(de) FdA/IFA Gai Dào #60 - Über Anarchismus, Zentralismus und die Squats in Warschau ­Ein Interview mit einem Genossen des Syrena­Kollektivs Von: Anarchistisches Radio Berlin

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Fri Dec 11 08:35:57 CET 2015


Als Teil einer Reise durch Osteuropa hatte ein Mitglied des anarchistischen Radios Berlin 
die Möglichkeit, ein Interview mit einem Genossen des Syrena-Kollektivs zu führen. Das 
Syrena ist ein Squat in der Innenstadt von Warschau und es hat seine Wurzeln in der 
Mieterbewegung. In diesem Interview sprechen wir über die große Anzahl an Aktivitäten, wie 
beispielsweise antirassistische Arbeit, soziale Arbeit und diverse anarchistische 
Aktivitäten, die von diesem Ort ausgehen. Des Weiteren sprechen wir einerseits über die 
Verbindung zum Przychodnia Squat, welches direkt hinter dem Syrena liegt, sowie 
andererseits über die persönliche Meinung des Genossen bezüglich des kontroversen Verkaufs 
des Od:zysk Squat in Poznan, was derzeit einfach ein wichtiges Thema in der polnischen 
Bewegung ist.

A.A.: Hallo Pavel. Danke, dass du dem A-Radio ein Interview gibst.
Du bist Teil des Hauskollektivs um das Syrena, ein Squat in der
Innenstadt von Warschau. Kannst du uns erst mal etwas über die
Anfänge dieses Squats erzählen und über seine ursprüngliche Idee?

Pavel: Dieser Ort wurde vor ungefähr 5 Jahren als direkte Reaktion auf
die Ermordung von Jola Brzeska, Mietaktivistin und Mitbegründerin
der Warschauer Mietervereinigung, gegründet. Sie war die letzte
Verbliebene, die im Haus gegen die anstehende Reprivatisierung ihres
Blocks kämpfte und sehr aktiv in der Organisation der Mieterbewegung
in Warschau. Ihr verbrannter Körper wurde Anfang März 2011 in den
Wäldern gefunden. Nachdem diese Nachricht bekannt wurde,
entschieden viele Leute in Warschaus Mietbewegung, dass es Zeit sei,
sich von der bürgerlichen Form des Widerstands abzuwenden und sich
mehr in der Richtung „Direkte Aktion“ zu organisieren. Einige davon
besetzten dieses Haus hier, das Syrena. Es war zu der Zeit bereits
reprivatisiert und von Mieter*innen befreit. Es stand leer, weil der
Besitzer dafür sorgte, dass alle Mieter*innen aus dem Haus
verschwanden. Manche Menschen besetzten ihre Wohnungen in einem
Teil des Gebäudes wieder, aber das Meiste war leer und verfallen als wir
es betraten und seitdem ist das Syrena-Kollektiv hier organisiert und
wir kümmern uns darum, den Raum zu erhalten und auf Vordermann
zu bringen. Der Geist des Widerstandes und die Zusammenarbeit mit
der Mietrechtsbewegung sind unsere Hauptaktionsfelder hier in
Warschau.

Welche Art von Aktionen würdest du sagen, werden von diesem
Ort aus heutzutage gestartet, oder wie würdest du es beschreiben,
weil ich auch einige andere Räume in diesem Haus sah, wie
beispielsweise einen Umsonstladen, eine offene Küche, eine
Fahrradselbsthilfewerkstatt...

