(de) FdA/IFA Gai Dào #60 - Die dunkle Seite der Anti­Macht Leserbrief zur Rezension von Ursula K. Le Guins „Die Enteigneten“ Von: Teodor Webin

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Tue Dec 15 16:16:04 CET 2015


Anmerkung der Redaktion: In der Gaidao Nr. 59 (November 2015) wurde die von Lucius 
Teidelbaum verfasste Buchrezension zu "Planet der Habenichtse" veröffentlicht. Folgender 
Leserbrief antwortet auf die genannte Buchrezension. ---- Lieber Lucius, ich bin etwas 
überrascht von deiner Buchbesprechung, denn in ihr fehlt ein wesentlicher Kern, der gerade 
die Relevanz dieses Buches ausmacht. In allen bisherigen deutschen Übersetzungen bis 2006 
fehlte leider der entscheidende Untertitel des Buches: „Eine ambivalente Utopie“ - also 
eine mehrseitige, eine fragwürdige Utopie. Ursula K. Le Guin übernimmt eben nicht nur 
einfach die Ideen z.B. Kropotkins, sondern sie stellt auch infrage, ob diese Utopie so 
widerspruchslos und freiheitlich wäre, wie sie auf den ersten Blick scheint – und das tut 
sie sogar sehr, sehr drastisch! Du schreibst in deinem Fazit Le Guin würde mit „Die 
Enteigneten“ nahelegen, dass und wie Anarchismus funktionieren könnte. Sie macht das 
Gegenteil: Sie zeigt auf, woran der Anarchismus scheitern könnte.

„Die Enteigneten“ ist meiner Meinung nach eher in einem Kontext mit
den großen Dystopien (negative Utopien) wie Huxleys „Brave New
World“ oder Orwells „1984“ zu lesen. Oder auch: Le Guins literarische
Formulierung einer Utopie war die letzte noch mögliche Formulierung,
bevor das Zeitalter der Dystopien anbrach. Die Erstausgabe von „Die
Enteigneten“ erschien 1974, d.h. der Schreibprozess fand im Scheitern
der sogenannten 1968er-Bewegung statt und reflektiert natürlich auch
diese. Global wurden die damaligen sozialen Bewegungen vor allem
durch Kriege (Vietnam!), durch die atomare Bedrohung und durch
einen drohenden ökologischen Kollaps geprägt. Eine andere Welt schien
auch Schriftsteller*innen unwahrscheinlicher als ein
Untergang im Desaster. Das prägt die engagierte Li-
teratur. Le Guin geht einen Zwischenweg: Sie schildert
die positive Utopie, die sie definitiv selber sympathisch
findet, sie beschreibt aber auch intensiv ihre dunkle Seite.

Über Jahre hinweg haben mir mehrere gute Freun-
d*innen immer wieder geraten, „Planet der Habe-
nichtse“ unbedingt einmal zu lesen, denn es hätte sie
zu Anarchist*innen gemacht. Es hat sehr lange
gedauert, bis ich das endlich getan habe. Ich
fand das Buch großartig, habe mich aber gefragt, wie
diese skeptische Darstellung, die den Finger auf
einige wunde Punkte legt, Menschen zu Anarchist*innen machen
könnte, anstatt sie eher von dieser Idee abzuschrecken.

Du schreibst in deiner Rezension der Physiker Shevek würde den Mo
Anarres Richtung Urras verlassen, weil er „glaubt, nur hier seine
Forschungen fortsetzen zu können“. Nein, das steht so nicht im Buch.

Er glaubt dies nicht nur, er weiß es. Er wird in seiner Forschungsarbeit
behindert, weil sie nicht zur Idee der Odonier*innen passt. Seine
naturwissenschaftlichen Ideen werden als „besitztümlerisch“
(„propetarisch“ – welch wunderschöne Wortschöpfung!) angesehen und
daher bewusst und autoritär boykottiert – obwohl Shevek
kapitalistische Interessen tatsächlich fernliegen. Das ist der Kern des
Buches: Das gleichberechtigte Kollektiv beherrscht die Einzelnen und
verharrt in Stagnation, hat Angst vor Entwicklung. Dabei wird auch
Sheveks Privatleben – das Zusammensein mit seiner Freundin und
seinem Kind – absichtlich verunmöglicht. Dass Shevek auch nur
Kontakt zu einer nicht-anarchistischen Kultur aufnimmt, gilt den
Odonier*innen als Verrat. Es gibt nur eine Antwort darauf in dieser
„freiwilligen“ Ordnung: Den Ausschluss aus der Gemeinschaft.

