedener Bewegungen und 
Kampagnen. ---- Im Folgenden ist die Abschrift unseres Interviews mit drei Mitgliedern der 
anarchistischen Gruppe Devrimci Anarsist Faaliyet (DAF oder Revolutionäre anarchistische 
Aktion) in Istanbul im Mai 2015. Die DAF ist bei der Solidarität mit dem kurdischen Kampf, 
der Revolution in Rojava und gegen die Angriffe des IS auf Kobane sehr engagiert und aktiv 
gegen die Repression des türkischen Staats und Unternehmensmissbrauch. Sie versuchen 
gerade Alternativen zum gegenwärtigen System aufzubauen mithilfe von Selbstorganisation, 
gegenseitiger Hilfe und Kooperativen.

Das Interview wurde im Vorfeld der türkischen Wahlen durchgeführt
und streift die Wahlkampagne der
HDP, der pro-kurdischen Demo-
kratischen Partei der Völker. Kurz
nachdem das Interview stattfand
übersprang die HDP die 10
Prozenthürde der gesamten Stim-
men um ins türkische Parlament zu
kommen.

Die Mitglieder der DAF – die es
alle vorziehen anonym zu bleiben –
eröffneten das Interview, indem sie
über die Geschichte des Anarch-
ismus in der Region sprachen.

DAF: Wir wollen die Verbindung
zwischen dem Freiheitskampf am
Ende des Osmanischen Zeitalters
und den Freiheitskämpfen Kurdistans hervorheben.

Im Osmanischen Zeitalter organisierten Anarchist*innen
Arbeiterkämpfe in den wichtigsten Städten: Saloniki, Izmir, Istanbul
und Kairo. Beispielsweise war [der italienische Anarchist Errico]
Malatesta bei der Organisierung der Industriearbeiterschaft in Kairo
beteiligt. Bei den Freiheitskämpfen von Armenien, Bulgarien und
Griechenland gab es Verbindungen zu anarchistischen Gruppen.
Alexander Atabekian2, eine wichtige Person im armenischen
Freiheitskampf, war ein Anarchist, der Flugblätter ins Armenische
übersetzt und sie verteilt hat. Er war ein Freund von [dem russischen
Geograf und Anarchist] Peter Kropotkin und verteilte Kropotkins
anarchistische Flugblätter.

Wir sprechen gerade über dies, weil wir die Wichtigkeit der
Freiheitskämpfe hervorheben wollen und diese mit der Bedeutung der
Unterstützung für den kurdischen Kampf nebeneinander stellen.

Corporate Watch: Was passierte mit den Anarchist*innen nach der Osmanischen Zeit?

Gegen Ende des Osmanischen Reichs, Ende des 19. Jahrhunderts,
unterdrückte Sultan Abdul Hamid II die Aktionen der Anarchist*innen
in der Türkei. Er wusste, was Anarchist*innen waren und hatte ein
besonderes Interesse an ihnen. Er tötete oder deportierte
Anarchist*innen und gründete eine spezielle Geheimdienstgruppe zu
diesem Zweck.

Die Anarchist*innen antworteten darauf, indem sie Angriffe auf den
Yildiz Sarayi Palast und Sprengstoffanschläge auf die Osman-Bank in
Saloniki durchführten. Die Herrschaft des Osmanischen Reichs endete
nicht mit der türkischen Republik. Es ist inzwischen vergangen, aber
das System ist immer noch dasselbe.

Zu Beginn des [kemalistischen] türkischen Staates [1923] wurden viele
Anarchist*innen und andere Radikale gezwungen auszuwandern oder
sie wurden getötet. Die CHP, Mustafa Kemals Partei, erlaubte keinerlei
Opposition und es gab Massaker an Kurd*innen.

Von 1923 bis 1980 gab es keine große anarchistische Bewegung in der
Türkei aufgrund der Popularität sozialistischer Bewegungen und
aufgrund der staatlichen Repression.

Die Revolutionswelle von den 1960ern bis zu den 1980ern beeinflussten
jene Landstriche ebenfalls. Dies stellten die aktiven Jahre der sozialen
Bewegungen dar. Während dieser Zeitspanne gab es revolutionäre anti-
imperialistische Bewegungen, die durch den Vietnamkrieg
hervorgerufen worden sind, Jugendorganisationen,
Universitätsbesetzungen und anwachsende Kämpfe von Arbeitenden.
Diese Bewegungen waren marxistisch-leninistisch oder maoistisch, es
gab keine anarchistischen Bewegungen.

