(de) FdA/IFA Gai Dào #60 - Wobbling to victory ­ Sind militante Gewerk­ schaften anarchistische Chaoten oder die Zu­ kunft der Arbeiter*innenbewegung? Von: Dek Keenan / Übersetzung: Ben

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Mon Dec 14 15:16:05 CET 2015


In den letzten Jahren begannen neue oder wiederentdeckte Formen der Selbstorganisation der 
Arbeiter*innen aufzutauchen, und zwar oft dort, wo es am wenigsten erwartet wurde.--- 
Kleine unabhängige Gewerkschaften erreichten Erfolge für manche der marginalisiertesten 
und prekärsten Gruppen von Arbeiter*innen, indem sie eine Kombination von häufig kühnen 
Taktiken der Direkten Aktion und innovativen Kampagnenstrategien nutzten. Diese 
dynamischen neuen (und teilweise nicht so neuen) Gewerkschaften kämpfen und organisieren 
sich mit wenigen oder gar keinen Vollzeit-Funktionären und mit niedrigstem Budget. ---- 
Sind sie das Werk anarchistischer Chaoten außerhalb der Tradition der 
Arbeiter*innenbewegung oder zeigen sie einen Weg aus der Sackgasse, in der sich unsere 
Bewegung befindet?

In London waren Gewerkschaften wie die Vereinten Stimmen der Welt
(United Voices of the World; UVW) und die Unabhängige
Arbeiter*innen-Union Großbritanniens (Independent Workers Union of
Great Britain; IWGB) in der vordersten Front der Kämpfe prekärer,
ausgelagerter und größtenteils migrantischer Arbeiter*innen. Kürzlich
brachten öffentlich sehr präsente Kämpfe für den Mindestlohn,
Krankengeld und die Wiedereinstellung von
Gewerkschaftsaktivist*innen bei Auktionshäusern die UVW in die
Öffentlichkeit.

Die ersten Zeichen dieses ‚neuen Unionismus‘ zeigten sich in
Großbritannien 2011, als die Industrial Workers of the World (IWW),
die berühmten ‚Wobblies‘, eine Branche für Reinigungskräfte in London
organisierten und dafür enttäuschte Mitglieder von Unite rekrutierten,
die mit der Lateinamerikanischer Arbeiter*innenassoziation (Latin
American Workers Association; LAWA) verbunden waren.

Diese Branche basierte auf der bestehenden solidarischen Community
in der LAWA und verbreitete sich durch Beratungssprechstunden für
Arbeiter*innen und Sprachkurse, sowie energisches Werben über die
lateinamerikansiche Community hinaus zu anderen Gruppen von
Reinigungskräften, die nach einer effektiven Vertretung am Arbeitsplatz
suchten. Die Londoner Mindestlohn-Siege im Bürogebäudekomplex
Canary Wharf und anderswo folgten, schärften das Profil der IWW und
bereiteten den Weg für konsequente Initiativen von UVW und IWGB.

Europa und der globale Süden

Im Herbst 2014 führte in Berlin die Freie Arbeiter*innen Union (FAU),
eine kleine anarchosyndikalistische Gewerkschaft, die in den 1970ern
gegründet wurde, aber ältere Wurzeln hat, einen Kampf rumänischer
Bauarbeiter gegen die Mall of Berlin. Der als 'Mall of Shame'-Kampagne
bekannt gewordene Kampf begann, weil – bereits unterbezahlte
Arbeiter – vom Management bedroht wurden, während sie ihnen
gleichzeitig schriftliche Arbeitsverträge vorenthielten. Weil die
Mainstream-Gewerkschaften die Arbeiter ignorierte, wandten diese sich
an die FAU als eine Gewerkschaft, die bereit war, für das zu kämpfen,
was man ihnen schuldete. Unter dem Slogan ‚Bezahl die Arbeiter!‘
lenkten beständige Demonstrationen und Proteststände an der
Luxusmall die Aufmerksamkeit auf die Not der vielen tausenden
migrantischen Arbeiter*innen, die in Deutschland überausgebeutet
werden. Der Fall ging nun vor Gericht.

In Italien organisierte die Graswurzel-Gewerkschaft SI Cobas
migrantische Arbeiter*innen (größtenteils aus Afrika und Indien), die in
Bolognas multinationalem Warenhaus- und Logistiksektor arbeiten.
Obwohl sie mit Anfeindungen von Unternehmern, Polizei und
organisiertem Verbrechen fertig werden mussten, errangen ihre
Direkten Aktionen und gemeinschaftsbildenden Taktiken bedeutende
Siege. Gleichzeitig arbeiten in Polen und Deutschland Mitglieder der
syndikalistischen Gewerkschaft ‚Workers Initiative‘ und einfache
Mitglieder der Mainstreamgewerkschaft ver.di in einer
grenzüberschreitenden Kooperation in den Amazon-Versandhäusern in
beiden Ländern zusammen und organisieren sich gegen ein stark
gewerkschaftsfeindliches Unternehmen.

