(de) FdA/IFA Gai Dao N°41 - Mai 2014 - Science-Fiction und Anarchie - Teil 4 -- Jules Verne - ein Autor ohne Gott und Herrscher? Eine Replik - Von: Ben Beck / Übersetzung: jt (afb)

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Thu May 29 13:42:14 CEST 2014


Vorwort der Redaktion: Mit diesem Text setzen wir die in der Februarausgabe der Gaidao 
begonnene Reihe zu "ScienceFiction und Anarchie" fort. Der vorliegende Text ist wiederum 
eine Übersetzung eines englischsprachigen Textes, in dem einige der zentralen Thesen aus 
dem letzten Teil (Gaidao Nr. 40) kritisch beleuchtet werden. Darin ging es um den 
französischen Romancier Jules Verne und seine Ansichten zum Anarchismus bzw. wie er diese 
in sein Werk integriert hat. ---- Die Meinungen über Jules Vernes Sympathien gegenüber dem 
Anarchismus sowie darüber, inwieweit anarchistische Motive in seinen Werken eine Rolle 
spielen, gehen weit auseinander. Nicht-Anarchist*innen haben vorgebracht, dass Verne sich 
besonders gegen Ende seines Lebens anarchistischen Ideen oder zumindest jenen des 
libertären Flügels des Liberalismus angenähert hat.

Sicher ist, dass er Anarchist*innen kannte - sein
Freund Nadar wurde einer, außerdem war er mit Elisée Reclus
befreundet (durch den er von Peter Kropotkin geografisches Ma-
terial für seinen Roman Der Kurier des Zaren erhielt). Es gibt
sogar Hinweise darauf, dass er Bakunin kannte oder zumindest
durch seinen Verleger Hetzel von ihm gehört hatte (Chesneaux:
103-4). Anarchist*innen hingegen - allen voran Hem Day - ha-
ben auf einige biografische Fakten verwiesen, die das Gegen-
teil andeuten: seine Reaktion auf die Pariser Kommune ("eine
schreckliche und groteske Farce" - zitiert nach Costello, 114),
seine respektvolle Bitte um eine Audienz bei Papst Leo XII, sein
sechzehnjähriger Dienst als Stadtrat von Amiens, während dem
er die Polizei zu einem unbarmherzigen Einsatz beglückwünsch-
te, bei dem sie die Ordnung wieder herstellte, nachdem ein An-
archist eine Ratsversammlung gestört hatte. Day führt an, dass
"die Tatsache, dass Verne sich [in Wahlen in Amiens] als Kandi-
dat aufstellen ließ, umso mehr beweist, dass er kein Anarchist
war" (Day 1967, 224). Der Kritiker Jean Chesneaux hingegen
führt ausführlich Argumente dafür an, dass "die Tendenz zu
einem libertären Individualismus Vernes Schriften tief geprägt
hat" (103-4). Hem hält dem entgegen, dass "anarchistische Moti-
ve in Vernes Werk höchstens vorübergehend eine Rolle gespielt
haben" (Day 1967, 226) und Chesnaux höchstwahrscheinlich nur
eigene Einstellungen auf Verne projiziert habe. Sicher ist jedoch
trotzdem, dass in den meisten von Vernes Werken hier und da
libertäre Ideen aufblitzen.

In Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer werden Professor
Aronnax und seine Begleiter*innen an Bord der Nautilus, dem
U- Boot des mysteriösen Rächers Kapitän Nemo, gefangen ge-
halten und erleben auf diese Weise die Wunder der Unterwas-
serwelt. Eine Zeit lang kursierten Gerüchte, nach denen das
Buch ursprünglich von der Kommunardin Louise Michel ge-
schrieben, oder zumindest konzipiert wurde (Girault 96, wieder-
holt in Planche 208). Hem Day wies nach, dass dieser Legende
jedwede Grundlage fehlt, aber vielleicht liegt in ihr, wie Gilli-
an Fleming 1982 angedeutet hat, ein tieferer Sinn. Scheinbar in
Unkenntnis von Days Werk wurde die Legende 2009 von Santo
Catanuto wiederbelebt (Catanuto 23- 31). Chesenaux beschreibt
den Roman als eben jenen, in dem sich - von allen Werken Ver-
nes - die deutlichsten Hinweise auf anarchistische Ideen finden
lassen (98- 100), was mit Ausnahme von Die Schiffbrüchigen
der Jonathan, auch durchaus seine Berechtigung hat. Dennoch
erfordert es, wie Day geschrieben hat, "viel Vorstellungsvermö-
gen, um solche Vermutungen anstellen zu können. (...) Die Re-
volte des Individuums zu rühmen, bedeutet nicht automatisch,
dass diese Revolte anarchistisch ist - eher das Gegenteil." Die
anarchistische Ideologie, die Chesenaux in Nemo gesehen hat,
bleibt in jeder Hinsicht strittig (Day 1967, 223). Nichtsdestotrotz
erkennt auch Day Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer als
"meisterhaftes Werk" an (Day 1959, 29). Auch Michael Moorcock
hat Nemo als eine der "besten Figuren" (Moorcock 1978, 42) Ver-
nes bezeichnet.


