(de) Fau-Iaa Direct Action #232 NOV/DEZ 2015: „Granatrote Flut“ und G.A.S. -- oder wie eine globale Bewegung aus Spanien bei uns ankommt - Im Gespräch mit zwei Aktivist*innen

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Wed Apr 13 08:29:27 CEST 2016


Mit Beginn der aktuellen Wirtschaftskrise entstanden weltweit neue soziale Bewegungen. 
Zahlreiche anarchistische Prinzipien wurden spontan und oft auch ohne Wissen um die lange 
Tradition anarchistischer und syndikalistischer Bewegungen „neu erfunden“ und angewandt. 
Zwei dieser neuen Bewegungen sind die Marea Granate und die Grupo de Acción Sindical 
(G.A.S.). Interessanterweise halten sich diese nicht mehr an nationale oder geographische 
Grenzen. Stattdessen breiten sie sich weltweit aus. Dabei verstehen sie einerseits ihre 
Migration als erzwungen und andererseits wollen sie mit anderen gemeinsam gegen die 
Auswirkungen der Krise kämpfen, ohne Rücksicht auf die sogenannte „Herkunft“. Dies darf 
aber nicht so verstanden werden, dass es ihnen nur um kosmetische Veränderungen ginge. In 
ihrem Manifest schreiben sie unter anderem: „Wir rufen zur Analyse auf und verurteilen die 
zerstörerischen Folgen des aktuellen Wirtschaftssystems.

Einerseits durch die Identifizierung der Ursachen, die uns dazu brachten unsere 
Heimatorte, unsere Familien und unsere Freunde zu verlassen. Andererseits durch das 
Hervorheben der schwierigen Lebensbedingungen der Migranten und Migrantinnen. Wir sind uns 
bewusst, dass wir keinen isolierten Kampf führen, und dass die Ursachen, die dazu geführt 
haben, Spanien zu verlassen anderen Ländern auch nicht fremd sind. Deswegen wollen wir 
Brücken zu lokalen Gruppen um uns herum bauen. Darüber hinaus gibt es andere Einwanderer- 
und Einwanderinnen-Gruppen in unseren Gastländern, mit denen wir zusammenarbeiten, um ein 
gegenseitiges Support-Netzwerk für Neuankömmlinge zu schaffen.“Für die Direkte Aktion 
sprachen Frank Tenkterer von der FAU Düsseldorf und Rita von der FAU Duisburg mit Nuria 
und Manel von den Gruppen Marea Granate NRW und G.A.S. NRW. (Redaktion Hintergrund)

Frank: Was ist Marea Granate? Wo kommt ihr her, und was ist die Basis eures Zusammenschlusses?

Nuria: Wir sind die Kinder der Krise. Ursprünglich haben wir in Spanien gegen die Krise 
gekämpft. Wir waren Teil der Bewegung 15M, die 2011 erstmals öffentlich aufgetreten ist. 
Damals haben wir gegen die Privatisierung des Gesundheitssystems, den Sozialabbau, die 
Wohnungsnot, die Ausweitung der prekären Arbeitsverhältnisse, die Arbeitslosigkeit und 
vieles mehr gekämpft. Allerdings zwang uns die Krise – und zwingt uns noch immer – ins 
Ausland zu gehen und dort nach Arbeit zu suchen. In diesem Sinne sind wir nicht gegangen, 
sondern rausgeworfen worden aus Spanien. Allerdings wollen wir den Widerstand gegen die 
Zerstörung des Sozialsystems und die permanenten Angriffe des Kapitals nicht aufgeben, nur 
weil wir dazu gezwungen wurden auszuwandern. Als Aktivist*innen tun wir uns auch weiterhin 
zusammen. Dabei bauen wir auf unseren Erfahrungen in Spanien auf. Die Basis unseres 
Zusammenschlusses ist die „Paella-Versammlung“. Marea Granate heißt übrigens 
„granatapfelrot“ und ist die Farbe unserer Reisepässe.

Frank: Gibt es Marea Granate nur in Deutschland?

Nuria: Als Marea Granate sind wir sozusagen der globale Arm der Bewegung 15M im Exil. Es 
existieren Gruppen auf fast allen Kontinenten, neben Europa vor allem in den Amerikas 
(Nord, Mittel und Süd) und in Australien. Einmal im Monat haben wir eine weltweite 
Vollversammlung im Internet, wo wir alles besprechen und uns über die aktuellen 
Entwicklungen in Spanien austauschen. Natürlich tauschen wir uns auch über die Situation 
in den jeweiligen Ländern aus, in denen wir im Exil leben müssen.

Frank: Wie organisiert ihr euch? Und wer kann bei euch mitmachen?

