(de) fda-ifa: Gai Dào #59 - Bessere Gesundheit durch Selbstbetrug: Salutogenese Von: Gruppen gegen Kapital und Nation

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Fri Dec 4 08:52:03 CET 2015


Im folgenden Text wird anhand von Zitaten gezeigt, dass das Konzept der Salutogenese von 
Aaron Antonovsky einen positiven Bezug auf kapitalistische Verhältnisse propagiert. 
Gesellschaftlich bedingte Misserfolge und Schädigungen, die Antonovsky pauschal als 
"Stressoren" bezeichnet, sollen ihm zufolge als Gelegenheiten für neue Anstrengungen 
genommen werden. Dieses widerliche Konzept ist Programm in verschiedenen Studienfächern 
wie Soziale Arbeit, Psychologie oder Public Health. ---- Seit ein paar Jahren gibt es in 
einigen Studienfächern, in denen das Thema Gesundheit eine Rolle spielt, ein neues 
Paradigma. Die Stichworte dabei sind Aktivierung von Ressourcen, Empowerment und Resilienz 
(1). Die Idee ist, den Fokus nicht mehr auf Beschränkungen und Krankheiten, sondern auf 
Möglichkeiten und Fähigkeiten sowie die damit verbundenen Widerstandskräfte von Menschen 
aller Altersstufen zu legen.

Wesentlichen Anteil an der Entwicklung dieser Ideen hatte der
Medizinsoziologe Aaron Antonovsky. Auf ihn geht das Konzept der
Salutogenese zurück (Salus - lateinisch für Wohlergehen, Gesundheit,
Wohlbefinden, Genese - griechisch für Entstehung). Während seiner
Studien zum Gesundheitszustand von Frauen, die den Holocaust
überlebt hatten, fiel ihm auf, dass einige der Überlebenden trotz
massiver Belastungen in gutem gesundheitlichen Zustand waren.
Anstatt Krankheit als das Besondere zu nehmen, schlug er vor, Fragen
wie "Warum ist jemand gesund trotz Belastungen?d und "Wie wird
jemand gesünder?d zu stellen. (2)

Antonovsky hat seine Ideen in zwei Büchern, Health, Stress and Coping
sowie Unraveling the mystery of health formuliert. Letzteres ist 1997
auf deutsch unter dem Titel Salutogenese zur Entmystifizierung der
Gesundheit erschienen. Im Folgenden soll anhand von Zitaten daraus
gezeigt werden, dass Antonovsky eine falsche, positive Sichtweise auf
gesellschaftliche Verhältnisse propagiert, die systematisch Belastungen
für die Menschen hervorbringt. Mit der Salutogenese werden chronisch
belastende Lebensbedingungen als unhintergehbar gesetzt und an die
Individuen der Anspruch eines befürwortenden Zurechtkommens unter
diesen widrigen Bedingungen gestellt.

Im ersten Kapital grenzt Antonovsky sein Konzept von einer auf
Krankheit orientierten Medizin ab. Dieser gegenüber sollen die Vorteile
der Salutogenese herausgestellt werden. Zentral sind für ihn dabei die
Stichworte "Adaptiond und "Stressorend:

"Die eher pessimistische Salutogenese bringt uns dazu, uns auf
das umfassende Problem der aktiven Adaption an eine
unweigerlich mit Stressoren angefüllte Umgebung zu
konzentrieren." (S. 27)

Indem behauptet wird, dass "Stressorend unweigerlich vorhanden sind
und es um die Anpassung an sie geht, wird der Untersuchung von
Zusammenhängen, die sie verursachen, eine Absage erteilt. Klar kann
es auch mal Sinn machen, pragmatisch mit Problemen umzugehen.
Man ignoriert ihre Gründe und konzentriert sich auf eine schnelle
Problemlösung. Antonovsky formuliert das aber, wie sich auch im
Folgenden noch zeigen wird, zum allgemeinen Programm - und das
kann nicht sinnvoll sein. Erstens werden so Sachen, die man wirklich
nicht verhindern kann und solche, die man aus der Welt schaffen kann,
einfach in einen Topf geschmissen: Stressoren gibt es halt. Zweitens ist
damit eine Problembehandlung, die auf die Ursachen der Probleme
geht, ausgeschlossen. In einer solchen wird zuerst eine Analyse des
Problems durchgeführt. Wenn z. B. das Auto nicht mehr fährt oder der
Computer nicht mehr läuft, passt man sich dem nicht einfach an,
sondern geht den Ursachen nach - für Menschen ohne Wissen über die
Funktionsweise z.B. indem sich dieses angeeignet wird oder indem
Expert*innen gefragt werden.

