(de) FdA/IFA Gai Dao N°41 - Mai 2014 - Wir wollen gehen und wir werden gehen - Über Grenzerfahrungen und Grenzpolitiken in Marokko im Zeitraum von September 2013 bis April 2014 - Von: network welcome 2 europe

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Mon May 19 11:56:47 CEST 2014


Boukhalef ist ein Außenbezirk von Tanger, in dem die Häusersiedlungen im Bau stehen. 
Ferienwohnungen für Spanier*innen sollten dort entstehen. Die Fertigstellung ist aufgrund 
fehlender Gelder bis auf Weiteres eingestellt. Hier leben sowohl Migrant*innen, viele aus 
dem Senegal und aus Kamerun, als auch Marokkaner*innen. Sie organisieren sich gemeinsam 
zum Leben und zum Schutz vor Repression. Tag und Nacht sitzt einer der alten 
marokkanischen Großväter an der Straßenecke, um Angriffen vorzubeugen oder gegebenenfalls 
zu alarmieren. Der Respekt gegenüber dem Alter der Wachtmeister genügt oft schon um 
potentiell Angreifende abzuhalten. ---- Noch vor einigen Monaten gehörten hier 
polizeiliche Razzien und Angriffe zum Alltag. Die Polizei stürmte regelmäßig die Wohnungen 
der migrantischen Communities, trat die Türen ein, riss die Personen nachts aus dem 
Schlaf, vertrieb die Menschen brutal und räumte unter Schlägen die Wohnungen.

,,Die Art und Weise wie die Polizei Migrant*innen sieht ist sehr schwierig.
Sie sehen Afrikaner*innen wie Sklav*innen, bis jetzt ist das die Idee, die
die meisten von ihnen haben. Die Leute hier müssen verstehen, dass wir
nur Reisende sind, aber das ist für die lokalen Leute schwer zu verstehen.",
beschreibt Don King. Und ,,Wenn du die Grenze überqueren willst, ist es
von Tanger aus, von dort kannst du am einfachsten rüberkommen. Wir
suchen alle ein besseres Leben, wir wollen gehen und wir werden gehen."

Der Wille, die Wut und die solidarische Organisation führen zur täg-
lich erfolgreicheren Überwindung der hoch militarisierten Grenze
von Marokko und Spanien.

Am 17. September 2013 führt die Kooperation der Geflüchteten und
Migrant*innen in Marokko zu verstärktem medialem Aufsehen: 300
Personen klettern über den Zaun von Melilla, von denen es über 100
in das Stadtzentrum schaffen. Am gleichen Tag versuchen in Ceuta
350 Migrant*innen Europa zu erreichen, 92 von ihnen erfolgreich, in-
dem sie den Zaun über das Meer umschwimmen. Außerdem kommen
6 Boote mit insgesamt 161 Personen über das Meer nach Spanien an.
12 Menschen sind bei der Flucht ertrunken, hunderte schwerverletzt
-durch Schläge der Autoritäten und von den Zäunen.

Trotz heftiger Kritik hat sich der spanische Innenminister Jorge
Fernández Díaz nicht davon abbringen lassen, den mit scharfen Klin-
gen versehenen "Natodraht" im November 2013 erneut auf die Zäu-
ne installieren zu lassen, obwohl dieser erst 2007 aus "humanitären
Gründen" abmontiert wurde. Der EU-Zaun um die spanische Enklave
Ceuta soll zusätzlich weiter ins Meer verlängert werden. Für 2014 sind
für die Verlängerung Kosten in Höhe von 250.000 Euro veranschlagt.
Das europäische Parlament verabschiedet im Dezember 2013 das
Grenzüberwachungssystem Eurosur, wofür die EU bereits 250 Mil-
lionen Euro bereitgestellt hat. Durch Satelliten aus dem Weltall und
Drohnen soll Eurosur die Zahl der Einreisen in die EU reduzieren.

Ganz im Gegensatz zur Logik der gesamten europäischen Politik,
verringert die Militarisierung der Grenzen nicht die Zahl der ankom-
menden Geflüchteten, sondern erhöht allein die Zahl der Toten und
Verletzten. Über 20 000 Tote hat die EU bereits auf Ihrem Gewissen.
Personen werden mit dieser Politik fundamentale Menschenrechte,
wie das Recht auf Bewegungsfreiheit oder das Recht auf Asyl abge-
sprochen. Im Bericht von APDHA(Asociación Pro Derechos Huma-
nos) wird deutlich, dass die Zahlen trotz der teuren Militarisierung
der Grenze nicht sinken sondern steigen. Im Jahr 2012 erreichten
6.992 Personen Spanischen Boden und 2013 sind 7550 über die Grenze
von Marokko nach Spanien gekommen.

