(de) FdA/IFA Gai Dao N°41 - Mai 2014 - Der Diskriminierung entgegentreten! - Zu den Protesten gegen den Bildungsplan in Baden Württemberg - Von: Libertäres Bündnis Ludwigsburg (LB)2

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Sun May 18 10:21:27 CEST 2014


Vorwort der Redaktion: In Stuttgart protestiert ein rechtskonservatives Bündnis mit 
monatlichen Demos gegen einen neuen Bildungsplan der grün-roten Landesregierung, der unter 
anderem vorsieht, dass in den Schulen für die "Akzeptanz sexueller Vielfalt" geworben 
werden soll ---- Alles Nazis oder was? ---- Wir sind gegen die Proteste gegen den 
Bildungsplan. Doch warum? ---- Einige bisherige Berichte (Artikel bei linksunten) 
versteiften sich auf das Thema Neonazis bei den Demonstrierenden gegen den Bildungsplan. 
Hier halten wir eine differenziertere Betrachtung für notwendig. Neonazis finden zwar 
klare Anknüpfungspunkte, sind aber nicht die Initiator*innen und stellen auch nicht die 
Mehrheit der Teilnehmer*innen der Proteste. Die Teilnehmer*innen rekrutieren sich vielmehr 
aus dem gesamten konservativen und reaktionären Spektrum: Christliche Fundis, PI-News 1 , 
Konservative Aktion, AfD, etc. Auch die Russisch-Orthodoxe Gemeinde
scheint eine relevante Rolle einzunehmen. Unseres Erachtens ist
Heterosexismus und Homophobie ein zentraler Antrieb für die
Proteste der Bildungsplan-Gegner*innen, auch wenn sie selbst
es leugnen und "nur um das Wohl ihrer Kinder besorgt sind".
Hier besteht immer die Gefahr: Wenn unsere Kritik zu sehr auf
einzelne Akteur*innen abzielt, gibt man den restlichen Demonst-
rierenden den Raum, sich von diesen Akteur*innen inhaltlich zu
distanzieren und ihre "besorgte Eltern"-Scharade weiter zu spie-
len.

Um an dieser Stelle entgegenzuwirken werden wir uns im Folgen-
den grundlegend mit den gesellschaftlichen Mechanismen, die
hinter den Bildungsplangegner*innen stehen, auseinandersetzen.
Dazu wollen wir gerne etwas weiter ausholen und die ständig
stattfindende unterbewusste Kategorisierung der menschlichen

Wahrnehmung in Zusammenhang mit gesellschaftlichen Diskri-
minierungsformen setzen. Wir erklären die Schlagworte Hetero-
normativität und Heterosexismus. Erst darauf aufbauend wollen
wir die Diskriminierung durch die Bildungsplangegner*innen
aufgreifen.


Um an dieser Stelle entgegenzuwirken werden wir uns im Folgen-
den grundlegend mit den gesellschaftlichen Mechanismen, die
hinter den Bildungsplangegner*innen stehen, auseinandersetzen.
Dazu wollen wir gerne etwas weiter ausholen und die ständig
stattfindende unterbewusste Kategorisierung der menschlichen
Wahrnehmung in Zusammenhang mit gesellschaftlichen Diskri-
minierungsformen setzen. Wir erklären die Schlagworte Hetero-
normativität und Heterosexismus. Erst darauf aufbauend wollen
wir die Diskriminierung durch die Bildungsplangegner*innen
aufgreifen


Sind wir neutral?

Wir Menschen aus dem westlichen Europa halten uns gerne für
aufgeklärt und objektiv. Was auch immer wir in unserem Alltag
tun, wenn wir durch die Straßen laufen und andere Menschen
wahrnehmen, beim Fernsehen, im Kino... - überall wo wir ande-
re Menschen erblicken oder mit ihnen in Kontakt treten, nehmen
wir von uns an, dass wir in einer relativen Unvoreingenommen-
heit anderen Menschen gegenüber leben. Sicher, mal gefällt uns
eine Frisur nicht oder wir mögen bestimmte Personen nicht be-
sonders. Aber ansonsten sind wir neutral. Oder nicht?

Sozialisation und unterbewusste Kategorisierung

Dabei ist uns meist gar nicht bewusst, dass unser Gehirn unun-
terbrochen Menschen in Kategorien einteilt: jugendlich, weib-
lich, von hier (vermutlich deutsch), dünn, trendy, attraktiv, oder:
männlich, dick, mittleren Alters, südländisch, bieder, unattraktiv,
vermutlich arm.