Wenn man die Gründe für widrige Lebensbedingungen (= "Stressorend)
herausfindet, zeigt sich, wie man am besten damit umgehen kann. Erst
dann sieht man, ob es sich um vermeidbare Belastungen handelt, die
durch das Handeln von sich und/oder anderen begründet sind und
durch verändertes Handeln vermieden werden können. Genau das soll
laut Antonovsky allerdings nicht mehr stattfinden. Folgt man ihm,
werden die Fragen, was die feindlichen Lebensbedingungen ausmacht,
wie sie entstehen und entsprechend ob sie vermieden werden können,
nicht mehr gestellt. Stattdessen soll man sich an sie anpassen:

"Salutogenetisches Denken eröffnet nicht nur den Weg, sondern
zwingt uns, unsere Energien für die Formulierung und Weiter-
entwicklung einerTheorie des Coping (3) einzusetzen." (S. 30)

Die Absage an eine Untersuchung der widrigen Lebensbedingungen
geht einher mit der entsprechenden Zielformulierung. Wenn einem Mist
passiert, soll man nicht fragen, was ist da los, sondern den Stress im
ersten Schritt als unvermeidlich hinnehmen. Diese Vogel-Strauß-
Methode gegenüber dem Warum widriger Lebensbedingungen wird
auch noch positiv hingestellt. Es sei eine Errungenschaft, dass man
dann nur noch die Möglichkeit der Schadensbegrenzung habe!

Wie diese Bewältigung aussehen soll, wird in der Definition von
Antonovsky's Konzept des Kohärenzgefühls deutlich. Kohärenzgefühl
(Sense of Coherence, SOC) ist das zentrale Konstrukt in der
Salutogenese. Damit ist eine sinnstiftende individuelle Verarbeitung
gemeint, nach der die Welt im Zusammenhang eines sinnvollem
Ganzen stände und beeinflussbar sei. Vom Kohärenzgefühl ist laut
Salutogenese der gesundheitsförderliche Umgang mit Stressoren
abhängig.

"Das SOC ist eine globale Orientierung, die ausdrückt, in
welchem Ausmaß man ein (...) Gefühl des Vertrauens hat, daß

a.) die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren
und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und
erklärbar sind;

b.) einem die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den
Anforderungen, die diese Stimuli stellen, zu begegnen;

c.) diese Anforderungen Herausforderungen sind, die
Anstrengung und Engagement lohnen." (S. 36)

Es könnte scheinen, als wenn hier doch die Erklärung der Welt eine
Rolle spielt. Auch die Frage, ob einem Ressourcen zur Verfügung stehen,
ist tatsächlich entscheidend, ob und wie man mit einer feindlichen
Sache (z.B. Hunger) fertig wird. Es geht hier allerdings nicht um
Erklärungen und Ressourcen, sondern um das Gefühl dazu. Entschei-
dend sei also die Sichtweise, wie Anforderungen gesehen werden,
nämlich als Herausforderungen. Herausforderung heißt, es handelt sich
potentiell um etwas Positives, durch das man zwar gefordert wird, das
dann dem eigenen Vorankommen aber auch dienlich ist. Deswegen
lohnen sie Anstrengung und Engagement.

Warum sollte sich aber eine rosarote Brille auf irgendwelche
unhinterfragten Lebensbedingungen positiv auf die Gesundheit
auswirken? Warum sollte das Ausschalten der kritischen Beurteilung
von "Stimulid zum eigenen Nutzen sein? Angenommen, die An-
forderungen, die einem begegnen, sind einem überhaupt nicht oder
auch nur in der Summe nicht dienlich - dann wäre es zum eigenen
Nachteil, sich diese als Herausforderungen, die zum eigenen Voran-
kommen da sind, einzubilden, weil man beim positiven Bezug auf sie
Schaden davonträgt.

