(de) FAU-IAA, Direct Action #222 - Arbeiterwiderstand im "Land des Arbeitsfriedens" (en)

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Tue May 13 10:58:09 CEST 2014


Befriedungsversuche und Entwicklung der Arbeiterkämpfe in der Schweiz in den letzten 100 
Jahren ---- Die Schweiz ist ein streikarmes Land, ein Land des "Arbeitsfriedens". Streiks 
sind so selten, dass viele Leute glauben, in der Schweiz sei der Streik gesetzlich 
verboten. Obwohl dies nicht zutrifft, läuft es - zusammen mit dem fehlenden 
Kündigungsschutz für gewerkschaftliche AktivistInnen - faktisch fast darauf hinaus. Das 
zeigen die beiden jüngsten Beispiele im Krankenhaus La Providence in Neuenburg und bei 
SPAR in Dättwil, wo die Streikenden fristlos entlassen wurden. Es laufen zwar 
Gerichtsverfahren wegen missbräuchlicher Kündigung, die jedoch an den Tatsachen nichts zu 
ändern vermögen. Die Botschaft der Unternehmer an ihre Lohnsklaven ist eindeutig: Wer in 
der Schweiz streikt, wird fristlos entlassen!

Auf diese Weise soll der "Arbeitsfrieden" wieder bedingungslos durchgesetzt werden. Wenn 
zwischen zwei feindlichen Heeren ein Waffenstillstand geschlossen wird, so stehen sich die 
beiden Heere weiterhin als Feinde gegenüber. Wenn stattdessen ein "Friedensabkommen" 
getroffen wird, so betrachten sich die Feinde nicht mehr als solche und werden zu 
"Partnern" - aus Klassenfeinden werden Sozialpartner. Dies kann aus der Einsicht erfolgen, 
dass beide Heere ungefähr gleich stark sind und daher keines in der Lage ist, das andere 
zu besiegen. Oft erfolgt der Friedensschluss allerdings aufgrund der bedingungslosen 
Kapitulation des besiegten Heeres. Es ist psychologisch leicht nachvollziehbar, dass in 
diesem Fall die meisten der Unterlegenen, um ihr Sklavendasein als weniger drückend zu 
empfinden, irgendwann beginnen, sich mit den Interessen ihrer Herren zu identifizieren. 
Daraus entwickelt sich jene "Politik des kleineren Übels", die es so meisterhaft versteht, 
Niederlagen in Siege umzudeuten.

DIE NIEDERLAGE VON 1918 ALS FUNDAMENT DES "ARBEITSFRIEDENS"

Beispielhaft für eine solche Entwicklung ist die Entstehung des "Arbeitsfriedens" in der 
Schweiz, als dessen Beginn der Abschluss des "Friedensabkommens" in der Maschinen- und 
Metallindustrie im Jahre 1937 gilt. Das Abkommen, das keinerlei Regelung der Löhne und 
Arbeitsverhältnisse beinhaltete, verpflichtete die Vertragsparteien, auf jegliche 
Kampfmaßnahmen wie Streik oder Aussperrung zu verzichten. Von besonderer Bedeutung ist die 
Verpflichtung der Vertragsparteien, "ihre Mitglieder zur Beachtung der Bestimmungen dieser 
Vereinbarung anzuhalten, widrigenfalls die schuldige Partei vertragsbrüchig wird". Damit 
verpflichtete sich die Gewerkschaft nicht nur zum Verzicht auf Kampfmaßnahmen, sondern 
überdies - im Sinne einer "Kontrollfunktion" - aktiv für die Einhaltung des 
Arbeitsfriedens zu sorgen.

Schaut man genauer hin, war dieses "Friedensabkommen" nur die konsequente Fortführung 
einer Gewerkschaftspolitik, die bereits kurz nach dem gescheiterten Landesstreik im 
November 1918 begann. Damals hatte sich die Streikleitung dem Ultimatum der 
Landesregierung gebeugt und den Streik bedingungslos beendet. Ihre Kapitulation 
rechtfertigte sie wie folgt: Die Arbeiterschaft sei der Macht der Bajonette erlegen. Um 
den Streik fortführen zu können, hätte die Arbeiterschaft "über gleichwertige Waffen 
verfügen müssen wie das verbrecherisch auf sie gehetzte Heer. Diese Gleichheit bestand 
nicht. Die Massen wehrlos den Maschinengewehren der Gegner ausliefern, das konnten und 
durften wir nicht." Den Machtkampf Klasse gegen Klasse hatte die Arbeiterschaft im 
November 1918 verloren. Lokale Generalstreiks im Jahr 1919 in Zürich und Basel, wo jene 
Kräfte, die sich mit der Niederlage nicht abfinden wollten, besonders stark waren, wurden 
vom Staat brutal niedergeschlagen. Für alle andern begann schon sehr bald die Politik der 
Anpassung und Unterordnung unter die Interessen der Unternehmer.

