(de) FAU-IAA: Direct Aktion #229 - Europas Schlachthaus -- Die BRD ist der größte Fleischexporteur der Welt - dank gezielter Ausbeutung migrantischer ArbeiterInnen

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Fri Jul 10 09:33:25 CEST 2015


Ein Netzwerk systematischen Menschenhandels zieht sich quer durch den "Schweinegürtel" 
(siehe DA 228) in Deutschlands Nordwesten. Während die meisten landwirtschaftlichen 
Betriebe das Risiko noch selbst tragen, wenn sie Sozialabgaben hinterziehen und schwarz 
arbeiten lassen, wird die Verantwortlichkeit in den Schlachthöfen von Tönnies, Heidemark, 
Wiesenhof, Danish Crown und Vion an ausländische Subunternehmen ausgelagert. Dadurch 
verschärft sich die Ausbeutung der in der Fleischindustrie eingesetzten ArbeiterInnen 
gegenüber ihren KollegInnen auf den Feldern enorm. Neben den in der Landwirtschaft bereits 
üblichen, illegalen Lohnabzügen durch Akkordverträge kommt es hier zu sklavenähnlichen 
Abhängigkeitsverhältnissen. Migrantische ArbeiterInnen aus Polen, Rumänien, Bulgarien und 
neuerdings auch der Ukraine werden hierfür unter falschen Versprechungen und für eine hohe 
Vermittlungsgebühr nach Deutschland gelockt. So beginnt die Arbeit mit Schulden gegenüber 
den Subunternehmen die auch die Unterkünfte vermieten. Mit Wuchermieten bis zu 18 Euro pro 
Quadratmeter für Wohnungen in sanierungsbedürftigen Häusern, nicht ausgebauten Dachböden, 
Gewerberäumen und umgebauten Ställen wird weiter abgezockt.

Die soziale und die ökologische Frage zusammen stellen: Kundgebung im Januar 2013 vor dem 
VION-Schlachthof in Emstek.

Die Fabriken der Unternehmer werden durch die Subunternehmen geführt. Durch ein perfides 
Regime aus Druck und Angst wird auch das letzte Quäntchen Produktivität aus den 
ArbeiterInnen herausgequetscht: 190 Kilo Fleisch müssen pro Stunde abgepackt, tote Tiere 
mit einem Gewicht von über 20 Kilo bewegt werden. Wer das Soll nicht erfüllt, bekommt 
weniger Geld, dafür Ärger mit dem Vorarbeiter oder fliegt gar aus der überteuerten 
Unterkunft. Im Arbeitsalltag sind die Pausen oft weitaus kürzer als vereinbart. Wer zu oft 
aufs Klo geht, fliegt. Das ganze Spiel geht dann sieben Tage die Woche, wenn es schlecht 
läuft von morgens um vier Uhr bis in den späten Abend - bei 600 Euro für 300 Stunden im 
Monat von denen nur 200 bezahlt werden. Arbeitsschutzkleidung muss selbst gekauft werden, 
ansonsten sind Verletzungen garantiert, multiresistente Keime inklusive. Im schlimmsten 
Fall geht es ganz ohne Geld zurück nach Hause. Es gibt keine Krankenversicherung, 
schriftliche Arbeitsverträge oder Lohnabrechnungen. Wer sich verletzt oder verschlissen 
ist, wird ins Herkunftsland zurück geschickt statt ins Krankenhaus. Eine vorher 
unterschriebene Verzichtserklärung, die aufgrund fehlender Sprachkenntnisse nicht 
verstanden wurde, lässt Ansprüche nur schwer einklagen.Das europäische Entsendegesetz hat 
dies möglich gemacht. Als die osteuropäischen Länder der EU beitraten, gab es keine 
Freizügigkeit für Beschäftigte, dafür aber Dienstleistungsfreiheit. Dies rief die 
Menschenhändler auf den Plan, die sich die Not der Menschen zunutze machten, um sich eine 
goldene Nase mit deren Ausbeutung in Werkverträgen zu verdienen. Gesetzlich ist die 
Anwerbung von ArbeiterInnen zur ausschließlichen Entsendung untersagt und diese müsste 
nach zwei Jahren enden.

Doch die Subunternehmen wechseln einfach jährlich ihren Namen, auch wenn die 
Geschäftsführung die gleiche bleibt. Oder sie gehen gar geplant insolvent, wie dies bei 
einem Subunternehmer der Firma Fine Food im Jahr 2013 der Fall war (die DA berichtete in 
Ausgabe 223).Das ist extrem profitabel für die Unternehmen in Deutschland, die neben 
Lohnkosten durch den Abbau der Stammbelegschaft auf weniger als 50 Prozent die EEG-Umlage 
sparen (siehe DA 224). Die Verantwortung für die Beschäftigten schieben sie auf die 
Subunternehmen ab, denen rechtlich nur in den Heimatländern beizukommen ist - viel zu 
aufwändig für Zoll und Politik, die sich sowieso als Unterstützerin der Unternehmen sieht. 
Diese sollen Arbeitsplätze und Steuereinnahmen in strukturschwachen Regionen generieren 
und Abwanderung verhindern. Daher setzt man auf freiwillige Verhaltenskodizes statt auf 
verbindliche Gesetze. So ist Deutschland zum Schlachthaus Europas geworden und inzwischen 
zum größten Fleischexporteur der Welt. Genau wie in anderen Bereichen hat diese einseitige 
Fixierung auf Exportüberschüsse nicht nur für die migrantischen ArbeiterInnen, sondern 
auch im Ausland bereits negative Folgen gehabt. So gab es für insolvente französische 
Schlachtbetriebe des Unternehmens GAD EU-Subventionen in Millionenhöhe, während die 
exportfixierte Bundespolitik sogar ihren eigenen Fahrdienst als Werkvertrag vergibt und 
über die Arbeitsagentur südosteuropäische Studierende zur "Ferienarbeit" auf deutsche 
Felder holt.

Gewerkschaften haben es bisher nicht geschafft, die Arbeitsbedingungen in den wie 
Gefängnissen gesicherten Schlachthöfen zu verbessern. Neben der Lobbyarbeit der 
französischen Bauerngewerkschaft Confédération Paysanne und der Arbeitslosen-Selbsthilfe 
Oldenburg (ALSO) gibt es bundesweit sechs durch den DGB geschaffene Beratungscenter des 
Programms "faire Mobilität" für migrantische ArbeiterInnen. Ein von der NGG 
abgeschlossener Tarifvertrag, der das gesetzliche Mindestlohnniveau um zehn Monate 
verzögert, soll nun für die Werkverträge gelten. Dass dieser anders als zuvor nicht 
unterlaufen wird, dürfte aber kaum mehr als Wunschdenken sein. Da die MigrantInnen die 
Worte Gewerkschaft und Korruption synonym verwenden, kann ein effektiver Weg nur sein, 
durch Aufklärung und strukturelle Hilfe eine Selbstorganisation zu unterstützen.

Martin Diener

https://www.direkteaktion.org/229/europas-schlachthaus


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