Wir versuchen es – der Großteil des Gebäudes wird genau genommen
nicht als Wohnraum genutzt, sondern mehr als sozialer Raum. Der
größte Teil ist das Infocafé “U-Bodzia”, in dem wir gerade sitzen. Das
wird von uns betrieben und ein Großteil der Einnahmen fließen in die
Unterstützung unserer Arbeit als Kollektiv. Es ist auch eine Art
Infoladen mit Buch- und Zeitschriftenhandel und so weiter, in dem du
auch Flyer finden kannst. Weitere Räume sind, wie du bereits sagtest,
der Umsonstladen – dort kannst du Klamotten und andere Dinge ohne
Geld tauschen. Es gibt ein Aufnahmestudio, das von Bands genutzt
werden kann und ebenfalls für den Fall eines zukünftigen Pirate-Radios
gedacht ist. Es gibt einen Grafikraum. Es gibt ein Bike-Café wo du dein
Fahrrad reparieren kannst. Das wird von einem unabhängigen Kollektiv
betrieben und organisiert, also auch von Leuten, die nicht hier im Haus
leben. Es gibt auch einen Workshop in Xerographie hier, wo wir einiges
von unserem Output herstellen. Es gibt eine offene Küche und einen
Konferenzraum. Es gibt einen revolutionären Amateurchor und eine
Musikschule. Ein weiterer großer Teil unserer Initiative wird “Street-
University” genannt – die gab es schon ein paar Mal – und besteht aus
einem Bündel von Kursen, gemacht von Menschen für Menschen zum
Austausch von Wissen. Es gibt viele Sprachen, wie beispielsweise
Polnisch, Französisch, Arabisch und so weiter, aber auch theoretische
und praktische Workshops unterschiedlichster Natur. Wenn du etwas
unterrichten kannst oder lernen willst, kannst du kommen und dann
gibt es einige freie Klassen, in denen du mitmachen kannst.

Wir sind auch in vielen größeren Initiativen und Bündnissen engagiert,
wie zum Beispiel die Mieterbewegung in Warschau – das ist eine
Ansammlung von Mietervereinigungen, aber auch viele Mieter*innen,
die unorganisiert sind und auf ihre eigene Art und Weise kämpfen
wollen, sind darin engagiert. Das ist eine unserer Hauptaktivitäten. Und
weiterführend der Kampf für das Recht auf Stadt, Parks zu verteidigen,
Schulen und so weiter. Diese Art von Kämpfen sind gemeinhin wichtig
für die Stadt.

Dieser Ort ist außerdem in die Unterstützung von Geflüchteten und
Migrant*innen eingebunden. Es gibt eine Gruppe, die polnische Sektion
von “No one is illegal”. Sie heißt “Migration is not a crime”
(Einwanderung ist kein Verbrechen). Diese Gruppe hat ihre Ursprünge
in einer Protestwelle für Maxwell Itoya, einem aus Nigeria stammenden
Polen, der von einem Polizisten getötet wurde. Daraus entsprang eine
Widerstandsbewegung gegen Polizeigewalt und Rassismus. Viele
Menschen, die heute im Kollektiv organisiert sind, waren ebenfalls an
diesen Protesten beteiligt. Nach der Protestwelle im Herbst 2012 bildete
sich eine Gruppe und es gab Hungerstreiks in Abschiebelagern – eine
Reihe von Hungerstreiks, in den meisten Abschiebelagern – und die
Gruppe “Migration is not a crime” bildete sich, um die Streikenden
innerhalb der Knäste zu unterstützen, um die Außenwelt über die
Geschehnisse zu informieren und um die Streiks zu koordinieren. Eines
unserer Ziele heute ist es, ein Buch von Katarina Lamasova, eine der
Geflüchteten, die den Protest starteten, zu drucken. Sie schrieb ein Buch
über ihre Erfahrungen als Migrantin in Polen und über die polnischen
Abschiebelager. Wir versuchen, es selbstorganisiert zu drucken und zu
veröffentlichen. Die Gruppe ist heute aber auch an der Unterstützung
der Geflüchteten in der sogenannten “Flüchtlingskrise” beteiligt und wir
veranstalten seit ein paar Jahren die “Antifrontex-Days” gegen die
europäische Abschiebeagentur, die ihren Sitz in Warschau hat. Dieses
Jahr gab es auch eine internationale Demonstration gegen Frontex in
Warschau. Des Weiteren gibt es einige antifaschistische Gruppen, die
sich hier treffen und wir unternehmen auch etwas gegen diese legalen
Räumungen jede Woche. Jede Initiative, die mit unseren Regeln
einverstanden ist, ist willkommen, diese Räume hier zu nutzen und
teilzuhaben. Ich kann mich gar nicht an alle Gruppen und Menschen
erinnern, die sich hier treffen und ihre Arbeit in Initiativen
organisieren.