AUF DEM WEG ZUR "SOZIALPARTNERSCHAFT"

Vorreiter dieser "Strategie" war der Schweizerische Metall- und Uhrenarbeiterverband 
(SMUV), der das "Friedensabkommen" von 1937 unterzeichnete. Sie blieb aber keineswegs auf 
diese Gewerkschaft beschränkt: Bereits 1927, als das neue Beamtengesetz ein Streikverbot 
für das Bundespersonal enthielt, stellte sich der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) 
hinter das Gesetz. Im gleichen Jahr strich der SGB-Kongress die Bezugnahme auf den 
proletarischen Klassenkampf aus seinen Statuten und schloss das Basler 
Gewerkschaftskartell wegen dessen klassenkämpferischer Haltung aus dem SGB aus. Somit 
lässt sich feststellen, dass der "soziale Frieden" in der Schweiz mit der gewaltsamen 
Unterdrückung des Arbeiterprotests in den Jahren des Landesstreiks begann, einer Zeit 
größter wirtschaftlicher Not, und nicht etwa auf dem relativen Wohlstand der 
wirtschaftlichen Aufschwungsphase nach dem Zweiten Weltkrieg beruhte. Es war ein "sozialer 
Frieden", den die Bourgeoisie mit Waffengewalt der Arbeiterklasse aufgezwungen hatte. Die 
Unterdrückung einer gesellschaftlichen Klasse durch die andere war seine materielle 
Grundlage. Bis der "Arbeitsfrieden" - zumindest vorübergehend - umfassend durchgesetzt 
wurde, dauerte es mehrere Jahrzehnte. Das Jahr 1961 ist als erstes ohne eine einzige 
Arbeitsniederlegung in die Statistik eingegangen. Der Zürcher Gipserstreik zwei Jahre 
später könnte daher als letztes Aufflackern von Widerstandwillen gedeutet werden, aber 
auch als Abschluss einer Epoche. Denn spätestens ab dann war es der "wilde Streik", der 
zum Motor von Arbeitskämpfen wurde.

"WILDE STREIKS" IN DEN 1970ER JAHREN

Im Juli 1968 traten die siebzig ArbeiterInnen der Kugelschreiberfabrik Penrex im Tessin in 
den Streik und forderten drei Wochen Ferien. Die streikenden ArbeiterInnen besetzten die 
Fabrik und bewachten sie rund um die Uhr. Nach einem Monat Streik wurden die Forderungen 
erfüllt. Im Mai 1970 streikten ebenfalls im Tessin die 150 Arbeiterinnen und Arbeiter 
einer Bally-Tochter, wiederum vorwiegend Grenzgänger, und verlangten unter anderem einen 
garantierten Mindestlohn und die Abschaffung des Akkordlohns. Die ArbeiterInnen kümmerten 
sich weder um den Arbeitsfrieden noch um gewerkschaftliche Vertragspolitik. Sie 
anerkannten die Betriebskommission nicht und wählten eine eigene Streikleitung. Da der 
Streik isoliert blieb, konnte die vereinigte Front von Unternehmer und Gewerkschaft nach 
drei Wochen den Kampf zerschlagen: Sechzig ArbeiterInnen, mehr als ein Drittel der 
Belegschaft, wurden entlassen, die andern erhielten eine Lohnerhöhung von lediglich fünf 
Prozent. Einen Monat zuvor, im April 1970, streikten in Genf 200 spanische Bauarbeiter der 
Firma Murer vier Tage lang erfolgreich für Lohnerhöhungen - gegen den Willen der 
Gewerkschaft, dafür unterstützt von 4000 ArbeiterInnen und Jugendlichen, die in der Stadt 
ihre Solidarität demonstrierten. Demgegenüber endete im Juni 1970 der Streik von vierzig 
spanischen Arbeitern einer Baufirma in Stansstad in der Zentralschweiz, mit einer 
Niederlage, und die Streikenden wurden von der Fremdenpolizei an die Grenze gestellt.

