(de) FAU-IAA - Direct Action #222 - Streik in der weißen Fabrik -- Seit fünf Jahren gibt es in der Schweiz zunehmend Kämpfe im Gesundheitssektor

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Mon May 5 07:47:06 CEST 2014


Der schweizerische Gesundheitssektor ist - wie der der meisten westlich-kapitalistischen 
Staaten auch - einem massiven ökonomischen Druck ausgesetzt. Er unterscheidet sich jedoch 
seit jeher dadurch, dass er überdurchschnittlich von den proletarischen Haushalten 
mitfinanziert wird. Die Kopfprämien und die hohen Selbstbehalte der Krankenversicherung, 
die Aufteilung in obligatorische Grund- und freiwillige Zusatzversicherung sowie die 
vollständige Abwesenheit einer unternehmerischen Finanzierungsbeteiligung sind 
Instrumente, mit denen der Kostenanteil für Gesundheit auf die Arbeiterklasse überwälzt 
wird. ---- Der ökonomische Druck zeigt sich aber nicht nur auf Seiten des Konsums von 
Gesundheitsleistungen. Die Arbeitsbedingungen sind traditionell prekär: lange 
Arbeitszeiten, tiefe Löhne und eine geschlechterspezifische Arbeitsteilung, in der die 
meist weiblichen Pflegerinnen den männlichen Ärzten untergeordnet sind, prägen die 
Arbeitsverhältnisse in diesem Sektor.

Auch wenn dies in jüngster Zeit aufgeweicht werden konnte - nicht zuletzt aufgrund von 
Kämpfen in Spitälern und Pflegeheimen wie in Frankreich, Italien, England und Deutschland 
Ende 1980er, Anfang 1990er Jahre -, kann festgestellt werden, dass die Intensivierung der 
Arbeitsrhythmen, die Erhöhung der Zahl zu pflegenden PatientInnen pro 
GesundheitsarbeiterIn und der Abbau tarifvertraglicher Regulierungen die neuen 
Arbeitsbedingungen darstellen. Denn in diesem Sektor entfallen durchschnittlich 70 Prozent 
der Kosten auf das Personal, deswegen können Gewinne fast ausschließlich über eine höhere 
Ausbeutung erwirtschaftet werden.

Demonstration während des Streiks bei La Providence. Auf dem Transparent steht: "Die 
Streikenden von La Providence. Für den Tarifvertrag Santé 21"
In diesem Kontext sind seit fünf Jahren nun neue Mobilisierungen in den schweizerischen 
Spitälern und Pflegeheimen ausgebrochen. Am 26. September 2012 traten bei La Providence in 
Neuchâtel aufgrund der Übernahme des Spitals durch die private Klinik Genolier, der 
Kündigung des Tarifvertrags, der Auslagerung nicht-medizinischer und nicht-pflegerischer 
Leistungen und des allgemeinen Stellenabbaus 26 GesundheitsarbeiterInnen - unterstützt von 
der Gewerkschaft des Personals des öffentlichen Dienstes (vpod) - in den Streik. Nach 71 
Streiktagen wurden die Streikenden jedoch fristlos entlassen, ohne dass der 
Privatisierungs- und Umbauprozess hätte aufgehalten werden können.

Der Streik hat sich durch drei Elemente ausgezeichnet: Erstens ist es ungewöhnlich, 
GesundheitsarbeiterInnen streiken zu sehen. Gesellschaftlich dominiert immer noch das Bild 
der sich aufopfernden Pflegerin, welche ihrer Berufung nachgehen. Dieses Bild entspricht 
jedoch schon länger nicht mehr ihrer hoch spezialisierten Arbeitsrealität. Der Streik 
konnte hier zumindest teilweise einen Bruch herstellen. Zweitens können heute Spitäler 
zwar als weiße Fabriken bezeichnet werden, doch ein Streik findet meist außerhalb des 
Arbeitsplatzes statt, mit dem Argument, dass die lebensnotwendigen Leistungen garantiert 
werden müssen. Umso schwieriger gestaltet sich eine Besetzung des Spitals, wenn es sich um 
einen Minderheitenstreik handelt. Drittens ist die Zusammensetzung des Spitalpersonals in 
der Schweiz durch einen hohen Anteil an ausländischer Arbeitskraft gekennzeichnet, was als 
Spaltungsinstrument benutzt wird, um u.a. auf die Aufenthaltsbewilligungen der 
ausländischen ArbeiterInnen Druck auszuüben. Dies erschwert die Mobilisierung eines großen 
Teils der GesundheitsarbeiterInnen.

Trotz all dem haben die streikenden GesundheitsarbeiterInnen einen exemplarischen Streik 
geführt, indem die ökonomischen Forderungen stabiler Arbeitsverhältnisse mit der 
politischen Forderung nach einer "Gesundheit für alle" verbunden wurden. Zwar sind sie 
heute als Streikende gebrandmarkt und erleben Schwierigkeiten bei der Stellensuche. Doch 
die Streikerfahrungen nehmen sie mit. Und angesichts der Entwicklungen in den weißen 
Fabriken kann sich dies für die Zukunft als Vorteil erweisen.

Maurizio Coppola


More information about the A-infos-de mailing list