(de) FdA/IFA Gai Dao N°41 - Mai 2014 - Deutsche Libertäre im Spanischen Bürgerkrieg -- Rolle und Bedeutung der Exilgruppe Deutsche Anarcho-Syndikalisten (DAS) - Von: Oliver Rast

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Tue May 27 13:44:05 CEST 2014


Die Primär-und Sekundärliteratur zum Spanischen Bürgerkrieg (Juli 1936 bis April 1939) ist 
reichhaltig und breit aufgestellt. Zu schließende thematische Lücken finden sich dennoch 
allenthalben, zumal weiterhin Archivbestände, insbesondere in Russland, auf eine 
systematische Erschließung und Auswertung warten. Ein deutsch-spanischer Autorenkreis, dem 
Dieter Nelles, Ulrich Linse sowie das Autorenduo Carlos Garcia und Harald Piotrowski 
angehören, unternimmt mit einer Buchveröffentlichung den Versuch, eine der 
organisationsgeschichtlichen Forschungslücken zu schließen. ---- Mit dem im Herbst 2013 im 
Verlag "Graswurzelrevolution" erschienenen Sammelband" Deutsche AntifaschistInnen in 
Barcelona 1933-1939. Die Gruppe ,Deutsche Anarcho-Syndikalisten' (DAS)" wird ein 
monografisches Werk in deutscher Sprache vorgelegt, welches 2010 zunächst auf der 
iberischen Halbinsel veröffentlicht wurde.

Die Vorgeschichte dieses Bandes geht auf ein nicht abgeschlos-
senes Forschungsprojekt Ende der 1980er Jahre zurück, in dem
vormals auch Hans-Jürgen Degen und Wolfgang Haug involviert
waren. Für die deutsche Fassung wurden die Texte von Nelles und
Linse durchgesehen und erweitert. Der Band mit über 400 Seiten
enthält insgesamt zehn Beiträge, zwei Anhänge und ein Verzeich-
nis mit über sechzig Kurzbiografien libertärer deutschsprachiger
Spanienkämpfer*innen, die eine direkte oder indirekte Beziehung
zur DAS aufweisen.

Linse beschäftigt sich in seinem Beitrag im Schwerpunkt mit der
Entstehung der DAS bis zum Beginn des Militärputsches und an-
schließenden Bürgerkriegs in Spanien. Nelles schließt zeitlich an
Linses Aufsatz an und beschreibt neben der Politik der DAS in der
Zeit von 1936-1939 das widersprüchliche Verhältnis zwischen dem
internationalen Anarcho-Syndikalismus und der CNT-FAI bzw. der
DAS. Des Weiteren liefert er einen Überblick über das Engagement
deutscher Freiwilliger in den Milizen der CNT-FAI. Garcia und Pi-
otrowski konzentrieren sich vornehmlich auf einzelne Fallstudien,
in denen die Rolle und Bedeutung der DAS im Kontext der Macht-
konstellationen im spanischen bzw. katalanischen Exil erläutert
werden. Das Autorenduo schildert u.a. die Auseinandersetzung
um die Hegemonie im öffentlichen Leben in der republikanischen
Zone, die antifaschistische Politik der DAS gegen das "Nazi-Netz"
vorwiegend in Katalonien und die Entstehungshintergründe des
"Schwarzrotbuchs".

Die Ausführungen der Autoren sind einer der seltenen Erträge der
geschichtswissenschaftlichen Unterdisziplin "Anarchismusfor-
schung'' im akademischen Betrieb, in der sich mit dem heterogenen
Spektrum libertärer und verwandter Tendenzen befasst wird. Die
zwei profilierten Anarchismusforscher*innen Nelles ("Es lebt noch
eine Flamme". Rheinische Anarcho-Syndikalisten/-innen in der
Weimarer Republik und im Faschismus") und Linse ("Die anarchis-
tische und anarcho-syndikalistische Jugendbewegung 1919-1933")
konstatieren eingangs, dass es eine Anarchismusforschung an den
bundesrepublikanischen Universitäten - von rühmlichen Ausnah-
men abgesehen - de facto nicht (mehr) gibt.

Das Ergebnis der Buchveröffentlichung kann sich - mit Abstrichen
- sehen lassen. Die Autoren charakterisieren ihr Buchprojekt wie
folgt: "Es ist ein Beitrag zum deutschen Exil in Spanien und zum
Engagement deutscher Freiwilliger im spanischen Bürgerkrieg, ein
Beitrag zur Geschichte des internationalen Anarchosyndikalismus
in der Zwischenkriegszeit und ein Beitrag zur Geschichte der spa-
nischen Revolution" (9). Zum einen befördert das Autorenquartett
das Wirken einer weitgehend unbekannten Exilant*innengruppe
an die Oberfläche der Geschichts- und Exilforschung zur sozialen
Revolution im Kontext des Spanischen Bürgerkriegs, zum anderen
dokumentieren die Autoren mit ihrer Publikation einen spezifi-
schen Beitrag deutscher Anarcho-Syndikalist*innen im Sozialrevo-
lutionären und antifranquistischen Widerstand.