Großartig. Das hört sich nach viel Raum für politische und soziale
Aktivitäten an, die von hier aus gestartet werden. Hinter diesem
Gebäude habe ich ein weiteres Squat gesehen, welches Przychodnia
genannt wird. Was würdest du sagen, an welchem Punkt arbeitet
ihr zusammen?

Ich denke, das ist eine gute Frage, weil ich denke, dass wir es verpassen,
uns miteinander zu koordinieren. Ich glaube, unsere Zusammenarbeit
ist nicht sehr eng. Wir haben einige Verbindungen. Und ich denke, das
Profil unserer Räume ist sehr unterschiedlich und Przychodnia ist mehr
darauf bedacht, ein unabhängiges Kulturzentrum zu sein, das viel im
Bereich unabhängiger Kultur und Musik tut und die viel mehr Konzerte
organisieren und so weiter. Wir kommen mehr aus der Mieterbewegung
und wir haben mehr diese Mieterperspektive, betrachten unser Projekt
mehr als einen Hausstreik. Manchmal wehren wir uns gegen die
Bezeichnung “squat” und bevorzugen den Begriff besetztes Haus, aber
wir nennen uns wilde Mieter*innen statt Besetzer*innen. Es ist nur ein
etwas anderes Profil, was nicht heißen soll, das Przychodnia nicht
politisch aktiv ist oder das wir keine unabhängige Kultur machen. Ich
denke einfach, wir sind etwas unterschiedlich und wir sollten uns
besser miteinander koordinieren und unseren Aktivismus mehr
miteinander verbinden, was,
wenn wir es tun, viele Vorteile
bringt, also ich meine, es
erzielte gute Ergebnisse, es
trägt Früchte. Ein Beispiel ist
die Zusammenarbeit bezüglich
des Anarchist Black Cross in
Warschau. Wir veranstalteten
die Anti-Prison-Days letzten
Sommer vor einem Jahr. Wir
haben auch eine Neujahrs-
Party für beide Squats
organisiert. Das war auch eine
Spendensammlung für das
Anarchist Black Cross, die
dabei half, Geld für ein paar
größere Fälle zu sammeln, die
wir sonst nicht in der Lage
Das Przychodnia-Squat
gewesen wären zu
unterstützen. Da schwang auch ein bisschen direkte Solidarität mit,
weil sich ein Teil des Neujahrsabends an die Gefangenen hier im
Stadtzentrum direkt richtete - wir machten Feuerwerke und Soligesänge
außerhalb der Mauern. Ich denke, das Beispiel Anarchist Black Cross
zeigt, dass es ein großes Feld gibt, wo wir Kräfte effektiv bündeln
können und dann trägt das Ganze auch Früchte.

Ja auf jeden Fall, hört sich nach einem Plan an. Wir sprachen über
das Anarchist Black Cross, also lass uns zum Thema Anarchismus
übergehen. Wie ich hörte, ist die Anarchistische Föderation in
Warschau gerade nicht aktiv. Wie würdest du die anarchistische
Bewegung im Allgemeinen zur Zeit in Warschau beschreiben?

