(de) FdA/IFA Gai Dao N°41 - Mai 2014 - Der Gamonal-Effekt - Von: Svenceremos

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Tue May 20 10:57:02 CEST 2014


Burgos ist mit 180.000 Einwohner*innen nicht gerade eine Kleinstadt, jedoch keine Stadt, 
über die im Zusammenhang mit den seit Jahren anhaltenden sozialen Protesten in Spanien 
häufig berichtet wird. Im Januar aber war Gamonal, ein Stadtteil von Burgos, urplötzlich 
in aller Mund. Eine Woche lang sah es so aus, als könnte es das Streichholz werden, an dem 
sich nach und nach ganz Spanien entzündet. Was war geschehen? ---- Vergebliche friedliche 
Proteste gegen einen Straßenumbau Die Anwohner*innen des Stadtteils Gamonal hatten 
monatelang ebenso friedlich wie vergebens versucht, ein geplantes Bauprojekt aufzuhalten. 
---- Bürgermeister Javier Lacalle und seine Partei, die rechte Partido Popular, 
beabsichtigten, die Hauptverkehrsstraße Calle Victoria in einen Boulevard umzuwandeln und 
die 4 Fahrstreifen auf 2 zu verringern.

Im Zuge dieser Umbauarbeiten sollten die kos-
tenlosen Anwohnerparkplätze am Straßenrand durch unterir-
dische kostenpflichtige Parkbuchten ersetzt werden. 8 Millionen
Euro waren für den Spaß veranschlagt. Und das in einer Stadt,
in der sogar ein Kindergarten geschlossen werden soll, weil an-
geblich kein Geld dafür da ist.

Die Menschen in Gamonal ärgerten sich aber nicht nur über
Sinnlosigkeit des Projekts, das ihren eigenen Interessen zuwi-
der lief, und die Geldverschwendung, sondern auch über den
offensichtlichen Filz und die Verstrickungen zwischen Politik
und Wirtschaft. Antonio Miguel Méndez Pozo, ein Freund des
Bürgermeisters und Eigentümer einer lokalen Zeitung, die stets
nur positiv über das Projekt berichtet hatte, ist gleichzeitig einer
der Unternehmer*innen, dem Bauaufträge an dem Boulevard
zugeschustert wurden. Deswegen war ,,Méndez Pozo al calabo-
zo" (ins Verlies mit Méndez Pozo) ein beliebter Demoruf. Aber
auch Bürgermeister Lacalle wurde auch mit einem eigenen Ruf
bedacht: ,,Lacalle dimite, el pueblo no te admite" (Tritt zurück,
Lacalle, die Bevölkerung duldet dich nicht).

Die heiße Woche

Als am 10. Januar die Arbeiten an dem Boulevard aufgenom-
men wurden, versammelten sich spontan Anwohner*innen an
der Baustelle zu einer asamblea (Versammlung). Durch Mund-
propaganda, SMS-Ketten und Aufrufe über soziale Netzwerke
nahm die Zahl der Teilnehmer*innen schnell zu. Sie konnten
allerdings nicht verhindern, dass die Straße aufgerissen wurde.
Als am Abend die Versammlung gewaltsam durch die Polizei
aufgelöst wurde, entlud sich der Zorn einiger hundert Men-
schen. Bauzäune wurden umgeworfen, ein Einsatzfahrzeug der
Polizei mit Steinen beworfen und Müllcontainer angezündet.
Schnell verbreitete sich über das Internet die Nachricht, dass die
Leute in Gamonal die Schnauze voll haben und anfangen, sich
Gehör zu verschaffen. Hashtags wie #Gamonalresiste (Gamonal
leistet Widerstand), #ardeGamonal (Gamonal brennt oder auch:
Brenne, Gamonal) und #efectoGamonal machten die Runde.

Die folgenden Tage wurde in Gamonal praktisch ununterbro-
chen demonstriert, blockiert, Menschenketten gebildet, die
Anfahrt von Baufahrzeugen verhindert, versammelt, geplant,
gekämpft. Dutzende Demonstrant*innen wurden von den ge-
panzerten Repressionsorganen festgenommen. Immer mehr
Anti Riot Cops von außerhalb belagerten den umkämpften
Stadtteil.

