(de) FdA/IFA Gai Dào #60 - Proaktiv autonom, oder: Für ein Update libertä­rer Schulkritik Von: Mathias

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Sat Dec 19 11:41:52 CET 2015


Der Diskurs um libertäre Kritik an Schule und Erziehung stößt auf weniger Interesse als zu 
seinen besseren Zeiten. Das könnte daran liegen, dass die gewandelten Umstände schulischer 
Realität im Neoliberalismus und auch neue Theorieströmungen noch zu wenig berücksichtigt 
werden. Aber wie kann Herrschaftskritik an Schule aussehen in einer Zeit, in der weniger 
auf Anordnung gepaukt, sondern an die Selbststeuerungspotentiale von Schüler*innen 
appelliert wird? Eine neue Studie versucht Antworten zu geben. ---- Anarchismus und 
Pädagogik – ein wechselhaftes Verhältnis ---- Libertäre Schulkritik und Pädagogik zehrt 
bis heute stark von einigen ihrer Ikonen aus klassisch-anarchistischen Zeiten. Sei es die 
“moderne Schule” Francisco Ferrers (1859-1909), die “libertäre Volksbildung” Leo Tolstois 
(1828-1910) oder die Vorstellungen guten Unterrichts, die Anarchist*innen (u.a. Pjotr 
Kropotkin) 1898 gemeinsam in Paris formulierten: pädagogisch-optimistische Ansprüche 
überwogen.

Der neoanarchistische Diskurs um Pädagogik (ab 1945) hingegen ist von
einer skeptischen Grundtendenz gegenüber der Erziehung als
Herrschaftsinstrument geprägt. Anarchist*innen griffen zum einen die
US-Kinderrechtsdebatte im Anschluss an John Holt auf, der sämtliche
Schul- und Erziehungszwänge infrage stellte und sie diskutieren bis
heute die Antipädagogik Ekkehard von Braunmühls, die von der
Unmöglichkeit einer herrschaftsfreien Erziehung ausgeht. Zum anderen
entstand die Alternativschulbewegung in Abgrenzung zum staatlichen
Bildungssystem.

Neue Lernkultur...

Doch auch die staatlich organisierte Bildung als Bezugspunkt libertärer
Kritik ist nicht mehr dieselbe wie vor 50 oder 100 Jahren: Zumindest als
Versatzstücke finden sich an jedem noch so traditionsbewussten
Gymnasium reformpädagogische Elemente –
Rohrstöcke hingegen nicht mehr. Pauken und
Frontalunterricht sind zwar nicht
verschwunden, wurden aber längst ergänzt
durch kooperative Lernformen und
Wahlpflichtaufgaben, peer-Feedback und
Projektarbeit.

Abgesehen vom pädagogischen Umgang
wandelt sich auch die öffentliche Debatte.
Neue Phänomene zur “Ausschöpfung des
Humankapitals” treten auf. Bildung als Ware,
in Form zergliederbarer und vergleichbarer
Kompetenzen bildet den Grundstein zum
internationalen Wettbewerb wie in der
Vergleichsstudie PISA. All dies zeigt, dass Schule zwar auch weiterhin
ihre gesellschaftliche Funktion der Stabilisierung der bürgerlichen
Gesellschaft erfüllt, dabei aber vielfältige neue Formen zur
Konstruktion von “Leistung” als Zuweisungskriterium hervorbringt –
und damit Herrschaftsmechanismen.

... alte Kritik?

In meiner Untersuchung des anarchistischen Diskurses zu Schulkritik
und Pädagogik bin ich auf ein breites Spektrum inspirierender
Vorstellungen von freiheitlicher Bildung gestoßen. Allerdings sehe ich
in der teilweise zwar schonungslosen, aber unpräzisen Kritik an Schule
auch ein Zurückbleiben hinter dem eigenen Anspruch,
Herrschaftsmechanismen zu erkennen und anzugreifen. Dies möchte
ich an zwei Beispielen verdeutlichen.

Beispiel 1: “...ich rate zur sofortigen Revolution innerhalb des
Schulgebäudes!”

Moderne Unterrichtsformen jenseits von Frontalunterricht oder
weniger autoritärer Umgang von Lehrkräften: Solche Veränderungen
innerhalb des Systems Schule werden von Anarchist*innen häufig als
Reformismus abgetan, wahre Möglichkeiten freiheitlicher Bildung nur
im utopischen Bereich skizziert. Beispielsweise schreibt Schwarze
Katze: “freie Wahl heißt Unfreiheit! [...] der/die LehrerIn gewährleistet
den SchülerInnen nur so ein Maß an Freiheit, um nicht zu zeigen, wie
gefangen die Kinder eigentlich sind. Das gilt auch für Wahlfächer! Fragt
einen Todeskandidaten, ob er gehenkt, erschossen oder vergiftet werden
möchte...” 1 Und auf Lehrer*innen bezogen – egal ob kollegial oder
autoritär: “Der Lehrer ist allein durch seine Definition schon dazu
verdammt, seine SchülerInnen unterdrücken zu müssen”. Zu einem
drastischeren Fazit gelangt der Antipädagoge Gerhard Kern, der die
Komplizenschaft von Lehrer*innen als „Hilfsarbeiter der Macht“ 2
attackiert: Es träfe sie eine Mitschuld im Sinne Adolf Eichmanns
Eingeständnisses „Meine Schuld war mein Gehorsam“. In dieser
Hinsicht sind Lehrer*innen für Kern „Büttel eines präfaschistischen
Deutschlands“.

