(de) FdA/IFA Gai Dào #60 - Wichtig ist massenhaft widerständiges Leben Von: Heinrich und Margarete

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Wed Dec 16 10:35:19 CET 2015


Während sich bundesdeutsche Medien mit Blick auf die bevorstehende Integration vieler 
geflüchteter Menschen wieder darauf konzentrieren von der Notwendigkeit einer „deutschen 
Leitkultur“ zu reden, erweisen sich weite Teile der sich selbst als progressiv und 
emanzipatorisch verstehenden politisch linken Szene als handlungsunfähig. Ihre Aktivität 
zeichnet sich häufig durch das Abspulen ständig gleichbleibender Parolen, aber vor allem 
auch Aktionsformen aus. Um die als möglich erklärte und häufig propagierte, sogenannte 
„bessere“ Welt schaffen zu können, braucht es aber vor allem langfristiges und 
konsequentes Abweichen vom Bestehenden. Eine Gegenkultur, die diesem Namen würdig ist. 
---- Wir leben in einer Zeit, für die sich wohl genug Gründe finden ließen, dieser ein 
möglicherweise revolutionäres Potenzial zuzuschreiben. Auf der einen Seite beobachten wir 
viele Menschen, die mit fundamentalen Problemen, regelrechten Krisen konfrontiert sind, 
die sie sowohl im rein ökonomischen, als auch zunehmend im persönlichen Bereich treffen. 
In den vergangenen Jahren wurden die Existenzgrundlagen vieler tausend
Menschen von einem Moment zum nächsten ausgelöscht. Im Zuge der
folgenden Auseinandersetzungen wurden viele Menschen stark
politisiert, veränderten ihre Wahrnehmung der Welt, in der sie leben.
Viele hatten die Chance sich im Zuge vergangener Krisenerfahrungen
und in Folge der sich formierenden Arten gesellschaftlichen Protests
und Widerstands nicht nur zu politisieren, sondern auch einen Weg zu
finden dieses neu gewonnene politische Bewusstsein in eine
entsprechende Aktivität zu überführen. Alte Gruppierungen konnten
Zulauf verzeichnen - und viele beteiligten sich wohl nicht zuletzt zu
diesem Zweck an entsprechenden Protesten - und neue wurden
gegründet.

Den möglicherweise verstärkt politisierten Menschen steht also auf der
anderen Seite eine Vielzahl politischer Gruppierungen
unterschiedlichster Couleur gegenüber. Allen gemeinsam ist, dass sie
für sich mehr oder minder den Anspruch erheben die Welt, wie sie
derzeit besteht, verändern zu wollen. Sieht man sich die
Außendarstellung vieler Gruppierungen an, entsteht schnell der
Eindruck, dass die meisten in erster Linie gegen etwas sind, und nur in
zweiter für eine Alternative. Im Selbstverständnis oder
Grundsatzprogramm finden sich ein paar Sätze dazu, wie man sich die
Welt in ferner Zukunft vorstelle. Diese liefern insgesamt wenig
konkrete Programme oder Darstellungen für die Welt von morgen.

Das an sich stellt kein Problem dar. Hierhin liegt vielmehr die Stärke
der Bewegung. Soll nämlich sichergestellt werden, dass der Umbau der
Welt so vonstattengeht, wie die daran beteiligten Akteure es sich
tatsächlich wünschen, muss dafür Sorge getragen werden, dass diese sie
gemeinsam und frei in ihrem Handeln formen können. Ein unter den
gegebenen Umständen ausformuliertes und für allumfassend erklärt
und anschließend zum Dogma erhobenes Konzept, würde letztendlich
wohl kaum seinen Zweck erfüllen können. Viel realistischer ist die
Vorstellung einer Transformation, die sich über eine Revolutionierung
in Teilschritten vollzieht. Wir können uns heute nicht vorstellen, wie
genau die Welt von morgen aussehen kann, was alles denkbar und
möglich ist, weil wir in einer Welt aufgewachsen sind, die uns
naturgemäß in unserer Vorstellungskraft und unserem Denken massiv
einschränkt. Stellen wir uns den revolutionären Prozess aber als ein
langfristiges Projekt vor, wird schnell deutlich, dass dies eine viel
realistischere Sichtweise ist, die letztendlich auch ein sehr viel größeres
Potenzial birgt. Ein fertiges Konzept wäre falsch.

Dennoch müssen subversive Gruppierungen eine gewisse Perspektive
bieten. Viele Menschen kehren ihnen nicht zuletzt deshalb nach einigen
Jahren intensiver Aktivität den Rücken, weil ihnen eine solche
Perspektive langfristig fehlt. Sie verlieren sich häufig darin, sich den
Gegebenheiten anzupassen, womöglich spießiger oder gar
kapitalistischer zu werden, als alle, die früher für sie als abschreckendes
Beispiel galten.