"Das Kernstück der salutogenetischen Orientierung ist die
grundlegende philosophische Sichtweise, daß der menschliche
Organismus sich prototypisch in einem dynamischen Zustand
eines heterostatischen Ungleichgewichts befindet. Ob die
Stressoren nun aus der inneren oder äußeren Umgebung stam-
men, ob es sich um alltägliche Widrigkeiten handelt, ob sie akut,
chronisch oder endemisch sind, ob sie uns aufgezwungen werden
oder wir sie frei gewählt haben, unser Leben ist reichlich mit
Reizen angefüllt, auf die wir keine automatischen, ange-
messenen adaptiven Antworten haben und auf die wir reagieren
müssen. (...) Lassen Sie uns einige Beispiele betrachten. Ein 40-
jähriger Stahlarbeiter wird darüber informiert, daß seine Firma
geschlossen werden soll. Eine 27jährige Jungmanagerin muß
erfahren, daß keinerlei Beförderung möglich und ihre Stelle in
Gefahr ist, wenn sie nicht der Forderung ihres Chefs nachkommt,
mit ihm zu schlafen." (S. 124/5)

Dass sich menschliche Organismen in einem heterostatischen
Ungleichgewicht befinden, soll so viel heißen, dass Menschen von
Natur aus in gewissem Grad fragil und mit ihrer Gesundheit niemals
völlig im Gleichgewicht sind. Das ist ganz ähnlich wie der Gedanke der
immer präsenten widrigen Lebensbedingungen, nur nochmal von der
Seite der Subjekte und deren Organismus ausgedrückt. Von dieser
allgemeinen Aussage macht Antonovsky den Übergang zu Beispielen
der Entlassung eines Lohnabhängigen und der Erpressung zum Sex im
Arbeitsleben. Indem er diese Beispiele in einem Atemzug mit mensch-
lichem Organismus und allgegenwärtigen Stressoren nennt, legt er
nahe, dass sie ähnlich natürlich und selbstverständlich seien.

Mit den Beispielen ist die Arbeitswelt angesprochen. Die hält im
Kapitalismus allerdings nicht nur die eine oder andere Belastung bereit,
sondern ist ganz prinzipiell Belastung. Arbeit findet hier statt, wenn sie
der Kapitalverwertung dient und entsprechend auf eine solche Art und
Weise, dass sie sich für das Unternehmen möglichst maximal dazu
lohnt. Der 40jährige Stahlarbeiter wird entlassen, weil die
Geldverwertung in "seiner" Firma nicht mehr funktioniert hat. Um zu
diesem Zweck angestellt zu werden, konkurrieren die Anbieter der
Ware Arbeitskraft gegeneinander, haben also aufgrund der
gesellschaftlichen Verfasstheit, die Antonovsky gerade ignoriert und
pauschal zur "Realitätd erklärt, sich gegenseitig ausschließende
Interessen. Die Unternehmen schaffen dabei eine Hierarchie der
Entlohnung vom Niedriglohn bis hin zu wenigen besser bezahlten
Positionen, die in der Regel die Aufgabe haben, die schlechter bezahlten
Leute anzutreiben, einzustellen oder zu entlassen. In Verhältnissen der
Konkurrenz um Arbeitsplätze, auf die die meisten auch in den mittleren
und höheren Etagen existentiell angewiesen sind, kann der Chef der
Jungmanagerin seine Machtposition ausnutzen und sie zum
Geschlechtsverkehr nötigen.(4)

Weiterhin übergeht er gesellschaftliche Unterschiede, wenn er schreibt,
dass "unsere" aller Leben mit Stressoren angefüllt seien. In der gegen-
wärtigen Gesellschaft bedeutet die individuelle Lage - vor allem wie
viel Geld man zur Disposition hat - erhebliche Unterschiede bezüglich
der Widrigkeiten, mit denen Leute konfrontiert sind.