1970 fand ein langer Arbeitskampf statt. Millionen Arbeitende liefen
über 100 Kilometer von Kocaeli nach Istanbul. Die Fabriken waren
geschlossen und die Arbeitenden waren auf der Straße.

War in derTürkei zu dieser Zeit überhaupt etwas Bewusstsein für
Anarchismus vorhanden?

Während dieser Jahre wurden viele Bücher von europäischen Radikalen
in die türkische Sprache übersetzt, aber es wurden nur fünf Bücher über
Anarchismus übersetzt, drei davon, in denen über Anarchismus
geschrieben wurde um ihn zu kritisieren.

Im Osmanischen Zeitalter waren viele Artikel über Anarchismus in den
Zeitungen veröffentlicht. Beispielsweise war einer der drei
Herausgeber*innen der Zeitung Istirak Anarchist. Die Zeitung druckte
die Abhandlungen [des russischen Anarchisten Mikhail] Bakunins
genauso ab wie Artikel über Anarchosyndikalismus.

Die erste anarchistische Zeitschrift wurde 1989 veröffentlicht. Danach
wurden viele Zeitschriften herausgegeben, die den Anarchismus aus
verschiedenen Perspektiven in den Blick nahmen, z.B.
Poststrukturalismus, Umwelt etc.

Der rote Faden stellte die Tatsache dar, dass alle Artikel für eine kleine
intellektuelle Leserschaft geschrieben waren. Die Sprache dieser
Zeitschriften war zu weit entfernt von den Menschen. Die meisten jener
Beteiligten stand mit der akademischen Welt in enger Verbindung. Oder
sie waren ehemalige Sozialist*innen, die beeinflusst worden sind vom
Zusammenbruch der Sowjetunion, welcher eine große Enttäuschung
für viele Sozialist*innen darstellte. Deswegen fingen sie an sich
Anarchist*innen zu nennen, aber wir denken nicht, dass dies ein guter
Weg darstellt sich dem Anarchismus anzunähern, d.h. mittels einer
Kritik des Sozialismus.

Zwischen 2000 und 2005 versammelten sich in Istanbul Leute um über
Anarchismus zu reden und sie fingen an zu fragen: „Wie können wir
kämpfen?“. Zu dieser Zeit schätzen wir, dass es 50-100
Anarchist*innenn gab, die in der Türkei und außerhalb lebten.

Könnt ihr beschreiben, wie die DAF sich aktuell organisiert?

Gerade erreichen wir 500 Anarchist*innen, die zum May Day in
Istanbul erscheinen. Wir sind in Kontakt mit Anarchist*innen in
Antalya, Eskisehir, Amed, Ankara und Izmir. Meydan [die Zeitung der
DAF] wird an 15 bis 20 Städte verschickt. Wir verfügen über ein
Zeitungsbüro in Amed, von dem wir die Zeitungen kurdistanweit
verbreiten. Bis jetzt ist sie in türkischer Sprache, aber vielleicht werden
wir sie eines Tages in kurdischer Sprache veröffentlichen, wenn wir uns
das leisten können. Wir schicken Meydan auch in Gefängnisse. Im
Gefängnis in Izmir haben wir eine*n Gefährt*in und wir verschicken
Exemplare an über 15 Gefangene.

Vor wenigen Monaten wurde ein Verbot für radikale Publikationen in
den Gefängnissen eingeführt. Wir nahmen an Demos außerhalb der
Gefängnisse teil und wir schafften es genug Druck aufzubauen, sodass
aktuell Zeitungen in Gefängnissen wieder erlaubt sind.

Die Hauptfrage für die DAF ist den Anarchismus innerhalb der
Gesellschaft zu organisieren. Wir versuchen Anarchismus mit Kämpfen
auf der Straße zu verknüpfen. Dem verleihen wir Gewicht. Fast neun
Jahre machen wir dies jetzt schon.

Auf einer ideologischen Ebene haben wir eine ganzheitliche
Betrachtungsweise. Wir haben keinen hierarchische Blickwinkel auf
Kämpfe. Wir denken der Arbeitskampf ist wichtig, aber nicht wichtiger
als der kurdische Kampf oder die Frauenkämpfe oder ökologische
Kämpfe.