Von der DAS wurde in der deutschen Exilforschung bislang kaum
Notiz genommen. Die Autoren nennen u.a. als einen gewichtigen
Grund, dass sich die Anarcho-Syndikalist*innen, die aus dem "Hit-
ler-Deutschland" entkommen sind, zuvorderst als Teil des interna-
tionalen Anarcho-Syndikalismus verstanden. Die Kontaktstränge
zu den Exil-Communities deutscher NS-Gegner*innen aller Cou-
leur waren deshalb nur spärlich vorhanden. Die Geschichte und das
Schicksal der ausländischen Freiwilligen, die sich der CNT-FAI oder
auch dem revolutionär-marxistischen POUM anschlossen, sind im
Gegensatz zu den Aktivist*innen in den Reihen der Internationa-
len Brigaden fast vollständig in Vergessenheit
geraten. "Diese Freiwilligen gehörten zu den
doppelten Verlierern des spanischen Bürger-
kriegs", so Nelles betonend, denn "[s]ie verlo-
ren nicht nur den Krieg, sondern waren auch
im Kampf gegen die antirevolutionären Kräfte
im republikanischen Lager unterlegen" (80).

Vorlauf und Anfänge der DAS

Das katalanische Barcelona avancierte für
deutsche Oppositionelle - und demnach auch
für Libertäre - zu einer der favorisierten An-
laufpunkte, um dem Zugriff des NS-Staats zu
entgehen. Garcia/Pietrowski erwähnen, dass
Ende 1934 bis zu 18.000 Deutsche allein in
Barcelona ansässig gewesen sein sollen (vgl.
17). Gleichzeitig sprechen sie von einer sich
ausbreitenden "Nazifizierung der deutschen
Kolonie" (34).

Die Verkettungen zwischen deutschen und
spanischen bzw. katalanischen Libertären zeigen sich aber auch in
einer umgekehrten Laufrichtung. Linse verweist auf eine Anekdo-
te, die die deutsch-spanischen Beziehungen im Anarcho-Syndika-
lismus bereits frühzeitig auf das Engste belegen. Als Diego Abad
de Santillan (1897-1983), der spätere CNT-Wirtschaftsminister in
Katalonien und Konstrukteur des Milizsystems während des spa-
nischen Bürgerkriegs, Anfang der 1920er Jahre in Berlin weilte,
ehelichte er eine Tochter von Fritz Kater (1861-1945) (vgl. 53). Ka-
ter, seines Zeichens Leiter der Berliner Geschäftskommission der
FAUD, betätigte sich in erster Linie als Verleger lokalistischer und
(anarcho-)syndikalistischer Literaturen.

Der Masseneinfluss und die Organisationsbreite der CNT-FAI er-
zeugten bei deutschen Libertären unterschiedlicher Linien teils
enthusiastische Reaktionen. Bei dem aktionistisch orientierten
Teil von Anarchist*innen, (Anarcho-)Syndikalist*innen, aber
auch von dissidenten Sozialist*innen und Kommunist*innen fand
der von der CNT lancierte, aber fehlgeschlagene Aufstand am 8.
Januar 1933 in der katalonischen Hauptstadt viel Anklang. In den
ersten Monaten des Jahres 1933 spiegelte sich die Insurrektionsrhe-
torik in den Spalten des Arbeiter-Echo, dem FAUD-Nachfolgeblatt
von Der Syndikalist, wider. Eine ungeteilte Zustimmung wurde
den CNT-FAI-Akteur*innen in Katalonien seitens der deutschen
Anarcho-Syndikalist*innen allerdings nicht entgegengebracht,
da sie den insurrektionistischen Kurs nicht für förderlich hielten,
um einen "revolutionären Flächenbrand" auf der iberischen Halb-
insel zu entfachen. Diese reservierte Position wurde durch den
zweiten, im Dezember 1933 initiierten Aufruhr der spanischen
Anarcho-Syndikalist*innen noch verstärkt, zumal dieser mit einer
Schwächung der CNT-FAI-Strukturen endete. Massenhafte Inhaf-
tierungen von Mitgliedern und Sympathisant*innen und die Illega-
lisierung der CNT-FAI waren die Bilanz.

Dennoch bildete Spanien für deutsche Anarcho-Syndikalist*innen
einen Silberstreif am Horizont der antifaschistischen Front gegen
den vielerorts aufkeimenden Faschismus, und insbesondere die so-
zialrevolutionären Kollektivierungsprozesse im rebellischen Kata-
lonien lösten die Faszination einer gelebten Utopie aus.

Die Autoren schicken einleitend voraus, dass
das Kürzel "DAS" richtigerweise in "Gruppe
Deutsche Anarchosyndikalisten im Ausland"
aufzulösen sei, sie aber die gebräuchlichere Be-
zeichnung "Deutsche Anarchosyndikalisten"
verwenden (vgl. 8). Ein definierbares Grün-
dungsdatum der DAS ist offenbar nicht ermit-
telbar, da die Angaben in dem Sammelband
divergieren. Während sich Linse auf einen
vermutlich von Helmut Rüdiger (1903-1966) ver-
fassten geschichtlichen Abriss zur DAS stützt,
wonach sich die anarcho-syndikalistische
Exilant*innengruppe unmittelbar nach der
Machtübertragung an Hitler sammelte (vgl. 64),
schreibt er hinsichtlich der DAS in Barcelona,
dass "sie etwa im September 1933 [[g]egründet
wurde]" (70). Nelles erwähnt hingegen, dass
sich die DAS 1934 konstituierte (vgl. 80). Der
organisatorische Schwerpunkt der DAS, die
als Sektion innerhalb der (anarcho-)syndika-
listischen Internationale, der IAA, wirkte, lag in Barcelona. Linse
zitiert Rüdiger, der in einem Brief an Rudolf Rocker (1873-1958) aus
dem September 1933 die "Erfolgsmeldung" notiert: "Wir sind jetzt
hier schon 11 Genossen der FAUD und haben auch so etwas wie
eine Gruppe gegründet" (70). Des weiteren gibt er Rüdiger aus ei-
nem anderen Briefwechsel wider, demzufolge sich seit 1935 in Bar-
celona "fast die ganze FAUD versammelt" hätte (71). Die DAS in
Barcelona unterstand formal dem Regionalkomitee der CNT-FAI.
Weitere DAS existierten in den bevorzugten Exilorten Stockholm,
Amsterdam und Paris, die in dem Sammelband aber nur am Rande
berücksichtigt werden.

