(de) FAU-IAA: Direct Aktion #229 - "Die Disteln brennen!" -- Ein Nachruf auf Yasar Kemal

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Sat Jul 11 12:10:08 CEST 2015


Er wurde als Kemal Sad?k Gökçeli geboren, als die Hirten mit ihren Herden von den Bergen 
des Taurus herabstiegen, wie er sagt, ziemlich sicher im Oktober, nur ob 1922 oder 1923 
ist unklar, da es in dem kleinen Dorf Hermite (heute Gökçedam) keine Aufzeichnungen gibt. 
Die Frauen singen bei der schweren Arbeit Lieder über die Freiheit, hoffen auf eine 
bessere Zukunft für ihre Kinder. Ihr Dorf wurde erst einige Jahre zuvor von ihnen selbst 
gegründet, als sie als Kriegsflüchtlinge von der Stadt Van im Osten über den Taurus zum 
Rand der Çukurova wanderten, zum Rand der fruchtbaren Ebene um Adana. Sein Vater Sadi 
verliebte sich schon am Vansee in die viel jüngere Nigar. Alle ihre acht Brüder sind 
Räuber, über einen von ihnen, Mayro, werden in ganz Ostanatolien und darüber hinaus 
Geschichten erzählt. Mayro wird mit 25 früh sterben, aber auch, wenn Kemals Romanfigur 
"Ince (der dünne) Memed", mit ihm nicht eins zu eins gleichzusetzen ist, wird ihn sein 
Neffe mit dem 1955 veröffentlichten Roman "Memed, mein Falke" dennoch unsterblich machen: 
Ein Leibeigener wird zum Rächer der einfachen Menschen, die von den Herren, den Agas, 
brutal unterdrückt werden.

Kemals Kindheit verläuft dramatisch: Früh verliert er ein Auge bei einem Unfall, als sein 
Vater zum Opferfest ein Schaf schlachtet. Einerseits ist er der Vielgeliebte, der als 
einziger in der kleinen Dorfgemeinschaft die Schule besuchen kann, alle legen für ihn 
zusammen! Anderseits umgibt ihn von klein auf nicht nur bittere Armut, sondern auch die 
Erfahrung heftiger Leidenschaften. So erdolcht sein Adoptivbruder Yusuf seinen Vater beim 
Gebet in der Moschee aus Eifersucht, und das unmittelbar vor den Augen des etwa 
Vierjährigen. Als Folge stottert er bis zu seinem zwölften Lebensjahr. Kemal hat keinen 
ordentlichen, eher einen magischen Lebenslauf: Notgedrungen arbeitet er in mehr als 
zwanzig Berufen, unter anderem als Hirte, Lastwagenfahrer, Hilfslehrer, Büchereigehilfe, 
Landarbeiter. Als Aufseher lässt er Bauern nachts heimlich vom Wasser der Gutsbesitzer 
schöpfen, als Briefeschreiber hilft er vielen, die nicht lesen und schreiben können.Seine 
Liebe aber gilt dem Erzählen und der Musik, er lernt die Saz, die türkische Laute, und 
wäre nach eigenen Angaben wahrscheinlich ein fahrender Sänger geworden, wenn er nicht das 
Schreiben entdeckt hätte.Denn als er zwischen 1951 und 1963 im Auftrag der Tagezeitung 
Cumhuriyet unter dem Pseudonym Yasar Kemal als einer der ersten Journalisten das ländliche 
Anatolien bereist, sind die Folgen phänomenal: Noch nie hat jemand so über die Habenichtse 
und Hungernden, über das Elend der bettelnden Kinder und auch nicht über den Dünkel und 
Hochmut der großen Herren geschrieben. Dazu verweigert er sich dem sterilen Hochtürkisch, 
er schreibt in der lebendigen Sprache, die er von den einfachen Menschen kennt. Aufgrund 
seiner Artikel kommt es zu heftigen gesellschaftlichen Debatten, selbst in der 
Nationalversammlung.

Trotz kurdischer Herkunft versteht er sich als türkischer Schriftsteller, aber er wird 
wieder und wieder für Minderheiten Partei ergreifen. 1962 tritt er der marxistischen 
"Arbeiterpartei der Türkei" bei und schreibt einen Leitfaden über den Kommunismus. Seine 
Haltung ist kompromisslos humanistisch, so tritt er nach dem Einmarsch der Sowjetischen 
Armee in die Tschechoslowakei 1968 wieder aus der Partei aus und hofft, dass sich die 
Menschen in den sozialistischen Ländern von den Bürokratien befreien und ihr Leben in die 
eigenen Hände nehmen. 1973 gründet er die türkische Schriftstellergewerkschaft. Jedes 
seiner Memed-Bücher endet mit einem Aufruf zur Revolte: Flammen verwandeln trockene 
Distelfelder auf Berggipfeln in weithin leuchtende Signalfeuer, die Menschen feiern den 
Tod eines Ausbeuters.Seine Erzählungen, Romane und Reportagen bringen Kemal in 
Schwierigkeiten: Er wird oft festgenommen, inhaftiert und einmal auch gefoltert, dreimal 
wird ihm der Prozess gemacht; seine Frau und Übersetzerin ins Englische, die Jüdin Thilda 
Serrero, mit der er 50 Jahre bis zu ihrem Tod 2001 zusammenlebt, wird sogar länger 
eingesperrt als er. Vom Staat und von Rechtsextremisten bedroht, lebt er zeitweilig im 
französischen und schwedischen Exil. Selbst noch 1995 wird er vor Gericht gezerrt, weil er 
sich in einem "Spiegel"-Interview für die Selbstbestimmung der Kurden einsetzt und 
thematisiert, dass im nichterklärten Bürgerkrieg im Osten der Türkei Zehntausende von 
Menschen den Tod gefunden haben und dass das Militär ungezählte kurdische Dörfer 
vernichtet hat.

Immerhin wird er diesmal nicht inhaftiert und fordert bei zahlreichen internationalen und 
nationalen Preisverleihungen weiterhin die Einhaltung der Menschenrechte in seiner Heimat. 
Es ist nicht zu ermessen, was er für alle getan hat, die sich nach Freiheit, Gleichheit 
und einem selbstbestimmten Leben sehnen. Seine Helden und Heldinnen, nicht nur Memed, 
sondern auch Mutter Hüru, Ferhat Hodscha oder Ali, der Hinkende, werden im kollektiven 
Gedächtnis weiterleben, nicht zufällig sind seine Bücher in über vierzig Sprachen 
übersetzt worden. Als er Ende Februar 2015 in Istanbul stirbt, hinterlässt er seine zweite 
Frau Ayse Semiha Baban und seinen Sohn Rasit Gökçeli. Zu seiner Beisetzung auf dem 
Istanbuler Zincirlikuyu Friedhof neben dem Grab Thildas geben ihm Tausende von Menschen 
das letzte Geleit. Sein Geist aber lebt nicht nur in seinen Büchern weiter, sondern wird 
auch immer wieder zur Çukurova Ebene heimkehren. Denn, wie er in seinem Roman "Der letzte 
Flug des Falken" schreibt: "In der Çukurova ist alles licht und klar: Felsen, Erde und 
Bäume, Vögel, Käfer, Schlangen und Menschen sogar ... Der Himmel ist klares Blau, die 
Nächte sind sternenklar. Läge der Koran auf dem Grund eines Gewässers, er ließe sich lesen."

Oliver Steinke

https://www.direkteaktion.org/229/201edie-disteln-brennen-201c


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