(de) FdA/IFA Gai Dào #60 - Accountability­Abläufe Von: unbekannt / Übersetzung: madalton

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Sat Dec 12 09:00:59 CET 2015


Dies ist eine Auswertung der „Accountability-Abläufe“ - Veranstaltung, welche auf der 
Konferenz stattfand. ---- Anmerkung der Redaktion: Seit der Gaidao-Nummer 52 (März 2015) 
veröffentlichen wir jede Ausgabe einen Beitrag zur anarcha-feministischen Konferenz 
(AFem2014), die im Oktober 2014 in London stattfand. ---- Anmerkung zum Inhalt: Allgemeine 
Diskussionen über Misshandlung, Schwierigkeiten seelischer Gesundheit sowie 
Schuldzuweisung an die betroffene Person (es wird nichts konkretes benannt) ---- Zwei 
Stunden dauerte diese Veranstaltung, in welcher der Schwerpunkt auf der Geschichte und 
Anwendung von accountability-Abläufen in emanzipatorisch-radikalen Gemeinschaften gelegt 
wurde. Sie fand in einem Raum statt, welcher zuvor für den Workshop „Betroffenengeführte 
Herausforderungen zu Gewalt in unseren Gemeinschaften“ und den „Abschaffung aller 
Gefängnisse“-Workshop der Gruppe „Empty Cages“ genutzt worden ist. In beiden
Veranstaltungen wurde der akute Bedarf nach accountability-Abläufen
festgestellt (um das Strafjustizsystem bedeutungslos zu machen; um
unterdrückende Beziehungen infrage zu stellen und umzugestalten; um
die Sicherheit der Bevölkerung aufrecht zu erhalten und um intakte
Gemeinschaften zu errichten; etc.). Es war klar, dass wir es mit etwas
von entscheidender Bedeutung für Anarcha-Feminismus zu tun hatten;
und für weitere Vorstellungen einer gerechteren Welt.
Schau dir bitte die Seiten 11-12 dieser Broschüre 1 an für gute, grobe
Beschreibungen von accountability-Abläufen, Restorative Justice 2 und
transformativer Hilfe 3 . Ich gebrauche die am meisten anerkannte
Sprache rund um dieses Thema, welches auch unter dem Link diskutiert
wird, falls etwas unklar sein sollte.

Wir begannen mit zwei Referent*innen: Tanya gab einen
geschichtlichen Einblick, indem sie den Bedarf nach safer-space-
Konzepten 4 und accountability-Abläufen einbezog, rückverfolgte wie
diese entstanden sind und auf einige Grundlagen hinwies, welche ihre
Arbeit untermauerten (mehr ist hier 5 zu finden). Danach behandelte
Romina aus Los Angeles transformative Hilfe in den USA, besonders
eine kürzlich stattgefundene Konferenz mit Beteiligung mehrerer
Organisationen (mehr hierzu unter folgendem Link 6 ).

Nach einer kurzen Frage- und Antwort-Runde der Zuhörer*innen mit
Tanya und Romina, wurde die Diskussion in der Runde eröffnet. Unten
stehen einige Gedanken, welche ich in den meisten Diskussionen
wahrgenommen habe oder welche mehrmals genannt worden sind.
Bitte tut euch keinen Zwang an einen Kommentar oder eine e-mail zu
schreiben um Aspekte anzufügen, welche ich vergessen habe. Für Leute,
die gerne mehr lesen möchten gibt es am Ende des Textes Links zu
Quellen.

Fragen stellen: Sobald accountability-Abläufe beginnen ist es wichtig

Fragen zu stellen. Jeder Ablauf wird sich abhängig von der
bevorstehenden Situation unterscheiden und die vielleicht beste
Möglichkeit sicherzustellen, dass wir die beste Arbeit drumherum
leisten, ist uns mit den richtigen Fragen auszustatten, welche wir uns
und anderen stellen; und eben nicht starre Vorstellungen davon haben
was zu tun ist und wie es gemacht werden soll.

Sich vergewissern, dass wir über Ressourcen verfügen:

Accountability-Abläufe erfordern eine Menge an Emotionen,
Ressourcen und Zeit, damit sie gründlich erledigt werden. Leute
dachten darüber nach, wie diese Belastung bewältigt werden kann:
Indem Organisationen von anderen Arbeiten ferngehalten werden,
damit sie sich um accountability-Abläufe kümmern? Indem man eine
eigenständige Gruppe hat, die sich mit der Tatperson befasst, und eine
andere, welche sich um die betroffene Person kümmert? Wie wird dies
dann in die Gemeinschaften rückgemeldet? Indem wir sicherstellen,
dass wir unsere Umsetzung zu accountability ausgearbeitet haben,
bevor die Krise einschlägt? Wenn wir unsere Vorstellungen von safer-
spaces und accountability in Zeiten der Krise hinterfragen und
umorganisieren ist dies oftmals gefährlich: Wie können wir Räume
„sicher“ und „frei“ genug errichten, um dies zu tun, damit unsere Arbeit
sich verbessern kann – ohne Schaden zu verursachen?

