(de) Fau-Iaa Direct Action #232 NOV/DEZ 2015: Doof gebor‘n ist -- 42 Jahre SFE, 42 Jahre selbstbestimmtes Lernen

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Thu Apr 7 18:31:10 CEST 2016


„Doof gebor‘n ist keiner, doof wird man gemacht“ ist einer der großen Erfolgstitel des 
Berliner Gripstheaters und er findet sich auch als Mottosong im ersten Film über die 
„Schule für Erwachsenenbildung“, kurz SFE genannt, der 1974 an der Berliner Film-und 
Fernsehakademie produziert wurde. Heute ist der Film Geschichte, aber die SFE gibt es 
immer noch. Und vor zwei Jahren wurde von Alexander Kleider, einem ehemaligen SFE-Schüler 
und erfolgreichen Dokumentarfilmer, unter dem Arbeitstitel „Rock ‘n‘ Roll Highschool“, ein 
neues Langzeit-Filmprojekt begonnen. Der Film soll voraussichtlich zur Berlinale 2016 
herauskommen und man darf gespannt sein. ---- AM ANFANG WAR DAS CHAOS ---- Die Schule ist 
eine Gründung der Schüler-, Lehrlings- und Studentenbewegung der späten 1960er und frühen 
70er Jahre, als Tausende von in der Adenauerzeit sozialisierten jungen Arbeitern und 
Arbeiterinnen in die Schulen des Zweiten Bildungswegs drängten. Überfüllung und lange 
Wartezeiten an den staatlichen Kollegs führte zu einem Boom von privaten, oft 
profitorientierten Bildungseinrichtungen.

Bei Gabbes Lehranstalten Berlin kam es 1972 zu einem Schülerstreik mit Gegenunterricht, 
nachdem Forderungen nach Mitsprache bei der Unterrichtsgestaltung von der Institutsleitung 
abgelehnt worden waren. Es kam zu einem Polizeieinsatz und einem Schlichtungsversuch der 
Senatsverwaltung.In dieser Zeit entstand die Idee einer eigenen neuen „Schülerschule“, die 
den Prinzipien von Selbstorganisation, Selbstverwaltung, Autonomie, Gemeinnützigkeit und 
gesellschaftskritischem emanzipatorischen Unterricht folgen sollte: also keine Noten, kein 
Direktor, Basisdemokratie in Unterricht und Verwaltung.1973 konnte die senatsanerkannte 
gemeinnützige SFE e.V. ihre Arbeit aufnehmen. Bis zu 800 eingeschriebene Schülerinnen und 
Schüler und über 50 Dozenten und Tutoren für die Vorbereitung auf die Mittlere Reife und 
das Abitur zeigten, dass die Idee einer weitgehenden Umsetzung eigener kreativer 
Schulkonzepte statt des langen, konfliktreichen Marsches durch die Institutionen richtig 
und Erfolg versprechend war.Die Parität zwischen Schülern und Lehrern wurde nach einer 
Anfangsphase abgeschafft und die einfache Mehrheit aller Schulmitglieder wurde zum 
basisdemokratischen Prinzip. Kern war die Autonomie der Klasse, Kursen stand man eher 
skeptisch gegenüber; oberstes Organ wurde die Vollversammlung und eine Vielzahl 
zugeordneter und untergeordneter Ausschüsse wie der Presseausschuss, der Bauausschuss oder 
der Fêtenausschuss übernahmen die Alltagsarbeit der Selbstverwaltung. Nach einer ersten 
wilden Experimentierphase konnte man sich durchringen, festangestellte Büro- und 
Buchhaltungskräfte einzustellen, um dem allergrößten Chaos Einhalt zu gebieten. Auch eine 
eigene Lehrer- bzw.