Ich finde, wenn wir über die anarchistische Föderation sprechen, sollten
wir nicht sagen, dass sie komplett inaktiv ist. Die Gruppe tut was, nur
hat sie keine führende Rolle. Und ich denke, in Warschau haben wir
einen großen Pluralismus unterschiedlicher anarchistischer oder
kommunistischer oder radikal-linker Gruppen, denen ein bisschen die
Verbindung zueinander fehlt und die manchmal weniger, manchmal
mehr direkt aneinander geraten aufgrund unterschiedlicher politischer
Profile. Und ich denke, ein großes Anliegen unsererseits ist es, Formen
der Solidarität und der Zusammenarbeit zu entwickeln, die diesen
produktiven Pluralismus zusammenhält und die nicht auf eine zentral
organisierte Bewegung mit hierarchischen Strukturen hinausläuft,
welches eine weitere Gefahr, ein anderer Teil des Problems ist. Wir
sollten an Möglichkeiten arbeiten, die die Unterschiede der Gruppen
erhalten, aber gleichzeitig eine Art Koordination zwischen den Gruppen
schaffen. In manchen Fällen ist es uns gelungen, solche Allianzen zu
schmieden, aber in anderen Fällen wiederum ist es gescheitert. Ich
denke, vor allem in Warschau ist das ein großes Problem. Aber
andererseits, beispielsweise in Poznan, da würde ich sagen, dass die AF
zu zentralistisch ist und das ist eine Strategie, die mich nicht anspricht,
also einen Kern zu haben, der abstimmungsberechtigt für den Rest der
Initiative ist, denn das ist das schlimmste bolschewistische, was du
finden kannst: Eine
zentralistische Struktur, die
außerdem Hierarchien schafft.
Und dann kommt es in
manchen Fällen vor, so wie
beim Verkauf des Od:zysk-
Squat vor Kurzem, der dem
Od:zysk-Kollektiv irgendwie
durch die AF aufgezwungen
wurde, weil sie entschied, dass
das Projekt nicht mehr
lohnend sei und es geschlossen
werden müsse. Das ist die
andere Seite der Medaille und
ich denke, wir sollten einen
Mittelweg finden zwischen zu
viel Zentralismus und zu viel
Unorganisiertheit, wie wir es
hier in Warschau sehen.

Das wäre meine letzte Frage gewesen. Was ist deine persönliche
Meinung über den Verkauf des Od:zysk? Möchtest du etwas über
diesen Sachverhalt sagen?

Auf jeden Fall. Ich spreche hier für mich selbst, weil es einige
Diskussionen innerhalb des Kollektivs gibt.

Ich denke, das ist besonders schlimm für die polnische Squatting-
Bewegung und es wirft unseren politischen Kampf um Jahre zurück
und ich denke, wir sollten keinesfalls jemals irgendwelchen Raum
verkaufen. Und was mich viel mehr ankotzt, ist der Prozess dahinter,
der im Text “No means no – Od:zsyk is not for sale” von einem
ehemaligen Mitglied des Kollektivs mit eigenen Erfahrungen den
antidemokratischen und autoritären Werdegang, den es nahm,
beschreibt. Und ich verstehe die Zweifel, aber ich glaube diesem Text
und ich habe mit vielen Leuten aus dem Od:zsyk gesprochen, die sagen,
dass die Sache nicht so gelaufen ist, wie sie in einer anarchistischen
Bewegung laufen sollte. Und ich finde - ich spreche hier aus meiner
persönlichen Sicht – dass es sehr schlecht ist, dass das passiert ist und
es zeigt eine fehlende antikapitalistische Perspektive, wenn wir einfach

so etwas verkaufen können. Und es fehlt uns auch eine anti-
hierarchische Perspektive, wenn die Dinge auf diese Art und Weise
laufen können. Ich denke, wir sollten aus
dieser gemachten Erfahrung einige kritische
Punkte entnehmen und wir sollten uns vor
dem Aufbau informeller Hierarchien und
vor autoritären Tendenzen an sich vorsehen
und die Unabhängigkeit von Räumen
wahren und so weiter und so fort. Ich
denke, das wäre sonst nicht passiert. Ja – es
tut mir leid darum. Ich denke, die
Anarchist*innen dort sollten offener mit
Kritik bezüglich dieser Entscheidung
umgehen und das bedeutet nicht, dass alle
daran beteiligten Personen schlecht sind
oder dass die ganze AF in Poznan schlecht
ist, aber sie sollten einen kritischen Blick
auf diese negativen Tendenzen aufgrund der
Vorkommnisse werfen und ich finde, das
sollte sich ändern.