Werden die Aktionsformen linker Zusammenhänge betrachtet, scheint
diese Enttäuschung nachvollziehbar und schlüssig. Das Agieren
beschränkt sich oft primär auf eine reine Selbstdarstellung.
Demonstrationen und Protestveranstaltungen dienen unter anderem
zur Spenden- und Mitgliederwerbung, letztendlich aber - wie häufig
auch militante Aktionen - primär der Selbstbefriedigung. Die Frage
nach den Zielen der einzelnen Aktivitäten wird häufig genau so selten
thematisiert wie die kritische Betrachtung der jeweils gewählten
Strategien.

Hinsichtlich der jeweiligen Strategien wird häufig von vornherein eine
grundsätzliche Entscheidung zwischen gewaltfreien und militanten
Aktionsformen getroffen, die im Kern dazu führt, dass wirklich
effizientes Agieren nur noch stark eingeschränkt erfolgen kann, weil
durch eine grundsätzliche Wahl zwischen beiden eine bestimmte
Handlungsart von Beginn an zum Dogma erhoben wird und dadurch
andere, je nach Begebenheiten womöglich effizientere Aktionsformen
ausgeschlossen werden. Hier lässt sich festhalten, dass sich in der
Vergangenheit gerade solche
Kämpfe als besonders effizient
erwiesen haben, die mit einer
breiten Vielfalt an
Aktionsformen in
Erscheinung getreten sind.
Außerdem bildet
Emanzipation und
Selbstbestimmung die
Grundlage einer
herrschaftsfreien Gesellschaft
und jene, die für sie kämpfen,
müssen erkennen, dass
anderen das Recht zusteht,
selbst zu entscheiden welcher
Techniken sie sich jeweils
bedienen möchten. Nur in
einer Begegnung auf
Augenhöhe und der
Koexistenz aller
Aktionsformen kann ein Weg
in eine erstrebenswerte
Zukunft gesehen werden.

Fest steht, dass Emanzipation,
wenn sie nicht gelebt, sondern
ständig nur propagiert wird
nach einer Zeit naturgemäß
ihren Anreiz verliert. Um dem
vorzubeugen, aber auch um
zielführend an dem Aufbau
einer anderen Welt zu
arbeiten, kommt daher der Frage der Strategie eine besondere
Bedeutung zu. Bringen uns alteingesessene Aktionsformen, wie
Demonstrationen wirklich einem bestimmten Ziel näher oder bergen sie
vielleicht vielmehr die Gefahr, dass sie hinsichtlich Organisations-,
Anreise- und Zeitaufwand Ressourcen verschlingen, die an anderer
Stelle sehr viel effizienter eingesetzt werden könnten?

Menschenketten, Mahnwachen, Latschdemos und Postkartenaktionen
sind nicht per se zu verurteilende Aktionsformen im Kampf für ein
besseres Leben und ihnen kann sicherlich auch nicht der ein oder
andere Teilerfolg abgesprochen werden, allerdings birgt jede Aktion
auch immer die Gefahr in sich, Kapazitäten und die Motivation für
andere zu rauben. Aus diesem Grund sollte die Frage der Strategie stets
gestellt und offen kritisch thematisiert werden. Hierin sollte aber unter
keinen Umständen vorschnell ein Anlass zur Spaltung gesehen werden,
denn besonders die Vielfältigkeit einzelner Bewegungen macht diese
stark. Neben der Frage der kritischen Praxis sollten auch Themen wie
Sicherheit, Dominanzverhalten und Hierarchien regelmäßig
selbstkritisch behandelt werden.

Gerade weil die Ziele gesellschaftlicher Veränderungen oft in weiter
Ferne scheinen ist es wichtig, Wege zu finden, seinen Widerstand aktiv
leben zu können. Zentral
sind hierfür nicht besondere
Lebensformen, die
Mitgliedschaft in
bestimmten politischen
Zusammenhängen oder ein
bestimmtes Maß
an theoretischem und
praktischem Wissen. Von
zentraler Bedeutung ist es
vielmehr das eigene
emanzipatorische Handeln
sichtbar zu machen, sich
theoretisch und praktisch zu
schulen, selbstorganisiert
und unabhängig aufzutreten
und gemeinsam mit anderen
Menschen

Widerstandsformen für den
Alltag zu entwickeln.

Während sich auf Demos
und selbstorganisierten
Events selten die
Möglichkeit ergibt mit
Menschen, die der
Bewegung fremd sind in
Kontakt zu kommen und die
eigenen Ideen offen zu
diskutieren, bergen kleine
Aktionen im Alltag oft ein
sehr viel höheres
revolutionäres Potenzial. Hierzu gehört es beispielsweise Herrschafts-
und Gewaltformen zwischen Menschen bei möglichst jeder Gelegenheit
durch unmittelbares Eingreifen kenntlich zu machen, durch die Kritik
alltäglicher Normalitäten aktiv Debatten um Sexismus,
Verwertungszwang, Umweltzerstörung und Diskriminierung
loszutreten und bestehende Alternativen zu Markt und Staat offensiv zu
unterstützen.