Die DAS in Barcelona befand sich logistisch und materiell in ei-
ner besonders prekären Situation, da die CNT-FAI infolge der Auf-
standsversuche im Januar und Dezember 1933 illegalisiert wurde.
Damit war die Kontaktaufnahme oder gar das Herstellen offener
Verbindungen zu den örtlichen Anarcho-Syndikalist*innen und ih-
ren Strukturen derart erschwert, dass eine effektive gegenseitige
Bezugnahme und Unterstützung verunmöglicht wurde. Linse kon-
statiert zudem, dass "die sprachliche und mentale Anpassung an
das Gastland und das Verhältnis zur CNT [[n]icht unproblematisch
war]" (67). Diese Umstände brachten es mit sich, dass die exilierten
Anarcho-Syndikalist*innen eine starke Binnenstruktur auspräg-
ten. Dies, obwohl viele von ihnen CNT-Mitglieder waren und sich,
wie es in der FAUD-Satzung fixiert wurde, den Berufssyndikaten
der CNT-Kolleg*innen anschlossen.

Eine aktive materielle Unterstützungsleistung der CNT für die sich
seit Ende 1933 in größerer Anzahl in Katalonien aufhaltenden an-
archo-syndikalistischen Emigrant*innen blieb aus, so dass sich die
IAA verantwortlich zeigen musste. "Die CNT weigerte sich über-
haupt", so Linse, "ihre Beiträge an die IAA abzuführen [...]" (74). Die
CNT ließ es an einer praktisch gewordenen internationalistischen
Haltung vermissen und offenbarte ihr Desinteresse, eine Boykott-
kampagne gegen den NS-Staat im Rahmen der IAA voranzutreiben.
Eines der zentralen publizistischen Projekte der DAS in der Zeit vor
den Ereignissen des Bürgerkriegs war die Herausgabe eines Theo-
rieorgans. "Rüdiger nannte", lässt uns Linse wissen, "die Zeitschrift
in Erinnerung an das frühere theoretische Diskussionsorgan der
FAUD ,Die Internationale. Anarchosyndikalistisches Organ, he-
rausgegeben vom Sekretariat der I.A.A. Neue Folge'" (72). Die
Auftaktnummer erschien Anfang August 1934. Diesem Presseer-
zeugnis war allerdings aufgrund der desaströsen Finanzlage kein
langes Leben beschert, denn nach der fünften Nummer im Mai 1935
musste die Einstellung des Blatts verkündet werden. Problematisch
war die Aufgabe der Internationale auch deshalb, weil diese als ins
nationalsozialistische Deutschland geschmuggelte Tarnschrift eine
Verbindung zwischen den Exilstrukturen und dem inländischen li-
bertären Widerstand herstellen sollte.

Bis zum Militärputsch nationalistischer und protofaschistischer
Kräfte am 17. Juli 1936 führte die DAS ein Schattendasein. "[...] die
Gruppe hat bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs nur leidlich oder
gar nicht funktioniert", so Linses ernüchterndes Resümee (70). Die
persönlichen Animositäten unter den DAS-Mitgliedern, die unver-
kennbar intensiv kultiviert wurden, und die sich im Kreise drehen-
den Diskussionen über die spanischen Vorgänge führten zu einer
Degradierung der DAS auf den Stand einer bloßen ",Informations-
quelle'" (Rüdiger) (72).

Die Tätigkeitsfelder der DAS im Spanischen Bürgerkrieg

Der Frente Populär, der vor den Neuwahlen im Februar 1936 als
Gegengewicht zum Frente National (Nationale Front) gegründete
Block der Volksfront, umfasste die moderaten Republikaner*innen
der Izquierda Republicana und der Union Republicana, die
Sozialist*innen des PSOE und der ihr nahestehenden Gewerkschaft
UGT, die Kommunist*innen des PCE sowie der als "trotzkistisch"
etikettierte POUM. Unterstützt wurde die Volksfront-Allianz von
der katalanischen ERC sowie den Anarcho-Syndikalist*innen und
Anarchist*innen der CNT-FAI. In der Volksfront, die sich auf ei-
nen (bürgerlichen) antifaschistischen Konsens verständigte, sollten
schnell die Sollbruchstellen und Gegensätze zu Tage treten. Vor dem
Hintergrund dieser Heterogenität waren Fraktionierungen beinahe
naturnotwendig zu erwarten. Infolge ihrer offiziellen Regierungs-
beteiligung befand sich die CNT-FAI in einem Dilemma, aus dem
es kein Entrinnen geben konnte. Zwischen der Regierungsloyalität
gegenüber der republikanisch gesinnten Mehrheit in Madrid und
der Generalität, der Regionalregierung Kataloniens, in Barcelona
sowie dem Revolutionselan der libertären Basis pendelte die Politik
der CNT-FAI hin und her. Es entstand eine "Machtdualität" zwi-
schen Juli 1936 und Mai 1937, die insbesondere zu einem sich for-
cierenden "Kampf um die Kontrolle der öffentlichen Ordnung", wie
es Garcis/Piotrowski nennen, führte: "Die Konfrontation zwischen
einer im Entstehen begriffenen neuen revolutionären Ordnung, die
sich trotz allem auf den Feldern, in den Fabriken und auf den Stra-
ßen der Städte und Dörfer durchsetzte, und der republikanischen
Legalität der Generalität ging durch alle Instanzen des öffentlichen
Lebens von Katalonien" (204).

