(de) FAU-IAA - Direct Action #222 - Ein Visionär mit Bodenhaftung -- William Morris und die Kunde von Nirgendwo

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Sun May 11 14:39:30 CEST 2014


Ohne William Morris (1834-1896) wäre die Welt um einige Facetten ärmer, ganze 
Stilrichtungen hätte es nie gegeben, Bücher wären nie in der Form geschrieben worden. 
Warum? - Morris, Mitbegründer der sozialistischen Bewegung Englands, war vieles zugleich; 
unter anderem Künstler, Literat, Designer, Architekt und Unternehmer - vor allem aber 
verstand er es, Kunst und gesellschaftliche und politische Ideen mit dem Leben zu 
verbinden. Er wollte die Grenzen zwischen Kunst, Handwerk und Leben sprengen. Das 19. 
Jahrhundert mit seinen Umwälzungen war der perfekte Boden für einen aufgeschlossenen 
Denker wie Morris. ---- Neben seinem utopischen Roman ,,News From Nowhere" - Kunde von 
Nirgendwo - aus dem Jahre 1890 schrieb er auch noch Märchenromane bzw. Science Fiction. So 
übte ,,The Wood Beyond the World" von 1892 einen starken Einfluss auf C.S. Lewis' 
,,Narnia"-Bücher aus. Das Werk von J.R.R. Tolkien zeigt ebenfalls Abhängigkeiten von 
Morris' Darstellungen frühen germanischen Lebens, wie etwa in ,,The House Of The Wolfings" 
oder ,,The Roots Of The Mountains".

Utopien stellen Gegenentwürfe zu den gesellschaftlichen Verhältnissen der Zeit dar, in 
denen sie geschrieben wurden, so auch die ,,Kunde von Nirgendwo". Um 1890 war das British 
Empire geprägt vom 10- bis 13-Stunden-Tag, vom Eisenbahnbau und dem Einsatz von 
Dampfmaschinen, die die Industrialisierung bis zum Ausbau der Schwerindustrie 
vorantrieben, und von der Ausbeutung und Ausplünderung der Kolonien. Auf der Suche nach 
Arbeit zogen die Menschen in die Großstädte, die rasch anwuchsen. Slums entstanden, die 
hygienischen Zustände waren unerträglich, die Lebenserwartung niedrig. Morris schrieb 
seine Utopie auch als Gegenentwurf zu dem utopischen Roman ,,Ein Rückblick aus dem Jahr 
2000 auf das Jahr 1887" von Edward Bellamy (1850-1898), der 1888 erschienen war. Der 
US-amerikanische Science-Fiction-Autor entwarf autoritären Industriesozialismus mit 
Planwirtschaft. Mit der Verstaatlichung der Industrie sind alle BürgerInnen infolge ihres 
BürgerInnenrechts ArbeiterInnen, ,,die den Bedürfnissen der Industrie gemäß verteilt 
werden". Arbeit muss bei Bellamy von jedem und jeder Einzelnen in ihrer entfremdeten 
Zwanghaftigkeit als unvermeidliches Schicksal akzeptiert werden.

Morris bekannte in einem Brief vom 13. Mai 1889, er jedenfalls möchte nicht in einem 
solchen Cockney Paradise leben, wie Bellamy es imaginiert habe: Er fühlte sich durch die 
hierarchische Struktur der maschinellen Arbeitsgesellschaft des Jahres 2000 mit ihrer 
wachsenden Standardisierung der ProduzentInnen, der Produkte und der KonsumentInnen so 
provoziert, dass er mit ,,Kunde von Nirgendwo" eine Utopie entwarf, die in allen 
wesentlichen Aspekten das Gegenteil dessen propagierte, was Bellamy unter einem guten 
Leben verstand.

Bei Morris ,,hat eine Re-Ökologisierung stattgefunden, die Großstadt London wirkt wie ein 
weit verstreutes Riesendorf, Hierarchien sind der Dezentralisierung gewichen, in der 
Arbeit kann man sich wieder vergegenständlichen und das Geld als alles entscheidendes 
Machtkriterium ist abgeschafft. Sinnbildlich können in der Themse der Zukunftsgesellschaft 
wieder essbare Lachse gefischt werden. Damit gehört Morris zu den heute aktuell 
gebliebenen Utopisten der Vergangenheit, weil er die Verknüpfung von Ökologie und 
Herrschaftsabbau für eine wirkliche Verbesserung menschlichen Lebens als unabdingbar 
voraussetzt und weil er die individuellen Freiheitsrechte genauso in den Mittelpunkt rückt 
wie die notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen." (Wolfgang Haug, S. 180/181)

Nach einer auf das Jahr 1952 datierten Revolution und einem nachfolgenden Bürgerkrieg hat 
eine Art Kulturrevolution stattgefunden. Und nun sind nicht allein das Geld und das 
Privateigentum an Produktionsmitteln abgeschafft, auch der Antrieb des Einzelnen für die 
Herstellung von Gütern hat sich gewandelt. Da sie keinen Warencharakter mehr haben, nicht 
mehr gewinnbringend verkauft werden können, liegt die Lust zu ihrer Produktion allein in 
der Freude an der Kreativität. Damit gilt die Entfremdung der Arbeit als überwunden, zumal 
die Arbeitsteilung weitgehend aufgehoben ist. Wer will, kann sich spezialisieren, sie oder 
er wird davon weder materielle Vorteile noch Nachteile haben.

Ernst Bloch hat Morris einen Homespun-Sozialisten und Maschinenstürmer genannt. Das ist 
jedoch nur bedingt richtig. Die paradiesischen Zustände sind offensichtlich auch für 
Morris nicht ohne Technik herbeizuführen und aufrechtzuerhalten. Wie Peter Kropotkin 
(1842-1921) - Theoretiker des kommunistischen Anarchismus - machte auch Morris nicht die 
Produktion, sondern die menschlichen Bedürfnisse zum Ausgangspunkt seiner 
gesellschaftlichen Analyse. Die von ihm in den Vordergrund gerückte Veränderung der 
Bewertung von Gütern, Arbeit und Produktivität und die damit verbundene Theorie der 
künstlerischen Tätigkeit ist des Nachdenkens wert. Das Buch ist keineswegs nur historisch 
zu lesen, auch wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse zur Zeit des Entstehens bei der 
Übertragung auf heute berücksichtigt werden müssen.

Jürgen Mümken

William Morris: ,,Kunde von Nirgendwo", mit einem Nachwort von Wolfgang Haug, 187 Seiten - 
EUR 14,-, Verlag Edition AV
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