Weitaus schlimmer geht es Sheveks Freund Tirin, dem Künstler: Er wird
von der anarchischen Gesellschaftsorganisation schlicht für verrückt
erklärt. Gefängnisse gibt es nicht, aber eine Insel mit einer
„Einrichtung“ für Kranke. Die Anspielung ist, finde ich, deutlich genug.

Vor allem aber hat Ursula K. Le Guin in „Die Enteigneten“ eins deutlich
gemacht: So viele gute Vorsätze wir auch haben, so gut unser Plan auch
ist, welche Eventualitäten wir auch einkalkuliert haben: Es gibt keine
Sicherheit selbst vor extremsten Menschheitsverbrechen. Im Mittelteil
des Romans beschreibt die Autorin eine große Hungersnot und die
damit verbundene bewusste gesellschaftliche Entscheidung, massenhaft
Menschen verhungern zu lassen – vor allem aber den gesellschaftlichen
Zwang, dass wiederum Einzelne entscheiden müssen, wer lebt und wer
stirbt. Die ganze Episode um die Hungersnot auf Anarres wäre für die
Rahmenhandlung nicht nötig, aber sie ist mehr als notwendig für Le
Guins moralische Botschaft. Shevek unterhält sich über diese
Hungersnot mit einem Eisenbahner, der zentrale Sätze des Buches sagt:
„Ich [...] arbeitete ganztags, [...] daher bekam ich volle Rationen. Ich
verdiente sie mir. Ich verdiente sie, indem ich Listen von den Menschen
aufstellte, die zum Hungertod verurteilt wurden. [...]Ich musste
Menschen zählen. [...] Ich habe [die Arbeit] niedergelegt. [...] Aber die
Listen von der Fabrik [...] hat jemand anders übernommen. Es gibt
immer Leute, die bereit sind, Listen aufzustellen.“

Ich musste das Buch bei diesen Sätzen weglegen. Ursula K. Le Guin
macht hier sehr deutliche Anspielungen auf den Faschismus, den
Nationalsozialismus und die massenhafte Vernichtung von Menschen-
leben. Sie warnt: Diese Pervertierung der Gesellschaft ist immer
möglich, auch im Anarchismus! Das ist sehr krass, ich kenne keine
einzige andere literarische Stelle, die eine solche Möglichkeit derart
beschreibt. Aber die Warnung erfolgt zu recht.

Ich möchte nicht missverstanden werden: Ursula K. Le Guin hat kein
Buch geschrieben, um den Anarchismus schlecht zu machen. Sie selber
hat das meines Wissens in einem späteren Aufsatz betont. In gewissem
Sinne „wirbt“ sie durchaus auch für diese Gesellschaftsform – aber
weniger durch die Beschreibung des anarchistischen Mondes Anarres
als vielmehr durch den Blick von diesem Mond auf den kapitalistischen
Planeten Urras. Ich wollte aber die Aufmerksamkeit auf die wichtige
Kritik, die Le Guin sehr deutlich äußert, lenken, weil sie in deiner
Rezension gar nicht vorkommt. Das darf man nicht überlesen. Ursula K.
Le Guin sagt uns: Bleibt wachsam! Ich war sehr dankbar für dieses
Buch, nicht weil es mich zum Anarchisten gemacht hätte, sondern weil
es mir in Erinnerung gerufen hat, dass es nicht darauf ankommt,
Anarchist zu sein, sondern Mensch zu bleiben.

Mit nichtsdestotrotz sozialistisch-libertären Grüßen
Teodor Webin


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