Nelles skizziert den Bedeutungsgewinn, den die DAS zu Beginn der
sozialen Revolution und der Bürgerkriegswirren in Spanien erfuhr:
"Aus einer kleinen, isolierten Gruppe war die DAS zur politisch
einflussreichsten deutschen Exilgruppe in Barcelona avanciert"
(109). Einer der gestalterischen Höhepunkte war, dass im August
1936 "[u]nter maßgeblichen politischem Einfluss der DAS" (104)
die Gründung des Internationalen Komitees Antifaschistischer
Emigranten (CIDEA) erfolgte. Vom von der CNT-FAI dominierten
Zentralkomitee der Antifaschistischen Milizen (CCMA) wurde der
DAS-Gruppe der Auftrag der Kontrolle über alle deutschsprachigen
Ausländer*innen in Barcelona erteilt, was den Grenz-, Post, Hafen-
und Eisenbahnverkehr umfassen sollte (vgl. 101). Mit den aufge-
stellten Informations- und Ermittlungsgruppen ging es vor allem
um das Aufdecken und Zerschlagen von NS-Strukturen in der
katalanischen Hauptstadt. Diese faktische Funktion einer "Aus-
länderpolizei" musste mit einer schmalen infrastrukturellen und
personellen Basis ausgefüllt werden, denn selbst zu ihrer Hochzeit
soll die DAS in Barcelona lediglich einen Spitzenwert von 45 Mit-
gliedern erreicht haben (vgl. 109).

In den von Nelles wiedergegebenen Passagen aus dem Protokoll
über die Tätigkeit der DAS-Gruppe im Monat Juli-August [1936]
werden die Stoßrichtungen des "Zweifronten-Kampfs" der DAS
deutlich: "Es ist im wesentlichen ein Abwehrkampf gegen zwei il-
legale Fronten. Einerseits gegen die Kriegsspionage der national-
sozialistischen und anderen ausländischen faschistischen Orga-
nisationen, andererseits gegen die numerische Überschwemmung
Spaniens mit ausländischen Kommunisten und Sozialisten, die
vielleicht eine noch stärkere Gefahr für die freiheitliche Entwick-
lung der spanischen Revolution werden kann." (110) Mit dem Abzug
deutscher NS-Mitglieder und der mit dem NS sympathisierenden
Deutschen aus Barcelona "war das erste Handlungsfeld der DAS
abgeschlossen" (110).

Um an der Propaganda-Front Erfolge zu erzielen, richtete die CNT-
FAI einen mehrsprachigen Informationsdienst ein. Die deutsche
Ausgabe wurde von Rüdiger redigiert. Enthalten waren in erster Li-
nie Reportagen, informative Nachrichten und offizielle Statements
aus libertären Bewegungen aus aller Welt. Des Weiteren sollte mit
der Herausgabe von "Die soziale Revolution", die vom Januar bis
Juni 1937 als "Frontzeitung" in insgesamt dreizehn Ausgaben (Nel-
les spricht von 12 Nummern [vgl. 106]) erschien, die Brücke von den
deutschen Freiwilligen in Spanien zum libertären deutschen Exil
im Ausland geschlagen werden. "Die Seiten von Die Soziale Revolu-
tion", so Garcia/Piotrowski den Blattinhalt umreißend, "boten auch
Raum für ideologische Debatten und Artikel über die Revolution,
die Kollektivierungen sowie Kritiken der konterrevolutionären
Abweichung des republikanischen Lagers, außerdem Ankündi-
gungen zeitgenössischer Literatur [...]" (271).

Eine publizistische Stärkung erfuhr die exilierte anarchosyndi-
kalistische Szenerie mit der Wiederbelebung des Asy-Verlags. Die
Erstellung und Herausgabe des "Schwarzrotbuch. Dokumente
über den Hitlerimperialismus", das im Juli 1937 in dem besagten
alten FAUD-Verlag erschien, kann als die "Examensarbeit" der
DAS bezeichnet werden. Die spanische Ausgabe ging erstmals im
März 1938 in Umlauf; zu weiteren fremdsprachigen Übersetzun-
gen kam es nicht mehr. (Abweichend hierzu nennt Nelles als Er-
scheinungsdatum für die deutsche Erstveröffentlichung den Juni
1937 und für die spanischsprachige Fassung unspezifisch das Jahr
1937 [vgl. 108]). Zur Charakteristik des Bands, der einen (schmalen)
Ausschnitt von über 40.000 konfiszierten Dokumenten beinhaltet,
schreiben Garcia/Piotrowski: "Das DAS-Buch versammelte Doku-
mente, die an verschiedenen Orten und bei verschiedenen Perso-
nen beschlagnahmt worden waren, die schon vor dem Juli 1936 als
Nazis bekannt waren und von den anarchistischen Ermittlungs-
gruppen noch am Tag nach dem Militärputsch überrascht wurden,
was in vielen Fällen verhinderte, dass die Dokumente versteckt
werden konnten" (317).