Auf dem Weg nach Europa verbringen viele Asylsuchende oft Jahre
in Marokko, im Wald bei Ceuta, auf dem Berg Gurugú bei Melilla, in
Tanger und an den Orten, an die sie immer wieder von Polizei und
Militär abgeschoben werden.

Die europäisch organisierte Abwehr von Migrant*innen hält Migra-
tion nicht auf. Täglich erklimmen Menschen die Zäune, steigen in
Boote, verstecken sich in Lastwägen, die auf eine der Fähren gehen
oder rasen in Landrovern mit Vollgas an Grenzbeamten vorbei.
Haben die Personen die gefährlichen Überfahrten überlebt und betre-
ten europäischen Boden,

wird ein Großteil der angekommenen Geflüchteten von der Guardia
Civil (Polizeieinheit, die u.a. an der Grenze agiert), Frontex, marok-
kanischem Militär, Küstenwache oder Polizei einfach wieder zurück
nach Marokko befördert. Diese Praxis ist illegal. Spanische Behörden
haben die Pflicht die Schutzgesuche der Ankommenden zu prüfen.
Die spanische Schiffsüberwachung hat 2013 in der Meerenge von
Gibraltar 6.135 Boat-people gezählt, unter ihnen 4.631 Flüchtlinge in
Seenot. Über die Hälfte von ihnen wurden mithilfe der marokkani-
schen Küstenwache nach Marokko zurückgebracht.

Der Repressionsapparat von ganz Europa ist in Spanien am stärks-
ten ausgebaut. Schutzsuchende können gegen illegale Haft in
Abschiebegefängnissen(CIES), Pushbacks und illegalen Abschie-
bungen gar nicht vorgehen. Die Zivilbevölkerung und Menschen-
rechtsorganisationen werden isoliert, so dass auch solidarische
Unterstützer*innen die Rechte von Migrant*innen kaum verteidigen.
In Marokko sind die von Europa ausgehenden Menschenrechtsver-
letzungen sichtbarer, denn die extra dafür bezahlten Türsteher Eu-
ropas machen die Drecksarbeit für ihre Nachbarinnen, die sich im
Gegenzug weiter mit einer auf den Menschenrechten begründeten
Verfassung präsentieren.

Noir, ein Mann aus Kamerun, beschreibt seine Erfahrungen in ei-
nem Gruppeninterview, kurz nachdem er am 6. Februar zum vielfach
wiederholten Mal eine massive und gewaltsame Push-Back-Praxis
miterlebte.

,,Ich bin jetzt schon 4 Jahre in Marokko. 2010 bin ich angekommen. Das
machen vier Jahre. Ich habe mein Land am 10 Januar 2010 verlassen. Ich
habe schon so oft die Zäune attackiert.....ich kann es nicht mal mehr zäh-
len. Ich habe es in Melilla versucht, in Ceuta und wieder in Melilla, mehr
als 10 Male. Und wenn ich reingekommen bin, hat mich die Guardia Civil
gestoppt und zurück zu den Marokkaner*innen geschoben."

Diese illegale Praxis ist gängig. Fast alle Migrant*innen, die über Ma-
rokko nach Europa reisen, erzählen von drei bis 10 Push-Backs, die
sie erlebten.

Der Kampf der Geflüchteten geht weiter. Der Kampf ums Überleben
in Marokko ist auch einen Ort zu finden, an dem die Wunden der Na-
to-Drahtklingen, die Schläge der Polizei, gebrochene Beine und Arme
genesen können, an dem sich auf einen neuen Versuch die Grenze zu
überqueren vorbereitet werden kann.

Den 4. Dezember 2013 wird wohl in dem Stadtteil Boukhalef niemand
vergessen. Eine der regelmäßigen Polizeirazzien ist verantwortlich
für den gewaltsamen Tod von Cédric, einem jungen Mann aus Kame-
run. Nachdem er von Polizisten durch ein Treppenhaus gejagt wur-
de, fiel er vom Dach eines fünfstöckigen Gebäudes. Innerhalb einer
halben Stunde kamen Freund*innen und Bekannte zusammen. Über
500 Migrant*innen trugen den zertrümmerten Leichnam, ihren toten
Kameraden in einer wütenden, anklagenden Demonstration durch
die Stadt. Es gelang ihnen in einem Chaos zwischen Polizei und ras-
sistischen marokkanischen Bewohner*innen die Bilder ihrer bluti-
gen Lebensrealität mit der lautstarken Forderung diese Todesfälle
endlich zu stoppen, in ganz Marokko durch die Medien zu tragen.
Seitdem haben die Polizeirazzien in den migrantischen Vierteln er-
heblich nachgelassen. Bis heute traut sich die Polizei in Uniform nicht
nach Boukhalef.