Neben der schon erwähnten „Paella-Versammlung“, zu der wir immer zum zweiten Sonntag im 
Monat in das FAUD-Lokal V6 in Düsseldorf einladen, organisieren wir uns vor allem über das 
Web und soziale Medien. Neben der Möglichkeit, unsere Homepage zu besuchen, kann man uns 
auf Twitter folgen oder via Facebook Kontakt mit uns aufnehmen. Untereinander nutzen wir 
Whatsapp und oft telefonieren wir auch ganz klassisch miteinander. Die Basis unserer 
Organisation ist aber die Versammlung. Dort besprechen wir alles, planen unsere 
Aktivitäten und integrieren neue Aktivist*innen.

Mitmachen darf bei uns eigentlich jede/r, der/die unsere Ziele teilt und unsere Art der 
Organisation akzeptiert. Du musst also keine Spanierin sein um bei uns mitmachen zu 
können. Allerdings ist unsere Verkehrssprache Spanisch.

Frank: Was sind eure Ziele? Und was sind eure konkreten Aktivitäten?

Nuria: Wir haben vier Ziele formuliert, die wir durchsetzen wollen:

Rückkehr zu einem Wahlrecht auf dem Stand von vor 2011. Das aktuelle Wahlrecht führt dazu, 
dass nur knapp 3 Prozent der im Exil lebenden Spanier*innen überhaupt an den Wahlen in 
Spanien teilnehmen. Seit der Krise sind viele Kritiker*innen der Regierung und speziell 
der konservativen ins Exil gegangen. Durch das neue Wahlrecht, das es schwieriger macht 
sich an den Wahlen zu beteiligen, werden zehntausende Stimmen erst gar nicht abgegeben und 
die Wahlen so ganz legal gefälscht.Gleicher und kostenloser Zugang zum Gesundheitssystem 
für alle. Nicht nur für Spanier*innen, sondern tatsächlich für alle. Nach einer 
sogenannten Gesundheitsreform ist es aktuell so, das Spanier*innen, die länger als drei 
Monate im Ausland sind, nicht mehr in Spanien versichert sind.Abschaffung der prekären 
Arbeitsverhältnisse. Es muss Schluss sein mit schlecht bezahlten und unsicheren 
Arbeitsverhältnissen. Arbeit auf ein paar Monate oder ein Jahr zu befristen oder nur noch 
über Sklavenhändler zu erhalten ist ein unannehmbarer Zustand, gegen den wir uns 
richten.Für die tatsächliche, bedingungslose innereuropäische Freizügigkeit. Bisher kann 
sich nur das Kapital in Europa wirklich frei bewegen. Uns, die wir nichts außer uns selbst 
haben, wird diese Freiheit faktisch verwehrt. Aber als Europäer*innen müssen wir das 
uneingeschränkte Recht haben, uns überall in Europa vollkommen frei bewegen zu können.

Diese vier Ziele wollen wir aber nicht nur in Bezug auf Spanien durchsetzen. Vielmehr 
wollen wir diese auch dort durchsetzen, wo wir gezwungenermaßen leben müssen. Und wir 
wollen das nicht nur für uns – sondern für alle! Für Marea Granate NRW macht es keinen 
Unterschied ob jemand aus Afrika, Asien oder Europa gekommen ist. Wir denken, dass es 
niemandem zuzumuten ist, unter prekären Bedingungen zu arbeiten, von politischer 
Mitwirkung ausgeschlossen zu sein, keinen oder nur einen auf Basis des Einkommens 
beschränkten Zugang zum Gesundheitssystem zu haben oder sich in Europa nicht frei bewegen 
zu dürfen.

Neben einer Kundgebung im Mai vor dem Spanischen Konsulat, die leider wegen einer 
Unwetterwarnung kurzfristig ausfallen musste, entwickeln sich unsere Aktivitäten vor allem 
um das Online-Büro, das oficina precaria. Mit der Kundgebung wollten wir eigentlich gegen 
das neue „Sicherheitsgesetz“ demonstrieren. Mittlerweile ist es in Kraft und es gibt schon 
erste Opfer des Gesetzes. Uns erinnert diese Politik stark an das Frankistische Regime, 
das nach 40 Jahren wieder immer offener zu Tage tritt. Im Oktober werden wir anfangen, 
weitere Aktivitäten zu entwickeln. Unter anderem wollen wir eine Soli-Party organisieren. 
Wir brauchen natürlich Geld für Veranstaltungen und Publikationen. Mit der Party wollen 
wir aber auch auf uns aufmerksam machen und uns in Düsseldorf bekannt machen.

Frank: Du sprichst von Wahlrecht und politischer Mitwirkung. Ist Marea Granate so etwas 
wie eine neue Partei?