Den vorläufigen Höhepunkt der Streikbewegung zu Beginn der Siebzigerjahre bildeten die 
Arbeiterkämpfe in der Genfer Metallindustrie. Am 26. Februar 1971 traten 160 Arbeiter - 
etwa drei Viertel spanische Emigranten - der Verntissa in Genf (kurz zuvor von Sulzer 
Winterthur aufgekauft) in den Streik und forderten eine zehnprozentige Lohnerhöhung für 
alle. Dies, nachdem der SMUV drei Prozent individuell, je nach Arbeitsleistung, 
ausgehandelt hatte. Als Betriebskommission und Gewerkschaft die Arbeiter zur 
Wiederaufnahme der Arbeit bewegen wollten, wurden sie ausgepfiffen. Die Arbeiter wählten 
ein eigenes, multinationales Streikkomitee aus ihren Reihen. Aus Solidarität mit den 
Verntissa-Arbeitern beschlossen am 2. März 200 von 300 Arbeitern der seit einigen Monaten 
zum Bührle-Konzern gehörenden Hispano-Oerlikon, ebenfalls in den Streik zu treten. Einen 
Tag darauf folgten auch die 500 Arbeiter der Ateliers des Charmilles. Als es der 
Betriebskommission der Sécheron gelang, die Forderungen ohne Streik auszuhandeln und damit 
einen Solidaritätsstreik der 1400 Arbeiter jenes Betriebes zu verhindern, begann die 
Streikfront abzubröckeln. Am 5. März unterschrieb ein Mitglied des Streikkomitees bei 
Charmilles persönlich einen Vertrag für 9,5%, und nach einer Woche gaben sich auch die 
Arbeiter der Verntissa und der Hispano-Oerlikon mit 9,5% zufrieden.

NEUE KÄMPFE IM ZEICHEN DER KRISE

Der Streik in der Pianofabrik Burger&Jacobi in Biel - an der Sprachgrenze zur 
französischen Schweiz - im Sommer 1974, war nach über zehn Jahren der erste größere 
Arbeitskampf in der Deutschschweiz. Er ist vor allem auch deshalb von besonderer 
Bedeutung, weil er erstmals den tiefen Graben zwischen einheimischen und eingewanderten 
ArbeiterInnen zuschüttete und klar machte, auf welche Art die Konkurrenz unter den 
ArbeiterInnen wie von selbst verschwindet: durch den gemeinsamen Kampf gegen die 
Unternehmer. Gleichzeitig symbolisiert dieser Arbeitskampf den Übergang von der Periode 
des wirtschaftlichen Aufschwungs zur Krise und zum Abwehrkampf gegen die Verschlechterung 
der Arbeits- und Lebensbedingungen.

Kaum zwei Jahre später, im März 1976, führte die Belegschaft des 
Gleisbaumaschinenherstellers Matisa in Lausanne einen beispielhaften Kampf gegen 
Entlassungen und gegen die Fesseln des Arbeitsfriedens. Zum ersten Mal seit 40 Jahren war 
es einer Belegschaft in der Maschinen- und Metallindustrie gelungen, mit ihrer 
Selbstorganisation im Betrieb den SMUV zu zwingen, einen "wilden Streik" zu unterstützen. 
Mit dem Streik wurde die Spaltung unter den Arbeitern überwunden. Diese Einheit der 
Arbeiter im Kampf, die über den Streik hinaus aufrechterhalten wurde, war bestimmt ihr 
grösster Erfolg, auch wenn das Ergebnis in Bezug auf die Hauptforderungen unbefriedigend war.

Die Streiks bei Burger&Jacobi in Biel und bei Matisa in Lausanne sind beispielhaft und 
weisen verblüffende Parallelen zu aktuellen Kämpfen auf. Sie alle bewegen sich im 
Spannungsfeld zwischen Belegschaften, die sich um betriebliche AktivistInnen herum 
organisieren, sowie dem Gewerkschaftsapparat und externen UnterstützerInnen. Dabei ist die 
Herausbildung eines starken, selbstermächtigten betrieblichen Kollektivs der entscheidende 
Erfolgsfaktor und gleichzeitig ein schwieriger Prozess, der kaum von aussen beeinflussbar ist.

Rainer Thomann

CoverAnmerkung: Der vorliegende Artikel ist eine überarbeitete Kurzfassung des 
gleichnamigen Beitrags im Buch von Anna Leder (Hg.) "Arbeitskämpfe im Zeichen der 
Selbstermächtigung - Kollektive Gegenwehr in Frankreich, Deutschland, der Schweiz, 
Österreich und Serbien". Dort befinden sich auch alle Quellenangaben zum Text.


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