Die Schiffbrüchigen der Jonathan kann nur als Science-Fiction
bezeichnet werden, wenn man den Begriff in seinem weitesten
Sinn fasst - in dem Sinne, in dem jede von Vernes Voyages Extra-
ordinaires (Außergewöhnliche Reisen), in denen mit der Freude
der Utopist*innen mit politischen Konzepten in isolierten Ver-
hältnissen experimentiert wird, als Science-Fiction zu begrei-
fen ist. Die Handlung des Romans ist gradlinig: Ein Anarchist,
Kaw-djer, hilft den Überlebenden eines Schiffbruchs bereitwillig
dabei, eine Kolonie nahe Kap Hoorn aufzubauen, weigert sich
aber strikt, sie zu regieren oder in irgendeiner anderen Weise
zu kontrollieren. Durch die Unfähigkeit der Überlebenden, sich
selbst zu organisieren, sieht er sich letztlich dazu gezwungen,
seine Prinzipien zu vernachlässigen und errichtet eine absolute
Herrschaft, bis die Ordnung wieder hergestellt wird und er sich
auf einer benachbarten Insel zurück zieht, um seinen Individu-
alismus als Leuchtturmwärter ausleben zu können. Obwohl mit
offensichtlicher Ironie, beschreibt Verne Anarchist*innen als
"schreckliche Sekte" (Arco Bd. 1, 13), "eine heterogene Ansamm-
lung von Kriminellen und Mystiker*innen. Erstere, zerfressen
von Neid und Hass, sind allzeit zu Mord und Gewalt bereit; Letz-
tere, wahre Poet*innen, phantasieren von einer Menschheit, aus
der das Böse durch die Abschaffung der Gesetze, die zu seiner
Bekämpfung konzipiert wurden, für immer verbannt ist" (Bd. 1,
17). Kaw-djer gehört zur zweiten Gruppe. Im Wesentlichen zeigt
der Roman das Scheitern von Anarchie als eine Form der sozia-
len Organisation. Dennoch ist Kaw-djer so liebevoll porträtiert,
dass es schwer ist, der Schlussfolgerung, eine Form des romanti-
schen Individualanarchismus sei eigentlich sehr anziehend für
den Autor gewesen, zu widerstehen.


Ich benutze hier absichtlich das Wort Autor, denn oft wurde -
unter Anarchist*innen durch Hem Day - die These aufgestellt,
das Buch sei eigentlich das Werk von Vernes Sohn Michel. An-
dere anarchistische Kritiker*innen scheinen dagegen keine Ah-
nung gehabt zu haben, dass die Autorschaft bei diesem Roman
in Frage stand. Einer von Vernes Biografen hat die Behauptung


aufgestellt, dass Kaw-djer selbst auf Elisée Reclus basiert (Co-
stello, 210), wofür es jedoch keine richtigen Belege gibt. Michael
Moorcock hat eingeräumt, dass Verne "Kaw-djer, dem Anarchis-
ten, einige ziemlich vernünftige Ansichten in den Mund gelegt
hat". Das Buch wurde 1978 ausführlich in der Zeitschrift Free-
dom diskutiert. John Drake schrieb dazu:

"Soweit man es aus diesem Buch erkennen kann, galt Vernes
philosophische Vorliebe dem Anarchismus, er hatte jedoch Vor-
behalte gegen seine politische Umsetzbarkeit. [...] Verne hatte
das Gefühl, der Anarchismus unterschätze die Grenzen, die die
menschliche Natur setzt. [...] Er begriff den Anarchismus als
eine Philosophie des Individualismus. Es scheint so, als hätte
ihm das Bewusstsein von Anarchismus als soziales Phänomen
gefehlt. [...] Aus anarchistischer Sicht ist es sehr enttäuschend,
dass Verne sich der Möglichkeiten des libertären Kommunismus
nicht bewusst war und ihn darum nicht als mögliche Lösung
für Kaw-djers moralisches Dilemma in Betracht zieht."

Drake argumentiert, dass Verne gar nichts über die syndika-
listischen und kommunistischen Varianten des Anarchismus
wissen konnte und das darum seine Darstellung von Individu-
alanarchismus ein Ausdruck seiner eigenen Ansichten ist.

1977 wurde Vernes Originalmanuskript von Magellania wie-
derentdeckt und 1985 veröffentlicht. 1988 erschien er erstmals
in englischer Übersetzung. Es hat sich herausgestellt, dass Die
Schiffbrüchigen der Jonathan eigentlich Michel Vernes Neufas-
sung der Magellania war - ein Auftragswerk von Hetzel, dem
Verlegers seines Vaters. Von dem Original wurden fünf Kapitel
gestrichen und zwanzig neue mit einer beträchtlichen Anzahl
neuer Figuren von Michel hinzugefügt. Dennoch bleibt Kaw-
djer die Hauptperson und auch für Magellania war das Thema
des romantischen Anarchisten, der sich dem Pragmatismus beu-
gen muss, zentral. Laut Olivier Dumas, Präsident der Jules-Ver-
ne-Gesellschaft, der das Vorwort für die Neuausgabe der Ma-
gellania verfasst hat, war das historische Vorbild für die Figur
des Kaw-djer überhaupt kein Anarchist, sondern der Erzherzog
von Österreich - Johann Salvator von Österreich-Toskana -, der
seinen Titel abgelegt, den Namen Johann Orth angenommen
hatte, eine Tänzerin heiratete und im Juli 1890 auf See verschol-
len ging, als er versuchte sein eigenes Schiff um Kap Hoorn zu
navigieren.

Mehr Infos

Quelle:

http://benbeck.co.uk/anarchysf/v.htm (Englisch)

Weitere Informationen:

http://en.wikipedia.org/wiki/Jules_Verne
http://www.kirjasto.sci.fi/verne.htm
http://www.thenewatlantis.com/publications/jules-verne-father-of-
science-fiction


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