(de) FdA/IFA - Gai Dào #55 - AFem2014: Reproduktionsrechte weltweit - die Bekämpfung von körperlicher Selbstbestimmung / inspirierende,mutige & kreative feministische Reaktionen Von: Fleabite / Übersetzung: Yori

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Sun Jul 12 13:23:40 CEST 2015


Anmerkung der Redaktion: Seit der Gaidao-Nummer 52 (März 2015) veröffentlichen wir in 
jeder Ausgabe einen Beitrag zur Anarcha-feministischen Konferenz, die im Oktober 2014 in 
London stattfand. ---- Der folgende Artikel basiert auf meinen Notizen vom hervorragenden 
Workshop zu Reproduktionsrechten bei der A-Fem-Konferenz 20141. Die Veranstaltung war für 
3 Stunden angesetzt und ich dachte, dass ich ihr eine Weile beiwohnen würde, um sie dann 
zu verlassen und zu einem der anderen eine Stunde später beginnenden Workshops und 
Diskussionen zu gehen. Wie es sich herausstellte, konnte ich so viel daraus ziehen, dass 
ich bis zum Ende blieb - und es nicht glauben konnte, wie schnell die Zeit verging! Dies 
ist eine Ausarbeitung von Stichworten, welche ich mitzuschreiben begann, als ich 
unglaubliche Redner*innen hörte, welche die Verhältnisse aus ihren Ländern schilderten und 
was sie taten, um diese Verhältnisse infrage zu stellen. Ich habe es nicht geschafft das 
Meiste davon mitzuschreiben, da es so in die Tiefe ging; und meistens hörte ich nur zu und 
nahm das Gesagte auf und dachte darüber nach. Aber sei es drum: Hier sind meine Notizen :)

Sie sind von einer Vielzahl an Redner*innen / Beteiligten aus dem
Publikum. Insgesamt zählte ich neun vorgestellte Länder: Polen, Irland,
Spanien, Chile, Argentinien, Brasilien, Frankreich und das Vereinigte
Königreich. Die Notizen sind nicht unbedingt in dieser Reihenfolge und
ich schrieb die Länder, aus denen die Beteiligten waren, oftmals nicht
auf. Fehler gehen auf meine Kappe. Falls du welche findest, schreib bitte
einen Kommentar, so dass ich Ergänzungen hinzufügen kann.

Der Schwangerschaftsabbruch steht in Widerspruch zu den
Vorstellungen von Frauen als natürliche Mütter. Er war über
Jahrhunderte hinweg üblich, wurde jedoch im 19. Jahrhundert in
Europa problematisiert/kriminalisiert. Im Zuge des Kolonialismus bezog
die Viktorianische Epoche ihre Haltung darauf, daraufhin steckte sie die
restliche Welt an - es gibt immer noch viele Länder, die das 1861
verabschiedete sich gegen die selbstbestimmte Entscheidung richtende
Gesetz "Offences against a person"2 anwenden.

Jedes Jahr gibt es ca. 40 Millionen Schwangerschaftsabbrüche weltweit.
Eine von drei Frauen im Vereinten Königreich wird irgendwann in
ihrem Leben einen Schwangerschaftsabbruch haben. Die Hälfte aller
Schwangerschaftsabbrüche auf der ganzen Welt sind unsicher, infolge
dessen führen sie zu 50.000 Todesfällen pro Jahr. Wohlhabendere Frauen
können oftmals dem Schlimmsten davon entkommen, weil sie zahlen
oder an Orte mit besseren Gesetzen und Möglichkeiten reisen können.
Es gab einige internationale Übereinkommen, wonach Länder
Schwangerschaftsabbrüche legalisieren und verfügbar machen sollten,
aber diese sind nicht rechtlich bindend, sondern rein symbolisch.
Keine Verhütungsmethode ist 100%ig sicher, und nicht jede*r hat die
Kraft Schwangerschaftsverhütung auszuhandeln.

