(de) Fau-Iaa Direct Action #232 NOV/DEZ 2015: Prekär Beschäftigte aller Länder vereinigt Euch! -- Ein Bericht von the future is unwritten über das Transnational Social Strike Meeting in Poznan am 2.-4. Oktober 2015

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Mon Apr 18 07:50:55 CEST 2016


Angefixt durch die momentanen Debatten in der radikalen Linken um die neue Qualität 
aktueller Streiks nahmen wir mit unseren Freunden vom Streiksoli-Bündnis am Treffen der 
europäischen Social-Strike-Bewegung teil. Die Debatte setzte an der Prekarisierung von 
Arbeitsverhältnissen und einem europäischen Migrationsregime an, welche zur Erosion von 
Handlungsmacht der Arbeiter*innen führen. Es galt erfolgreiche Handlungsstrategien und 
Streiks als Teil linksradikaler Politik zu diskutieren. ---- Plakat des Transnational 
Strike-Meeting ---- Für diese Entwicklungen ist Polen beispielhaft. Zwar wächst die 
polnische Wirtschaft seit Jahren, gleichzeitig aber stagniert die Arbeitslosenzahl auf 
hohem Niveau, was Prekarität begünstigt, da Arbeitslosigkeit den Druck auf Beschäftigte 
erhöht. Zugleich sind die, in der gastgebenden polnischen Basisgewerkschaft Inicjatywa 
Pracownicza (IP) Mitarbeiter*innen des Amazon-Standorts ein Vorbild für transnationale 
Solidarität.

Anstatt die Arbeit von streikenden, deutschen Angestellten zu übernehmen, also den Streik 
zu brechen, traten sie im Sommer in einen Solidaritätsstreik (vgl. DA 231). Zumindest 
zwischen einigen Amazon-Standorten in Deutschland und Polen gibt es mittlerweile eine 
transnationale Vernetzung. Ein Widerspruch prägte alle Diskussionen auf der Konferenz: 
Einerseits erschweren die zunehmenden Prekarisierungstendenzen die Organisierung der 
Lohnarbeiter*innenschaft im Produktionsstandort Europa, andererseits scheint im Angriff 
auf Arbeiter*innenrechte und Arbeitsbedingungen hier eine neue politische Subjektivität zu 
entstehen, die all jene vereint, die unter den Prekarisierungstendenzen leiden. Der 
Gedanke an die Herausbildung einer neuen widerständigen Subjektivität klang für uns sehr 
spannend, allerdings hatten wir einen Berg von Fragen bezüglich der Herstellung dieser 
neuen Subjektivität der prekär Beschäftigten. Wie organisiert man prekär Beschäftigte? Wo 
können sie aus der ökonomisch schwachen Position heraus das Kapital angreifen? Was haben 
wir als radikale Linke damit zu tun? Auf diese Fragen erhofften wir uns auf dieser 
Konferenz Antworten zu finden. Zwar erhielten wir keine direkten Antworten, aber dafür 
viel Input aus der politischen Arbeit anderer Gruppen – ein Wissen, was für uns bestimmt 
von Nutzen sein wird. Außerdem kam es zu Vernetzungen, so dass wir uns schon fast als Teil 
einer transnationalen Bewegung fühlen konnten.

