(de) FAU-IAA - Direct Action #223 - Live in Szene -- Die Situation von Care-Migrantinnen in der BRD ist in mehrfacher Hinsicht prekär

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Fri May 23 19:06:07 CEST 2014


Das Phänomen grenzüberschreitender Pflegeversorgung ist in Deutschland seit zwei 
Jahrzehnten zu beobachten. Die Alterung der Gesellschaft, unzureichende staatliche 
Leistungen, der Wandel der Geschlechterverhältnisse und Generationenbeziehungen 
resultieren im sogenannten Pflegenotstand. Dessen Bewältigung erfolgt häufig über 
außerstaatliche Wege und durch Delegierung der anfallenden Arbeit an MigrantInnen. In 
zehntausenden Haushalten in Deutschland werden Migrantinnen irregulär beschäftigt, um 
ältere pflegebedürftige Menschen zu betreuen. Vorsichtige Schätzungen gehen von 150.000 
bis 500.000 "Care-Migrantinnen", überwiegend Frauen aus Osteuropa, aus. ---- Die in der 
häuslichen Pflege illegal beschäftigten Migrantinnen sind oft für die Bearbeitung der 
Gesamtproblematik und die den Umständen entsprechende Lebenslage ihrer KlientInnen 
verantwortlich.

Da sie sich in sogenannten Live-in-Arrangements befinden, d.h. Wohnen am Arbeitsplatz und 
Rund-um-die-Uhr-Beschäftigung im Haushalt der Pflegebedürftigen, ist die Lage der 
betroffenen Frauen in mehrfachem Sinne prekär. Durch die Live-in-Situation, dadurch, dass 
(arbeits-)rechtliche Grundlagen sowohl hinsichtlich der Arbeitszeiten als auch -aufgaben 
ungeregelt sind, und dass die Trennung zwischen Beschäftigung, Bereitschaft und Freizeit 
verschwommen ist. Die Unterbezahlung und die mangelnde gesellschaftliche Anerkennung der 
Pflegearbeit machen ihre unterprivilegierte Position als "billige Hilfskraft" aus. Die 
Rund-um-die-Uhr-Beschäftigung, die oftmals mit einem wochen- oder monatelangen 
"Zusammenleben" mit den KlientInnen in einem Haus oder einer Wohnung einhergeht, bedingt 
eine räumliche und zeitliche Einschränkung sowie das Fehlen einer Privatsphäre. Durch die 
intensive emotionale Einbindung sind die Pflegekräfte weiterhin mitbetroffen von den 
Leidensprozessen ihrer KlientInnen, an deren Bearbeitung und Begleitung sie langfristig 
beteiligt sind. Hinzu kommt das alltägliche Ausgeliefertsein an die endlosen Routinen 
schwerer psychischer Arbeit und körperlicher Anstrengung, bei permanenter Orientierung an 
den Bedürfnissen der KlientInnen. Schließlich findet die Arbeit in einem sehr 
eingeschränkten Interaktionsrahmen statt, der sich durch mangelnde Möglichkeiten der 
Kommunikation, Einsamkeit und Isolation auszeichnet.

Die meisten irregulären Pflegekräfte arbeiten in selbstorganisierten Rotationssystemen, 
jenseits staatlicher oder arbeitsrechtlicher Regelungen, und wechseln turnusmäßig (z. B. 
alle paar Wochen oder Monate), so dass zwei oder mehr Pflegende sich um jeweils eine 
Person kümmern. Bei der Selbstorganisation der irregulären Pflege spielen die ethnischen 
Netzwerke eine entscheidende Rolle; viele Frauen haben über Mundpropaganda und informelle 
Kontakte zu ihrem Arbeitsplatz gefunden. Somit entgehen sie unseriösen 
Vermittlungsagenturen, die einen großen Teil des Lohns für die Vermittlung der Arbeit 
einkassieren, und die mit Knebel-Verträgen dafür sorgen, dass die Flexibilität der 
Arbeitszeit und Rotationsmöglichkeiten stark eingeschränkt sind. Nicht selten werden an 
Pflegekräfte und ArbeitgeberInnen unvollständige oder falsche Informationen über das 
Arbeitsverhältnis vermittelt, so dass letztere bspw. nicht wissen, wie wenig Lohn die 
Pflegekräfte tatsächlich erhalten.

Agnieszka Satola


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