(de) FdA/IFA Gai Dao N°41 - Mai 2014 - Der frühe Syndikalismus als Antikriegsopposition

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Mon May 26 12:22:09 CEST 2014


Über die Freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften (FVdG) im Ersten Weltkrieg informiert 
eine Neuerscheinung - Von: Oliver Rast ---- Darstellungen von politischen Strömungen im 
kaiserlichen Wilhelminismus, die sich in der Zeit des sich zum hundertsten Mal jährenden 
ersten weltumspannenden Krieges fundamental oppositionell zeigten, fallen selbst im 
Jubiläumsjahr spärlich aus. Trotz der Dutzenden Neuerscheinungen der vergangenen Monate zu 
den Hintergründen und zum Verlauf des Ersten Weltkrieges bleibt eine Spurensuche nach 
diesen Tendenzen, die nicht in den chauvinistischen Chor des "Augusterlebnisses" von 1914 
einstimmten, weitgehend aus. ---- Helge Döhring setzt mit seinem jüngst erschienenen Buch 
"Syndikalismus in Deutschland 1914-1918. ,Im Herzen der Bestie'", welches den zweiten Band 
einer Reihe unter dem Titel "AnarchistInnen & SyndikalistInnen und der Erste Weltkrieg" 
aus dem Verlag Edition AV bildet, einen publizistischen Kontrapunkt.

Nach eigenem Bekunden will er mit dieser Veröffent-
lichung eine erste Monografie zum Thema vorlegen. Diesen
durchaus ambitionierten, selbst formulierten Anspruch kann
diese Publikation indes nur zum Teil einlösen. Der thematische
Fokus, die Antikriegsposition der lokalistisch-syndikalistischen
Freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften (FVdG), erstreckt
sich in dem gut 230 Seiten umfassenden Band auf lediglich vier-
zig Seiten. Zuvor wird die Entstehungsgeschichte des Lokalis-
mus bis 1914 bzw. der Bewegungszustand des sich herausbilden-
den Syndikalismus kurz vor Kriegsbeginn in knappen Zügen
geschildert. Einen relational recht breiten Raum nehmen die
Ausführungen zu den SPD-nahen Zentralgewerkschaften, der
Generälkommission der Gewerkschaften Deutschlands, und die
SPD mit ihrer meinungsbildenden Presse innerhalb der Arbeiter-
bewegung ein. Im Anhang dokumentiert Döhring im Schwer-
punkt themenspezifische Originaltöne von Lokalist*innen und
Syndikalist*innen (u.a. von Fritz Kater oder Fritz Oerter).

Döhrings zentrale These lautet, "dass die lokalorganisierten
Gewerkschafter der Arbeiterbewegung aus ihrem Selbstver-
ständnis und aus ihrer Praxis heraus die erste und zunächst
einzige proletarische Bewegung, fest organisierter Kriegsgegner
auf Reichsebene stellten, die als Teil der Arbeiterbewegung seit
Kriegsbeginn entsprechend vom Herrschaftsapparat bekämpft
wurden." (19-20) Dabei besteht die eigentliche Pionierleistung
des Autors darin, die während des Weltkrieges zirkulierenden
FVdG-Informationsblätter ausgewertet zu haben, um die betrieb-
liche lokale, und regionale Ausbreitung der FVdG darlegen zu
können. Dies bezeichnet Döhring als den "quellenorientierte[n]
Kernbereich des Buches." (11)

Die Anfänge des früh-syndikalistischen Lokalismus

Die Organisationsgeschichte des Lokalismus, den man als Seg-
ment der antiautoritären Arbeiterbewegung eingruppieren
kann, ist vor allem durch die 1985 veröffentlichte Studie "Ge-
werkschaftliche Versammlungsdemokratie und Arbeiterdele-
gierte von 1918. Ein Beitrag zur Geschichte des Lokalismus, des
Syndikalismus und der entstehenden Rätebewegung" von Dirk
H. Müller erörtert worden. Die FVdG wurde 1897 in Halle unter
dem Namen Vertrauensmänner-Zentralisation Deutschlands als
Dachverband der lokalistischen Strömung der proletarischen
Bewegung gegründet. Im Zuge des 5. Kongresses von 1903 er-
folgte die Namensänderung in FVdG. Offenbar ist das Jahr der
Umbenennung strittig. Während in Döhrings zu rezensieren-
dem Band aufgrund eines Druckfehlers keine exakte Jahres-
angabe benannt ist (vgl. 30), gibt er in seinem Buch "Abwehr-
streik...Proteststreik...Massenstreik? Generalstreik!

