(de) FAU-IAA - Direct Action #223 - Das Unsichtbare sichtbar machen -- Ein Interview zur Aktionskonferenz Care Revolution

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Sat May 24 10:38:09 CEST 2014


Vom 14. bis 16. März 2014 fand in Berlin die Aktionskonferenz Care Revolution unter dem 
Motto "Her mit dem guten Leben - für alle weltweit!" statt. Veranstalterin war die 
Rosa-Luxemburg-Stiftung, KooperationspartnerInnen der Konferenz waren etliche in den 
Feldern sozialer Reproduktion gesellschaftspolitisch, zum Teil bundesweit aktive 
Initiativen, Gruppen und Bündnisse. Themen der Vorträge und Workshops waren die 
unterschiedlichen Aspekte der Care-Arbeit, ihre gesellschaftlichen und ökonomischen 
Rahmenbedingungen sowie Möglichkeiten der Veränderung hin zu einer bedürfnisorientierten 
Care-Ökonomie, über die sich die rund 500 TeilnehmerInnen der Konferenz ausgetauscht haben 
und welche in einer öffentlichkeitswirksamen Aktion auch auf die Straße getragen wurden. 
Mit Stefan Paulus, der die Care Revolution mitorganisiert hat, sprach die DA über die 
Intention, den Verlauf und die Ergebnisse der Konferenz, welche als Care Resolution 
vollständig auf dem Blog care-revolution.site36.net nachzulesen sind.

Du hast die Konferenz mit vorbereitet. Wie verlief sie? Es war zu lesen, dass sie komplett 
ausgebucht war. Ein voller Erfolg also?

Ja durchaus! 500 Menschen aus verschiedenen Feldern sozialer Reproduktion - Gesundheit, 
Pflege, Assistenz, Erziehung, Bildung, Wohnen, Haushalts- und Sexarbeit - haben sich drei 
Tage über persönliche und politische Erfahrungen ausgetauscht. Zum Abschluss der Konferenz 
konnten wir uns noch auf gemeinsame Forderungen verständigen die in einer Resolution 
festgehalten wurden. Ich denke schon, dass hierbei von einem vollen Erfolg gesprochen 
werden kann.

Was war die Intention genau jetzt eine solche Konferenz zu veranstalten?

Die Intention eine solche Konferenz zu organisieren lag darin, dass wir keine Lust mehr 
haben in einem System leben zu müssen, bei dem menschliche Bedürfnisse nur noch eine Rolle 
spielen, wenn sie für die Herstellung einer flexiblen, leistungsstarken, gut einsetzbaren 
Arbeitskraft von Bedeutung sind. Care Work, also sich um andere oder sich selbst kümmern, 
Beziehungen aufrecht erhalten, sich mit FreundInnen treffen oder einfach nur zu faulenzen, 
wird in dem aktuellen Gesellschaftsentwurf - wenn überhaupt - nur gering geschätzt. 
Deshalb wollten wir den Widerspruch zwischen Profitmaximierung und der Reproduktion der 
Arbeitskraft sichtbar machen.

Die Konferenz fand in Kooperation und unter Beteiligung von Initiativen 
unterschiedlichster politischer Ausrichtung - von ver.di- über Antifa-Gruppen bis zum 
Arbeitskreis mit_ohne Behinderung - statt. Diese Vielfalt war also durchaus erwünscht. War 
sie eine Bereicherung oder barg sie letztendlich eher Konfliktpotenzial?

Sicherlich sind unterschiedliche Sichtweisen zu einem bestimmten Thema eine Bereicherung. 
Daraus ergeben sich Denkalternativen und Möglichkeiten aus dem je eigenen Biotop 
herauszukommen. Wir haben den Ablauf so geplant, dass in Workshops zu einem bestimmten 
Thema Lohnabhängige, Betroffene und Angehörige ihre je eigenen Erfahrungen darstellen 
konnten. Damit wurde zumindest eine Plattform geschaffen, dass - zum Beispiel - für den 
Bereich der persönlichen Assistenz und Pflege die Perspektiven, Probleme und 
Interessenskonflikte beruflicher Care WorkerInnen mit den Erfahrungen von 
AssistenznehmerInnen und von Menschen mit hohen familiären Sorgeverpflichtungen 
zusammengebracht wurden. Zum Beispiel sind die von der Pflege Abhängigen in ihrer 
Autonomie wesentlich beeinträchtigt, wenn Care WorkerInnen streiken. Für diesen Bereich 
konnte zumindest geklärt werden, dass eine gewerkschaftliche Organisierung nicht damit 
verbunden ist Personen zu bestreiken, sondern darin liegt, gemeinsame Lösungen mit 
AssistenznehmerInnen und Angehörigen auszuhandeln; denn gute Pflege und Assistenz 
beinhaltet für alle Beteiligten sichere und humane Arbeitsbedingungen.

"Care auf die Straße tragen"-Aktion im Rahmen der Konferenz
Wie steht es deiner Meinung nach - nach den Erkenntnissen aus der Konferenz - um die 
Organisierung von unten zur Forderung und Durchsetzung besserer Löhne, Arbeitsbedingungen 
und Anerkennung in der Care-Arbeit?