Ob im Sinne einer Beschränkung auf das Wesentliche oder aus
Zeitmangel angewendet ermöglichen uns Kategorien und Kli-
schees als vereinfachte und verallgemeinerte Vorstellungen über
Menschen zunächst einmal Orientierung, Sicherheit und dienen
einer schnellen Kommunikation. Nun wäre theoretisch einer un-
bewussten Kategorisierung anderer Menschen in unserer Umge-
bung nichts vorzuwerfen, wäre sie neutral und bei Bedarf flexibel.
Ist sie aber nicht. Wir nehmen zwar eine eigene Neutralität an,
in Wirklichkeit aber wachsen wir in einer von Ungleichheit be-
stimmten Gesellschaft auf und verinnerlichen Rollen und Diskri-
minierungsformen. Was ist normal, was ist anders, wer/was sind
"wir", wer/was sind "die anderen". Dieses Wissen ist ein gesell-
schaftlicher Code, den viele Menschen seit ihrer frühesten Jugend
verinnerlichen und weitergeben. In der Familie, in Freundschaf-
ten und Beziehungen, über Medien, Politik, Wissenschaften, Bil-
dung und so weiter.

Sozialisation bezeichnet die Verinnerlichung solcher gesell-
schaftlicher Normen. Über Sozialisation lernen wir in Kategorien
zu denken, die in dem jeweiligen Zusammenhang und der (Ent-
stehungs-)Geschichte unserer gesellschaftlichen Umgebung ent-
standen sind. Miteinbezogen werden dabei unterschiedliche Ka-
tegorien, die den Status und die Anerkennung von Menschen in
einer Gesellschaft bestimmen, zum Beispiel: Geschlecht, Hautfar-
be, Kultur, soziale Schicht, Background, Behinderung/Nicht-Be-
hinderung, Alter,...Diese Kategorien sind von Menschen gemacht
und haben reale Auswirkungen auf die betroffenen Personen.
Der heutige (westeuropäische) gesellschaftliche Ist-Zustand pri-
vilegiert Träger*innen bestimmter Eigenschaften (z.B.: männ-
lich, heterosexuell, weiß, deutsch, gut gekleidet, nicht arm). Alle
Menschen, die innerhalb dieser Gesellschaft sozialisiert wurden
(und damit diese "Privilegien" als positiv und normal verinner-
licht haben), streben nach diesen Eigenschaften. Wenn Menschen
diesen gesellschaftlichen "Idealzustand" nicht erfüllen (können
oder wollen), werden sie als "anders" kategorisiert. "Anders"
meint nicht nur abweichend vom gesellschaftlichen Ist-Zustand,
sondern wird gleichzeitig auch negativ bewertet.


Gesellschaftlicher Ausgangspunkt

Wir leben in einer Gesellschaft, in der als ,,anders" wahrgenom-
mene Menschen - Menschen die nicht den Wertvorstellungen
der dominierenden Mehrheitsgesellschaft entsprechen - Aus-
grenzung, Nicht-Anerkennung, und unterschiedliche Formen der
Gewalt erfahren.

Unterdrückungsmechanismen wie beispielsweise gesellschaftli-
che Ausgrenzung und Diskriminierung gehen mit den bestehen-
den Hierarchien einher, die das Bild unserer Gesellschaft prägen.
Sie führen zu Ungleichheit, untermauern bereits bestehende Dis-
kriminierung und erneuern sich ständig selbst. Dieses ständige
Erneuern passiert nicht von allein, sondern wird von Menschen
bewusst oder unbewusst durchgeführt. Anstatt bestehende Un-
gleichheit und Hierarchien in Frage zu stellen, grenzt man sich
gegen andere Menschen ab und diese aus. Besondere Benachtei-
ligung, Gewalt und Herabwürdigung erfahren Menschen, die
aufgrund von Äußerlichkeiten und anderen Merkmalen, ihrer
Kultur, (angenommenen) Herkunft, sexueller Orientierung, Be-
hinderungserfahrung, Alter und/oder Geschlecht diskriminiert
werden.