Angestelltenkonferenz konnte nach langen bedenkenreichen Debatten eingerichtet werden. 
Diese Grundkonzeption hat sich im Wesentlichen bis heute erhalten und als erfolgreich 
erwiesen.1980, zur Zeit der Häuserkämpfe und beginnenden Hausbesetzerbewegung, entschloss 
sich die SFE, die bis dahin in einer angemieteten Büroetage residierte, ein eigenes 
Gebäude zu erwerben. Die Wahl fiel auf ein großes leerstehendes Fabrikgebäude im Zentrum 
von Kreuzberg, das Stammhaus der renommierten Schriftgießerei Berthold AG, heute das 
stadtbekannte Alternativzentrum Mehringhof, in dem neben der SFE als größter Einrichtung 
Projekte des im weitesten Sinne linken und alternativen Spektrums zuhause sind. Eine 
komplizierte Konstruktion von Gesellschaftern bzw. Eigentümern, Mietern, Mieterrat und 
Mieterverein gewährleistet das von Anfang an formulierte Konzept der 
Kapitalneutralisierung. Es soll verhindern, dass einzelne Eigentümer ihren Anteil auf den 
Markt werfen und damit das ganze Projekt gefährden können.

WORIN LIEGT DAS BESONDERE DER SFE?

Sie hat sich als private gemeinnützige Schule für Erwachsene mit relativ geringem 
Schulgeld ohne jegliche staatliche Zuwendung trotz zahlreicher finanzieller und 
konzeptioneller Krisen bis heute halten können. Zahlreiche Schülerinnen und Schüler, die 
sonst keine Alternative im Bildungssystem gefunden hätten, haben hier ihre Mittlere Reife 
oder Abitur bewerkstelligt und es ist ihnen eine Neuorientierung in ihrer häufig 
komplizierten Bildungsbiographie gelungen. Unter Umständen hat sich auch ihr politischer 
und sozialer Werdegang neu ausgerichtet. Neben traditionellen Nutzern des Zweiten 
Bildungsweges wie FacharbeiterInnen und Berufstätigen kümmert sich die Schule bis heute 
vor allem um die vom Bildungs- und Berufssystem Vernachlässigten und Verprellten, also 
Berufs- und Schulabbrecher. Deshalb liegt es nahe, neben der am primären Schulbereich 
orientierten Vorbereitung auf Abitur und Mittlere Reife auch die sozialen und politischen 
Lernfelder herauszustellen. Zur Selbstverwaltung gehört das gemeinsame Putzen der Schule, 
die Organisation der kleinen Kantine in rotierender Klassenverantwortlichkeit, aber auch 
die Renovierung und Gestaltung der Klassen, Flure und Freiflächen. Die gemeinsame 
Verantwortung für Finanzen, Außendarstellung, soziale Belange und politische Statements 
ist ein ideales soziales, politisches und betriebswirtschaftliches Lernfeld. Die 
regelmäßigen Vollversammlungen, aber auch Ausschussarbeit, Projektwochen und 
Einführungsveranstaltungen für die neuen Schülerinnen und Schüler sind ein realer Raum des 
politischen und sozialen Lernens. Diversität und Inklusion spielen darüber hinaus gerade 
in einer Einrichtung wie der SFE, die sich der Kompensation komplizierter 
Bildungsbiographien verschrieben hat, eine große Rolle.

Deshalb erinnert wenig an eine herkömmliche Schule, der Unterricht beginnt relativ spät um 
9.30 Uhr, jede Klasse sieht anders aus, Schüler bringen ihren Hund mit in den Unterricht, 
Lehrer und Schüler duzen sich und die Wände sind voll von Graffiti. Der äußere Eindruck 
ist eher chaotisch, obwohl sich die „innere SFE-Struktur“ immer wieder durchsetzt, eine 
Art prozessorientierter Lernstrategie, die Improvisation und situationsbedingten 
Entscheidungen einen großen Spielraum gewährt. Soziologen würden von einem „unvollkommenen 
heterogenen Polysystem“ sprechen oder, negativ formuliert, die SFE ist alles andere als 
ein homogenes Monosystem.Die Schule ist heute kleiner als in der Hochzeit des 
Bildungsbooms, neben den klassischen Kollegzweig ist der Zweig für Gymnasialschüler 
getreten, sodass man in drei bis vier Jahren vom Schüler ohne jeglichen Schulabschluss bis 
zum Abitur kommen kann. Vieles ist anders geworden, aber ihre Grundstruktur und 
Kontinuität hat die SFE bewahrt. So heißt es nicht mehr „Doof gebor‘n ist keiner“ sondern 
zeitgemäß „Noten nee – SFE“ oder „Bildet Banden, bildet Kurse, bildet Euch!“

Klaus Trappmann

https://www.direkteaktion.org/232/doof-gebor2018n-ist


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