Die Arbeiter*innen des globalen Südens gingen, wie immer, vorneweg
mit einer wachsenden Bewegung unabhängiger und kollektiver
Organisationen unter einigen der historisch am meisten
marginalisierten Arbeitskräfte wie im informellen Sektor oder
Heimarbeiter*innen. Sogar unter traditionell gewerkschaftlich
organisierten Arbeitskräften brachte die Unzufriedenheit mit ihrer
bisherigen Gewerkschaft manche Arbeiter*innen dazu, autonome
Paralellorganisationen zu gründen; z. B. die Pempilai Orumai
(Arbeiterinnen-Solidarität), Bemerkenswert an diesen neuen
Gewerkschaften ist, dass sie, entgegen den Erwartungen, tatsächlich
gewinnen. Die Siege werden oft erreicht durch eine Kombination aus
kreativer Direkter Aktion, dem Aufbau solidarischer Allianzen mit
Akteuren sozialer Bewegungen, dem intelligenten Nutzen sozialer
Medien und dem Fokus auf die aktive Beteiligung der Mitglieder.
Arbeiter*innen dieser Gewerkschaften tendieren dazu, ‚die
Gewerkschaft‘ als ihr eigenes kollektives Erzeugnis und ihre Aktivität
zu sehen. Ihre Beziehung zur Gewerkschaft ist nicht passiv. Sie warten
nicht darauf, dass Dinge für sie getan werden, sondern nutzen ihre
organisatorischen Strukturen, sie selber zu tun. Diese Art von
Gewerkschaft, die gewissermaßen nur möglich ist, weil Mitglieder und
Aktivist*innen nicht in traditionellen Gewerkschaftsaktivitäten stecken,
hat alle Kennzeichen einer sehr verleumdeten Form der
Arbeiter*innenorganisierung – des Syndikalismus.

Syndikalismus

Der Syndikalismus, der heute oft mit dem Anarchosyndikalismus
identifiziert wird, ist eine Strömung, die in der
Arbeiter*innenbewegung des späten 19. Jahrhundert aufkam. Sie ist
explizit antikapitalistisch; neigt zur Anwendung der Direkten Aktion
statt auf parlamentarischen Wandel zu warten; ist gegen
‚Sozialpartnerschaften‘ mit Unternehmen, sondern überzeugt von
direktdemokratischen Strukturen, die die Autonomie der
Arbeiter*innen am Arbeitsplatz betonen. Im frühen 20. Jahrhundert
bildete dieser revolutionäre Syndikalismus einen großen Teil der
globalen Arbeiterbewegung. Jedoch folgte ein rascher Abstieg dem
Auftauchen der kommunistischen Parteien und der Aufstieg des
Faschismus führte zum Untergang oder der Zerschlagung der
Bewegung. Durch den Klassenkompromiss nach 1945 ist der
Syndikalismus beinahe verschwunden. Nachdem nun der neoliberale
globale Kapitalismus die Sozialpartnerschaft wegwirft, ohne
Zurückhaltung privatisiert und die schlechten alten Zeiten des ‚wilden‘
Kapitalismus zurückkehren, taucht die syndikalistische
Organisationsweise wieder auf, um die Herausforderungen zu meistern.
Aber syndikalistische und andere militante Minderheiten-
Gewerkschaften bleiben dies – eine Minderheit. Die Frage bleibt, wie
ihre Ansätze - wenn sie Erfolg bringen - zum Nutzen der breiteren
Arbeiterbewegung ausgeweitet werden können.

Es gibt Zeichen, dass dies nun beginnt - wenn auch auf kleiner Ebene
und vorwiegend unter prekären Arbeitskräften. Kürzliche
Organisierungsbemühungen der Vereinigten Hotelangestellten in
London, die ähnliche Ansätze wie die neuen Gewerkschaften nutzten -
betonte innergewerkschaftliche Demokratie, Beteiligung und Militanz -
erreichten Ergebnisse gerade dort, wo veraltete hierarchische
Organisationen in der Vergangenheit scheiterten. Die Vereinigten
Hotelangestellten betonen ihre Solidarität mit anderen
Graswurzelinitiativen und pflegen einen respektvollen Kontakt und
gegenseitige Hilfemit anderen Gewerkschaften wie UVW, IWGB und
IWW, die in benachbarten Sektoren organisieren.

Das ist gut, aber leider die Ausnahme. Die Direkte-Aktion-
Gewerkschafter*innen nehmen sich oft in Acht vor den Gewerkschaften
des gewerkschaftlichen Dachverbands Trades Union Congress (TUC)
und zwar aus gutem Grund. Manche TUC-Aktivist*innen sind skeptisch
gegenüber den Neuen und werfen ihnen vor, die Bewegung zu spalten;
eine Einstellung, die auf einem fehlenden Bewusstsein für die
Ursprünge der neuen Gewerkschaften beruht.

Ob diese Vorsicht überwunden werden kann, ist wohl ein Hauptfaktor
für den zukünftigen Erfolg der Arbeiterbewegung sowohl in
Großbritannien als auch global. Ein offener Dialog sollte entwickelt
werden – zu unserem gegenseitigen Nutzen.


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