Zahlreiche Städte in ganz Spanien veranstalten Solidaritätsak-
tionen für Gamonal, bekundeten ihre Unterstützung, machten
Mut und bewunderte die Entschlossenheit, mit der gegen das
verhasste Bauprojekt und die dahinter steckende Korruption ge-
kämpft wurde. 40 Soli-Demos in ganz Spanien meldete der loka-
le Nachrichtensender Canal 54 für den 17. Januar. 20 Menschen
wurden allein an diesem Tag festgenommen, was eine Kette von
neuen Solidaritäts- und Antirepressionsdemos im ganzen Land
nach sich zog. In Barcelona wurde im Verlaufe einer Demo eine
Polizeiwache angegriffen und mit herumstehenden Stühlen be-
worfen.

Nach einigen Tagen verkündete Bürgermeister Lacalle einen
vorläufigen Baustopp, aber es zeigte sich schnell, dass die Leu-
te aus Gamonal nicht auf diese Finte zur Beruhigung der Lage
herein fielen. Die Proteste gingen ungebremst Tag und Nacht
weiter.

Genau eine Woche nach Ausbruch der vorrevolutionären Stim-
mung in Gamonal - und zusehends in ganz Spanien - stimmte
die Partido Popular mit ihrer Mehrheit im Gemeinderat für eine
Fortsetzung des Projekts. Die vor dem Rathaus versammelten
Menschen quittierten dies mit einem massiven Eier-Bombarde-
ment auf die Fassade des Rathauses. Sie drückten ihr Missfallen
sogar noch drastischer aus und brachten an einer Laterne auf
dem Platz einen Strick an und riefen. ,,Lacalle, recuerda, tene-
mos una cuerda" (Lacalle, denk dran, wir haben ,nen Strick).

Abends trat der Bürgermeister vor die Presse und verkündete
überraschend das endgültige Aus des Projekts. Als Begründung
gab er an, dass das Projekt nicht durchsetzbar sei. Er habe die
Botschaft verstanden: Der soziale Frieden sei wichtiger als noch
so viele Bauprojekte. Der eigentliche Grund dürfte gewesen sein,
dass der Druck von der Straße viel zu groß war und dass aus
dem lokalen Protest ein Flächenbrand zu werden drohte. In Spa-
nien schwelt dauerhaft eine enorme Unzufriedenheit aufgrund
von zahlreichen Faktoren wie Massenarbeitslosigkeit, prekären
Arbeitsbedingungen, Kürzungen im sozialen Bereich, Kürzun-
gen im Gesundheits- und Bildungswesen, Korruption, Polizeige-
walt, geplanter Verschärfung des Abtreibungsgesetzes, Banken-
rettung und Zwangsräumungen durch eben jene Banken.

Lacalle betonte auffallend oft in Interviews, dass die Parteispitze
in Madrid ihn bei der Entscheidung nicht unter Druck gesetzt
habe. Das Gerücht hielt sich nach einem Bericht von El Diario
hartnäckig.

Am Ende also hieß es La calle (die Straße) gegen Lacalle (der
Bürgermeister) - 1 : 0.

Was aber zeichnete den Protest aus? Warum gelang in einer Wo-
che, was vorher monatelang unmöglich schien? Was war anders,
als bei den zahlreichen Protesten, die wirkungslos verpufften?

Selbstorganisation: Die Straße entscheidet

Das Aktionsbündnis ,,Bulevar ahora no" (Boulevard nicht jetzt),
dem auch die linke Oppositionspartei Izquierda Unida angehört
hatte, roch am Tag des Baubeginns Lunte, dass die Proteste bald
ruppiger ausfallen und damit kein kein werbeträchtiges Aus-
hängeschild mehr sein würden und löste sich rechtzeitig auf,
kurz bevor der Widerstand auf der Straße tatsächlich losbrach.
Die vorletzte Meldung des dazugehörigen Twitter-Accounts war
ein Retweet, in dem stand: ,,Die Angelegenheit in der Calle Vic-
toria wird langsam heiß".

Das frisch aufgelöste Aktionsbündnis ließ es sich auch nicht
nehmen, sich noch am selben Tag per Pressemitteilung von dem
,,unzivilisierten Verhalten" der Demonstrant*innen zu distan-
zieren und zu erklären, dass ,,Vandalismus" für sie nie eine Op-
tion gewesen sei .