Für einen derart widerständigen Alltag eignen sich verschiedene
Formen der Kommunikationsguerilla, beispielsweise geschickt gestaltete
und platzierte Flugblätter oder Aufkleber, die zum Beispiel in
Telefonzellen oder an Briefkästen darauf hinweisen, dass die geführten
Gespräche oder eingeworfenen Sendungen überwacht werden, wenn
dem nicht explizit widersprochen werde oder die auf dem Weg zu und
direkt vor Wahllokalen verkünden, die Wahl sei aufgrund eines Mangels
an Alternativen zum Bestehenden auf unbestimmte Zeit ausgesetzt.
Geht es um Konsum, können derartige Zettel dazu dienen Produkten in
Supermärkten als falsche Preisetiketten oder Warnhinweise zusätzliche
Informationen hinzuzufügen. Bei Fertiggerichten beispielsweise einen
Hinweise auf den täglichen „Einheitsbrei“ oder bei Kosmetikprodukten
etwas wie „Der Preis dieses Produktes zeichnet sich durch ein sinkendes
Selbstbewusstsein und steigenden Schlankheitswahn aus“. Auf
öffentlichen Toiletten oder in Umkleide können geschickt formulierte
und entsprechend platzierte subversive Gedichte oder Texte dazu dienen
an diesen stillen Orten Anlass zu Gedankenspielen zu geben. Ein
bisschen Material für derartige, subversive Aktionen stets mit sich zu
führen, lohnt sich also – ausgenommen natürlich in Situationen, in
denen mit personenbezogenen Kontrollen zu rechnen ist, wie
beispielsweise im Vorfeld von Demonstrationen.

Wenn es darum geht aktiver selbst eine Rolle zu spielen, seien hier die
folgenden Beispiele genannt: Ladendiebstahl, das spontane
Improvisieren von kleinen, versteckten „Theaterstücken“, die
beispielsweise dazu dienen beobachtete Situationen, in denen jemand
diskriminiert wurde überspitzt zu wiederholen oder ironisch auf die
Spitze zu treiben. Letzteres kann beispielsweise an der Supermarktkasse
passieren, wenn es darum geht die Einkäufe aufzuteilen um diese nach
Hause zu bringen und eine Frau zu einem Mann sagt, sie trage den
schweren Kasten Bier, er sei immerhin aufgrund seines zugeschriebenen
Geschlechts zu schwach dafür. Denkbar ist es auch beobachtete
Situationen im Zuge eines vorgetäuschten Telefonats lautstark politisch
zu kommentieren. Geht es um Fahrkartenkontrollen im Zug oder der S-
Bahn ist es denkbar, diese solange zu ignorieren, bis eine persönliche
Ansprache erfolgt, seinen eignen Fahrausweis dann nur zögerlich zu
suchen und den Sinn der Kontrolle kritisch zu erfragen um dadurch
eine Diskussion um Eigentums- und Teilhaberechte loszutreten. Etwas
militanter ist es auch denkbar sich vehement von den Kontrollierenden
wegzudrehen und an der nächsten Haltestelle aus dem Wagon zu
springen. Wird eine Polizeikontrolle beobachtet, können kritische Blicke
unter das Polizeiauto oder Hinweise zum Zustand („Muss das dort
unten so herunterhängen?“) für kurzzeitige Irritation sorgen. Es wäre
auch denkbar die durchgeführten Aktionen lautstark zu begrüßen,
mehr und allgegenwärtige Polizeigewalt einzufordern oder die
Kontrollierenden im Sprechchor abzufeiern. Der Alltag bietet zahlreiche
Möglichkeiten für kleine Sabotageaktionen.

Im persönlichen, zwischenmenschlichen Zusammenleben kommt es
darauf an praktische Alternativen bewusst und bedacht auszuleben und
diese dabei stets selbstkritisch weiterzuentwickeln. Sei es nun die
Ausgestaltung der eigenen Beziehung, im Bereich der Ernährung,
Bildung, Freizeitgestaltung oder gar der Kindererziehung. Überall bietet
sich Raum für widerständiges Leben, den es zu erkennen und bedacht
zu nutzen gilt.

Nur durch ständige Wachsamkeit und entsprechende Aktivität kann
letztendlich ein Leben jenseits der allgegenwärtigen ökonomischen
Unterwerfung erlangt werden. Durch alltäglichen Widerstand können
Gewinne an Handlungsspielraum erzielt werden, die sich selbst
potenzierend allgegenwärtig Orte für kreativen Widerstand und
alternative Lebensformen schaffen. So wie es immer schon falsch war
Alltag und Politik zu trennen, ist es auch falsch Widerstand auf
öffentliche, massenwirksame Aktionsformen zu beschränken und ihn
somit zu einem besonderen Erlebnis zu machen, dass abgekoppelt vom
restlichen Leben existiert. Kleine Eingriffe, die ohne größeren Aufwand
überall durchgeführt werden können bieten ein großes Potenzial.
Wichtig ist massenhaft widerständiges Leben. Nur aus ihm können
stabile Zentren einer wahren Gegenkultur entstehen.


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