Danke, Pavel, für diese letzten Worte und
danke für das Interview. Gibt es noch
etwas, was du sagen möchtest? Vielleicht
Veranstaltungsankündigungen oder
sowas...

Ich würde gern Grüße an das neu gegründete Kollektiv von radikalen
Schrebergärtner*innen, die gerade mit dem Unternehmer kämpfen und
Teil des “Reclaim the fields” - Netzwerks
sind und hier im Randgebiet von
Warschau gerade ihr Action Camp
abgeschlossen haben, senden. Ich finde,
dass das neben dem Przychodnia und dem
Syrena ein sehr interessanter Ort ist, den
man hier in Warschau besuchen sollte,
weil es großartige Leute sind. Ich würde
auch einen Besuch von
migracja.noblogs.org empfehlen - was auf
polnisch Einwanderung bedeutet - die
polnische Seite von “Migration is not a
crime”, wo ihr Neuigkeiten über
Immigration in Polen finden könnt. Sie ist
in vielen Sprachen abrufbar. Ich würde
euch auch unsere Website syrena.tk, wo
ihr etwas über unsere Aktionen finden
könnt, empfehlen. Und ich würde auch
allen gern empfehlen, sich
basisdemokratisch zu organisieren und
Kämpfe gegen Staat und Kapital zu
führen.

Danke, Pavel. Wir sagen tschüss vom A-Radio, tschüss, Pavel. Wir
hören uns bald...

Teil 1: Transformative Hilfe Von: Dysophia / Übersetzung: madalton

Im Folgenden haben wir einen kurzen Einführungstext zu "Accountability-Abläufe" und
"Transformative Hilfe" abgedruckt. Diese Einführung soll ein besseres Verständnis für den
nachfolgenden Auswertungstext zur "Accountability-Abläufe-Veranstaltung" auf der anarcha-
feministischen Konferenz in London 2014 geben. Der Text ist im Original auf den Seiten 11+12
der Broschüre: „What about the rapists“ von Dysophia zu finden (s. Infokasten am Ende des
Textes).

Accountability-Abläufe, die im folgenden Abschnitt genauer betrachtet
werden sollen, sind Graswurzel- und Dialog-basierte Antworten auf
Machtmissbräuche und wurden auf den Prinzipien der transformativen
Hilfe entwickelt (engl. Transformative Justice – TJ). Obwohl es keine
vollständig entwickelte Theorie darstellt, hat die transformative Hilfe
ihre Ursprünge in einigen indigenen Methoden, Mediationsarbeit 1 und
Restorative Justice 2 , welche der transformativen Hilfe sehr ähnelt. Wie
Restorative Justice, lehnt die transformative Hilfe strafende Reaktionen
auf Verbrechen strikt ab, indem es die Konfliktparteien in den
Mittelpunkt des Ablaufs stellt und auf Freiwilligkeit basiert (zumindest
der Theorie nach). Wie Restorative Justice ermöglicht transformative
Hilfe Verständnis zwischen Einzelpersonen und erlaubt ihnen Schritte
zu vereinbaren, um so die verursachte Schädigung zu „reparieren“.
Allerdings haben Befürworter*innen der transformativen Hilfe den
Ansatz der Restorative Justice zu Recht beschuldigt vom Staat
vereinnahmt zu sein, da dieser das Potential untergräbt strukturelle
Ungleichheiten infrage zu stellen. Beispielsweise gibt Restorative Justice
im Fall häuslicher Gewalt bestenfalls beiden Parteien die ungleichen
Positionen zurück, welche sie eingenommen haben, bevor die
Misshandlung stattgefunden hat.