Die Wut und die Geschlossenheit hält an. Seit Januar sind die ge-
meinsamen Versuche die EU-Zäune zu überwinden erfolgreicher und
entschlossener als je zuvor.

Bereits jetzt ist die Zahl der Personen, die es nach Europa schaffen
doppelt so hoch, wie im Vorjahr, und das trotz Frontex und Eurosur.

In einer stark mobilisierten Aktion am 6. Februar haben es 400
Migrant*innen erneut geschafft in Ceuta den EU-Zaun im Meer zu
umschwimmen. Sie wurden sowohl von marokkanischer Polizei,
als auch von der Guardia Civil brutal attackiert. Die Guardia Civil
schoss von einem Boot aus, bereits als die Personen noch in marokka-
nischem Gewässer waren, mit Tränengas und Gummigeschossen auf
die Schwimmenden und deren Schwimmbretter. Die Guardia Civil
fuhr mit ihrem Boot über die Menschen im Wasser und schlug sie mit
Schlagstöcken. Offiziell starben 17 Personen.

Ibraim, Noir und Amarou, Zeugen, die diese Attacke überlebten be-
richten von mehr als 25 Toten. Es gibt immer noch viele Vermisste.
200 Migrant*innen erreichten an diesem Tag lebend den Strand von
Ceuta, sie wurden sofort festgenommen und illegalerweise durch ein
kleines Tor im Zaun zurückgeschoben. Sie wurden weder registriert
noch wurde ein Schutzgesuch geprüft.

In Fernsehen und Zeitungen erklärte der spanische Innenminister,
die Polizei hätte keinerlei Gummigeschosse und Tränengas einge-
setzt. Doch zum 6. Februar erreichten etliche Beweismaterialien die
Öffentlichkeit: Videos, die die ausführlichen Zeugenaussagen von
Überlebenden bestätigen, Interviews und Berichte, die die Lügen des
Innenministers aufdecken.

Es gibt Kundgebungen in mindestens 11 spanischen Städten, in Tan-
ger, Berlin und Amsterdam.

Der öffentliche Druck hat Konsequenzen: Die Guardia Civil soll kei-
ne Gummigeschosse mehr auf Migrant*innen abfeuern dürfen, die
Grenzpraxis unterliegt derzeit einer etwas stärkeren menschenrecht-
lichen Aufsicht.

Am 18. März erreichen über 1000 Migrant*innen in einer solidari-
schen Aktion den Zaun von Melilla. 500 Personen schaffen es in Me-
lillas Stadtzentrum. Immer häufiger kommen in Marokko 1000 bis
1500 Geflüchtete zusammen um gemeinsam ihr Ziel zu erreichen, in
die Freiheit zu gehen, um ein besseres Leben zu führen. Oft werden
sie brutalst vom Militär zurückgestoßen, immer häufiger erreichen
sie Europa.

Prinzipiell beauftragen spanische Autoritäten die marokkanischen
Militär und Polizeieinheiten Migrant*innen von der Grenze fern-
zuhalten. Es gibt die sogenannten force auxiliar, die dabei am bru-
talsten vorgehen und auch paramilitärische Einheiten. Am 28. März
haben marokkanische Militäreinheiten sogar auf spanischem Gebiet
die Jagd auf Migrant*innen fortgesetzt um die Guardia Civil in ihrer
illegalen Grenzpraxis zu unterstützen.

Die solidarische Organisation der Migrant*innen in Marokko nimmt
stetig weiter zu. Am 3. April bleiben bei einer Zaunaktion 25 Perso-
nen bis zu 10 Stunden oben auf dem Zaun von Melilla sitzen, während
parallel dazu, direkt am Zaun Protestkundgebungen stattfinden, in
denen der sofortigen Stopp des unsinnigen Sterbens und Entrechtens
an der Grenze gefordert wird.

In ganz Marokko werden Stimmen laut.

Amarou, der seit Anfang des Jahres durch ein neues Gesetz in Ma-
  rokko Papiere und eine Arbeitserlaubnis bekommen hat, meint: "Wir
  wollen eine politische Karawane zum Zaun machen. Ich rede mit al-
  len Leuten darüber, das ist der Anfang."