"Es liegt in der Natur der menschlichen Existenz, daß Probleme
nicht verschwinden und Spannung erzeugt wird." (S. 128)

Es liegt nicht in der "Natur der menschlichen Existenz", dass
Produktion in Unternehmen mit dem Zweck der Kapitalverwertung
stattfindet und wenn dieser Zweck nicht aufgeht, 40-jährige Stahl-
arbeiter entlassen werden. Es liegt auch nicht in der "Natur der
menschlichen Existenz", dass 27jährige Jungmanagerinnen zum
Geschlechtsverkehr mit ihren Chefs erpresst werden. Beides hat seinen
Grund in den gesellschaftlichen Verhältnissen. Antonovsky insistiert
dennoch auf der Natürlichkeit von unnatürlichen Problemen. Damit
legitimiert er einen geistigen Umgang mit ihnen, der falsch ist:

"Aber wenn einmal dieses Vertrauen [im Sinne des
Kohärenzgefühls] aufgebaut ist, wenn sich, in meinen Begriffen,
die generalisierte Weltsicht als bedeutungsvoll und verstehbar
auf die spezifische Situation richtet, ist man bereit, zu handeln.
Solches Handeln kann simultan oder sequentiell darauf
ausgerichtet sein, das instrumentelle Problem und die emotionale
Belastung zu lösen. Was bedeutet dies, um eines der vorigen
Beispiele aufzugreifen, für den 40jährigen Stahlarbeiter, dem
mitgeteilt wird, daß sein Werk schließen und er seine Arbeit
verlieren wird? Betrachten Sie die folgende Vielzahl von
Ressourcen, die von einer Person mit einem starken SOC aktiviert
werden können: darauf insistieren, daß seine Gewerkschaft ein
sehr genaues Auge auf alle Versuche der Firma hat, sich der auf
legitime Weise erworbenen Abfindung, Rentenansprüche oder
Rechte im Urlaubs- und Krankheitsfall zu bemächtigen; klar-
stellen, daß weder er noch seine Kollegen, sondern inkompe-
tentes Management oder generelle soziale Bedingungen schuld
am Scheitern des Unternehmens sind; Überprüfung des Familien-
budgets und Kalkulation, welche Einschränkungen gemacht
werden können und wie lange die Ersparnisse aus-reichen
können; gemeinsame Überlegungen mit seiner Frau, die bisher
lieber zu Hause geblieben ist, ob sie sich nach einem Job
umsehen sollte und wie die Kinder mit anpacken könnten; die
Gelegenheit nutzen, noch einmal genau zu überlegen, ob dies
nicht eine gute Chance für einen Berufswechsel oder eine
Weiterbildung ist; da nun ein wenig freie Zeit zu erwarten ist,
kann er die Dinge in Angriff nehmen, die er schon seit langem
tun wollte, ohne daß dabei die Suche nach einer neuen Stelle zu
kurz käme; er wird seinen Onkel oder einen Kameraden aus der
Armee kontaktieren, um Ideen für eine neue Arbeit zu sammeln;
er wird wieder dem Kirchenchor beitreten und singen, um den
Schmerz zu lindern. Und er wird sich umsehen, aber nicht nur
nach einem anderen Job, sondern nach einem der ihm in jeder
Beziehung angemessen Gratifikation verschafft. Schließlich
sprechen wir darüber, wie er die nächsten 25 Jahre verbringen
wird." (S. 135/6)

Das ist an Zynismus schwerlich zu übertreffen. Antonovsky propagiert
einen systematischen Selbstbetrug, bei dem eine große Misere als etwas
Gutes gesehen werden soll. Er stellt vor, wie Leute "mit einem starken
SOC" gedanklich Scheiße zu Gold machen sollten - und damit, so
meint er, würden sie sich auch noch einen Gefallen tun. Was er schreibt
ist eine Frechheit gegenüber denjenigen, an die sein Programm
gerichtet ist. Das wird deutlich wenn man sich vorstellt, dass
Antonovsky dem entlassenen Stahlarbeiter persönlich mitteilen würde,
er solle seine Lage doch positiv sehen, jetzt kann er endlich die
Ressourcen nutzen, eine neue Finanzplanung aufzustellen und mit
seiner Frau zu überlegen, wie sie einen Job bekommen könnte.