Rechte christliche Organisationen in Spanien wie beispielsweise "Die
christliche Legion" und "Opus Dei" haben eine Menge Macht, weil sie
auch Politiker*innen und Geschäftsleute einbinden. (Ein*e Italiener*in
sagte, dies trifft auch auf ihr Land zu). Die Kirche hat einiges an
Mitspracherecht, beispielsweise bei der Bildung, wo Religion ein
Pflichtfach ist. Die Rechtsaußenbewegung hat es jetzt akzeptabel
gemacht, öffentlich sexistische Dinge über die Stellung der Frauen als
Mütter zu sagen wie beispielsweise über Geschäftsfrauen, die mahnten,
dass "Frauen im fruchtbaren Alter nicht eingestellt werden sollten". So
verfestigt sich dies jetzt zusätzlich als Teil des öffentlichen Diskurses
und gibt traditionellen, konservativen Ansichten Selbstvertrauen und
Glaubwürdigkeit.

Sogar scheinbar öffentliche, nicht-religiöse Schulen werden oftmals von
Opus Dei hinter den Kulissen beherrscht. Auch das private
Gesundheitswesen wird von der Kirche unterstützt. Es gab dieses Jahr
Versuche Schwangerschaftsabbrüche noch mehr einzuschränken, diese
wurden jedoch vereitelt. Jetzt existiert die neue feministisch
mobilisierte Bewegung "Wir und unsere Großmütter sind
Feminist*innen, aber eine ganze Generation wurde übersprungen". Sie
machten eine Menge Aktionen gegen das neue Gesetz und sind nach
wie vor am Organisieren.

Es gab weitere Redner*innen, darunter auch aus dem Publikum, aber
ich habe mir nicht von allen Notizen gemacht :(

In Italien weigern sich 80 Prozent der Frauenärzt*innen sowie viele der
Krankenpflegekräfte und Narkoseärzt*innen einen Schwanger-
schaftsabbruch vorzunehmen, so dass ein solcher Eingriff sehr schwer
zugänglich ist, obwohl er legal ist. Selbst ausgeführte oder auf andere
Weise unsichere Schwangerschaftsabbrüche kommen daher häufig vor,
aufgrund dessen Frauen oft danach mit starken Blutungen in der
Notaufnahme landen und dies als "spontane Fehlgeburt" dokumentiert
wird. 20.000 legale Schwangerschaftsabbrüche werden pro Jahr
durchgeführt, aber circa 40.000 werden verweigert aufgrund von
"Ablehnung aus Gewissensgründen". Es gibt 75.000 dokumentierte
"Fehlgeburten" - ein Drittel von diesen sind wahrscheinlich unsichere
Schwangerschaftsabbrüche. Die Fehlgeburtenraten sind seit den 1980er
Jahren dramatisch angestiegen, besonders bei Minderjährigen. Die Zahl
derjenigen steigt, die einen Eingriff aus Gewissensgründen ablehnen,
vor allem im Süden. Sie sagen, wenn sie Schwangerschaftsabbrüche
durchführen, sehen sie sich mit Diskriminierung am Arbeitsplatz
konfrontiert.

Ich habe hier eine weitere Reihe von Beiträgen ausgelassen, weil ich
nur zugehört habe.

In Chile sind Schwangerschaftsabbrüche seit 1989 illegal (es war eine
der letzten Handlungen von Pinochet als Diktator) - zuvor war es legal,
wenn das Leben der Frau gerettet werden sollte. 2008 gab es
Bestrebungen die Pille danach zu kriminalisieren. Dies führte zu einer
Welle von Aktionen und einem Aufschwung des Feminismus - ältere
Feminist*innen aus der Zeit der Diktatur vereint mit neueren/jüngeren.
Sie führten direkte Aktionen durch, indem sie Flugblätter und Plakate
verbreiteten mit Informationen, wie man die Pille danach durch eine
bestimmte Zusammenstellung von empfängnisverhütenden,
verfügbaren Pillen herstellt. Diejenigen, welche in der Kindheit getauft
worden sind, machten eine öffentliche "Abtrünnigkeitshandlung",
indem sie sich von der Religion lossagten. Eine Telefon-Hotline sowie
ein Solidaritätsnetzwerk wurden eingerichtet, um Unterstützung und
Beratung für diejenigen bereitzustellen, welche einen
Schwangerschaftsabbruch bedürfen, und sie in Kontakt mit Ärzt*innen
zu bringen, welche einen Schwangerschaftsabbruch durchführen.
Obwohl es illegal ist, wurden "nur" 300 Leute inhaftiert - sowohl
Personen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, als auch die, die
einen solchen erfahren - und die meisten Leute kamen davon. Auch
gab es juristische Anfechtungen gegen das neue Gesetz. Es gab einen
öffentlichen Aufschrei, nachdem eine 11-Jährige, die von ihrem
Stiefvater vergewaltigt worden war, gezwungen wurde das Kind zu
bekommen.