Diskriminierung

Ein wesentlicher Bestandteil von Diskriminierung ist die Zusam-
menfassung und Kategorisierung von Menschen zu Gruppen und
der damit verbundenen Unterstellung bestimmter Eigenschaften.
Die weit verbreitete Einstellung und Akzeptanz von Vorurteilen,
die Menschen betrifft, diese in ihrem Handeln einschränkt und
somit reale Auswirkungen auf deren Alltag hat, wird Diskrimi-
nierung genannt. 2 Es gibt viele verschiedene Formen der Dis-
kriminierung, die sich gegenseitig überschneiden und bedingen.
Gemeinsam haben sie, dass die betroffenen Menschen aufgrund
von bestimmten Merkmalen oder ihrer Gruppenzugehörigkeit
benachteiligt oder ausgegrenzt werden. Die als ,,anders" wahr-
genommene Menschen, jene, die nicht in die allgemein gesell-
schaftlich anerkannten Wertvorstellungen passen, sind täglich
mit Diskriminierung konfrontiert. Gewalttätig ist Diskriminie-
rung immer und kann tiefgreifende Auswirkungen auf die kör-
perliche, seelische und geistige Unversehrtheit und die Entfal-
tungsmöglichkeiten der betroffenen Menschen haben. Wir sehen
daher drei Ebenen, auf denen sich die Gewalt durch Diskriminie-
rung manifestiert.

(1) Auf individueller Ebene: Hier wird Diskriminie-
rung beispielsweise durch verbale Gewalt in Form
von Vorurteilen, Witzen und Bemerkungen aus-
gedrückt, oder durch direkte körperliche Gewalt.

(2) Auf gesellschaftlicher Ebene: etwa in Form von Ausgren-
zung und einem allgemein anerkannten Wissen darüber, was
natürlich und was unnatürlich ist, wer zu dem "wir" und wer
zu "den anderen" gehört; ebenso durch psychische Gewalt
wie Nicht-Anerkennung einer Identität und (Be-)hinderung
einer persönlichen, individuellen Entfaltung.

(3) Auf struktureller und institutioneller Ebene: Die Diskrimi-
nierten erfahren keine gleichberechtigte Beteiligung/ Mitge-
staltung/ Mitwirkung/ Mitbestimmung an gesellschaftlichen
Ressourcen, in sozialen, politischen, materiellen, kulturellen
Bereichen.


Heteronormativität und Heterosexismus als Diskriminierungsform

Als Heteronormativität wird ein Geschlechtersystem be-
zeichnet, bei dem nur zwei Geschlechter, nämlich Mann
und Frau, gesellschaftlich zur Norm erhoben werden.
Dabei wird das jeweilige Geschlecht (Mann oder Frau) sowohl
mit den gesellschaftlich Rollenvorstellungen von Männern und
Frauen verbunden, als auch mit der heterosexuellen Orientie-
rung. Das heißt, dass es bestimmte gesellschaftlich anerkannte
Vorstellungen darüber gibt, welche Rollen jeweils Männern und
Frauen entsprechen, welche (eher) nicht, und dass die einzige na-
türliche Beziehungsform eine heterosexuelle Zweierbeziehung
zwischen Mann und Frau ist.

Heteronormativität bestimmt somit, was als ,,normale" Sexualität
gilt und ist gleichzeitig mit den von vielen Menschen verinner-
lichten Normen und Vorstellungen bezüglich Körper, Geschlecht,
Charakterzuschreibungen, Familie, ... verknüpft. Die daraus
entstehende Diskriminierungsform wird als Heterosexismus be-
zeichnet. Sie lässt keine weiteren Sexualitäten und Geschlechter
zu.

"Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber..."

Wie bereits in der Einleitung erwähnt werfen wir den
Bildungsplangegner*innen heterosexistische und homopho-
be Diskriminierung vor. Unseres Erachtens ist Heterosexismus
und Homophobie ein zentraler Antrieb für die Proteste der Bil-
dungsplan-Gegner*innen, auch wenn sie selbst es leugnen und
sich als "besorgte Eltern" darstellen. Die heteronormative Form
des Zusammenlebens (Vater, Mutter, Kinder) findet selbstver-
ständlich und selbstbewusst im öffentlichen Raum statt. Andere
Konzepte des Zusammenlebens hingegen haben sich im Priva-
ten abzuspielen - und dort auch zu bleiben. Dieses Messen mit
zweierlei Maß zeigt sehr deutlich die diskriminierende Hal-
tung der Bildungsplangegner*innen. Das Verschweigen und die
Nicht-Anerkennung bestimmter Identitäten ist auch in anderen
Bereichen (z.B. Rassismus) ein machtvolles Ausgrenzungs- und
Unterdrückungsinstrument. Die Angst zu schüren, durch die blo-
ße Erwähnung alternativer Sexualitäten und Geschlechterrollen
seien Kinder und Familie bedroht, gründet auf Vorurteilen und
falschen Unterstellungen, sie ist heterosexistisch und homophob.
Dieser Verbreitung diffuser Ängste und Unterstellungen wollen
wir uns entgegenstellen und für gegenseitige Wertschätzung und
eine selbstbestimmte Sexualität eintreten. Wir haben uns dagegen
entschieden der Argumentation der Bildungsplangegner*innen
weiteren Raum in unserem Text zu geben.