Der Kapitalismus versucht jene Kämpfe zu spalten. Wenn der Feind uns
auf einer ganzheitlichen Ebene angreift, müssen wir es auf einer
ganzheitlichen Weise angehen.

Anarchie besitzt eine negative Bedeutung für die meisten Leute in der
Gesellschaft. Anarchie wird mit Terrorismus und Bomben verbunden.
Wir wollen den Anarchismus legitimieren, indem wir ihn mit
Argumenten für Kämpfe gegen Unternehmen und für die Umwelt
verbinden. Manchmal versuchen wir die Verbindungen zwischen Staat,
Unternehmen und Umweltzerstörung in den Blickpunkt zu richten –
wie die Sache, die Corporate Watch macht.

Wir mögen es Anarchie als einen organisierten Kampf darzustellen. Wir
haben den Leuten auf der Straße die organisierte Herangehensweise
zum Anarchismus gezeigt.

Von 1989 bis 2000 war Anarchismus Darstellung. Schwarz tragen,
Piercings und „Iros“. So sahen ihn die Leute. Nach 2000 begannen die
Leute Anarchist*innen zu erleben, die Teil der Frauenkämpfe und
Arbeitskämpfe waren.

Wir nehmen den Anarchismus von Europa nicht als Nachahmung.
Andere Anarchist*innen haben sich dem Anarchismus angenähert als
eine Nachahmung des US- oder europäischen Anarchismus oder als
eine Underground-Kultur. Wenn wir die anarchistische Bewegung eine
soziale Bewegung werden lassen wollen, muss sich dies ändern.

Die Kollektive der DAF sind die Anarchistische Jugend, die
Anarchistischen Frauen, das 26A-Cafe, das Patika-Umweltkollektiv und
die Anarchistische Aktion der höheren Schulen (LAF). Diese
Selbstorganisationen arbeiten zusammen, aber haben ihre eigenen
beschlussgebenden Verfahren.

Die Anarchistische Jugend stellt die Verbindung zwischen jungen
Arbeitenden und Studierende an Universitäten und ihren Kämpfen her.
Die Anarchistischen Frauen legen ihren Schwerpunkt auf das
Patriarchat und Gewalt gegen Frauen. Beispielsweise wurde eine Frau
von einem Mann letzten Februar ermordet und in Brand gesetzt. Am 25.
November gab es große Proteste gegen die Gewalt gegen Frauen.

LAF kritisiert Erziehung und Unterricht an sich und versucht diesen
Denkansatz an höheren Schulen zu verbreiten. Die LAF betrachtet
ebenfalls ökologische und feministische Themen einschließlich die
Morde, die an jungen Frauen von ihren Ehegatten begangen worden
sind.

Das ökologische Kollektiv PATIKA protestiert gegen
Wasserkraftstaudämme in der Region um das Schwarze Meer oder
Hasankey [wo der Ilisu-Staudamm3 gerade gebaut wird]. Von Zeit zu
Zeit finden Kämpfe statt um diese Pläne zu verhindern realisiert zu
werden.

Das 26A-Café4 ist ein selbstorganisiertes Café, welches den
Schwerpunkt auf antikapitalistisches Wirtschaften legt. In Taksim
wurde 2009 und in Kad?köy 2011 wurden Cafés eröffnet [beide sind in
Istanbul]. Die Cafés werden von Freiwilligen betrieben. Sie richten sich
an dem Aufbau eines ökonomischen Modells an der Stelle, wo
unterdrückte Leute leben. Es ist wichtig den Leuten greifbare Beispiele
einer anarchistischen Ökonomie zu zeigen – ohne Chef*innen oder
kapitalistischen Zielen. Wir sprechen mit den Leuten, warum wir nicht
die großen kapitalistischen Marken wie Coca Cola verkaufen. Natürlich
haben die Produkte, die wir verkaufen, eine Verbindung zum
Kapitalismus, aber Dinge wie Cola sind die Symbole des Kapitalismus.
Wir wollen fortschreiten - weg vom Nicht-Konsumieren und hin zu
alternativen Wirtschafts- und Herstellungsweisen.