Zahlreiche Gruppen und Nichtregierungsorganisationen haben sich der
transformativen Hilfe verbunden gezeigt, obwohl diese auf der
theoretischen Ebene aktuell sehr unterentwickelt bleibt. Einige
Gruppen, wie beispielsweise Generation FIVE - deren Zielsetzung es ist
sexuelle Misshandlung im Kindesalter zu bekämpfen ohne auf das
Strafjustizsystem zurückzugreifen – haben sich ebenfalls mit
transformativer Hilfe identifiziert und ihr eigenes Verständnis davon
entwickelt, welches im vorliegenden CrimethInc-Artikel disktutiert
wird. 3

Während des letzten Jahrzehnts experimentierten in den USA
zahlreiche emanzipatorisch-radikale Gemeinschaften und Projekte mit
einer entwickelten Methode transformativer Hilfe: accountability-
Abläufen. Diese Methode setzt idealerweise die folgende Form voraus:
Eine Person macht eine Anschuldigung; eine Handvoll Leute bilden
eine Unterstützungsgruppe für diese Einzelperson; die
Unterstützungsgruppe beruft ein Verfahren ein und organisiert eine
ähnliche Unterstützungsgruppe für die „Tatperson“, welche gefragt wird
die Angelegenheit mit dieser Einzelperson zu besprechen; die
„Tatperson“ ist damit einverstanden am Ablauf teilzunehmen; die
beiden Gruppen versammeln sich zu einem Plenum, welches von einer
„neutralen“ Vermittlungsperson moderiert wird. Im Plenum wird
beiden Seiten Zeit gegeben, ihre Gefühle zu diskutieren; die „Tatperson“
bekennt Verantwortung und eine Vereinbarung wird getroffen über
weitere Schritte, wie die „Tatperson“ die Schädigung wieder gutmachen
könnte, wie beispielsweise zukünftige Partner*innen über das
Vorgefallene in Kenntnis zu setzen oder Beratungen wahrzunehmen;
die „Tatperson“ befolgt die Vereinbarung und es wird regelmäßig von
ihrer Unterstützungsgruppe nach ihr gesehen, genauso wie nach der
„betroffenen Person“.

Wie dieser sehr knappe Überblick andeuten könnte, kann es verbunden
mit den Abläufen kommen zu einer Menge von Problemen kommen –
von der verwendeten Sprache bis hin zur Annahme, dass die
Anschuldigungen immer richtig sind. Diese Abläufe verursachten
wenig überraschend beträchtliche Konflikte in vielen Stadtvierteln, aber
könnten auch großartige Früchte tragen, falls sie richtig ausgeführt
werden.

Dies stellt nur eine kurze Einführung dar; mehr über transformative
Hilfe und accountability-Abläufe wird im Verlauf der restlichen
Broschüre deutlich werden. Ein detaillierteres Bild solch eines
Verfahrens kann insbesondere im folgenden Artikel gefunden werden.
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!
Quelle
S. 11+12 der Broschüre: „What about the rapists“
http://dysophia.org.uk/wp-content/uploads/2014/09/Dys5-
WhatAboutTheRapistsWeb2.pdf

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[1] Mediation: (lateinisch „Vermittlung“) ist ein strukturiertes freiwilliges Verfahren 
zur konstruktiven Beilegung eines Konfliktes, bei dem unabhängige „allparteiliche“Dritte die
Konfliktparteien in ihrem Lösungsprozess begleiten. Die Konfliktparteien versuchen dabei, 
zu einer gemeinsamen Vereinbarung zu gelangen, die ihren Bedürfnissen und Interessen 
entspricht
(Anmerkung der Übersetzung).
[2] Restorative Justice: (englisch: to restore: wiederherstellen; justice: Justiz; 
Gerechtigkeit) ist ein international gebräuchlicher (und in umfassender Weise ins Deutsche 
nicht übersetzbarer)
Begrifffür eine alternative Form der Konflikttransformation (so Wikipedia zu restorative 
justice) (Anmerkung der Übersetzung).
[3] Verwiesen wird aufeinen Artikel des anarchistischen Kollektives „CrimethInc.", welcher 
ebenfalls in der Broschüre „What about the rapists“zu finden ist (Anmerkung der Übersetzung).


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