(de) FAU-IAA - Direct Action #222 - Auf Augenhöhe mit CAN, DAF und RAF

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Sat May 10 22:25:34 CEST 2014


Die Goldenen Zitronen richten auf ihrem neuen Album "Who's Bad?" Scheinwerfer und 
Lautsprecher auf aktuelle Zustände ---- Überraschend straight und 
agitprop-punk-&krautrock-like kommen die Songs des neuen Albums "Who's Bad?" der Goldenen 
Zitronen rüber. Die Song-Titel und Texte sind unüberhörbar Ausdruck ihrer wütenden Sicht 
auf die gesellschaftlichen Zustände in diesem Land zu dieser Zeit: "Scheinwerfer und 
Lautsprecher", "Echohäuser", "Der Investor" oder das klaustrophobische "Duisburg", das an 
das Todesdrama der letzten Love-Parade in eben jener Stadt erinnert und die Schuldfrage 
eindeutig beantwortet. ---- Zu Beginn des Gesprächs, das im November letzten Jahres 
stattfand, machte ich kein Geheimnis daraus, dass mir das neue Album gefiel, sozusagen als 
Soundtrack aktueller Konflikte. Natürlich kann es gefährlich werden, wenn ein Song wie 
z.B. "Echohäuser" nicht mehr als einen musikalischen Kampfaufruf darstellt, der allerdings 
ein Vierteljahr später in sich zusammenfällt. Denn die Essohäuser an der Reeperbahn in 
Hamburg sind mittlerweile geräumt, ohne dass die BewohnerInnen ihrer von der 
Hausbaugesellschaft bzw. der SPD-Bezirksregierung erzwungenen Räumung etwas Widerständiges 
hätten entgegensetzen können. Daher war es als Kompliment gemeint, als ich fragte, ob das 
fulminant-energische "Echohäuser" als Kommentar zum Nichtfunktionieren der "Recht auf 
Stadt"-Bewegung verstanden werden könnte?

FOTOS: FRANK EGEL

"OHNE ,KICK OUT THE JAMS' WÄRE DIE YIPPIEBEWEGUNG IN DEN USA NICHT SO GEIL GEWESEN"
Etwas irritiert und sichtlich überrascht antwortet Ted Gaier auf meine Eingangsfrage, dass 
es den Song "Echohäuser", der den mittlerweile verlorenen Kampf um den Erhalt der 
symbolträchtigen, aber auch absolut baufälligen Essohäuser auf der Hamburger Reeperbahn 
thematisiert, möglicherweise nicht gebraucht hätte, wenn das "Recht auf Stadt"-Bündnis 
funktionieren würde: "Na ja, das wäre ja die Behauptung, dass es das gar nicht braucht, 
kulturelle Unterstützung für politische Inhalte... . Na gut, Songs braucht es. Wenn man 
sie hat, ist es schon mal besser, als wenn man sie nicht hat. In den USA wäre die 
Yippiebewegung ohne MC 5's ,Kick out the Jams' auch nicht so geil gewesen, wie sie es mit 
diesem Song gewesen ist. Insofern sind Songs ja nicht Ausdruck eines Scheiterns, sondern 
eher ein Zeichen der Erweiterung der Bewegung." Und Songs sind allemal interessanter, da 
stimme ich Ted Gaier ausdrücklich zu, "als jetzt im Recht-auf-Stadt-Verteiler die 
Plenabeschlüsse zu lesen". Mal davon abgesehen, dass es immer besser ist, wenn Menschen 
für ihre Interessen und Bedürfnisse manifest eintreten und es dann den dazu passenden 
Soundtrack gibt.

MACHEN DIE ZITRONEN DA WEITER, "WO CAN, DAF UND RAF AUFGEHÖRT HABEN, ALS ES GERADE 
INTERESSANT WURDE"?

Zur engagierten Haltung der Goldenen Zitronen schien mir der Satz aus dem Pressetext zu 
passen, Zitat: "Die einzigen also, die von sich behaupten könnten, auf Augenhöhe da 
weiterzumachen, wo CAN, DAF et RAF aufgehört haben, als es gerade interessant wurde." Wir 
erinnern uns, die Goldenen Zitronen waren und sind es immer noch, nämlich politisch 
engagiert. Als es in den Achtziger Jahren um den militanten Kampf um die besetzten Häuser 
in der Hafenstraße ging oder um die Zusammenlegung der Gefangenen aus der RAF. Oder jetzt 
in den Auseinandersetzungen gegen kapitalistische Investorenträume und für ein Recht auf 
Stadt jenseits kommerzieller Verwertungslogiken.

"Oh shit, das wird jetzt echt schwer, einen reißerischen Text zu rechtfertigen, der ganz 
gut gelungen ist", meint Ted Gaier, und Schorsch Kamerun fährt fort: "Na, der Satz mit 
dieser Aufstellung ist ja viel zu groß, und den kapiert man doch überhaupt nicht." Aber 
der Pressetext sei nicht von ihnen geschrieben worden. "Vielleicht sieht man in uns ja 
diejenigen, die in der Jetztzeit so etwas wie eine dissonante Nervosität und Dringlichkeit 
ausdrücken?", fragt sich Ted Gaier und versucht so die RAF-Assoziation zu erklären, um 
letztendlich klar und unmissverständlich festzustellen: "Aber natürlich hat die Platte mit 
der RAF nichts zu tun."

FOTOS: FRANK EGEL

"... LIEFERN JA NICHT DIE KNARRE"
An dieser Stelle betont Schorsch Kamerun, dass "wir ja nicht die Knarre liefern. Das muss 
man ja im Zeitkontext sehen." Punk habe am Anfang provozieren und nerven und schocken und 
das Bürgertum und auch die Hippies herausfordern wollen. Die Zeiten hätten sich aber 
geändert. Die damalige Art der Provokation würde heute keinen Sinn mehr haben. Daher sei 
der Satz im Pressetext heute bestenfalls Pop, der allerdings eine ganze Menge antriggere. 
Für Mense Reents könnte der Zeitpunkt der Auflösung der RAF der vielleicht entscheidende sein.

Unkontrovers sind jedenfalls für Ted Gaier, Schorsch Kamerun und Mense Reents die 
Bezugnahmen sowohl auf die Krautrocklegende Can als auch auf die Punk-Formation DAF. Mit 
Can verbinde die Goldenen Zitronen die Arbeitsweise. "Die Can-Musiker haben sich 
hingestellt, gespielt und geschaut, was musikalisch passiert, um untereinander intensive 
Momente zu finden", sagt Ted Gaier. Dass sich auf dem neuen Album unüberhörbar 
DAF-Einflüsse finden, sei der Tatsache geschuldet, dass alle DAF-Fans seien. Und weil sich 
auch der Abschlusssatz des Pressetextes gut liest, sei er hier rein kopiert: "WHO'S BAD" - 
15 Tracks also, auf denen sie sich mit ihren Gästen (u.a. Melissa Logan, Gadoukou la Star, 
Peta Devlin und Gustav) der ehernen Losung verschrieben haben: "It ain't got that SWING, 
if it don't mean a thing!" Die Frage: "Who's bad?" wäre jetzt allerdings noch zu beantworten.

KP Flügel


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