Ein weiteres selbstorganisiertes Kollektiv, PAY-DA - „Teilen und
Solidarität“ - verfügt über ein Gebäude in Kad?köy, das für Treffen und
die Erstellung der Zeitung Meydan genutzt wird. PAY-DA gibt dreimal
täglich Essen an Leute aus. Es ist für Anarchist*innen und
Gefährt*innen geöffnet. Das Ziel von PAY-DA ist eine Kooperative zu
werden, die für alle offen ist. Wir versuchen eine Verknüpfung
aufzubauen, welche auch die Produzierenden in den Dörfern einbezieht.
Wir erstreben Verbindungen mit diesen Produzierenden zu haben und
ihnen ein anderes ökonomisches Modell zu zeigen. Wir versuchen diese
ökonomischen Verbindungen jenseits von monetären Verknüpfungen zu
etablieren. Die Produzierenden leiden unter der kapitalistischen
Wirtschaftsweise. Wir befinden uns in der Anfangsphase dieser
Kooperative und wir suchen nach Produzent*innen, die mit uns
zusammen arbeiten.

All diese Projekte sind mit der Ideologie der DAF verbunden. Dieses
Modell lehnt sich an Malatestas binäres Modell der Organisierung.

Dies sind anarchistische Organisationen, aber manchmal nehmen an
diesen Kämpfen Leute, die sich nicht als Anarchist*innen verstehen,
teil, weil sie ökologische Kämpfe oder Frauenkämpfe kennen und am
Ende werden sie etwas über Anarchismus lernen. Es ist ein sich
entwickelnder Vorgang.

Als DAF versuchen wir unser Leben zu organisieren. Dies ist der
einzige Weg, wie wir die Leute erreichen können, die vom Kapitalismus
unterdrückt sind.

Es gibt des Weiteren die Kriegsdienstverweigerungsvereinigung, welche
mit weiteren Gruppen organisiert ist, nicht nur anarchistischen. Unsere
Beteiligung daran steht in Verbindung mit unserer Perspektive auf
Kurdistan. Wir stellen am 15. Mai, dem Kriegsdienstverweigerungstag,
anti-militaristische Aktionen in der Türkei außerhalb von
Militärstützpunkten auf die Beine. In der Türkei steht das Militär in
Verbindung mit der Staatskultur. Wenn du deinen Militärdienst nicht
ableistest, wirst du keine Arbeitsstelle finden und es ist schwierig
jemanden zum Heiraten zu finden, weil sie fragen, ob du bei der Armee
gewesen warst. Wenn du bei der Armee warst, bist du ein „Mann“. Die
Menschen sehen den Staat als „Vaterland“ an. Zu deinem Lebenslauf
fragen sie, ob du Militärdienst geleistet hast. „Jeder Türke wird als
Soldat geboren“ ist ein verbreitetes Sprichwort in der Türkei.

Ist der Kemalismus eine so starke Macht wie er einmal war?

Der Kemalismus stellt immer noch eine Macht in Schulen dar, aber die
AKP [die regierende Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung]
veränderte dies ein wenig. Die AKP hat ein neues Konzept zu
Nationalismus, auf das Osmanische Reich gerichtet. Sie betont die
„osmanischen Wurzeln“ der Türkei. Aber Erdogan behauptet immer
noch, dass wir „eine Nation, ein Staat, eine Fahne und eine Religion“
besitzen. Es gibt immer noch Gespräche über Mustafa Kemal, aber nicht
so viele wie zuvor. Heute kannst du Erdogan oder Atatürk nicht
kritisieren. Es ist gesetzlich festgeschrieben, dass man Atatürk nicht
kritisieren darf und ein ungeschriebenes Gesetz Erdogan nicht zu
kritisieren. Die Medien befolgen diese Vorschriften.

Könnt ihr über die Perspektiven auf den kurdischen
Freiheitskampfberichten?

Die kurdischen Freiheitskämpfe begannen nicht mit Rojava. Die
Kurd*innen kämpften seit hunderten von Jahren gegen das osmanische
Reich und den türkischen Staat.

Seit Beginn der DAF haben wir Kurdistan so bedeutsam für die
Propaganda und Bildung angesehen.

