(de) FdA/IFA - Gai-Dao #54 - Ein Gustav Landauer-Denkmal für Berlin!? Von: Gustav Landauer Denkmalinitiative (Berlin)

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Thu Jul 2 09:48:46 CEST 2015


Eine neue Initiative setzt sich dafür ein, an Gustav Landauer ab dem 1. Mai 2019 im 
Berliner Stadtraum durch ein Denkmal zu erinnern. In diesem Text problematisiert sie ihr 
Vorhaben. ---- Am 2. Mai 2019 wird es genau 100 Jahre her sein, dass der Anarchist Gustav 
Landauer (*1870) bei seiner Einlieferung in das Gefängnis Stadelheim (München) durch eine 
Soldateska brutal ermordet wurde. Der Gedanke liegt nahe, diesen hundertsten Todestag zum 
Anlass zu nehmen, seiner Erinnerung einen gut sichtbaren und möglichst dauerhaften Ort zu 
schaffen. Ein dahingehender Vorstoß von Siegbert Wolf und Peter Kühn hat jüngst in München 
binnen weniger Wochen erfolgreich den Beschluss des Stadtparlaments erwirkt, auf dem 
Waldfriedhof wieder einen Gedenkstein für Landauer zu errichten. Ein 1925 auf Betreiben v. 
a. der FAUD eingeweihter Stein war bereits im Juni 1933 durch die Nazis zerstört worden. 
Auch in Berlin, der lange Zeit wichtigsten Stätte von Landauers Wirken, soll zur 100. 
Wiederkehr seines Todestages ein Denkmal öffentlich an ihn und die anarchistische Bewegung 
der Zeit erinnern. Zu diesem Zweck hat sich Anfang des Jahres die Gustav Landauer 
Denkmalinitiative gegründet. Doch was heißt es, Gustav Landauer ein Denkmal zu setzen?

Ein anarchistisches Denkmal?

Manche werden sich vielleicht wundern: Ein Denkmal für einen An-
archisten, ist das nicht ein wenig spießig, womöglich sogar un-anar-
chistisch? Wir von der Initiative sind selbstredend nicht dieser An-
sicht, sonst hätten wir die Sache kaum begonnen. Dennoch sind diese
Fragen berechtigt. Ein Denkmal für einen Anarchisten ist noch lange
kein anarchistisches Denkmal, und was sollte das überhaupt sein?
Einerseits wäre es gedankenlos, diese und ähnliche Fragen, die sich
im Zusammenhang eines solchen Unterfangens stellen, einfach zu
übergehen. Andererseits wäre es dogmatisch, an ihrer Beantwortung
vorbei lediglich zu behaupten, dass die Form des Denkmals für an-
archistische Zwecke überhaupt unbrauchbar sei. Was also sind die
wirklichen Gründe für derartige Bedenken?

In einer ersten Annäherung lassen sich zwei Ursachen für das Un-
behagen, das der Gedanke an ein Landauer-Denkmal auslösen mag,
unterscheiden. Zum Einen verständigt sich eine Zeit in Denkmälern
über sich selbst. So wird durch sie oftmals an Personen oder Bege-
benheiten erinnert, die eine wichtige Rolle in der Gründungserzäh-
lung eines Staates spielen oder einen hervorragenden Platz in dessen
kulturellem Selbstverständnis einnehmen. Denkmäler dienen also
zumeist der Bestätigung des Gewordenen. Zum Anderen eignet Per-
sonendenkmälern, die ein Individuum - gerne figürlich, auf einem
Sockel erhöht und überlebensgroß - vor allen anderen auszeichnen,
ein irgendwie undemokratischer Zug, worin ihre mythische resp.
kriegerische Geschichte noch mitzuschwingen scheint.

Doch verhält es sich auch bei Landauer notwendig so, oder vielleicht
gerade nicht? Schon das obige Beispiel deutet ja darauf hin, dass das
einmal Gewordene keineswegs einheitlich und abgeschlossen ist,
sondern umstritten, uneinheitlich und weiterhin im Werden. Sollte
es also mitunter möglich sein, darin etwas zu bestätigen, das sei-
ner dominanten Tendenz gerade widerspricht? Und wie ließe sich
ein Personendenkmal Landauers (das ja keine figürliche Bronze sein
müsste) vor dem Hintergrund seines eigenen, besonders seines ge-
schichtstheoretischen Denkens als keineswegs undemokratisch oder
"undemokratisch" nur in einer zu bejahenden Weise begreifen? Diese
Fragen sind schon recht spezifisch. Bevor wir auf sie zurückkommen,
ist es nötig, sich zu fragen, was überhaupt ein Denkmal sei.