  Auch Noir und seine Freunde überlegen, was sie und was solidarische
  ,,Die getrGruppen in Marokko und Europa unternehmen können.

  "...Alles was ich fordern kann von Leuten, die Migrant*innen unterstüt-
zen wollen ist......dass ihr mit versteckten Kameras arbeitet, um alle diese
Szenen zu filmen, wenn Migrant*innen kommen um ihre Chance zu wa-
gen. So könnt ihr die Wahrheit kennenlernen, denn die marokkanische
und spanische Polizei kann nicht die Wahrheit sagen. Und wir, die klan-
destinen Migrant*innen allein uns, unser Wort, da glauben sie nichts. Das
weiß ich. Es braucht viele Beweise. Und unsere Beweise, die wir hatten
über die Schüsse der Guardia sind gelöscht. Die Aufnahmen, die wir ge-
macht haben, kann man nicht zeigen, weil sie gelöscht wurden. Der Rest
der Welt soll die Realität, die wir leben, sehen. Und der Rest der Welt soll
sehen, dass wir Opfer von Menschenrechtsverletzungen sind."

Die Vernetzung hat begonnen um die blutigen Geschehnisse an der
spanisch-marokkanischen Grenze zu dokumentieren. Es gibt Orga-
nisationen in Marokko, wie die AMDH (auf deutsch: Marokkanische
Vereinigung der Menschenrechte) oder CMSM (dt: Rat der subsa-
harischen Migrant*innen in Marokko), die sich mit der Plattform
,,Protection-Migrants" zusammengeschlossen haben um öffentlichen
Druck auf die marokkanische Politik auszuüben. Am 15. April ver-
anstalten sie eine Pressekonferenz in Rabat, auf der sie fordern die
Gewalt an den Grenzen zu beenden. Die Gruppe No Borders Moroc-
co, bestehend aus europäischen Aktivist*innen, versucht weitere Ver-
netzung an der europäischen Außengrenze in Marokko aufzubauen
und über die Situation zu berichten. Auf der Plattform watch the med
(watchthemed.net) können Migrant*innen Rechtsverletzungen auf
See dokumentieren und das aus migrantischen und europäischen
Aktivist*innen bestehende netzwerk welcome to europe stellt auf
der gemeinsamen webseite www.w2eu.info hilfreiche Informationen
für Migrant*innen auf ihrem Weg nach und durch Europa zusam-
men.Vor wenigen Tagen wurde in Tanger der Blog Sexion Doundou
aufgemacht.  Unter http://sexiondoundou.wordpress.com/publizieren
Migrant*innen in Marokko ihre Geschichten auf englisch, franzö-
sich und spanisch. Doundou heißt Leben auf Wolof, das im Senegal
und in Gambia gesprochen wird.

Don King, einer derjenigen,die auf dem Blog veröffentlichen:
,,Als Mensch musst Du frei sein und du selbst. Wir sollten frei sein
zu reisen weil, wenn du reist, siehst du viele Sachen, die du zuvor
nie gesehen hast. Aber mit diesem Grenzsystem ist das nicht ein-
fach für uns. Was ich von dieser Grenzüberwachung gesehen habe
ist nicht korrekt. Das ist nicht normal. Die Grenzen sollten offen
sein. Es gibt viel zu viel Korruption... Sie geben dir einen Pass und
sie sagen dir:"Das ist deine Nationalität, damit musst du reisen."
Das sind alles politische Strategien.Die Leute aus Europa haben die

Möglichkeit nach Afrika zu kommen und wir auch, vorausgesetzt,
dass wir die gleichen Möglichkeiten haben Wir sind alle gleich. Es
macht keinen Unterschied ob du schwarz oder weiß bist. Es sind die
Politiker*innen die uns spalten, sie spalten die Welt.Vielleicht öffnen
sich die Grenzen irgendwann, aber das wird nicht heute passieren.
Die Welt muss sich zuerst noch weiterentwickeln. Aber wir haben

Hoffnung, dass die neuen Generationen, jene sein werden, die die
Welt mischen und die Grenzen öffnen werden. Das ist was ich über
die Dinge denke. Keine Grenzen. Mehr und mehr Menschen fangen
an sich über das Grenzsystem zu beschweren. Das war vorher nicht
so. Und jetzt kämpfen Leute gegen die Probleme an den Grenzen. Und
sie machen weiter und werden mehr."

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