An diesen Beispielen erscheint mir problematisch, dass Schule bzw. “der
Staat” nur in seiner
repressiven Funktion
gesehen wird, und
dass Veränderungen
nur entweder wahr-
haft revolutionär oder
nichtig seien. Dadurch
werden Gegensätze
aufgebaut, die für
konkrete Kämpfe hin-
derlich sind, denn
meiner Meinung nach
kann die Einge-
wöhnung in normie-
renden und herr-
schaftsförmigen Um-
gang auch stückweise
untergraben werden.
Auch der Politik-
wissenschaftler Tor-
sten Bewernitz weist
auf einen sowohl
revolutionär wie auch
reformistisch vor-
gehenden Anarchis-
mus hin: “Egal ob
soziale Revolution
oder fünf Minuten Pause – der Kampf ist der selbe!” 3

Beispiel 2: “Freiräume schaffen!” – räumlich, zeitlich, und...?

In der Ablehnung von Fremdbestimmung und Unterdrückung arbeiten
sich viele Libertäre kritisch an der Institution Schule ab und setzen statt
dessen auf die Lerninteressen von Schüler*innen als Subjekte (statt als
Objekte), auf Selbstbestimmung, Autonomie und Freiheit, an
Alternativschulen auch “Selbstregulation”. Diese Ansprüche gehen
zurück auf die Hoffnungen, die bereits im Kontext der Neuen Sozialen
Bewegungen an Alternativprojekte geknüpft wurde: eine “neue
Gesellschaft im Kleinen vorweg zu nehmen” 4 , wozu es einer
“Bewusstseinsveränderung” 5 und der “Ausdehnung des Raumes für freie
Handlungen” 6 bedürfe, bis eine Gesellschaftsveränderung erreicht sei.
Dem Subjekt fällt in diesen Freiräumen die Fähigkeit zu, Verantwortung
für seine Entwicklung zu übernehmen 7 , in seinem Bereich initiativ und
kreativ zu sein 8 und selbst am besten zu wissen, was gut für es ist.

Mit seinen Gedanken zur Unterwerfung durch Subjektivität hat der
Philosoph Michel Foucault den Kämpfen gegen Herrschaft und
Ausbeutung einen weiteren Aspekt hinzugefügt. Er stellt infrage, ob das
“starke, autonome
Subjekt der
Aufklärung”, auf
welches sich
Anarchist*innen häu-
fig auch zur Unter-
stützung ihrer Schul-
kritik beziehen, als
(voluntaristischer)
Ausgangspunkt von
Widerständigkeit
vorausgesetzt werden
kann. Im Zeitalter
neoliberaler An-
rufungen an “Frei-
heit” und “Autono-
mie” wird dieser
Einwand umso be-
deutsamer. Wenn es
also stimmt, dass sich
Herrschaft auch
durch hegemoniale
Formen von Subjek-
tivität reproduziert,
dann müsste libertäre
Schulkritik stärker
als bisher danach
fragen, wie bereits die umkämpfte Her-vorbringung der Sub-jekte
zwischen Un-terwerfung und Widerstand eine Rolle für Schulkritik
spielt. Mit anderen Worten: Auch der von “autonomen Subjekten”
besiedelte Freiraum (ob Bildungsprotest, Alternativschule, Gegenuni)
stellt kein “Außerhalb” dar, sondern ist dem Sog des Regierens und Sich-
selbst-Regierens ausgesetzt.

Für ein Update

Zum Schluß einige mögliche Stoßrichtungen postanarchistisch
inspirierter Schulkritik.

Der Problematik, dass sich die bestehende Ordnung auch durch
Subjektivierung und selbst in Gruppen fortschreibt, die sich als
emanzipativ verstehen, begegnet beispielsweise der Erzieher und
Pädagoge Marc Brandt mit seinem Workshop “Männlichkeit in
autonomer Politik”. Dabei soll u.a. durch antisexistische
Gruppenstrukturen und die Reflexion des eigenen Habitus und der
eigenen Sozialisation männliche Herrschaft abgebaut werden. Ich halte
diese Initiative für ein wichtiges Beispiel dafür, dass auch
Anarchist*innen Subjektivierungsprozesse als Schauplatz für Kämpfe
aufgreifen könnten. Der Vorschlag des Anarchismusforschers Jürgen
Mümken zur Formierung “anarchistischer Subjektivität” 9 oder Ulrich
Bröcklings Kunst, “anders anders zu sein” 10 stellen hilfreiche
Ansatzpunkte dar.