Auf Betroffene ausgerichtet - ausgenommen bei Gewalt:

Accountability-Abläufe sind immer und idealerweise „auf die
Betroffenen gerichtet“. Aber wenn Betroffene Interesse daran haben
Gewalt zu verfolgen als eine Reaktion auf Misshandlung (verbal,
körperlich gewalttätige Konfrontationen oder zerstörten von Eigentum,
zum Beispiel), werden sie oftmals nicht unterstützt. Ist dies
heuchlerisch? Wie sollen wir eine pauschale Verpflichtung für „auf
Betroffene ausgerichtete“ Hilfe abwägen, wenn eine bestimmte
Vorstellung der Betroffenen über Hilfe immer ausgenommen sein wird?
Sollen Betroffene unterstützt werden das zu tun, was sie als das beste
wahrnehmen, was immer dies auch bedeutet? Gibt es mehr Missfallen
und Kritik des Verlangens von Betroffenen nach Vergeltung/Gewalt als
es Missfallen über die Misshandlung der Täter gibt? Sollten wir diesen
Diskurs infrage stellen? Wie ist es mit dem, was andere Organisierende
gerade ungezwungen machen? Ist die Wut der Betroffenen eine
nutzenbringende Kraft, die wir rundherum aufbringen können, anstatt
sich auf friedfertige Diskussionen zu konzentrieren, welche den
gerechten Zorn der Betroffenen verrauchen lässt?

Verantwortliche accountablility: Viele Menschen erwähnten
Erfahrungen von auseinander gefallenen accountability-Abläufen sowie
in Bruchstücke zerfallene Organisationen und Gemeinschaften,
nachdem accountability-Abläufe veranlasst worden waren. Sollten wir
einen Plan B entwerfen – ein accountability-Ablauf für accountability-
Abläufe? Einen Sicherungsplan? Sollten wir anfangs Probleme bei
Gemeinschaftsdynamiken erwarten und Maßnahmen einbauen, um den
Problemen beizukommen? Wie können wir die Abläufe transparent
genug halten für die Tatperson, die Betroffenen (während ihre
Anonymität geschützt wird - falls gewünscht) und die Gemeinschaft?
Sollten wir uns weiterhin bei allen Beteiligten melden, bevor neue
Phasen des Ablaufs stattfinden? Vor allem wenn Mitglieder der
Gemeinschaft gesundheitliche Probleme wie beispielsweise
Verfolgungswahn haben, sollten wir einen übersichtlichen Ablauf für
Transparenz haben? Viele accountability-Abläufe empfehlen „Therapie“
sowohl für die Tatpersonen als auch für Betroffene – aber wie bauen
wir Beziehungen zu Therapeut*innen auf, welche nicht der derzeitigen
anwenderbezogenen und oftmals die Schuldzuweisung an die
Betroffene richtende Mainstream-Psychotherapie beipflichten? Stellt es
für uns eine Dringlichkeit dar kritische Praktiker*innen für seelische
Gesundheit in die Bewegung zu integrieren?

Misshandlungsforderungen im Wettstreit: Es gab die Bestätigung,
dass wir oftmals stillschweigend über sexuelle Misshandlung geredet
haben und oftmals über einen Mann, der eine Frau misshandelt. Wir
sahen ein, dass das Gespräch weiter gefasst werden muss um
verschiedene Misshandlungserfahrungen Platz zu bieten. Was können
die Menschen gegen Misshandlungsforderungen im Wettstreit tun,
besonders wenn dies nicht klar entlang von heteronormativen
Machtverhältnissen abgetrennt verläuft? Wie können accountability-
Abläufe die Fragen seelischen Wohlergehens unter denjenigen beachten,
welche auf eine sinnvolle Weise beteiligt sind (zum Beispiel wenn
Mitglieder einer Gemeinschaft von Diskussionen über vergangene
Erfahrungen getriggert werden; wenn Misshandlung zwischen
Menschen undeutlich oder vergrößert worden sein könnten; oder wenn
eine Tatperson, welche an Verfolgungswahn leidet, in einem Ablauf
beteiligt ist, in welchem die betroffene Person Anonymität verlangt?).
Wie können wir Arbeitsweisen entwickeln, welche weit genug sind um
die Komplexität von menschlichen Beziehungen und Erfahrungen
beizubehalten, während sie immer noch eine überzeugende Haltung
gegen Misshandlung einnehmen?