Die politische Betreuung der deutschsprachigen Freiwilligen in
den Milizen der CNT-FAI zählte ebenso zum DAS-Aufgabenbe-
reich. Hierzu wurden sog. Frontdelegierte ernannt, die in verschie-
denen Milizen agierten. Exakte Zahlen über das Potential anar-
chistischer Freiwilliger im Spanischen Bürgerkrieg abzugeben, ist
allein aufgrund der kriegsbedingten Lageveränderungen und der
teils hohen Fluktuation in den Miliz-Einheiten überaus kompli-
ziert. Nelles macht folgendes Rechenexernpel auf: "Rechnet man
zu diesen 200 Freiwilligen noch die 50 Freiwilligen hinzu, die in
der Gruppe DAS oder in anderer [sic!] Funktionen für die CNT-FAI
in Spanien aktiv waren, kommt man auf eine Gesamtzahl von 250
Freiwilligen auf anarchistischer Seite. Dies entsprach ca. 8% aller
deutschen Freiwilligen" (164). In Relation dazu stellte das deutsche
Kontingent bei den Interbrigadist*innen ca. 3000 Freiwillige und
bis zu 500 sonstige Freiwillige waren auf republikanischer Seite im
Einsatz. Das Verhältnis zwischen den DAS-Frontkämpfer*innen
und der Gruppe DAS in Barcelona gestaltete sich zwischenzeitlich
zwiespältig. Hintergrund war die Kontroverse um die Frage nach
der Bildung von Soldatenräten in den Reihen der Milizkolonnen
(vgl. 147 ff.).

Die internen Reibereien innerhalb der DAS führten Anfang 1937
ferner zu der Herausbildung einer Querfrontgruppe, die laut
Nelles als (unbedeutende) "Konkurrenzorganisation'' (113) zur
DAS auftrat und sich unter dem Signet Sozialrevolutionäre Deut-
sche Freiheitsbewegung (SRDF) öffentlich präsentierte. Einer
ihrer Mentor*innen war der sich von der DAS getrennte Ferdi-
nand Götze, dessen Frau Elli Götze bis zu ihrer Abwahl im Ap-
ril 1937 DAS-Gruppenvorsitzende in Barcelona war. Für libertäre
Aktivist*innen, die sich im Zuge der sozialrevolutionären Prozesse
in Katalonien der CNT anschließen wollten, wurde Anfang 1937
eine Organisation für Sympathisant*innen gegründet, die unter
dem Namen Anarchosyndikalistische Kampfgemeinschaft (ASYK)
firmierte.

revolution

Der strukturelle Umbau der bewaffneten Einheiten im
Rahmen der sogenannten Militarisierung der Milizen sollte zu ei-
ner Schwächung des libertären Antriebs im weiteren Verlauf des
Bürgerkrieges und des anvisierten sozialen Transformationspro-
zesses führen: "Die Auflösung des CCMA am 1. Oktober 1936, der
Kontrollpatrouillen am 3. März 1937 und die Militarisierung der
Arbeitermilizen an den Fronten waren", Garcia/Piotrowski zufol-
ge, "einige Marksteine im Restaurierungsprozess der Generalität"
(198). Mit diesen Einschnitten wurden letztlich auch die Kompe-
tenzen der DAS erheblich beschnitten, wenn nicht gar komplett
ausgehebelt. Zudem waren diese Maßnahmen ein deutlicher Fin-
gerzeig der sich vertiefenden "stalinistisch-republikanischen Alli-
anz" (200).

Der Militarisierung der Milizen stimmte die Leitung der CNT-FAI
im November 1936 zu, um im Gegenzug von angekündigten Waf-
fenlieferungen zu profitieren. Diese Umstrukturierung zog sich bis
zum Sommer 1937 hin. "Sie [die Milizen, Anm. OR] wurden ge-
schlossen in Brigaden und Divisionen des Volksheeres umgewan-
delt, und nicht", so Nelles einwerfend, "wie es die Kommunistinnen
verlangt hatten, in gemischten Brigaden mit Wehrpflichtigen neu
zusammengesetzt" (136). Diese Militarisierung war innerhalb der
anarchistischen Milizen ein großer Streitpunkt, da damit der her-
kömmliche militärische Autoritarismus in den konföderalen Miliz-
Kolonnen Platz greifen konnte. Als Vortrupp der Militarisierung
auf anarchistischer Seite fungierten die Milizen der Zentralfront
in Madrid, die "mit der geballten faschistischen Kriegsmaschinerie
konfrontiert [waren]" (136). Um einiges resistenter zeigten sich die
Milizverbände dagegen an der Aragonfront.

Die Frage der Organisierung der Gefangenenbetreuung und -hilfe
gelangte regelmäßig auf die Agenda der Auseinandersetzungen
der Libertären. Insbesondere beklagten sich nach den konflikthaf-
ten Mai-Tagen 1937 in Barcelona ausländische anarchistische
Gefangene über die völlig unzureichende Unterstützung durch
die CNT-FAI. Sie fühlten sich von den spanischen Anarcho-
Syndikalist*innen und deren Solidaritätskomitees förmlich im
Stich gelassen, wie Nelles anführt (123). Der Internationalen Roten
Hilfe (IRH), die als Einheitsfrontorganisation der Antirepressions-
und Solidaritätspolitik im Zuge des IV. Weltkongresses der Kom-
munistischen Internationale 1922 aus der Taufe gehoben wurde,
standen die inhaftierten Libertären allerdings ablehnend gegen-
über. Garcia/Piotrowski erklären: "Das Misstrauen gegenüber der
SRI [span. Abk. für IRH, Anm. OR] war gerechtfertigt wegen deren
Treue zu den Direktiven der Komintern, was zur Gründung eines
Hilfskomitees für die Gefangenen aus Organisationen außerhalb
des stalinistischen Einflussbereichs führen sollte." (330)