Streiktheorien und -diskussionen innerhalb der deutschen Sozi-
aldemokratie vor 1914" (2009) das Jahr 1901 an. (vgl. 21)

Zentrale Figuren des Lokalismus waren Fritz Kater (1861-1945),
Raphael Friedeberg (1863-1940) und Arnold Roller (d.i. Sieg-
fried Nacht) (1878-1956), die die Politik der FVdG u.a. aufgrund
ihrer Veröffentlichungen programmatisch wesentlich prägten.

"Die FVdG befasste sich [...]", so Döhring die FVdG-Aktivitäten
skizzierend, "mit den anstehenden gewerkschaftlichen Tages-
kämpfen zur Verbesserung der Arbeits- und Lohnbedingungen,
propagierte die Idee des Generalstreiks, den Anti-Militarismus,
Anti-Staatlichkeit, Kirchenaustritte und einen libertären Sozia-
lismus." (32) Die FVdG musste von den freigewerkschaftlichen
Zentralverbänden als Konkurrenz am linken Rand definiert
werden, obwohl bis zu diesem Zeitpunkt explizit libertäre In-
halte eher schwach vertreten waren. Die SPD-Führung orien-
tierte anfangs auf eine Wiedereingliederung der lokal organi-
sierten Verbände in eine einheitliche Gewerkschaftsbewegung,
die mit dem klassenversöhnlerischen Credo des Vorsitzenden
der Freien Gewerkschaften, Carl Legien (1861-1920), in Einklang
stehen sollte.

Der Verlauf der sog. Massenstreikdebatte, die sich infolge der
eruptiven Ereignisse im zaristischen Russland von 1905-1907 in-
nerhalb der deutschen sozialdemokratischen Arbeiterbewegung
entfaltete, führte den lokalistischen Gewerkschafter*innen vor
Augen, dass eine Fusion mit den gewerkschaftlichen Zentralver-
bänden unweigerlich mit einer Aufgabe der klassenkämpferi-
schen Positionierung, der Favorisierung direkter Aktionen und
der föderalistischen Organisationsform einher gehen würde.
Die SPD-Führung baute seit dem Parteitag von 1905 in Jena ge-
genüber den lokal organisierten Parteimitgliedern zunehmend
Druck auf, sich von der FVdG und ihren "anarchosozialisti-
schen" Bestrebungen mit einem Übertritt in die zentralisierten
Gewerkschaften zu distanzieren. Eine entsprechende Parteitags-
resolution, die 1907 verabschiedet und umgesetzt wurde, lehnte
die FVdG-Geschäftskommission mehrheitlich ab. Diese Kont-
roverse sollte sich weiter zuspitzen, bis auf dem SPD-Parteitag
von 1908 in Nürnberg die Delegierten einen von der Parteispitze
geforderten Unvereinbarkeitsbeschluss mit der FVdG absegne-
ten. Die Spaltung innerhalb der sozialdemokratisch orientierten
Gewerkschaftsbewegung war nun vollzogen.

Der Mitgliederrückgang entwickelte sich nach dem an die
FVdG-Aktivist*innen adressierten SPD-Ultimatum rasant. Ver-
zeichnete die FVdG 1907 noch etwa 17.500 Mitglieder so sank die
Zahl der eingeschriebenen Aktiven - von einem Zwischenhoch
um 1912/1913 abgesehen - bis zum Beginn der Kriegshandlungen
auf 6.000. (vgl. 129) Die polymorphen Bindungen der einzelnen
FVdG-Mitglieder an die SPD bzw. das sozialdemokratisch beein-
flusste Gewerkschaftsmilieu waren derart eng geknüpft, so dass
einer relevanten Mehrheit der FVdG-Organisierten das SPD-
Mitgliedsbuch und der Verbleib in den Zentralverbänden wich-
tiger war als ein aktives Engagement in lokalistischen Struktu-
ren. "Übrig blieb mit der FVdG ein harter Kern sehr überzeugter
Aktivisten. Für das Verständnis der Entwicklung des Syndika-
lismus der Nachkriegszeit ist dies von enormer Bedeutung", re-
sümiert Döhring. (33)