Ein Erinnerungszeichen, wofür?

Das Wort "Denkmal" - ein Mal oder Zeichen, das öffentlich ausge-
stellt gewissermaßen als Gedächtnisstütze Aufmerksamkeit bean-
sprucht - enthält selbst einen Hinweis auf den noch allgemeineren
Sachverhalt, dass jegliches Erinnern sich als materielle Übertragung
eines Vergangenen in eine Gegenwart vollzieht und seine Wirksam-
keit als kollektiv geteilter Prozess am merklichsten entfaltet; Denk-
mäler sind nur ein besonderer Fall.

Unstreitig ist dies vor allem, wo es um weiter zurückliegende Bege-
benheiten geht: Wir haben schließlich kein anderes Verhältnis zur
eigenen Vergangenheit vor unserer bewussten Lebensspanne als nur
eines, das durch materielle Zeugnisse vermittelt ist, seien dies Bü-
cher, Erzählungen oder Fotos, Artefakte jeder Art, Überreste, Denk-
mäler oder Straßennamen, und der Zusammenhang all dessen. Nur
durch stets erneute Übertragung hält Erinnerung Vergangenes fest
und verleiht ihm eine Art von Dauer. Auch wenn Denkmälern eine
besondere Permanenz und Festigkeit zu eignen scheint, ist diese doch
sehr relativ. Die Vergangenheit ist Gegenstand einer (Re-)Konstruk-
tion, die sich in einer Gegenwart vollzieht, welche über ,ihre' Ver-
gangenheit nicht sprechen kann, ohne auch etwas über sich selbst
auszusagen. Immer nimmt Erinnerung eine materielle Spur auf und
schreibt Vergangenes unter veränderten Bedingungen in die Gegen-
wart ein.

Erinnerung solcherart als prozessual, als Übertragung und Re-Kons-
truktion, zu begreifen, verdeutlicht, dass in ihr um den "Geist" einer
Gesellschaft, um ihr handlungsleitendes Selbstverständnis, gestritten
wird, und so zugleich um ihre tatsächliche Zusammensetzung, ihre
materielle Existenz und zukünftige Entwicklung. Denn einerseits
lässt sich die bisherige allgemeine Beobachtung noch ausdehnen, so
dass endlich alle Einrichtungen und Institutionen, alle sogenannte
"Umwelt", Gebäude, Praktiken, Feste, Rituale, Sprachen, Ideologeme
und Idiome als dieser selben Notwendigkeit unterworfen begriffen
werden können, sich nur durch ihre materielle Reproduktion zu er-
halten. Andererseits impliziert Dauer, nunmehr verstanden als Re-
Konstruktion und Re-Produktion, - scheinbar paradox - zugleich
gerade auch Veränderlichkeit. Denn Übertragen bedeutet Erhalten
so gut wie Verändern. Jede Re-Konstruktion ist eben auch eine neu-
erliche Konstruktion unter veränderten Bedingungen, und nicht die
bisherige Konstruktion noch einmal. Erinnerung hält ein bestimmtes
Vergangenes in je bestimmter Weise fest. Vieles wird vergessen oder
verdrängt, vieles in verzerrender und opportuner Weise (re-)präsen-
tiert, und manches, das fast vergessen schien, aus der Vergangenheit
für die Gegenwart geborgen und aktualisiert. Landauer selbst sprach
von "Vergegenwärtigung".

Offenbar sind all diese Bestimmungen sehr abstrakt. Den ganzen Un-
terschied aber macht der konkrete Fall: Wer oder was wird wie und
zu welchem Zweck erinnert, oder auch nicht? Als eine erste Ursache
des schwankenden Unbehagens beim Gedanken an ein Denkmal für
einen Anarchisten lässt sich deshalb schlicht die Vermengung ver-
schiedener konkreter Fälle ausmachen, ihre Zusammenfassung unter
dem einen Allgemeinbegriff des Denkmals als Erinnerungszeichen,
der fast nichts über sie sagt.