Die DAS war im Sommer 1937 faktisch als organisatorischer Zu-
sammenhang in Barcelona nicht mehr interventionsfähig. In-
haftierungen, Ausweisungen und eine Exilierung aus dem Exil
machten die "Marginalisierung der Gruppe" (355) total. "Durch die
Repression der stalinistischen Kommunistinnen [sic!]", so Nelles",fanden die Aktivitäten 
der DAS im Juni 1937 ein abruptes Ende"
(80). Geflohene, verschleppte DAS-Mitglieder, die in Frankreich
festgesetzt wurden, engagierten sich nach dem Ende des spani-
schen Bürgerkriegs im französischen Internierungslager Gurs, in
dem ehemalige Spanienkämpfer*innen vorzugsweise interniert
wurden.

Ein Teil der DAS-Aktivist*innen, die sich den vielfältigen Repres-
salien entziehen konnten, konnte Nelles gemäß in Stockholm
weiterhin eine Struktur aufrechterhalten, bis auch in der schwedi-
schen Hauptstadt "die DAS 1940 stillschweigend aufgelöst worden
war" (178).

Dissonanzen innerhalb des internationalen Anarcho-Syndi-
kalismus

In der Ende 1922 in Berlin gegründeten Internationalen Arbeiter-
Assoziation (IAA), dem weltweiten Verbund syndikalistischer,
anarcho-syndikalistischer und unionistischer Organisationen,
gruppierte sich auch die CNT als mitgliederstärkste Formation.
Von einem harmonischen Zusammenwirken der einzelnen Sekti-
onen der IAA konnte allerdings nicht die Rede sein, denn "[...] das
Verhältnis zwischen IAA und CNT [war] voller Spannung", wie
Nelles schreibt (81). Die CNT-FAI geriet zu Beginn der 1930er Jahre
auf dem Parkett des internationalen Anarcho-Syndikalismus zu-
nehmend in die Schusslinie der Kritik. Nach Nelles Angaben kriti-
sierte speziell der lAA-Sekretär Alexander Schapiro (1882-1946) "die
reformistisch-politische Haltung" der CNT "als auch die insurrekti-
onelle Taktik der FAI" (81).

Mit dem Eintritt der CNT in das antifaschistische Volkfrontbünd-
nis in Madrid und die Generalität Kataloniens ging praktisch eine
Anpassungsleistung an die Erfordernisse staatstragender Regie-
rungspolitik einher. Garcia/Piotrowski vermerken zu dieser Zer-
reißprobe, in der sich die CNT befand: "Die CNT-FAI stellte [...] ihre
[...] proklamierte Frage der sozialen Revolution zurück und wur-
de formal zu einer gewöhnlichen antifaschistischen Organisation
innerhalb der Volksfront. Formal, denn diese taktische Wende des
spanischen Anarchosyndikalismus zum liberalen Antifaschismus
war ziemlich problematisch und riss tiefe Gräben innerhalb der
libertären Bewegung auf" (211). Oppositionelle Tendenzen fanden
ihren Ausdruck beispielsweise in der Verbreitung klandestiner Zei-
tungsprojekte, in denen sich von der Hauptlinie der CNT-FAI offen
distanziert wurde. "Anarquia" war eine dieser Zeitungen (vgl. 353).
Die CNT-FAI wechselte zwischen sozialreformerischen und sozi-
alrevolutionären Momenten, was dazu führte, dass der Anarcho-
Syndikalismus in Spanien deutlich an augenfälliger politischer
Kontur einbüßte.

Die Auslöser der Meinungsverschiedenheiten unter dem "Spitzen-
personal" des internationalen Anarcho-Syndikalismus gehen nicht
selten in die "Urzeit" zurück. Rüdigers intern vehement vorgetra-
gene Missbilligung der taktischen Elemente und der strategischen
Linie der CNT-FAI basierte darauf, dass seine "Einstellung zur CNT
von Anfang an distanziert und kritisch [war]", wie Linse hervor-
hebt (61). Nelles spitzt zu, in dem er mitteilt, dass "[f]ür Rüdiger die
CNT geradezu eine ,nationale sozialistische Bewegung' [war], die
sich nur dem Buchstaben, aber nicht der Substanz nach zur syndi-
kalistischen Internationale bekenne [...]" (77).

Die Einflussnahme der IAA hinsichtlich der Ausrichtung der CNT-
Politik scheiterte nicht nur daran, dass sich die CNT gegenüber au-
ßerspanischen Lektionen sperrte, "[d]ie Sektionen der IAA waren",
wie Nelles festhält, "politisch zu schwach, um eine wirkungsvolle
Solidaritätsarbeit für die CNT-FAI zu mobilisieren, während diese
sich gezwungen sah, sich auf eine antifaschistische Position zu-
rückzuziehen" (98). Seitens der CNT wurde gegenüber den auslän-
dischen Freiwilligen moniert, dass diese sich nicht genügend mit
den spanischen Verhältnissen konkret auseinandergesetzt hätten
und als eine Art Revolutionstourist*innen kaum einen effektiven
Beitrag für den politischen und militärischen Kampf beisteuerten.
Dies führte dazu, dass "die CNT-FAI im September 1936 in der liber-
tären Presse des Auslands [erklärte], dass man Waffen, aber keine
weiteren Freiwilligen benötige", worauf Nelles hinweist (128).