Daran schließt sich direkt das folgende Zitat an:

"Es gibt keine Garantien im Leben, und die Realität mag einem
fortwährend am Herzen, an der Zeit und dem Geldbeutel zerren.
Man kann sich sehr wohl auf den Holzweg begeben, Fehler
machen und sich selbst täuschen. Man beginnt sich zu beschul-
digen, mit der Frau und den Kindern zu meckern und zu trinken.
Aber die Chancen, daß eine Person mit einem starken SOC
fehlangepasste Copingaktionen unternimmt, sind geringer." (S.
136)

Was ist denn das für eine Realität, die einem da "fortwährend am
Herzen, an der Zeit und dem Geldbeutel" zerrt? Bei Antonovsky liest es
sich so, dass diese Realität unhinterfrag- und unhintergehbar wäre,
obwohl er andererseits um die bestimmte Verfasstheit der Gesellschaft
weiß. Denn aus den positiven Ressourcen, die der entlassene Stahl-
arbeiter aktivieren könnte, wird klar, um was für eine Realität es sich
handelt. Das Management hat ihn entlassen; er könnte die Gewerk-
schaft anrufen, um sich seine Rentenansprüche zu sichern und er
könnte nochmal klarstellen, dass er nicht an seiner Entlassung schuld
ist. Das weist auf einen Klassengegensatz hin. Das Management
entscheidet im Auftrag des Kapitals über die Existenz derjenigen Leute,
die auf Lohn angewiesen sind. Die Interessen dieser zwei Klassen sind

entgegengesetzt und wer wem was zu sagen hat, ist klar. Allein die
Notwendigkeit, dass sich die Lohnabhängigen zusammentun und mit
Arbeitsverweigerung drohen müssen, um überhaupt ihre Interessen
vorbringen zu können, zeigt, dass es sich nicht um eine Gesellschaft der
"Gelegenheitend handelt. Die Anforderungen ("Stimulid), vor die so
viele Leute gestellt sind, sind nicht zu deren Vorankommen da.

In dem Zitat wird auch deutlich, dass Antonovsky's Programm auf
Anpassungsleistungen hinausläuft, die die Betroffenen erbringen sollen.
Der Einstieg in dem Buch ist die Förderung von Gesundheit. Da ist das
Widersinnige, dass eine undifferenziert positive Sicht auf widrige
Lebensumstände gesundheitsförderlich sein soll. In Bezug auf die hier
erwähnte geforderte Anpassung wird klar, in welchem Zusammenhang
die positive Sicht steht: gemeint ist eine bestimmte, gesellschaftlich
erwünschte Haltung.

Anpassung setzt etwas voraus, an das sich angepasst werden kann. Was
das ist, wird wiederum aus dem Beispiel des Stahlarbeiters deutlich. Der
soll z.B. das Angebot der Kirche zur Schmerzlinderung wahrnehmen; er
soll sich ideelle Genugtuung schaffen, indem das "Fehl-Managemantd
für die Kündigung verantwortlich macht. Vor allem aber soll er seine
miese Situation als Ausgangspunkt für neue Bemühungen nehmen, in
den "herausfordernden" Verhältnissen wieder zurechtzukommen. Er soll
es als eine Gelegenheit sehen, wie er oder seine Frau an einen Job
kommen könnten; er soll es als eine Gelegenheit sehen, dass seine
Kinder mitanpacken könnten und er soll es als eine Gelegenheit sehen,
sich für den Arbeitsmarkt fitzumachen. Die selbstbetrügerische geistige
Stellung, die Antonovsky vorschwebt, soll Leute jeweils zum Sisyphos
machen. Das ist das Ideal, was in der Salutogenese steckt:

"Meine Ansicht ist natürlich nicht, daß Arbeitslosigkeit eine
glückliche Erfahrung ist; ganz im Gegenteil. Aber bei der Person
mit einem starken SOC mag sie weniger schädlich sein und sich
sogar als günstig erweisen." (S. 136)