Auch die widerständige Praxis der Entschulungsbewegung könnte
libertäre Schulkritik bereichern. Diese Bewegung, die sich auf das
Einfordern eines Rechts auf Bildung gegen Schule in ihrer heutigen
Form beruft, findet ihre Vorstellungen in den Entwürfen des
Anarchismusforschers Ulrich Klemm oder des freischaffenden
Philosophen Bertrand Stern von lokal-öffentlichen (statt zentral-
staatlichen) Bildungseinrichtungen konkretisiert. Entgegen den
herrschaftsverfestigenden Fehlschlüssen der homeschooler kann
libertäre Schulkritik hier einen wichtigen theoretischen und politischen
Bezugspunkt für praktischen Widerstand anbieten.

Darüber hinaus macht der Alternativschulpraktiker Matthias Hofmann
anschlussfähige Vorschläge zur Weiterentwicklung des politschen
Selbstverständnisses von Alternativschulen und weist auf die dringende
Notwendigkeit einer stärkeren Neoliberalismuskritik hin 11 . Zwar seien
Alternativschulen häufig aus einem kapitalismuskritischen sozialen
Kontext heraus entstanden, aber die Prinzipien (Selbstbestimmung,
Mitbestimmung) und die Fertigkeiten von Alternativschüler*innen
(kreativ, eigeninitiativ, engagiert) stellen im heutigen Kapitalismus
teilweise gewünschte soft skills dar: Unangepasstheit als
Alleinstellungsmerkmal, Kreativität als abzuschöpfende Ressource 12 .
Um dieser Vereinnahmung zu entgehen schlägt er vor, die Praktizierung
direkter Demokratie und die Mitbestimmungsmöglichkeiten auch in
grundsätzlichen Themen einer neoliberal verklärten Scheinfreiheit z.B.
im Arbeitsleben gegenüber zu stellen, die Hierarchie und
Ungerechtigkeit nicht grundsätzlich in Frage stellt.

Schließlich halte ich Praxisreflexionsformate und Lehrer*innen-
Bezugsgruppen wie die der Insel für Selbstbestimmtes Lernen 13 für eine
wichtige, aktuelle Bereicherung des Diskurses. Solche Formate können
helfen, dem Druck zur kritiklosen Übernahme pädagogischer
Handlungsweisen, Hierarchien und struktureller Zwänge zu begegnen.
Gleichzeitig könnte die Artikulation libertärer Positionen aus
Lehrer*innenperspektive helfen, den schulkritischen Diskurs auf alle an
Bildungsarbeit Beteiligten auszuweiten.

Die Studie “Libertäre Schulkritik und anarchistische Pädagogik”
erscheint im Februar 2016 im Verlag Edition AV.

[1] Dies und folgendes: Schwarze Katze, Ohnmächtig mächtig – Eine Kritik zur 
Lehrer-innen-Rolle. 
http://www.anarchismus.at/anarchistische-paedagogik/317-eine-kritik-zur-lehrerinnen-
rolle. Rev. 05.11.2015.
[2] Hier u. folgende: Kern, Libertäre Anti-Pädagogik. Ulm 1998, S. 24.
[3] FAUHamburg, zit. n. Bewernitz, Give the Anarchist A Theory. 
http://www.grundrisse.net/grundrisse24/GiveTheAnarchistATheory.htm, Rev. 05.11.2015.
[4] Föderation der Bildungssyndikate (Hrsg.), Beilage Bildungssyndikat, in: direkte aktion 
171 (2005), S. 8.
[5] Steinicke, Bildung und Erziehung ohne Herrschaft. Frankfurt/M. 1993, S. 22.
[6] Paul Goodman zit. n. Blankertz, Staatlichkeitswahn. Wetzlar 1980, S. 90.
[7] Vorwort, in: fragend voran... 1/2006, S. 1.
[8] Stern, Schluß mit Schule! Leipzig 2006, S. 199.
[9] Mümken, Freiheit, Individualität, Subjektivität. Frankfurt am Main 2003, S. 244.
[10] Bröckling, Das unternehmerische Selbst. 5. Aufl. Frankfurt/M. 2013, S. 283ff.
[11] Hofmann, Geschichte und Gegenwart Freier Alternativschulen. Ulm 2013, S. 147f.
[12] Bröckling, Das unternehmerische Selbst, S. 161-170.
[13] S. https://we.riseup.net/insel, Rev. 05.11.2015.


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