(de) FAU direkte aktion: In den heiligen Hallen des Kapitals -- Seit mehr als 35 Jahren suchen KonzernkritikerInnen Aktionärsversammlungen heim

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Wed Apr 6 09:52:07 CEST 2016


Protestaktionen vor der Hauptversammlung 2015 ---- In den Hauptversammlungen zelebrieren 
die Aktiengesellschaften alle zwölf Monate ihre Heilige Messe: Sie verteilen Sakramente in 
Form von Dividenden und beten die Zahlen ihrer Geschäftsberichte herunter. Fällt die 
Bilanz positiv aus, so erhalten die Konzerne von ihren AktionärInnen die Absolution, 
fehlen die Firmen aber bei der Ausbeutung, so müssen sie bußfertig geloben, dem Götzen 
Mammon im nächsten Jahr mehr zu opfern. ---- Aber bereits seit mehr als 35 Jahren geht das 
Ritual nicht mehr so glatt über die Bühne. 1980 suchte die Coordination gegen 
BAYER-Gefahren (CBG) erstmals eine Hauptversammlung der BAYER AG heim. Und bald schon 
beschränkte sie sich nicht mehr bloß auf Proteste vor dem Eingang, sondern meldete sich in 
der Halle lautstark zu Wort. Das Aktienrecht machte es möglich: Die Coordination erwarb 
einfach ein paar Aktien des Leverkusener Multis – und damit zugleich das Rede- und 
Stimmrecht für sich und andere Organisationen. Formal als BAYER-Anteilseigner zum letzten 
Geschäftsjahr sprechend, konnte die CBG durch diesen Coup den Vorstandsvorsitzenden, den 
Vorstand, den Aufsichtsrat und Tausende von BesucherInnen direkt mit den Folgen der 
gnadenlosen Profitjagd konfrontieren.

So standen auf einmal nicht nur Zahlen auf der Tagesordnung, sondern im Gegenteil das, was 
das Rattenrennen um Renditen an Desastern hervorbrachte: Umweltschäden en masse, soziale 
Verwerfungen, gesundheitsgefährdende Medikamente, ungenügend gesicherte Anlagen und vieles 
mehr.

Und da ein global agierendes Unternehmen diese Missstände produzierte, sah es sich auch 
beizeiten schon einer globalen Konzernkritik gegenüber. Blumenarbeiterinnen aus Kolumbien 
etwa konfrontierten die AktionärInnen mit den verheerenden Folgen der BAYER-Pestizide, ein 
durch Blutprodukte des Pharma-Riesen mit HIV infizierter US-Amerikaner forderte eine 
Entschädigung, norwegische Umweltschützer prangerten die PCB-Kontamination des Osloer 
Hafens an, eine Gruppe US-amerikanischer Juden mahnte einen angemessenen Umgang des 
Konzerns mit seiner Nazi-Vergangenheit an und ein portugiesischer Ex-Beschäftigter von 
BAYER legte Zeugnis über gekaufte MedizinerInnen ab. Zudem entwickelte die Coordination 
die Aktionsform „HV-Besuch“ zur Serienreife und brachte die Gründung des „Dachverbandes 
der kritischen Aktionärinnen und Aktionäre“ mit auf den Weg.

Natürlich hat der Global Player das alles nicht klaglos über sich ergehen lassen. In den 
1980er Jahren hob er die „Bürgerinitiative: Malocher gegen Schmarotzer“ aus der Taufe. 
Zusammengestellt aus Werkschutz-Leuten und anderem Personal aus den eigenen Reihen, sollte 
die Truppe auf den HVs den „ehrlichen Arbeiter“ gegen dahergelaufene „Berufsdemonstranten“ 
und „rote Vögel“ in Stellung bringen. Aber den ClaqueurInnen des Kapitals war kein rechter 
Erfolg beschieden. Also änderte der Konzern sein Konzept und staffierte seine Mannen mit 
DKP-Fahnen aus, um die tausenden anreisenden BAYER-AktionärInnen und insbesondere die 
berichtenden Medien unter Rotschock zu setzen und sie so gegen die KonzernkritikerInnen zu 
immunisieren. Und seit Neuestem übt sich das Unternehmen darin, die Proteste vor Beginn 
der Versammlung mehr oder weniger unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden zu 
lassen. Unter Berufung auf das Hausrecht versucht er, die Coordination gegen 
BAYER-Gefahren und die anderen Gruppen mit ihren Transparenten und Plakaten durch 
Absperrgitter und rot-weiße Verkehrshütchen möglichst weit vom Eingang der Kölner 
Messehallen wegzudrängen, um die AktionärInnen unbehelligt ins Innere leiten zu können. In 
der HV selber wendet der Agro-Gigant dann ähnlich brachiale Methoden an. Der die 
Zusammenkunft leitende Aufsichtsratsvorsitzende unterbricht die KritikerInnen nicht nur 
regelmäßig, er schaltet ihnen auch schon mal das Mikrofon ab und lässt den Rest von den 
OrdnerInnen erledigen. „Bitte begleiten sie diese Herren zurück zu ihren Plätzen“, hieß es 
etwa 1995 einmal, woraufhin 30 Mann nach vorne stürmten, Kritische AktionärInnen von der 
Redebühne holten und aus dem Raum schleiften.

Aber die CBG und ihre MitstreiterInnen haben sich von dieser Spielart der 
„AktionärInnen-Demokratie“ nicht erschüttern lassen. Kontinuierlich bauten sie ihre 
HV-Aktionen aus. So gelang es schließlich, die Auftritte der KonzernkritikerInnen von 
einem kleinen Störfeuer zu „abendfüllenden“ Veranstaltungen auszubauen. Im letzten Jahr 
bot die Coordination 26 GegenrednerInnen auf. Damit drängte sie die KapitalvertreterInnen 
eindeutig in den Hintergrund und machte aus dem AktionärInnentreffen ein Heimspiel. Der 
Anpfiff für das nächste ist am 29. April.

Jan Pehrke

https://www.direkteaktion.org/2016-03/in-den-heiligen-hallen-des-kapitals


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