Unsere Kritik

Wir kritisieren die Vorstellung einer natürlich gegebenen He-
terosexualität von Mann und Frau und die damit verbunde-
ne Heteronormativität in der Gesellschaft. Wir gehen davon
aus, dass Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität immer
in einen gesellschaftlichen Kontext eingebunden sind und aus
diesem entstehen. Dabei werden diese Annahmen durch Me-
dien, Literatur, Musik, ... und durch Institutionen wie die Kir-
che, Schule, (Teile der) Wissenschaft,... als angebliche Wahrheit
untermauert. Diese konstruierte Annahme heterosexueller
Mann/ heterosexuelle Frau als einzig gültige Lebensweise emp-
finden wir als unmenschlich und diskrimierend, da sie aus
unserer Sicht nicht der menschlichen Vielfalt gerecht wird.

Bildungsplan

Wir sind uns natürlich der Ironie der seltsamen Ausgangslage
bewusst: Wir unterstützen und verteidigen eine Initiative der
Landesregierung. Klar ist, dass wir nicht grundsätzlich gut fin-
den, was die Regierung treibt und dass wir den Bildungsplan nur
partiell unterstützenswert finden. Uns ist es jedoch wichtig ein
klares Zeichen gegen die reaktionären Kräfte zu setzen, die sich
da zusammentummeln, um gegen den Bildungsplan vorzugehen.
Unsere Ansprüche an ein Bildungssystem sind sicherlich an-
dere als die des Staates. Aber auch das jetzige Bildungssystem
sollte neben vielem weiterem den Menschen die nötigen Koordi-
naten mitgeben an denen sie sich orientieren können und auch
Kritik- und Toleranzfähigkeiten vermitteln. Darüber hinaus ist
es wichtig, dass jungen Heranwachsenden Wissen und Mittel
an die Hand gegeben werden, die sie zur eigenbestimmten un-
voreingenommen Selbsterkenntnis eigener Sexualität befähi-
gen. An dieser Stelle begrüßen wir den Ansatz in den Arbeits-
versionen des neuen Bildungsplans über alternative Formen
bezüglich Sexualität und Geschlecht aufzuklären. Das Schwei-
gen über oder gar Tabuisieren von bestimmten Formen der Se-
xualität oder Lebensentwürfen steht einer gesunden selbstbe-
stimmten Entwicklung junger Menschen und ihrer Sexualität
entgegen. Aufklärungsarbeit an Schulen ist also keine ,,Propa-
ganda", sondern dient dem ureigenen Interesse aller Kinder.

Was wir wollen

Wir lehnen Hierarchien und die damit einhergehenden Unterdrü-
ckungsmechanismen und Diskriminierungen ab. Um diese ab-
schaffen zu können, müssen wir diese erkennen und reflektieren.
Wir wollen Hierarchien bekämpfen, die die Menschen in einer
Gesellschaft nach Macht und Nicht-Macht, in höhere und nieder
Statusgruppen einteilen. Hierzu ist es nötig, aktiv zu werden.
Dazu gehört auch das Hinterfragen der eigenen Rollen, genaues
Hinhören, aufmerksam machen, sich in den Weg stellen, Schrei-
ben, es gibt ganz viele Möglichkeiten... jede*r kann etwas tun!
Ziel ist es, zu einem anderen Umgang der Menschen unterein-
ander zu kommen - jenseits von Diskriminierung, Unterdrü-
ckungsmechanismen und Machtstrukturen. Wenn wir eine
Gesellschaft anstreben, in der Vielfalt das gesellschaftliche
Bild prägt und unterschiedliche Lebensentwürfe gleichberech-
tigt nebeneinander stehen können, hat in dieser Form des Plu-
ralismus Diskriminierung keine Berechtigung. Da Diskrimi-
nierung immer gewalttätig ist - auf die ein oder andere Weise
- darf ihr kein Raum gelassen werden um sich auszubreiten.
Deshalb stellen wir uns dieser Diskriminierung entschlossen
und kreativ entgegen. Auf der Straße, in unserem Alltag und in
den Köpfen.

Für die freie Vereinigung freier Individuen.

(1) Politically Incorrect-News: rechtes, reaktionäres Internetportal
(2) Auch auf anderen Wegen wie beispielsweise institutionelle Gewalt kann Diskriminierung 
entstehen.


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