Unsere Perspektive steht in Verbindung mit den Freiheitskämpfen der
Menschen: Die Vorstellung, dass Menschen Föderationen ohne
Nationen, Staaten und Reichen bilden können. Der türkische Staat
behauptet, das Thema sei ein kurdisches Problem, aber für uns ist es
kein kurdisches Problem. Es ist eine Frage der türkischen Politik der
Assimilation. Es ist offensichtlich, dass die Assimilation der kurdischen
Menschen seit den ersten Jahren der türkischen Republik nicht beendet
worden ist. Wir können dies vom letzten Roboski-Massaker [von 34
kurdischen grenzüberschreitenden Händler*innen durch türkische F16
am 28. Dezember 2011] durch den Staat sehen während des
„Friedensprozesses“. Wir können dies sehen in der Aberkennung der
kurdischen Identität oder der wiederholten Massaker. Indem die
Menschen veranlasst werden sich als Türk*innen zu assimilieren und
indem nationalistische Propaganda verbreitet wird.

Die AKP sagt, sie habe kurdische TV-Kanäle zugelassen, die kurdische
Sprache erlaubt und wir wären alle Brüder und Schwestern, aber
andererseits gab es das Roboski-Massaker, das in ihrer Regierungszeit
stattfand. 2006 gab es in sehr hohem Maße Zwang durch die Regierung
unter Erdogan. Erdogan sagte, dass Frauen und Kinder, welche sich
gegen die türkische Politik wenden, bestraft werden würden. Über 30
Kinder wurden von der Polizei und der Armee ermordet.

Die Wortwahl ändert sich, aber die politische Agenda setzt sich fort, nur
unter einer neuen Regierung. Wir bezeichnen uns selbst nicht als
Türk*innen. Wir haben viele ethnische Wurzeln und kurdisch ist eine
davon. Unsere Beteiligung an Kriegsdienstverweigerungen ist ein Teil
dieser Sichtweise. Wir wollen mit den Menschen reden um zu verhüten,
dass die Menschen dem Militär beitreten und ihre Brüder und
Schwestern töten.

Nach den 2000ern gab es einen ideologischen Wandel im kurdischen
Freiheitskampf. Die kurdischen Organisationen bezeichnen sich nicht
mehr als marxistisch-leninistisch und Öcalan schrieb eine Menge zum
demokratischen Konföderalismus5. Dies ist wichtig, aber unsere
Beziehung zu den kurdischen Menschen findet auf der Straße statt.

Könnt ihr von der Solidaritätsarbeit der DAF mit den Menschen in Rojava berichten?

Zu Beginn der Rojava-Revolution im Juli 2012 fingen die Leute an zu
sagen, dass es eine staatenlose Bewegung sei. Wir waren vom ersten Tag
an solidarisch mit der Revolution. Drei Kantone erklärten ihre
Revolution auf staatenlose Weise. Wir versuchen zu beobachten und
mehr Informationen zu erhalten. Dies ist keine anarchistische
Revolution, aber eine soziale Revolution, die von den Menschen selbst
ausgerufen wird.

Rojava stellt eine dritte Kriegsfront für Syrien gegen Assad, IS und
andere islamistische Gruppen dar. Dies sind jedoch nicht die einzigen
Gruppen, mit welchen die Revolution konfrontiert wird. Die türkische
Republik ist auf dem Unterstützungstrip für den IS6 von ihren Grenzen
aus. Der nationale Geheimdienst der türkischen Republik scheint
Waffen an den IS und weitere islamistische Gruppen zu geben. Die
kurdischen Menschen riefen unter diesen Umständen die Revolution
aus.

Nachdem dem Angriff des IS auf Kobane begann [2014], gingen wir
nach Suruç. Wir warteten an der Grenze, als türkische Streitkräfte
Menschen, die die Grenze überschritten, an griffen. Als die Menschen
die Grenze nach oder von Kobane übertreten wollten, wurden sie
erschossen. Wir blieben dort um Schutz zu bieten.

Im Oktober sammelten sich die Menschen nahe Suruç und brachen
durch die Grenze. Türkische Panzer schoss Tränengas auf sie über die
Grenze.

Vom 6. - 8. Oktober fanden Kobane-Solidaritätsdemonstrationen überall
in der Türkei statt. Kader Ortakya, ein sozialistischer Kobane-
Unterstützer aus der Türkei, wurde beim Versuch die Grenze zu
überschreiten erschossen.

