(de) Fau-Iaa Direct Action #232 NOV/DEZ 2015: Brutale Reformen -- Landschullehrer_innen kämpfen gegen neoliberale Reformen und für die Rechte der indigenen Bevölkerung Die Staatsgewalt verschleppt und entlässt

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Fri Apr 15 08:29:53 CEST 2016


Ein Jahr ist es nun her, dass in Mexiko 43 junge Menschen, Student_innen des 
Lehrer_innenseminars Ayotzinapa im mexikanischen Bundesstaat Guerrero, spurlos 
verschwunden sind. Sie waren auf dem Weg nach Mexiko City, um sich wie jedes Jahr den 
Demonstrationen im Gedenken an die 1968 niedergeschlagenen Studierendenproteste, bei denen 
mehr als 300 Menschen ums Leben kamen, anzuschließen. Von der Polizei angegriffen und 
festgenommen wurden sie vermutlich an das organisierte Verbrechen übergeben. Die Hoffnung, 
dass ihre Familie und Freund_innen sie lebend wiedersehen werden, ist verschwindend 
gering. Die Aufklärungsbemühungen der Regierung erwiesen sich bisher als Farce, diese ist 
allenfalls bemüht, die Verantwortung der Sicherheitskräfte zu verschleiern. Diese gelten 
als korrupt, wenden brutale Verhörmethoden an und sind nachweislich an Morden und 
Entführungen beteiligt. Zurzeit werden rund 26 000 Personen vermisst – was aber die 
deutsche Bundesregierung nicht davon abhielt, Waffenexporte an die mexikanische Polizei zu 
genehmigen. Allein in der Nacht des Verschwindens der „43“ tötete die mit G36-Gewehren des 
Herstellers Heckler & Koch bewaffnete Bundespolizei sechs weitere Menschen.

Nichtsdestoweniger war der Angriff kein zufälliger. Schließlich stellen Lehrer_innen in 
Mexiko eine entscheidende Opposition gegen die amtierende Regierung und ihre neoliberale 
Politik.

Lehrer_innenprotest in Mexiko

UNTERFINANZIERUNG – PRIVATISIERUNG – ENTLASSUNG

Besonders die Opposition Coordinadora Nacional de Trabajadores de la Educación (CNTE) 
innerhalb der Lehrer_innengewerkschaft Sindicato Nacional de Trabajadores de la Educación 
(SNTE) ist massivster staatlicher Repression ausgesetzt. Seit Jahren leistet sie 
Widerstand gegen die 2013 verabschiedete Schulreform der Regierung Peña Nieto. Die CNTE 
setzt sich größtenteils aus Lehrkräften der Pädagogischen Landschulen zusammen, zu denen 
auch die Verschwundenen zählten. Sie stammen aus ländlichen, strukturschwachen Regionen, 
in denen sie später auch unterrichten werden. Die Landschule ist für die indigene 
Bevölkerung die einzige Möglichkeit überhaupt studieren zu können, da hier nicht die 
üblichen Studiengebühren anfallen. Unter den Dozent_innen und Studierenden sind linke 
Positionen weit verbreitet. Dies und ihr Einsatz für die indigene Landbevölkerung sind der 
Regierung ein Dorn im Auge. Die gewaltsame Begegnung zwischen Polizei und Student_innen am 
26. September 2014 war keinesfalls die erste. Schon 2011 und 2012 kamen Studierende auf 
Demonstrationen durch Sicherheitskräfte ums Leben.

Politisch gewollt leiden die Seminare der Landschulen unter ständiger Unterfinanzierung, 
die Schulreform lässt erahnen, dass sie in dem lediglich auf Verwertung orientiertem 
Bildungssystem bald verschwinden werden. Zusätzlich zu den neun öffentlichen wurden 
weitere 17 private Landschulen in Guerrero eröffnet. Auf über 2000 Absolventen jährlich 
kommen gerade einmal 300 freie Stellen. Im Vergabeverfahren werden die Studierenden der 
öffentlichen Landschulen gegenüber den Privatschulen benachteiligt. Zudem befürchten sie 
eine Verdrängung der indigenen Sprache, denn an den Privatschulen ist die Vorbereitung der 
Lehrtätigkeit in dieser bewusst kein Ausbildungsbestandteil mehr. Der Protest richtet sich 
weiter gegen die seit der Reform obligatorische Evaluation von Lehrkräften. Angeblich 
diene sie der Verbesserung der Unterrichtsqualität, in Wahrheit aber ist sie lediglich ein 
Vorwand, um Lehrer_innen zu entlassen und ihre Stellen entweder gar nicht oder durch 
befristet angestelltes Personal zu ersetzen. Anstatt einer regulären Festanstellung, 
sollen nur noch Verträge über ein halbes oder ein Jahr vergeben werden.Die Lehre in 
Ayotzinapa ist seit dem Verschwinden der „43“ ausgesetzt, Studierende und Lehrende widmen 
sich seitdem ganz dem Kampf um die Aufklärung der Verbrechen. Im ganzen Land entstand eine 
breite Solidaritätsbewegung. Fast wöchentlich werden Veranstaltungen und Protestaktionen 
organisiert, so heißt es in einer Mitteilung der Ejército Zapatista de Liberación 
Nacional: „Es ist schrecklich und wunderbar zugleich, dass die Armen, die Lehrer werden 
wollten, zu den besten aller Lehrer geworden sind, indem sie ihren Schmerz in würdige Wut 
gewandelt haben, damit Mexiko und die Welt erwachen, fragen und hinterfragen.“

Saskia Pagels

https://www.direkteaktion.org/232/brutale-reformen


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