Nuria: Nein – Wie schon gesagt sind wir ein Teil der 15M Bewegung, der Indignados (der 
Empörten). Das bedeutet, dass wir wie Millionen andere Spanier*innen jedes Vertrauen in 
die Parteien und Politiker*innen verloren haben. Trotzdem haben wir aber eine politische 
Meinung. Diese drückt sich in unseren Zielen aus. Wir glauben aber nicht, dass wir diese 
als Partei durchsetzen könnten. Stattdessen müssen wir als reale soziale Bewegung, die 
sich selbst organisiert, die politische Kaste dazu zwingen, unsere Ziele umzusetzen.

Frank: Zurück zu euren Aktivitäten. Was ist das Online-Büro? Und welche Aktivitäten 
entwickeln sich daraus?

Nuria: Das oficina precaria ist unser Online-Büro, das heißt wir bieten den Menschen die 
Möglichkeit, sich mit all ihren Problemen und Fragen via E-Mail oder „privater Nachricht“ 
über Facebook bei uns zu melden. Bei vielen Problem können wir selbst helfen. Bei 
Problemen mit der Arbeit leiten wir die Leute an die FAU Düsseldorf weiter. Diese berät 
und unterstützt die Arbeiter*innen bei ihren Problemen. Ende Oktober laden wir ins 
FAUD-Lokal V6 zu einer Versammlung ein. Ziel ist es, eine Grupo de Acción Syndical zu 
gründen. Wir laden dazu extra Kolleg*innen der G.A.S. aus Berlin ein, die kurz vorher auf 
einem Treffen mit G.A.S. Paris gewesen sein werden. Die FAU Düsseldorf hat uns hier schon 
Unterstützung zugesagt. Wenn G.A.S. in Düsseldorf aktiv und handlungsfähig werden soll, 
dann werden wir nicht darum herumkommen, etwas über die Arbeitsgesetze in Deutschland zu 
lernen. Die FAU Düsseldorf wird im Winter also Seminare zum kollektiven und individuellen 
Arbeitsrecht organisieren und auch ein Organizing-Seminar. Die Seminare sind natürlich 
nicht nur für G.A.S., sondern für alle Interessierten offen. G.A.S.-Gruppen entstehen 
gerade weltweit. Dieser Prozess wird nötig, da wir den ständigen Angriffen von oben einen 
Klassenkampf von unten entgegenstellen müssen. Die Paella-Versammlungen und G.A.S. sind 
die zwei Seiten der Münze unseres Widerstandes.

Rita: Manel, du bist Aktivist bei G.A.S. Kannst du uns noch etwas genauer erklären was 
G.A.S. ist?

Manel: Die „Grupo de Acción Sindical“ (Gewerkschaftliche Aktionsgruppe) 15M-G.A.S. ist 
eine Arbeitsgruppe der spanischen 15M-Bewegung (die Empörten), deren Aufgabe darin 
besteht, Arbeiter*innen zu helfen, sich an ihrem Arbeitsplatz zu organisieren.

Rita: Was sind eure Ziele?

Manel: Eines unserer ersten Ziele ist es, die Einwander*innen zu unterstützen, um 
letztendlich ihre Integration in das deutschen Arbeitssystem und die Gesellschaft zu 
erreichen. Eigentlich spielen wir eine wichtige Bindungsrolle. Wir versuchen, nicht 
einfach als Service-Büro zu arbeiten. Wir wollen, dass die kämpfenden Beschäftigten die 
konkrete Form der angewandten Aktion für jede Auseinandersetzung selbst wählen und dass 
der Arbeitskampf mit unserer Hilfe selbstverwaltet stattfindet. Wir arbeiten grundsätzlich 
mit Arbeiter*innen-Gruppen. Individuelle Fälle leiten wir an eine andere Gruppe weiter, 
nämlich an das oficina precaria von Marea Granate. In der Praxis sieht es aber so aus, 
dass wir zur Zeit keinen kollektiven Fall haben (wir sind eine gerade neu entstandene 
Gruppe) und darum sind alle Mitglieder der G.A.S. momentan bei individuellen Fällen des 
oficina precaria voll involviert.

Rita: Wie organisiert ihr euch?

Manel: Alle wesentlichen Entscheidungen werden in Vollversammlungen getroffen. 
Funktionsträger*innen sind weisungsgebunden und können keine Beschlüsse fassen. Die Ämter 
sollen rotieren und sind natürlich unbezahlt. Wir haben keine Hierarchie und wir lehnen 
diese ab. Unsere Tätigkeiten basieren auf der Grundlage von Solidarität und gegenseitiger 
Unterstützung. Wir stehen keiner politischen Partei nahe. Wir sind unabhängig von anderen 
politischen und gewerkschaftlichen Organisationen. Das heißt nicht, dass unsere Leute 
nicht Mitglieder anderer Organisationen sein dürfen.