Der im Mai 1914 in Berlin abgehaltene 11. FVdG-Kongress war
der letzte vor dem Auftakt des Weltkriegsgeschehens und "[d]ie
Bestandsaufnahme der örtlichen Entwicklung der eigenen Or-
ganisation zeigte mehr Defizite auf als ein Vorwärtskommen",
wie der Autor vermerkt. (38) Mit dem Einsetzen der "Urkatas-
trophe des 20. Jahrhunderts" (Kennan) zeigte sich die FVdG
demnach in keiner sonderlich stabilen organisatorischen Ver-
fassung.

Gegen imperialistischen Krieg und sozialdemokratischen
Burgfrieden

Die FVdG geriet schnell nach den Kriegserklärungen des wilhel-
minischen Deutschlands an Russland und Frankreich Anfang
August 1914 in das Mühlenwerk der Repression. Döhring weist
ausdrücklich darauf hin, dass die FVdG mit keinem generellen
Verbot belegt oder gar in ihrer Struktur komplett zerschlagen
wurde, (vgl. 60) Allerdings wurden ihre Betätigungsmöglichkei-
ten z.T. massiv eingeschränkt. Um der Publizität von Stellung-
nahmen gegen Krieg und Burgfrieden den Vermittlungs- und
Verbreitungsraum zu nehmen, wur-
den entsprechende Organe kurzer-
hand staatlicherseits aus dem Ver-
kehr gezogen. Am 5. August wurde
die Herausgabe des FVdG-Organs
"Der Pionier" und nur drei Tage spä-
ter der Vertrieb des lokalistischen
Flaggschiffs "Die Einigkeit" von den
Behörden untersagt. Damit waren
den lokalorganisierten Gewerk-
schaften die publizistischen Aus-
drucksmittel entrissen.
Anhand der detaillierten Auswer-
tung der jeweils verbotenen FVdG-
Zirkulare "Mitteilungsblatt der
Geschäftskommission der Freien
Vereinigung deutscher Gewerk-
schaften" (August 1914 bis Juni 1915)
und des Nachfolgeblatts "Rund-
schreiben an die Vorstände und Mit-
glieder aller der Freien Vereinigung
deutscher Gewerkschaften ange-
schlossenen Vereine" (Juni 1915 bis
Mai 1917) kann Döhring eine Art La-
gebild lokalistisch-syndikalistischer
Strukturen in den Betrieben entwer-
fen. Hiermit zeigt er auf, "dass die
Syndikalisten eine Rolle innerhalb
der widerständigen Arbeiter- und
Streikbewegung einnahmen, wobei
ihnen die langjährige Organisa-
tionserfahrung zugute kam, die den unorganisierten und als
,Massenarbeiter' bezeichneten Kollegen weitgehend abging."
(24) Zeitgleich zur betrieblichen Aktivität von Syndikalist*innen
bildeten sich seit den ersten Kriegsmonaten "auch Keime der
späteren ,Revolutionären Obleute'", wie der Autor feststellt.
(20) Die Revolutionären Obleute um Richard Müller (1880-1943)
operierten als informelles oppositionelles Netzwerk des freige-
werkschaftlichen Deutschen Metallarbeiter-Verbands (DMV)
und als innersozialdemokratische Interventen gegen die domi-
nante Pro-Kriegsstimmung. Allerdings darf nach bisherigem
Forschungsstand Döhring zufolge festgehalten werden, dass für
die organisierten syndikalistischen Kräfte in den Betrieben das
"Prädikat" zu reklamieren ist, als erste eine revolutionär-antimi-
litaristische Praxis an den Tag gelegt zu haben (vgl. 22).