MÖGLICHKEITEN PREKÄREN WIDERSTANDS

Der Austausch der Arbeitskämpfer*innen fand – abgesehen von Raucherpausen und 
Kneipenabenden – in Panels statt. Wir mussten dabei zwischen Panels zum Arbeitskampf im 
Care-Sektor oder in der Logistikbranche entscheiden. Eines der Hauptthemen war 
migrantische Arbeit. Spannend fanden wir unter anderem den Input der Londoner Gruppe Angry 
Workers. Deren Aktivist*innen heuerten in den Verladebetrieben des Logistiktzentrums um 
den Flughafen Heathrow an, wo Menschen aus unterschiedlichen Teilen der Welt – vor allem 
aber aus Indien und Polen – schuften und daher schon die verbale Kommunikation ein Problem 
darstellt. Die Arbeit ist physisch sehr anstrengend, schlecht bezahlt, usw. Das Management 
setzt die Arbeiter*innen massiv unter Druck, indem mit Armbändern die Produktivität des 
Einzelnen gemessen und auf große Bildschirme projiziert wird, die für die ganze Schicht 
einsichtig sind. Hier sollen nur zwei interessante Aspekte genannt werden: Die Angry 
Workers publizieren eine Zeitung für die Menschen, die in dem Logistikzentrum schuften, 
welche auch in polnischer Sprache erscheint. Außerdem setzten sie das Bildschirmsystem 
außer Kraft, indem sie in einen Bummelstreik traten und somit der Anzeigebildschirm die 
Arbeiter*innen eher demotivierte. Solche Ideen könnten auch für unsere Kämpfe von Nutzen 
sein. Das Beispiel der Zeitung ist auch ein Beispiel dafür, was eine studentische Gruppe 
wie wir organisieren könnte.

Rückblickend lassen sich doch ein paar Tendenzen benennen, die zumindest oft in 
Arbeitskämpfen eine Rolle spielten. Die Kämpfe fanden in Sektoren statt, in denen prekäre 
Verhältnisse normal sind, vor allem in der Logistikbranche. Hier können in Zeiten von 
Just-in-Time-Produktion relativ kleine Streiks an zentralen Punkten der Warenzirkulation 
die Produktionskette lahmlegen. Just-in-Time-Produktion ist eine Form der Produktion, bei 
der das pünktliche Eintreffen der Produktteile zur Endmontage das A und O ist. Die 
Arbeiter*innen haben oft einen migrantischen Background. Außerdem sind die klassisch 
sozialdemokratischen Gewerkschaften in den streikenden Betrieben nicht vertreten, weswegen 
anarchistische oder kommunistische Gruppen überhaupt erst Bündnispartner der 
Arbeiter*innenschaft werden können.

LOKALE KÄMPFE VERBINDEN

Abschließend kam noch die mit dem Konzept von Social Strike oft assoziierte Idee der 
Directional Demands auf. Bei dem Konzept geht es darum in sozialen Kämpfen 
richtungsweisende Forderungen an die Souveränität, hier den europäischen Quasi-Staat, zu 
stellen, von deren Durchsetzung größere Teile der Gesellschaft als nur die Belegschaft 
eines einzelnen Betriebs profitieren würden. Somit sollen verschiedene Kämpfe verbunden 
und die Vereinzelung aufgehoben werden. Typische Forderungen waren ein europäisches 
Grundeinkommen oder ein Bleiberecht für alle Refugees. Allerdings blieb uns unklar, ob (1) 
diese Forderungen ein strategischer Trick sind um verschiedenste Kämpfe zusammenzuführen, 
ob es (2) um ihre Erfüllung innerhalb der neoliberalen EU geht oder (3) ob sie auf ein 
längerfristiges Ziel wie die kommunistische Gesellschaft verweisen sollen.

Als es darum ging konkrete Directional Demands zu formulieren, befand sich unsere 
Delegation bereits auf dem Rückweg nach Leipzig und diskutierte die zahlreichen 
Erfahrungen des Wochenendes und überlegte ihre Übertragung auf die kommenden sozialen 
Kämpfe in Leipzig.

Anton Kramer (The future is unwritten)

Anmerkungen

[1] * the future is unwritten ist eine linksradikale Gruppe aus Leipzig, welche ihre 
Tätigkeit selbst wie folgt verortet: „Thematisch werden wir uns im Feld der 
Kapitalismuskritik sowie der Frage nach Organisation und Praxis von Gesellschaftskritik 
bewegen.“2 Die Gruppe engagiert sich auch in einem Streiksoli-Bündnis für 
Amazonmitarbeiter*innen und für Gebäudereiniger*innen Leipzig.[2] * 
www.unwritten-future.org/index.php/ueber-uns

https://www.direkteaktion.org/232/prekaer-beschaeftigte-aller-laender-vereinigt-euch


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