Rita: Wo kommt ihr her?

Manel: Die Gruppe gewerkschaftliche Aktion (G.A.S.) Nordrhein Westfalen kommt aus der 
Bewegung „15M Berlin“ und sie hat das Ziel, die ausgewanderten Arbeiter*innen zu 
unterstützen, um gemeinsam ihre Interessen an ihren Arbeitsplätzen zu vertreten und ihre 
Arbeitsbedingungen zu verbessern. Dabei haben wir nicht nur die Unterstützung vieler 
deutschen Arbeiter*innen, sondern auch von deutschen Gewerkschaften. Wir kämpfen gegen 
Lohn-Dumping, Ausbeutung und Diskriminierung. In NRW bekommen wir gerade sehr viel Hilfe 
beim Aufbau durch die FAU.

Rita: Wer kann bei euch mitmachen?

Manel: Hauptsächlich arbeiten wir mit Migrant*innen, die Spanisch sprechen können, weil 
Spanisch unsere Verkehrssprache ist. Natürlich sind wir offen für alle Einwander*innen. 
Die meisten von uns können auch Englisch und wir werden uns sehr freuen, wenn Leute aus 
der ganzen Welt bei uns mitmachen wollen.

Rita: Wo gibt es G.A.S.?

Manel: In Moment nur in Deutschland. Es gibt aktuell drei aktive Gruppen: Berlin, Hamburg 
und NRW (Treffpunkt Düsseldorf). Außerdem gibt es Aktivist*innen in anderen Orten in 
Deutschland und Europa (z. B. Straßburg, Frankreich), die Interesse haben.

Rita: Was sind eure konkreten Aktivitäten in NRW?

Manel: Die neue Gruppe in NRW ist immer noch zu klein und wir haben uns bis jetzt nur mit 
individuellen Fällen beschäftigt. Darüber hinaus setzen wir unsere Kräfte in die 
Verbreitung der Gruppe, um uns sichtbarer zu machen und neue Mitstreiter*innen zu gewinnen.

Frank: Noch mal zurück zu Marea Granate. Nuria, du hast jetzt schon mehrfach die 
„Paella-Versammlung“ erwähnt. Was hat es damit auf sich?

Nuria: Unsere Treffen finden am Mittagstisch statt. Auf deutsch sagt man glaub ich „Ohne 
Mampf kein Kampf“. So ist es bei uns auch. Weil viele von uns Valencianos sind, also aus 
Valencia stammen, dem Ursprung der Paella, gibt es eben eine Paella. Wären wir aus 
Navarra, wäre es wohl eine Tortilla-Versammlung. Beim gemeinsamen Essen lernen wir uns 
gegenseitig kennen. Wir diskutieren nicht nur politisch, sondern tauschen uns über alle 
Aspekte unseres Lebens aus. Durch das Essen wird das Treffen auch weniger „formell“ und so 
nehmen auch ganze Familien an der Versammlung teil. Essen integriert. Vielleicht kann man 
es ein wenig mit dem sozialrevolutionären Abendbrot der FAU Düsseldorf vergleichen?

Frank: Ja, vielleicht kann man das. Gibt es noch etwas, was ihr unbedingt sagen wollt, was 
wir aber bisher noch nicht gefragt haben?

Nuria: Ja sicher (lacht). Wir wollen uns bei der FAU Düsseldorf und der FAU Duisburg für 
ihre selbstlose und herzliche Unterstützung bedanken. Und dann möchten wir natürlich alle 
Freund*innen des Widerstands, die ähnliche Ziele haben wie wir, einladen mit uns gemeinsam 
zu kämpfen. Uns geht es um gleiche Arbeit, gleiche Rechte und gleiche Möglichkeiten für 
alle Menschen. Egal aus welchem Land der Welt sie kommen. Wir sind überzeugt, dass wir das 
nur gemeinsam schaffen und dass wir dies nur auf den neuen Wegen schaffen können, die seit 
dem Ausbruch der Krise weltweit entstanden sind.Manel: Genau, wir möchten alle 
Interessierten herzlich einladen zu unseren Treffen zu kommen. Dabei spielt es keine Rolle 
ob ihr uns nur mal kennen lernen wollt, einen individuellen Fall habt, bei der G.A.S. 
mitmachen wollt oder Lust habt mit uns zusammen irgendeine Veranstaltung zu organisieren. 
Und vielleicht kommt ihr ja aus einer Stadt wo es bisher weder eine Gruppe der Marea 
Granate noch eine der G.A.S. gibt, dann helfen wir euch gerne beim Aufbau einer Gruppe und 
der Organisation von ersten Veranstaltungen.

Frank und Rita: Wir bedanken uns für das Interview.

https://www.direkteaktion.org/232/201eGranatrote-Flut201c-und-G-A-S


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