Bezugnehmend auf die Erstausgabe des FVdG-Mitteilungsblatts
vom 3. August 1914 fasst der Autor die Aufgabenstellungen der
lokalorganisierten Gewerkschafter*innen unter den Bedingun-
gen des Krieges zusammen: "1. Die Mitglieder in der Organisati-
on zu halten. 2. Die Versammlungen fortzuführen, beispielswei-
se durch Lese- und Vortragsabende. 3. Den organisatorischen
Bestand der Ortsvereine abzusichern durch die Ernennung von
Ersatzvorständen für plötzlich zum Krieg berufene Mitglieder.
Empfohlen wurde die Wahl von nichtmilitärpflichtigen Genos-
sen. 4. gegenseitige Unterstützung
der Ortsvereine an einem Ort von
Mitgliedern und deren Familien zu
gewährleisten. 5. Bevollmächtigte für
alle Ortsvereine am Ort zu ernennen,
die den Kontakt zur Geschäftskom-
mission halten, sowie das Mitteilungs-
blatt an die Vorstände verteilen." (63)
Mit der Durchführung wissenschaft-
licher Vortragsabende galt es, das
ideologische Fundament des Lokalis-
mus zu festigen, um der aufgeheizten
(sozial-)chauvinistischen Atmosphäre
in der sozialdemokratischen Arbeiter-
bewegung zu trotzen. Die Erledigung
innerorganisatorischer und gewerk-
schaftlicher Tagesaufgaben sollte fer-
ner ein Mindestbestand an Struktur
und ein Mindestmaß an Tätigkeit auf-
rechterhalten.

Die bellizistische Fraktion innerhalb
der sozialdemokratischen Arbeiterbe-
wegung ging de facto mit der Staats-
führung einen Kontrakt ein, nach dem
die Einstellung von Arbeitskämpfen
mit einer Eingrenzung des Ausbeu-
tungsgrades in den kriegsrelevanten
Industrien honoriert wurde. Die von
dieser Fraktion befürworteten staats-
dirigistischen Eingriffe in das Wirt-
schaftsleben, die den Betriebsfrieden
zu wahren hatten, wurden unter dem irreführenden Begriff
"Kriegssozialismus" bekannt. (vgl. 53) Im Zuge des Rüstungs-
und Wirtschaftsprogramms der Obersten Heeresleitung (OHL),
dem sog. Hindenburg-Programm, gelangte Anfang Dezember
1916 das "Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst" (HDG)
zur Verabschiedung, das eine verbindliche Arbeitspflicht für
alle Männer im Alter von 17 bis 60 Jahren gesetzlich veranker-
te, um die Kriegsproduktion auf hohem Niveau zu halten. Die-
se Kumpanei zwischen SPD und OHL brachte es mit sich, dass
früh-syndikalistische Positionen und Strukturen innerhalb und
außerhalb der Betriebe wirksam marginalisiert werden konn-
ten.

Um den Auflösungs- und Zerfallsprozess der FVdG aufzuhalten,
erging im vom Autor dokumentierten Text "Zwei Jahre Welt-
krieg" aus dem Rundschreiben (Nr. 28, 1. August 1916) ein ein-
dringlich formulierter Appell an die Anhängerschaft des Loka-
lismus: " [...] Haltet fest zur Organisation! Pflegt dieselbe nach
besten Können und Vermögen, damit später nicht auch noch ne-
ben allem anderen der Verlust der Organisation und ihre Kraft
zu beklagen ist." (132)

In diesem Kontext führt Döhring die Gründung einer syndika-
listischen Vereinigung in Berlin, die Anfang 1917 in der Haupt-
phase des Krieges gebildet wurde, als konträre Mikrostruktur
an. Die Existenz des Allgemeinen Arbeitervereins Berlin ver-
weist darauf, dass die Syndikalist*innen obgleich des kriegsbe-
dingten Aderlasses über die Bildung neuer Vereinigungen ein
gewisses Organisationsleben bewahren konnten. Der Zweck
dieses Berliner proletarischen Bundes wird in der im FVdG-
Rundschreiben (Nr. 43 vom 15. März 1917) veröffentlichten Sat-
zung offeriert: "Der Allgemeine Arbeiterverein [...] hat die Auf-
gabe, seine Mitglieder in die Grundsätze der Freien Vereinigung
deutscher Gewerkschaften einzuführen, sie in die Ideen des in-
ternationalen Sozialismus zu vertiefen und dadurch das prole-
tarische Klasseninteresse und die solidarische Gemeinsamkeit
der Arbeiterklasse der ganzen Welt in ihnen zu wecken und zu
festigen." (126)