Was für eine Verarsche: Im Wissen, dass Arbeitslosigkeit keine
glückliche Erfahrung ist, sei es mit der Sicht, dass es eine glückliche
Sache wäre, doch vielleicht nicht ganz so schlimm. Die Propagierung
einer falschen Sicht auf diese Verhältnisse ist kein Gefallen für die, die
drin stecken. Denn der Erfolg liegt eben nicht in der Hand der Leute,
sondern bei den Konjunkturen der Märkte und damit verbunden für die
Arbeitnehmer*innen bei den Kalkulationen der Arbeitgeber*innen. Es
gibt eine Notwendigkeit im Scheitern von Lohnabhängigen im
Kapitalismus: Ihre Arbeit ist Kostenfaktor, der vom Kapital anhand des
Maßstabs Rentabilität lohnmäßig minimiert und leistungsmäßig
maximiert wird.(5)

"Eine Einstellung gegenüber der Welt, in der Stimuli als bedeut-
sam, verstehbar und handhabbar gesehen werden, liefert die
motivationale und kognitive Basis für Verhalten, mit dem von
Stressoren gestellte Probleme wahrscheinlicher gelöst werden
können als eine, die die Welt als beschwerlich, chaotisch und
überwältigend ansieht." (S. 137)

Der Fokus ist hier nicht mehr die Verbesserung von individueller
Gesundheit. Antonovsky schreibt nur noch von einer Basis, auf der
Probleme wahrscheinlicher gelöst werden können. Er geht davon aus,
dass sie jeweils schwerlich, also im Ganzen gar nicht zu lösen sind.
Entsprechend sieht dann auch die Anpassungsleistung aus, um die es
geht: man soll mit den widrigen Lebensbedingungen einverstanden sein
und erst dann mit eigener, möglichst maximaler Anstrengung in
Angriff genommen werden.

Antonovsky macht seine falsche Sicht der Herausforderungen zum
Programm. Für den Stahlarbeiter schließt er folgendermaßen:

"Unseren arbeitslosen Stahlarbeiter zum Beispiel kann der
Copingprozeß in die Leitung der Gewerkschaft katapultieren,
seine Frau kann eine bezahlte Arbeit annehmen, seine Kinder
können ihn mehr zu sehen bekommen, oder er mag von seinem
Onkel, mit dem er bisher in entfernter Beziehung stand, einen
unattraktiven zeitlich befristeten Job angeboten bekommen. So
ist das wirkliche Leben. Aber wenn ich diese Zusammenhänge
herstelle, verstärke ich damit nur meine ursprüngliche Position,
daß Stressoren allgegenwärtig in der menschlichen Existenz sind,
daß wir permanent zum Coping aufgefordert werden." (S. 137)

Hier wird nochmal deutlich, dass Antonovsky sich über seine Ignoranz
der Verhältnisse im klaren ist. Den geschilderten Widrigkeiten will er
nur entnehmen, dass "Stressoren allgegenwärtig sindd, dass also seine
Ausgangsthese bestätigt wird. Sein Programm ist gegen die Ablehnung
der Verhältnisse gerichtet, die in Anbetracht der von ihm geschilderten
typischen Lebenssituationen nahe liegt.

Es ist bedauerlich, wenn Leute sich geistig zustimmend in Verhältnissen
einrichten, in denen sie als Material für fremde Zwecke der Geld-
verwertung verwendet werden. Widerlich ist, dass Antonovsky das zum
"wissenschaftlichend Programm macht und sich das als Gefallen an den
Leuten anrechnet. Und dieser Scheiß ist Programm an den
Hochschulen.

(1) 'Resilienz' bezeichnet die Widerstandsfähigkeit eines Systems gegen Störungen.

(2) "GesünderS werden impliziert eine veränderte Vorstellung vom Zusammenhang von
Krankheit und Gesundheit: Statt einem Entweder-Oder geht die Salutogenese von einem
Kontinuum mit den Polen Krankheit und Gesundheit aus.

(3) 'Coping' bezeichnet die Art des Umgangs mit einem Problem. (engl. to cope with -
überwinden, bewältigen).

(4) Hier soll nicht gesagt sein, dass die Konkurrenz um Arbeitsplätze alleiniger Grund für
diese Erpressung ist. Sowas findet in einer sexistischen Gesellschaft statt. Größtenteils 
gehen Übergriffe - nicht nur in der Arbeitswelt - von Männern aus und richten sich gegen 
Frauen.

(5) Siehe dazu das Buch Die Misere hat System: Kapitalismus, insbesondere Kapitel 4 zu
Lohnarbeit.

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