(de) FAU-IAA - Direct Action #222 - Anarchie in der Schokoladenfabrik - Zur Anarchie im Gebiete genannt Schweiz (CH). Ein Kürzestbericht

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Wed May 14 19:06:06 CEST 2014


Dass sich die Ideen der Anarchie in der dichtegestressten CH heute sogar am rechten Rand 
finden lassen, zeugt von ihrem Angekommensein jenseits der gesellschaftlichen Mitte. So 
ist zurzeit der bekannteste CH-Anarchist der weit rechts agierende Kabarettist Andreas 
Thiel (Gewinner des Deutschen Kabarettpreises 2013). Der Kabarettist will nicht vom bösen 
Staat beherrscht werden, hat aber nichts dagegen, dass die kapitalistische Ökonomie des 
freien Unternehmertums uns monarchistisch regiert. ---- Sind heute Teile der 
ursprünglichen Ideen der Anarchie (dekonstruiert und neu rezipiert) mehrheitsfähig 
geworden, so gelten Wörter wie Anarchismus in CH noch immer als hochexplosiv (Die 
NordwestCH, 11.1.14). Der Anarchismus, die Bewegung für die Anarchie, ist aber nie aus der 
CH-Gesellschaft verschwunden.

RADIKALE GEGEN FLÜCHTLINGE

Die Ideen der Anarchie sind lange vor dem 19. Jahrhundert im Gebiet der heutigen CH 
nachweisbar. So berichten die Quellen von Männern und Frauen, die in der Reformationszeit 
jegliche Obrigkeit, ausser die Gottes, verneinten und verkündeten, dass sie "irer fryhait 
nach herz lust bruchen". Für Europa war CH damals der Inbegriff von Chaos und Anarchie, 
und der Begriff Eidgenosse hatte seit der Reformation und den Bauernrebellionen überall 
die Bedeutung Rebell angenommen. Auch im 19. Jahrhundert glaubten viele, in den 
bürgerlichen, demokratischen Errungenschaften der 1848er-Bundesverfassung die 
anarchistische Gesellschaft zu erkennen. So war es denn nicht verwunderlich, dass viele 
Flüchtlinge, die im Widerstand gegen den europäischen Absolutismus standen, Zuflucht in CH 
suchten. Handwerkervereine, bestehend aus Hiesigen und Zugezogenen, publizierten 1843 in 
Lausanne eine der ersten anarchistischen Zeitungen in deutscher Sprache Die Blätter der 
Gegenwart. Aus den Vereinen entwickelten sich die ersten Gewerkschaften, die das Fundament 
für die spätere Fédération romande bildeten, aus der sich die Fédération jurassienne 
abspaltete. Die CH-ArbeiterInnenbewegung - auch ihre autoritäre Richtung - nahm dabei mehr 
auf Fourier, Stirner oder Proudhon als auf Marx Bezug.

Einer, der von 1849-1851 in Lausanne eine große Menge anarchistischer Ideen entwickelte 
(so Max Nettlau), war der französische Flüchtling Ernest Coeurderoy. Er wurde Ende 1851 
des Landes verwiesen, weil er die scheinheilige Flüchtlingspolitik der damals radikalen 
Waadtländer Regierung kritisierte. Nach Coeurderoy werden noch viele AnarchistInnen sein 
Schicksal als Ausgewiesene teilen müssen. 42 Jahre später wird der stark von Coeurderoy 
inspirierte Jacques Gross Luigi Bertoni, wohl einer der wichtigsten und umtriebigsten 
Anarchisten des 20. Jahrhunderts, von der Anarchie überzeugen. Gross war ein wichtiger 
Helfer und Geldgeber vieler anarchistischer Blätter wie der Most'schen Freiheit (1879) und 
des Réveil/Risveglio (1900). Seit den 1870ern, als das Bulletin de la Fédération 
Jurassienne (1872) und die Arbeiter Zeitung (1876) in CH erschienen, gaben verschiedenste 
Zeitungen einem wachsenden Anarchismus aller Richtungen und Sprachen ihren Ausdruck.

Die Anarchistin und Spanienkämpferin Clara Thalmann (Bild vom IISG)
Die Mitherausgeberin der Arbeiter Zeitung, Njatalie Landsberg, gehörte zu den ersten einer 
langen Reihe von Frauen, die sich öffentlich für die Sache des Anarchismus in CH 
einsetzten. Frauen wie Minna Iwanek, die Agitatorin und Verfasserin der viel gelesenen 
Broschüre Gretchen und Helene (1892), wie Margarete Faas Hardgger, Redakteurin der 
Vorkämpferin/Exploitée (1909) und Mitherausgeberin von Der Sozialist (1909), wie Cilla 
Itschner Stamm, Mitherausgeberin Der Forderung (1917), oder die Spanienkämpferin und 
Flüchtlingshelferin Clara Thalmann, sowie viele, viele andere Frauen, für die die Anarchie 
ohne Gleichberechtigung der Geschlechter eine Unmöglichkeit war und ist. Sie alle 
leisteten einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der CH-Frauenbewegung.

SUBKULTUR GEGEN CH-DICHTESTRESS

Viele CH-AnarchistInnen die in den Gewerkschaften aktiv waren, ließen sich vom aus 
Frankreich kommenden revolutionären Syndikalismus inspirieren und transformierten ihn zum 
Anarchosyndikalismus. Die Idee des Generalstreiks fand in breiten Kreisen der 
ArbeiterInnenbewegung Aufnahme durch anarchistische AgitatorInnen, wie z.B. den Gebrüdern 
Nacht, die den Weckruf (1903) in Zürich herausgaben. Verschiedene Generalstreiks - von 
1902 in Genf, 1912 in Zürich bis zum CH-Generalstreik 1918 - zeugen davon. Der 
Landesstreik von 1918 dauerte zwar nur drei Tage, doch seine sozialpolitische Bedeutung 
ist bis heute spürbar.

In der WestCH entstand 1905, anlässlich eines Streiks in einer Schokoladenfabrik (!), die 
größte anarchistisch/revolutionäre Gewerkschaft, die Fédération des Unions Ouvrières de la 
Suisse Romande. Sie hatte auf ihrem Höhepunkt fast 8000 Mitglieder. Mit dem Aufkommen von 
kommunistischen Parteien in den 1920er Jahren nahm der Einfluss des Anarchismus ab. 
Einzelne Personen wie Fritz Brupbacher und Erich Marks in Zürich, und natürlich Luigi 
Bertoni in Genf, hielten jedoch die Idee des Anarchismus vor und während des 2. 
Weltkrieges am Leben. Nach dem Krieg belebten Aktivisten wie die Gebrüder Koechlin und 
Isak Aufseher in Basel den Anarchismus neu. Mit der Gründung des CIRA 1957 bekam der 
Anarchismus in CH ein weltweites Zentrum der Bewegung. In Folge der 1968er und 1980er 
Revolten konnte sich der Anarchismus in allen grösseren CH-Orten bis heute etablieren und 
brachte eine Fülle von Gruppen, gewerkschaftlichen Bewegungen und Zeitungen hervor. In der 
hiesigen Subkultur wurde er zum prägenden Bestandteil.

Werner Portmann


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