In den internationalen anarchistischen und syndikalistischen
Zusammenhängen wurde das Pro und Contra einer (offensi-
ven) Unterstützung der Kriegsparteien kontrovers diskutiert.
Das traditionelle libertäre Votum, jeglichen Beistand gegenüber
kriegsbeteiligten Staaten einer innerimperialistischen Ausein-
andersetzung abzulehnen, wurde umso energischer einem Be-
lastungstest unterzogen, als im Februar 1916 ein erlesener Kreis
von Libertären verschiedener Couleur das "Manifest der 16" un-
ter geistiger Federführung von Peter Kropotkin (1842-1921) lan-
cierte. Die Unterzeichnenden sprachen sich, unter ihnen Jean
Grave (1854-1939) und Christiaan Cornelissen (1864-1942), ex-
plizit für einen militärischen Triumph der Triple Entente (Ver-
einigten Königreich, Frankreich und Russland) gegenüber dem
Block der Mittelmächte (Deutsches Reich, Österreich-Ungarn)
aus. Die Kritiker*innen sahen in dem verbreiteten Manifest
einen Dammbruch der antimilitaristischen Maxime, die nun
gründlich aufgeweicht schienen. "Dennoch verblieb die über-
wältigende Mehrheit der Anarcho- Syndikalisten international
auf dem grundsätzlichen Standpunkt unbedingter Unpartei-
lichkeit", wie Döhring betont, "darunter auch die FVdG [...]." (66)
Die Frage, warum sich der Löwenanteil der organisierten sozi-
aldemokratischen Arbeiterschaft vom Kriegstaumel einfangen
ließ, problematisierte Fritz Oerter in der Auftaktnummer von
"Der Syndikalist" (Nr. l, 14. Dezember 1918). In dem im Buchan-
hang dokumentierten Artikel "Die deutschen Arbeiter im Welt-
krieg" konstatierte er: "Ratlos und ziellos irrten die Arbeiter in
jenen ersten Tagen auf den Straßen umher, bereit zu allem, für
oder gegen den Krieg. Sie warteten darauf, wozu sie von ihren
Führern aufgefordert würden." (138) Das blitzartige Verwerfen
eines proletarischen Antimilitarismus und die aktive Kriegs-
teilnahme der arbeiterbewegten Massen lassen sich nur schwer-
lich einzig darauf zurückführen, dass die sozialdemokratischen
Arbeiter*innen von der OHL für deren Kriegsinteressen funkti-
onalisiert wurden. Die als Stigmatisierung empfundene Fremd-
zuschreibung als "vaterlandslose Gesellen" wurde von den
Vertreter*innen der revisionistischen und zentristischen Mehr-
heitsströmungen innerhalb der deutschen Sozialdemokratie u.a.
auf der parlamentarischen Bühne regelmäßig zu entkräften ver-
sucht. Die (anfängliche) Kriegseuphorie und die lediglich rhe-
torisch verbalisierte internationale proletarische Solidarität in
den Reihen der sozialdemokratischen Arbeiterschaft irritieren
umso weniger, wenn bedacht wird, dass die Einhaltung einer
machiavellischen Staatsräson sowohl für die SPD-Nomenklatu-
ra als auch für die Mitgliederbasis von großer Bedeutung war.
Nach Kriegsende kamen in Berlin sowie an Rhein und Ruhr "die
Syndikalisten gut aus den Startlöchern", wie Döhring notiert.
(101) Mit der zügigen Reorganisierung des (Anarcho-)Syndika-
lismus sowie der Gründung der Freien Arbeiterunion Deutsch-
lands (FAUD) im Hergang der Novemberrevolution 1918/1919
konnten Fritz Kater und seine Kombattant*innen direkt an den
Vorkriegs-Lokalismus der FVdG anknüpfen.

Vorstudie oder Monografie?

Döhring postuliert, dass sein Buch "gründlich und quellenorien-
tiert" den Beitrag der lokal organisierten Gewerkschafter*innen
"speziell für die Zeit von 1914 bis 1918 heraus[arbeitet]." Nicht
einsichtig ist deshalb, warum bestimmtes Textmaterial keine
Berücksichtigung findet. Der inhaltlich nicht sonderlich ergiebi-
ge Text von Jürgen Mümken "Vom Lokalismus zum revolutionä-
ren Syndikalismus. Die ,Freie Vereinigung deutscher Gewerk-
schaften'" bleibt ebenso unerwähnt wie die im Gegensatz dazu
wegweisende FAUD-Monografie von Hartmut Rübner unter
dem Titel "Freiheit und Brot: Die Freie Arbeiter-Union Deutsch-
lands. Eine Studie zur Geschichte des Anarchosyndikalismus"
(1994).