Wie sich später herausstellte, war diese Auflösung das Beste,
was den Leuten aus Gamonal passieren konnte. Der Wider-
stand zerfiel nicht, als sich das bürgerliche und parteipolitisch
geprägte Aktionsbündnis auflöste - ganz imaabs.mail[at]gmx.de
Gegenteil: Die Menschen organisierten sich selbst und versam-
melten sich regelmäßig zu Stadtteilversammlungen, direkt an
der umkämpften Baustelle an der Calle Victoria. Dort planten
sie die jeweils nächsten Schritte, berieten sich über Strategien,
organisierten Demos und stimmten über anstehende Entschei-
dungen ab. Es gab ein offenes Megaphon/Mikrophon, jeder durf-
te sprechen, um seine Meinung vorzubringen. Um sich gegen
den Regen zu wappnen, wurden an Ort und Stelle Plastikplanen
angebracht. Eine Volxküche wurde eingerichtet, um sich ge-
meinsam zu stärken. Es entstand nach und nach ein regelrechtes
Protest-Camp, wie es aus Zeiten der Bewegung 15M (die Empör-
ten/Indignados) bekannt ist.

Ein nicht zu unterschätzender zusätzlicher Vorteil der Stadtteil-
versammlung ist ihr lokaler Charakter. Die Leute kennen einan-
der vom Sehen. Zivi-Bullen wurden schnell als solche enttarnt
und höflich, aber bestimmt, vertrieben, wie Aktivist*innen aus
Gamonal berichteten.

Diese basisdemokratische Nachbarschaftsversammlung löste
sich auch nach Projektende nicht auf. Sie wollen sich weiterhin
für ihren Stadtteil einsetzen und sich um die Aktivist*innen
kümmern, die wegen ihres Einsatzes gegen den Boulevard unter
staatlicher Repression zu leiden haben.

Da der alte Versammlungsort nach Projekt-Aus nicht mehr zu-
gänglich war - die Straße wurde in den vorherigen Zustand
zurückversetzt und wieder für den Verkehr freigegeben - for-
derten die Anwohner*innen von der Stadtverwaltung einen
neuen Versammlungsort. Überdacht, um sich vor der Kälte zu
schützen. Sie stellten ein Ultimatum, das die Stadtverwaltung
aber verstreichen ließ, mit der Ausrede, es stehe ihnen keine
Räumlichkeit zur Verfügung, die sie der Versammlung anbieten
könnte. Die Anwohner*innen nahmen die Sache daraufhin in
die eigene Hand und besetzten nach einer erneuten Demonstra-
tion ein Gebäude, das 10 Jahre lang leer gestanden war, um dort
einen Gemeinschaftsort und ein soziales Zentrum einzurichten.

Allein machen sie dich ein: Toleranz statt Spaltung

Die Anwohner*innen ließen sich nicht spalten, sondern legten
eine beachtliche Toleranz hinsichtlich unterschiedlicher Radi-
kalitäten und Aktionsformen an den Tag. Es gab friedliche De-
mos und Menschenketten, es wurde spielerisch blockiert mit
Ballspielen an der Baustelle. Die Schüler*innen riefen zu einem
Streik auf . Es wurde auf Töpfe geschlagen, getrillert und die
Robocops, die den Stadtteil besetzten, wurden von den Balko-
nen aus beschimpft von Anwohner*innen. Aber es wurden auch
Banken entglast, Bauzäune umgeworfen, Cops mit Steinwürfen
aus dem Viertel gejagt und ein Baustellencontainer in Brand ge-
steckt, um ein deutliches Zeichen der Ablehnung zu setzen.

Ein Satz, den man so oder so ähnlich immer wieder hören und
lesen konnte von Anwohner*innen, war: ,,Ich mag eigentlich
keine Randale. Aber vorher hat uns niemand zugehört."

Wir sind nicht alle: Es fehlen die Gefangenen

Ob während der heißen Woche oder danach: Die Menschen aus
Gamonal vergaßen zu keinem Zeitpunkt ihre Mitstreiter*innen,
die in die Fänge der Staatsgewalt geraten waren. Immer wieder
zogen tausende Menschen solidarisch zu der örtlichen Polizei-
wache und forderten die Freilassung der Gefangenen. Auch für
den 18. Januar, ein Tag nach Projektende, berichtete Canal 54
von 4.000 Menschen bei einer Demo für die Angeklagten und
Inhaftierten. Es wurde Freilassung und Straffreiheit für alle Be-
troffenen gefordert.