Die verstärkt wahrzunehmende Distanzierung zwischen der CNT
und der IAA resultierte nicht nur aus der gegenseitigen Kritik; die
Tendenz der CNT, solidarische Beziehungen zu Gruppierungen
außerhalb der IAA aufzubauen, führte zu einem sich vertiefenden
gegenseitigen Entfremdungsprozess. Ausdruck dieses Auseinan-
dergehens war u.a., dass die CNT in Eigenregie und unabhängig
von der IAA eine Unterstützungsstruktur aufzog, die unter dem
Titel Solidarite internationale antifasciste (SIA) figurierte und von
Emma Goldman in England organisiert wurde.

Souchy wurde nach dem Beginn der sozialrevolutionären Prozesse
in Teilen Spaniens zum Leiter der Auslandspropaganda der CNT-
FAI ernannt und Rüdiger zeichnete für die deutsche Propaganda
der CNT-FAI verantwortlich. Der informelle "Außenminister" der
CNT, Souchy, versuchte im Rahmen seiner umfangreichen Reise-
aktivitäten die Positionen des Nationalkomitees der CNT, welches
"vollkommen von den FAI-isten beherrscht" sei, wie es in einer
von Nelles wiedergegebenen Passage eines Lehning-Briefs an Ro-
cker heißt, zu stärken. Nelles gibt Lehnings trostloses Fazit seiner
zweijährigen Beschäftigung als lAA-Vertreter im republikanischen
Spanien wieder: "Die CNT sei eine ,Bewegung ohne Köpfe und In-
telligenz', die gegen die IAA eine ,absolut feindliche Haltung' zeige
und ihren ,finanziellen Verpflichtungen' nicht nachkomme" (82).

Aufgrund des spannungsreichen Verhältnisses zwischen den bei-
den Exponenten des deutschen Anarcho-Syndikalismus ("Rüdiger
und Souchy verband schon in Deutschland eine tiefe Feindschaft",
wie Nelles notiert [93]) zogen sich die Bruchlinien quer durch die
Reihen der ehemaligen FAUD-Kombattant*innen. Die interfrakti-
onellen Linien der deutschen anarcho-syndikalistischen Commu-
nity in Spanien, die sich sowohl aufgrund sachlicher Differenzen,
als auch aufgrund persönlicher Ressentiments ergaben, schwäch-
ten die Exil-Strukturen der Libertären zusehends. Souchy wurde
in einem Antrag der DAS für den außerordentlichen lAA-Kongress
im Dezember 1937 in Paris als der "Hauptverantwortliche für die
bestehende Spaltung zwischen CNT und IAA" ausgemacht (94).

Nelles führt drei Aspekte an, die die CNT-FAI in ihrem interna-
tionalen Wirkungsgrad zum Teil massiv einschränkte: "Die inter-
nationale Propaganda der CNT-FAI war durch drei entscheidende
Faktoren begrenzt. Erstens waren die Vorurteile gegenüber der
CNT-FAI in der internationalen Öffentlichkeit sowohl in der Arbei-
terbewegung als auch in liberalen Kreisen weit verbreitet. Zweitens
waren sie ihren Gegnerinnen im republikanischen Lager bei der
internationalen Propaganda unterlegen. Besonders von den Kom-
munistinnen, aber auch von den Sozialistinnen und Republika-
nerinnen wurden alle Informationen über die soziale Revolution
in Spanien streng zensiert. Drittens hatte die CNT-FAI keine klare
internationale Strategie und ihre Bündnispartner waren außer-
halb Spaniens zu schwach, um ein wirksames Gegengewicht zur
kommunistischen und sozialdemokratischen Arbeiterbewegung zu
bilden. Sie verfügten nicht im Entferntesten über einen internatio-
nalen Propagandaapparat wie die Komintern" (86-87).
Als Quintessenz, die aus dem bürgerkriegsbedingten Niedergang
der sozialen Revolution in Spanien zu ziehen ist, hält Nelles fest,
dass "[d]er Anarchosyndikalismus nach dem spanischen Bürger-
krieg weder in Deutschland noch international eine Massenbasis
[fand]" (181).

Anmerkungen und Einwände

Der Sammelband "[ist] keine Arbeit aus einem Guss" (10), wie die
Autoren in ihrer Einleitung vorbeugend und einschränkend anfüh-
ren. Da die einzelnen Beiträge nicht immer inhaltlich aufeinander
abgestimmt scheinen (u.a. Gründungsverlauf der DAS, Anzahl er-
schienener Nummern von "Die Soziale Revolution", Erscheinungs-
daten des "Schwarzrotbuches"), kommt es verschiedentlich zu Wie-
derholungen (u.a. die Ausführungen zum CIDEA) und mitunter zu
abweichenden Akzentuierungen (u.a. in der Einschätzung der Rolle
von Augustin Souchy).

Inhaltlich ist vor allem eine These von Garcia/Piotrowski kontro-
vers, die die vermeintliche "Mission" der Internationalen Brigaden
betrifft. Die beiden Autoren behaupten in einer recht verschachtel-
ten Form, dass "[...] nachdem die Internationalen Brigaden ihre von
der Komintern diktierte Mission erfüllt hatten, das heißt den revo-
lutionären Impuls vom Juli 1936 zu neutralisieren und die spontane
Antwort Tausender antifaschistischer Freiwilliger, die nach dem
19. Juli nach Spanien gekommen waren, als die Hegemonie der Be-
wegung in den Händen der Anarcho-Syndikalistlnnen und der ra-
dikalisierten Sozialistinnen lag, in die geostrategischen Interessen
des stalinistischen Russlands zu kanalisieren, die Internationalen
Brigaden aufgelöst werden [konnten]" (333).