Um die These, dass die lokal organisierten Verbände die ersten
authentischen Antikriegspositionen innerhalb der buntschecki-
gen Arbeiterbewegung demonstrativ artikulierten, besser abzu-
stützen, hätte ein Blick auf die zeitgenössischen Richtungen der
radikalen Linken erfolgen müssen. Die radikale Linke gruppier-
te sich insbesondere um die Zeitungen Lichtstrahlen aus Berlin
(Julian Borchardt), Bremer Bürger-Zeitung bzw. Arbeiterpolitik
aus Bremen (Johann Knief, Karl Radek, Paul Frölich) sowie den
Kampf aus Hamburg (Heinrich Laufenberg, Fritz Wolffheim).
Als ein (loses) organisatorisches Geflecht bildeten sich aus dem
Umfeld der linksradikalen Presse die Internationalen Sozialis-
ten Deutschlands (ISD). Antimilitaristische Auffassungen und
eine gegen die Burgfriedenspolitik der SPD- Mehrheit gerichtete
Agitation fanden in den besagten Gazetten ihre Betonung. In
diesen Gruppierungen des Linksradikalismus entstanden die
Vorformen des Arbeiter-Unionismus, der in einer seiner Unter-
strömungen das Modell einer politisch-wirtschaftlichen Ein-
heitsorganisation ausprägte.

Eine Heranziehung des inhaltlichen Materials des bereits ab-
schließend vorbereiteten zehnten Kongresses der Zweiten Inter-
nationale, der für Ende August 1914 in Wien vorgesehen war,
wäre aufschlussreich gewesen, um die kriegsverhindernden
Bemühungen von Sozialdemokrat*innen und Sozialist*innen
zumindest registriert zu haben. Unberücksichtigt bleibt folge-
richtig auch das Konferenzgeschehen der kriegskritischen bzw.
-ablehnenden deutschen sozialdemokratischen und sozialisti-
schen Kräfte in den schweizerischen Dörfern Zimmerwald (5.
bis 8. September 1915) und Kienthal (24. bis 30. April 1916). Der
radikale Flügel formierte sich zur sog. Zimmerwalder Linken,
die einen konsequent revolutionär-antimilitaristischem Kurs
verfocht.

Im Ergebnis handelt es sich bei der vorgelegten Arbeit von
Döhring mehr um eine Vorstudie als um eine in sich geschlos-
sene und umfassend quellenbasierte Monografie zur FVdG
während des Ersten Weltkriegs. Das schmälert nicht den Ge-
halt dessen, was zusammengetragen wurde, zeigt aber auf, dass
eine monografische Abhandlung noch vorzulegen ist, die zum
einen die Wechselwirkungen zwischen den mehrheitssozial-
demokratischen, unabhängig-sozialdemokratischen und prä-
arbeiterunionistischen mit den lokalistisch-syndikalistischen
Strömungen innerhalb des Proletariats im Wilhelminismus
detailliert nachzeichnet. Zum anderen sollte die umfängliche
neue Forschungsliteratur zum Ersten Weltkrieg in die Thematik
einfließen, um den aktuellen Untersuchungsstand benennen zu
können. Es ist zwar sympathisch, aber unzureichend, sich fast
ausschließlich auf Fritz Fischers "Griff nach der Weltmacht. Die
Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18" (1964) zu
beziehen.

Döhring, der als syndikalistischer Bewegungsautor nach Eigen-
aussage ohne jegliche finanzielle Ausstattung partei- oder ge-
werkschaftsnaher Stiftungen auskommen muss, hat mit seinen
veröffentlichten (Teil-)Ergebnissen erkennbar einige wichtige
Wegmarken hinterlassen, an denen sich künftige thematische
Buchausgaben orientieren können, um dem Wirkungskreis des
Syndikalismus zwischen 1914 und 1918 fortgesetzt nachzuspü-
ren.

Mehr Infos

Helge Döhring :

Syndikalismus in Deutschland 1914-1918. "Im Herzen der Bestie".
Anarchistinnen & Syndikalistinnen und der Erste Weltkrieg,
Band 2, Verlag Edition AV, Lieh (2013), EUR 17,00


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