Zwei der Beschuldigten saßen in Untersuchungshaft. Die Leu-
te aus Gamonal richteten eine Solidaritätskasse ein und legten
zusammen, um die Kaution für die beiden - jeweils 3.000 EUR - be-
zahlen zu können. Der Erlös von verkauften Ansteckern und T-
Shirts fließt ebenfalls in die Solidaritätskasse.

An einem Tag besetzten Unterstützter*innen friedlich Bank-Fili-
alen, um die Banken dazu zu überreden, dass sie ihre Anzeigen
zurückziehen.

Am 30. Januar teilte der Twitter-Account ,,Gamonal en lucha"
(kämpfendes Gamonal) mit, dass alle Gefangenen auf freiem
Fuß sind. Es werden aber weiter Spenden gesammelt für An-
waltskosten und eventuelle Bußgelder. Insgesamt laufen gegen
46 Personen Verfahren im Zusammenhang mit den Protesten.

Eigene Informationskanäle

Von großer Bedeutung war auch der eigene Informationskanal,
der über Twitter regelmäßig aktuelle Informationen und Fotos
verbreitete. Der Name des Kanals lautet ,,Gamonal en lucha
2" . Die Zahl 2 deshalb, weil der Vorgänger-Account aus unbe-
kannten Gründen geschlossen wurde. Ein Blog wurde ebenfalls
eingerichtet, ,,Gamonal ni un paso atrás" (Gamonal, nicht ein
Schritt zurück), der Neuigkeiten unter die Leute bringt. Auch ei-
nen Bambuser-Kanal namens ,,Efecto Gamonal" (der Gamonal-
Effekt) gibt es für Live-Streams.

Diese eigenen Informationskanäle stellten sich als besonders
wichtig heraus, als die Medien eine massive Lügenkampagne
gegen die Protestbewegung auffuhren, um diese zu kriminali-
sieren und dadurch zu diskreditieren. Es wurden Fotos von ab-
gebrannten Autos gezeigt, obwohl die Aufnahmen weder aktu-
ell waren, noch aus Gamonal stammten. Auch die Polizei-Lüge,
dass es sich bei den militanten Demonstrant*innen um ,,Kra-
walltouristen" (grupos violentos itinerantes) handle, wurde von
den Medien unhinterfragt verbreitet, obwohl sich zeigte, dass
alle festgenommenen Personen aus Burgos waren. Die Polizei
musste später zugeben, dass sie keinerlei Beweise für ihre Aus-
sage hat.

Über den Twitter-Kanal ,,Gamonal en lucha" wurde nach Pro-
jektende eine lesenswerte Botschaft übermittelt. Der Titel lau-
tet ,,Ende des Gehorsams". Die Protestierenden ziehen darin ihr
persönliches Fazit aus dem Erlebten und kündigen ihre Folge-
rungen daraus für die Zukunft an:

Ende des Gehorsams

,,Ihr musstet uns verprügeln, Gummigeschosse auf uns abfeu-
ern. Ihr musstet uns festnehmen, einsperren und isolieren. Ihr
musstet uns mit neuen Gesetzen drohen und uns sagen, dass
wir ,,Terroristen" sind. Das und noch mehr musstet ihr uns an-
tun, um uns zu brechen. Aber trotz alledem habt ihr es nicht
geschafft.

Am 10. Januar entfachten wir einen Scheiterhaufen aus all eu-
ren Drohungen, aus all euren Befehlen, aus all euren Erpressun-
gen. Wir waren keine Gruppe, wir waren weder 20, noch 50,
wir waren sehr viel mehr. Wir waren diejenigen, auf denen ihr
Tag für Tag herum trampelt, weil ihr glaubt, dass sie sich nicht
wehren werden. Wir sind diejenigen, die ihr in einem prekären
Leben ausbeutet. Diejenigen, die ihr nach Hause schickt, wenn
es euch in den Kram passt oder denen ihr das Haus wegnehmt,
wenn sie es nicht mehr bezahlen können. Diejenigen, die ihr wie
Rohstoffe regiert, als Nummern in euren Statistiken. An diesen
Tagen im Januar gehorchten wir euch nicht und plötzlich fing
alles an, zusammenzubrechen. Jetzt sind wir uns unserer Kraft
bewusst. Wir fühlen, wie eure Welt zusammenbricht und wir
werden euch nicht helfen, sie wieder aufzurichten. Wir ziehen
es vor, unsere eigene aufzubauen."


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