"Speaking of I.M.E.L.D.A." 3 (Akronym für: Irland macht England zum
legalen Ziel für den Schwangerschaftsabbruch) machen fantastischen
Performance-Aktivismus, weil Schwangerschaftsabbrüche in Irland
illegal sind. Ihre aktuelle Kampagne "Schlüpfer für die selbstbestimmte
Entscheidung"4 fordert Leute auf, Bilder von Schlüpfern mit
Botschaften "für die selbstbestimmte Entscheidung" an traditionellen
Örtlichkeiten aufzuhängen. Etwas Privates zu nehmen, wie
beispielsweise unsere Unterwäsche, und es öffentlich zu machen, gibt
wieder, was die Regierung den Frauenkörpern angetan hat. Jemand
anderes schlug vor, falls du Urlaub in Irland verbringst, es lohnenswert
sei, bloß beiläufig in einem fassungslosen Tonfall zu fragen "Ist es wahr,
dass Schwangerschaftsabbruch hier immer noch illegal ist?", um dies in
Läden etc. zu entnormalisieren.

Aus den USA bekannte Attacken gegen Abtreibungskliniken ereignen
sich nun in auch Großbritannien - finanziert von Gruppen aus den
USA. "Abort 67" sind in Brighton aktiv und Protestmahnwachen gegen
Abtreibungskliniken finden nun in London und Manchester statt sowie
möglicherweise auch an anderen Orten. Die Krankenhäuser ihrerseits
haben gebeten, dass es keine Gegen-Mahnwachen zu jenen geben soll,
weil es gerade eher eine unangenehme Szene für diejenigen darstellt,
welche versuchen auf die klinischen Dienstleistungen zuzugreifen.

In Brasilien ist Schwangerschaftsabbruch illegal. In Argentinien
ebenfalls. In Frankreich existieren Zugangsschwierigkeiten. In
Großbritannien müssen jetzt handeln, um uns auf die kommenden
Angriffe vorzubereiten. Das Recht befindet sich schon im Vormarsch.
Das Abortion Support Network5 hat sich gebildet, um Frauen aus Irland
bei der Reise zur britischen Insel für einen Schwangerschaftsabbruch zu
unterstützen. Sie sind das Pflaster, welches auf das dringende Bedürfnis
reagiert, aber es ist unverzichtbar die Gründe dafür zu thematisieren
und die Gesetze in der Republik Irland und die Regelungen in
Nordirland zu verändern.

Es wurde ein Video über Frauen aus Irland gedreht und es war für viele
von ihnen das erste Mal, dass sie zu "jemandem" über die Tatsache
gesprochen haben, dass sie einen Schwangerschaftsabbruch gehabt
hatten. Sich gewöhnlich zu schämen, Angst und sogar persönlichen
Widerstand gegen einen Schwangerschaftsabbruch zu haben, obwohl
sie einen gemacht hatten. Es ist für Frauen in GB schwierig zuzugeben,
dass sie einen Schwangerschaftsabbruch hatten; in Irland ist es bereits
schwierig zuzugeben, dass man eine Frau kennt, die einen gehabt hat.

Weitere Informationesquellen:
https://www.womenonweb.org/ und http://womenhelp.org/

Fußnoten:
1 afem2014.wordpress.com
2 Bedeutet übersetzt soviel wie "Personenstraftat"(Anm. d. Ü.)
3 https://www.youtube.com/channel/UCW_F64htch9WiH5UzONwYQg/feed
4 https://twitter.com/hashtag/knickersforchoice
5 https://www.abortionsupport.org.uk/ (Anm. d. Ü.: Netzwerk für die
Unterstützung von Schwangerschaftsabbruch)
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Originaltext:
https://fleabite.wordpress.com/2014/10/21/reproductive-rights-
globally-crackdowns-on-bodily-autonomy-inspiring-brave-
creative-feminist-responses-afem/
Alle Infos zur A-Fem-Konferenz: https://afem2014.wordpress.com/


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