Garcia/Piotrowski unterstellen hiermit, dass die Angehörigen der
Interbrigaden im Kern gewissermaßen eine Auftragsarbeit der
Stalin-Bürokratie ausgeführt haben, um die sozialrevolutionären
Bestrebungen während des spanischen Bürgerkriegs zu sabotieren.
Diese Auslegung der Rolle der interbrigadistischen Freiwilligen-
verbände ist zu reduktionistisch angelegt und vernachlässigt die
wechselwirkenden endogenen und exogenen Faktoren, die zum
Scheitern der sozialen Revolution im Kontext der Bürgerkriegssitu-
ation auf der iberischen Halbinsel geführt haben. Das Abweichen
vom "Konzept des freiheitlichen Kommunismus", das im Mai 1936
im sog. Zaragoza-Programm der CNT-FAI manifestiert wurde, ist
zumindest ebenso auf die internen Linienkämpfe und Desorgani-
siertheit der spanischen Anarcho-Syndikalist*innen sowie die re-
gierungsamtliche Gegnerschaft in Madrid und Barcelona der repu-
blikanischen Zone zurückzuführen.

Auffallend ist weiterhin, dass der Duktus der Beiträge innerhalb
der Autorenschaft differiert. Linse und Nelles legen einen nüchter-
nen sozialwissenschaftlichen Schreibstil an den Tag, während in
den Texten von Garcia und Piotrowski gelegentlich agitatorische
Kraftausdrücke (bspw. "braune Horde" [24S], "kollaborationisti-
sche Linie" [354]) Eingang in die Darstellungen finden, die in der
(förmlichen) Forschungsliteratur eher untypisch sind. Stellenweise
bedient sich das Autorenduo Garcia/Pitotrowski einer totalitaris-
mustheoretischen Argumentationsfolie, wenn es z.B. heißt: "Genau
wie bei der Nazi-Propaganda war für das stalinistische System die
Lüge und die Verdrehung der Tatsachen in ihr Gegenteil umso ef-
fektiver, je übertriebener und absurder sie waren" (344).

Dem realisierten Buchprojekt hätte man von Verlagsseite eine bes-
sere Ausstattung gewünscht. Vor allem beeinträchtigt das relativ
kleine Buchformat die Prägnanz der in dem Band abgedruckten
Abbildungen, die in ihrer gedrängten Anordnung kaum zur Gel-
tung kommen können. Auch die Bildauswahl für das Buchcover
erschließt sich nicht so recht. Das Motiv zeigt eine Szene von
Milizionär*innen der italienisch dominierten Ascaso-Division in
Huesca in der Region Aragonien, in der zwar auch eine Gruppe
deutscher Freiwilliger kämpfte, aber ein unmittelbarer Bezug zum
Buchtitel ist keinesfalls auszumachen.

Der vorgelegte Band zur DAS berührt ein bisher vernachlässigtes
Segment in der Exil- und Anarchismusforschung und trägt die
Resultate einer Jahrzehnte währenden Forschungstätigkeit zu-
sammen. (Interessant ist, dass in dem Standardwerk "Anarchis-
mus und Bürgerkrieg. Zur Geschichte der Sozialen Revolution in
Spanien 1936-1939" von Walther L. Bernecker die DAS lediglich
zweimal auftaucht). Dennoch vermögen es die vier Autoren nicht,
die Darstellung zur Rolle und Bedeutung der DAS überzeugend
abgeschlossen zu haben. Zum einen werden die Wechselwirkun-
gen und Dynamiken, die den Beginn und Verlauf des Spanischen
Bürgerkriegs einschließlich ihrer sozialrevolutionären Impulse
kennzeichnen, nur angetippt, wenn z.B. die außenpolitische Inte-
ressenlage der Sowjetunion weitgehend unterbelichtet bleibt. Zum
anderen wurde die sowjetische/russische Archivlandschaft nicht
umfassend genug berücksichtigt. Herangezogen wurde von den
Autoren des Bandes lediglich der Archivfonds 545 des RGASPI, des
sogennanten Komintern-Archivs, der als elektronische Ressource
überwiegend im Internet abrufbar ist. Dagegen fehlt die Auswer-
tung themenspezifischer Materialien aus dem RGVA, dem sog. Rote
Armee Archiv ebenso wie die Sichtung von Beständen des Russi-
sches Staatsarchivs (GARF), was nur vor Ort in Moskau unternom-
men werden kann.

Herauszustreichen bleibt, dass mit dem publizistischen Gemein-
schaftsprojekt der vier Autoren eine wichtige Etappe der Sicht-
barmachung libertärer Spuren deutschsprachiger Anarcho-
Syndikalist*innen im Spanischen Bürgerkrieg absolviert wurde.
Damit diese Verlaufsspuren nicht wieder zu versanden drohen, gilt
es, an den dargebotenen Forschungsstand der Autoren anzuschlie-
ßen.

Oliver Rast, z.Zt. JVA Tegel, Seidelstr. 39,13507 Berlin


Mehr Infos

Nelles Dieter; Linse, Ulrich; Piotrowski, Harald; Garcia,
Carlos
Deutsche AntifaschistInnen in Barcelona 1933-1939
Die Gruppe "Deutsche Anarchosyndikalisten" (DAS)
Verlag Graswurzelrevolution, Freiburg 2013
425 S., EUR 24,90


More information about the A-infos-de mailing list