Vergegenwärtigung des anarchistischen Sozialismus

Mit einem Denkmal für Gustav Landauer soll es nicht um die würdi-
gende Musealisierung einer herausragenden Gestalt des historischen
Anarchismus gehen, also nicht um die offiziöse Instrumentalisierung
des Gedenkens zur Bestätigung des Gewordenen in seiner dominan-
ten Tendenz, wie dies oft genug der Fall ist. Wir sind viel eher der
Auffassung, dass die Ideen Landauers in ihrem Kern heute so aktu-
ell sind wie eh und je und dass ihre Aktualisierung im Bestehenden
etwas bestätigt, das es aufstört und erschüttert, etwas, dessen genü-
gende Ausdehnung seine Re-Produktion in grundsätzlicher Weise
beeinflusst und verändert. Der anarchistische Sozialismus Gustav
Landauers verhält sich zum Bestehenden vielleicht ähnlich wie be-
stimmte hydroexpansive Gesteinsarten zum Felsmassiv, in das sie
eingelagert sind - und das sie sprengen, sobald nur genügend Feuch-
tigkeit absorbiert worden ist. So wäre auch die beste und letztlich
einzige Art, dem Gedächtnis Landauers gerecht zu werden, die ab-
gerissenen Fäden seines Sozialismus heute wieder aufzunehmen und
unter veränderten Bedingungen erneut anzuknüpfen. Was aber hat
ein Denkmal damit zu tun?

Diese Frage berührt die zukünftige Dimension von Denkmälern, die
schon angeklungen ist. Vielleicht mehr noch als dass sie an ein Ver-
gangenes erinnern, rufen manche Denkmäler etwas herbei, das noch
fehlt, und sind Erinnerung seines Fehlens.

Erinnerung ans Erinnern

Ein Denkmal für Gustav Landauer ist nicht geeignet, ihn aus der so-
zialistischen Bewegung herauszulösen, in Auseinandersetzung mit
der er seine Ansichten, seine Auffassung des Sozialismus, seine Ei-
genheiten, Begriffe, praktischen Ansätze und Initiativen entwickelt
hat. Niemand denkt oder handelt allein, und Landauer wusste dies
sehr gut. Gleichwohl hat er sich zum Sprecher einer Ausprägung
des anarchistischen Sozialismus gemacht, die es vor ihm tatsächlich
nicht gab. Widerwillen stand er lange Zeit nahezu alleine da und all
seine öffentlichen Äußerungen müssen als der Versuch gewertet wer-
den, diese Isolation in Richtung auf die Konstitution einer kollektiven
Kraft zu überwinden. Gibt es diese kollektive Kraft heute in irgend
relevanter Stärke, verbunden in der sofort beginnenden Verwirkli-
chung eines anarchistischen Sozialismus, ähnlich undogmatisch und
grundsätzlich zugleich? Ist Landauer heute weniger alleine?

Hier und dort gibt es Ansätze, verdienstvolle Anfänge, Strebungen,
und vereinzelte Tendenzen, auch ohne dass sie von den Versuchen
Landauers wüssten. Eine gemeinsam handelnde Kraft und einen
entsprechenden "Gemeingeist" gibt es nicht. Wenn es diesen Sozia-
lismus, der, so gut es geht, sofort mit der Verwirklichung beginnt,
schon in größerem Umfang gäbe, wäre das Denkmal tatsächlich ganz
unnötig. Denn in gewisser Weise soll es Erinnerung daran sein, sich
zu erinnern: eine Erinnerung zweiter Ordnung, wenn die wirkliche
Erinnerung dieses Sozialismus seine Vergegenwärtigung und sofort
beginnende Praxis ist. Das Denkmal soll dazu helfen, dass es über-
flüssig wird. Demokratisch ist dies alles im bestmöglichen Sinn.

Tatsächlich begreifen wir die 100. Wiederkehr von Landauers Todes-
tag als eine Gelegenheit, die heute ergriffen werden kann, um sowohl
seinem anarchistischen Sozialismus zu größerer Bekanntheit zu
verhelfen als auch ein spektrenübergreifendes Bündnis in der Errei-
chung eines konkreten Ziels zu verbinden und so unsere Handlungs-
macht gemeinsam zu steigern.

Zuletzt geht es nicht darum, den Erfolg einer dauerhaften Markie-
rung in der Erinnerungstopographie Berlins zu verbuchen. Es geht
nicht um das Denkmal allein; aber indem es ganz bestimmt um die-
ses Denkmal geht, haben wir ein Mögliches ins Auge gefasst, dessen
Realisierung den Horizont des Möglichen selbst verschieben kann.
Wir sind also der Auffassung, dass es keine Praxis gibt, ohne die Kon-
kretion eines Falls, ohne ein benennbares Anliegen, an dem sie sich
kristallisiert, durch das sie Fühlung mit der Situation aufnimmt und
in dessen Verfolgung die Kräfte sich konzentrieren. Deshalb haben
wir mit der Gustav Landauer Denkmalinitiative begonnen, laden ein,
sich ihr anzuschließen und rufen dazu auf, sie zu unterstützen.


WEITERE INFOS

kontakt at gustav-landauer.org
www.gustav-landauer.org


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