Die Polarisierung zwischen Tatperson und betroffener Person:

Unsere Diskussion verwendet die Begriffe Tatperson, Betroffene,
Misshandlung etc., welche oftmals in Diskussionen über diese Thematik
verwendet werden. Es gab Meinungsverschiedenheiten, ob die
polarisierte Aufteilung in „Tatperson“ und „betroffene Person“ hilfreich
sei: Wie können wir erkennen, dass wir alle imstande sind Grenzen zu
übertreten und Schaden zuzufügen, ohne dass ein gefährliches
„Verwischen“ der Rollen von Tatperson/betroffene Person stattfindet,
wie es in der weiteren Gesellschaft passiert? Was bedeutet es für
accountability-Abläufe, wenn wir erkennen, dass Misshandlungen aus
strukturellen Herrschaftssystemen entstehen, in welchen viele von uns
hineingeboren und aufgewachsen sind? Was sagt dies aus über die
Menschen, welche für accountability-Abläufe verantwortlich sind? Auf
welche Weise bleiben wir bescheiden genug um zu verstehen, dass
jede*r die Fähigkeit zu misshandeln besitzt und gleichzeitig eben jene
Kultur infrage stellt, welche in uns allen steckt? Hilft es uns die
Komplexität von Schädigung aufzudröseln, welche von
hochcharismatischen, beliebten und manipulativen Menschen
verursacht wird, wenn wir sie einfach als „Täter*innen“ bezeichnen?
Können wir diese polarisierende Sicht der Dinge selektiv nutzen, sollten
wir es überhaupt tun? Sollten wir dies immer und nur dies tun?

Vollständiger Ausschluss: Unmittelbar jene auszuschließen, die
Misshandlungen von radikalen Gemeinschaftsräumen begangen haben,
ist oftmals die erste Handlung für accountability-Abläufe: Um die
betroffene Person und die Gemeinschaft als Ganzes zu schützen. Die
meisten Leute sind darüber froh, aber es wirft Fragen auf: Was bedeutet
vollständiger Ausschluss für die Tatpersonen? Lernen sie am ehesten
auf diese Weise? „Sie auszustoßen“ drückt die Tatperson hin zu anderen
Gemeinschaften außerhalb unserer eigenen – ist es das, was wir
erreichen wollen? Indem es ihnen überlassen wird außerhalb radikaler
Gemeinschaften Leute zu schädigen – wer könnte weniger gut mit
Unterstützung und radikalem Bewusstsein rund um Misshandlung
ausgestattet sein? Was ist der Organisation in ihrem Tun gelungen,
wenn dies das Ergebnis ist? Nochmals: Was passiert mit Empfehlungen
nach Ausschluss wenn es konkurrierende Forderungen von
Misshandlung gibt?

Dies sind einige groben Notizen der vielen Fragen, welche die Ver-
anstaltung für uns eröffnet hat. Es gibt auch etwas Lektüre, die wäh-
rend der Veranstaltung erwähnt worden ist, die Links sind hier auf-
geführt. Wiederum gilt: Schlagt ruhig weitere Links zum Anfügen vor.

• Transformative Justice: http://transformativejusticela.wordpress.com/

• The Fundamental Requirement for Organised Safer Space:
http://floaker.net/2013/03/31/organised-safer-space-2/

• Taking Risks: Implementing Grassroots Community Accountability
Strategies: http://www.solidarity-
us.org/files/Implementing%20Grassroots%20Accountability%20Strategie
s.pdf

• The Revolution Starts At Home:
http://lgbt.wisc.edu/documents/Revolution-starts-at-home.pdf

• The Problem With ‘Privilege’:
http://andrea366.wordpress.com/2013/08/14/the-problem-with-
privilege-by-andrea-smith/

• This Is Not a Safe Space:
http://thereisnosafespace.tumblr.com/post/81696775910/take-and-use

• What About the Rapists? Anarchist Approaches to Crime and Justice
(zine): http://dysophia.org.uk/wp-content/uploads/2014/09/Dys5-
WhatAboutTheRapistsWeb2.pdf

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!
Quelle und weitere Infos
https://afem2014.wordpress.com/2014/10/27/accountability-
processes/
https://afem2014.wordpress.com
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[1] http://dysophia.org.uk/wp-content/uploads/2014/09/Dys5-WhatAboutTheRapistsWeb2.pdf
Diese beiden Seiten sind im vorherigen Artikel in dieser Gaidao-Ausgabe übersetzt 
(Anmerkung der Redaktion).
[2] restorative justice (englisch: to restore: wiederherstellen; justice: Justiz; 
Gerechtigkeit) ist ein international gebräuchlicher (und in umfassender Weise ins Deutsche 
nicht übersetzbarer)
Begrifffür eine alternative Form der Konflikttransformation (so Wikipedia zu restorative 
justice) (Anmerkung der Übersetzung).
[3] transformative Hilfe: siehe vorherigen Text (Anmerkung der Redaktion) .
[4] safer space: „sichererer“, geschützterer Raum; bezieht sich hier 
aufdiskriminierungskritische Praxis. Beispielsweise kann ein Raum geschützt, bzw. 
geschützter als andere, vor rassistischer
Diskriminierung sein, wenn er privilegierte weiße Menschen ausschließt (Anm. d. Übers.).
[5] http://floaker.net/2013/03/31/organised-safer-space-2/
[6] https://transformativejusticela.wordpress.com/


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