Wie schon gesagt: Die Konferenz hatte zum Ziel Menschen aus unterschiedlichen sozialen 
Auseinandersetzungen um die Daseinsvorsorge miteinander ins Gespräch zu bringen. Ob sich 
nun eine neue Stärke von unten für die weiteren politischen Auseinandersetzungen um die 
Bedingungen in KiTas, Schulen, Krankenhäusern, Altenheimen sowie um eine bessere 
Entlohnung und humane Arbeitsbedingungen für die dort Beschäftigten herstellt, lässt sich 
jetzt noch nicht feststellen. Ich denke, dass die Aktionskonferenz ein deutliches Signal 
gesetzt hat, dass Niedriglöhne, rechtlose Arbeitsbedingungen, Rationalisierungsdruck, 
Überforderung und Erschöpfung sowie die Verbetriebswirtschaftlichung von PatientInnen 
nicht mehr hingenommen werden. Sicherlich müssen neue Organisationsformen und -ansätze 
gefunden werden, welche die jeweiligen Perspektiven miteinander verbinden können - dabei 
ist auch die FAU gefragt.

Wurde der Auseinandersetzung mit der Situation der - auch in der Resolution nochmals 
erwähnten - migrantischen Care-ArbeiterInnen, die oftmals unter noch miserableren 
Bedingungen arbeiten, während der Konferenz viel Raum eingeräumt?

Ich denke ja. Es gab unterschiedliche internationale Beiträge zum Thema. Zum Beispiel gab 
es den Workshop "Care über Grenzen hinweg", indem die Filmemacherin Anne Frisius von 
Kiezfilme und Mónica Orjeda von Verikom aus Hamburg einen Film zu Arbeitsausbeutung und 
Menschenhandel mit dem Zweck der Arbeitsausbeutung zeigten. In diesem Film kommen 
VertreterInnen der Gruppe der Hausangestellten von der Gewerkschaft FNV Bondgenoten 
(Niederländischer Gewerkschaftsbund) und "illegalisierte" AktivistInnen aus den 
Philippinen, aus Afrika und Lateinamerika zu Wort. Die Hausangestellten ohne Papiere 
organisieren sich über die Gewerkschaft und kämpfen gemeinsam für die Anerkennung ihrer 
Rechte als Domestic Workers. Sie verlangen u.a. die Ratifizierung der ILO-Konvention 189 
und damit die Anerkennung als LohnarbeiterInnen. Auch eine wesentliche Forderung 
"illegalisierter" Care WorkerInnen wurde in die Resolution aufgenommen: Das Recht auf Rechte!

Gibt es aussichtsreiche Ansätze, Care-Arbeit verschiedener Ausrichtung selbst-organisiert, 
bspw. in Kollektiven zu organisieren?

Ja, durchaus. Die KollegInnen der Tagespflege Lossetal, ein Kollektiv der Kommune 
Niederkaufungen, sind ein solches Beispiel. Das Kollektiv ist eine Tagespflege-Einrichtung 
für demenziell erkrankte Menschen. Im Team gibt es unterschiedliche Fachbereiche wie 
Pflege, psycho-soziale Betreuung, Verwaltung und Hauswirtschaft. Ihr Ziel ist es, wie sie 
sagen, "Menschen in Gesellschaft bringen" und selbstverwaltete Betriebe und 
hierarchiefreie Strukturen aufzubauen, um selbstbestimmt leben zu können. Und soweit ich 
weiß, werden noch examinierte Pflegekräfte gesucht, die Interesse am Kommuneleben haben 
und im Tagespflegekollektiv arbeiten möchten.

Der letzte Tag stand unter dem Motto: "Care Revolution - wie weiter?". Kannst du etwas zu 
auf der Konferenz eventuell entstandenen Zusammenschlüssen sagen, bzw. gibt es in Zukunft 
eine (stärkere) Zusammenarbeit der verschiedenen Gruppen? Wie wird/soll/kann es weitergehen?

Ich hoffe doch. Auf der gesamten Konferenz war eine deutliche Aufbruchsstimmung zu spüren. 
Jetzt geht es darum, den Schwung mit in neue Aktivitäten zu nehmen. Die am Sonntag 
verabschiedete Care Resolution beschreibt die weitere Zusammenarbeit, in der u.a. die 
Gründung des Netzwerk Care Revolution festgehalten wurde. Als nächste konkrete Schritte 
sind die Aktivitäten zum 1. Mai unter dem Motto "Tag der unsichtbaren Arbeit" geplant 
sowie die Mobilisierung zu den europaweiten Blockupy-Aktionstagen im Mai. Letztlich geht 
es darum, die "Politik der ersten Person" weiter zu forcieren. Hierzu laden wir Euch und 
Eure LeserInnen herzlich ein.

Vielen Dank für das Interview!

Interview: Simon Lares

Anmerkung: "Das Unsichtbare sichtbar machen - Care auf die Straße tragen" war der Titel 
der Aktion am 15.03.2014.


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