Wir halfen den Leuten. Einige überschritten die Grenze von Kobane aus
und hatten keine Unterkunft. Wir bereiteten Zelte, Essen und Kleidung
für sie vor. Manchmal kamen Soldat*innen mit Tränengas und
Wasserwerfern zur Siedlung und wir mussten woanders hingehen.
Einige Menschen überschritten die Grenze um nach ihren Familien zu
suchen und wir halfen ihnen. Andere kamen um die Grenze zu
überschreiten und zu kämpfen und wir halfen ihnen. Wir trugen
Kleidungsstücke mit dem DAF-Schriftzug darauf.

Die YPG und YPJ [die Kampfeinheiten Rojavas, die YPJ ist eine
Frauenmiliz] drängten den IS Tag für Tag zurück. Der Berg M?stenur
war für Kobane sehr wichtig. Nach der Einnahme des Berges durch die
YPG und YPJ wollten einige Leute nach Kobane zurückkehren. Als sie
zurück kamen waren ihre Häuser durch den IS zerstört. Einige Häuser
waren vermint und einige Leute wurden durch die Minen getötet. Die
Minen müssen entschärft werden, aber von wem und wie? Die
Menschen benötigen neue Unterkünfte und Hilfe. Wir hatten
Konferenzen abgehalten und sprachen darüber, wie man Kobane helfen
könnte. Vor zwei Wochen fand eine Konferenz in Amed statt.

Welchen Standpunkt vertretet ihr gegenüberWahlen?

Wir glauben nicht an die parlamentarische Demokratie. Wir glauben an
die direkte Demokratie. Wir unterstützen die HDP bei den Wahlen
nicht, aber wir haben solidarische Verbindungen auf der Straße mit
ihnen.

Emma Goldman sagte, falls Wahlen etwas verändern würden, wären sie
verboten. Es gibt gute Leute in der HDP, welche gescheite Dinge sagen,
aber wir denken, dass die Regierung nicht gut sein kann, weil das
Wahlsystem nicht gerecht ist.

In Rojava nennen sie es nicht eine anarchistische Revolution, aber es
gibt keine Regierung, keinen Staat und keine Hierarchie. Deshalb
glauben wir daran und solidarisieren uns damit.

Könnt ihr uns über den Bombenanschlag in Suruç berichten?

Mehr als 30 Menschen, die am Wiederaufbau von Kobane teilnehmen
wollten, wurden von einem Angriff des IS getötet. Dieser Angriff war
offensichtlich vom türkischen Staat organisiert. Sie taten nicht einmal
etwas um es zu stoppen, obwohl sie die Information über den Angriff
einen Monat zuvor erhielten. Nach der Explosion griff zudem der
türkische Staat Rojava an und setzte Einsätze gegen politische
Organisationen in der Türkei in Gang. Aktuell gibt es viele Einsätze und
politischen Druck auf Anarchist*innen und Sozialist*innen sowie
kurdische Organisationen. Sie verwenden die Explosion als eine
Begründung für diese politische Repression sowohl auf inländischer als
auch internationaler Ebene.

Wir haben 33 von unseren Gefährt*innen verloren, Freund*innen, die
für die Revolution in Rojava gegen die staatliche Repression,
Ablehnung und Massakerpolitik kämpften. Es sind Menschen, die durch
den Staat, den IS und andere Mächte getötet worden sind. Aber unser
Widerstand wird nicht aufhören, unser Kampf wird weitergehen, wie es
immer in der Geschichte gewesen ist.

Corporate Watch

Corporate Watch ist eine unabhängige Forschungsgruppe, die die
sozialen und ökologischen Auswirkungen von Unternehmen und deren
Macht untersucht.

Fußnoten

1 https://corporatewatch.org/
2 https://en.wikipedia.org/wiki/Alexander_Atabekian
3 https://www.contributoria.com/issue/2015-
06/5538d5dcdbb4afd0210003b5/proposal
4 https://roarmag.org/essays/26a-collective-cafe-istanbul/
5 https://roarmag.org/essays/pkk-kurdish-struggle-autonomy/
6 https://roarmag.org/essays/isis-attacks-kobane-from-turkey/

Quelle

https://roarmag.org/essays/turkey-kurdistan-anarchist-struggle/


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