(de) FAU-IAA - Direct Action #222 - "Wenn ihr nicht könnt, wir können!" -- Vio.Me Thessaloniki - eine Fabrik in ArbeiterInnenhand

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Thu May 1 10:03:39 CEST 2014


Die durch die Troika aus EU-Kommission, EZB und IWF forcierte soziale Zertrümmerung 
Griechenlands schreitet voran. Entlassungen, Firmenschließungen, staatliche Kürzungen und 
verschärfte Repressionen gegen alle, die sich wehren, bestimmen den Alltag. Tausende 
kleine und mittlere Unternehmen sind bankrott und die Städte gekennzeichnet durch leere 
Schaufenster und Betriebe. Die Rechnung zahlen vor allem die Lohnabhängigen, die oft 
mehrere Monate unbezahlt arbeiten, um schließlich ohne Abfindung oder Perspektive auf 
einen neuen Job auf der Straße zu landen. Bei einer Arbeitslosenrate von 29 Prozent und 
einer Jugendarbeitslosigkeit von 63 Prozent wachsen Angst und Perspektivlosigkeit. Nicht 
mitgezählt sind alle, die mindestens zwei Stunden pro Woche arbeiten und deshalb nicht als 
arbeitslos gelten. Über 300.000 Griechen und Griechinnen sind ausgewandert, knapp 4000 
Menschen haben aus Verzweiflung Suizid begangen.

Die Rolle Deutschlands in diesem Prozess und auch der Profit, den es aus der Zerschlagung 
der staatlichen Infrastruktur Griechenlands zieht, werden bis heute verschwiegen. Die 
vielfältigen Proteste in den Massenmedien als unberechtigtes Aufbegehren von 
FaulenzerInnen und ExtremistInnen dargestellt. Die Schmiergeldzahlungen deutscher Firmen 
(u.a. Siemens, Deutsche Bahn, MAN) an griechische PolitikerInnen höchstens verschämt in 
den Wirtschaftsspalten erwähnt und das nationalistische Rollback im Griechenland der 
Krise, die rassistischen Angriffe, der Aufstieg der FaschistInnen von Chrysí Avgí oder die 
mörderische Flüchtlingspolitik systematisch ausgeblendet.

Dennoch finden noch immer täglich Aktionen, Demonstrationen, Besetzungen und Streiks in 
vielen Sektoren statt. Soziale Zentren, Kooperativen und Kollektivbetriebe entstehen trotz 
gesteigerter Repression im ganzen Land. Aus Enttäuschung über die staatstragenden 
Gewerkschaften und die Parteien, aus Alternativlosigkeit oder purer Not wählen viele 
Menschen den Weg der Selbstorganisation. Über 3000 selbstverwaltete Initiativen sind 
inzwischen entstanden, vernetzen sich und präsentieren somit den Entwurf einer 
solidarischen Gesellschaft.

DU HÄLTST DEN BETRIEB AM LAUFEN!

Ab jetzt selbstverwaltet: Die Vio.me Fabrik in Thessaloniki. (Quelle: Vio.me)
Ein eindrucksvolles Beispiel ist die besetzte Fabrik Viomichanikí Metalleftikí (Vio.Me) in 
Thessaloníki. Vio.Me wurde 1982 als eine von drei Tochterfirmen des Unternehmens Philkeram 
& Johnson gegründet, das Keramikkacheln produzierte. Die Firma stellte chemische 
Baumaterialien wie Fugenkleber her und belieferte Baufirmen in Griechenland und im 
benachbarten Ausland. Seit Mai 2011 stellten die BesitzerInnen die Lohnzahlungen ein, 
verschuldeten den Betrieb und machten sich schließlich aus dem Staub. Um die Demontage der 
Produktionsmittel zu verhindern und die Zahlung der ausstehenden Löhne zu erzwingen, 
besetzten die ArbeiterInnen die Fabrik. Da ihre Lohnforderungen ignoriert wurden und die 
üblichen Wege - Gerichtsverfahren, Investorensuche - die der Kapitalismus für diesen Fall 
bereit hält, ohne Erfolg blieben, beschlossen sie, die Produktion in die eigene Hand zu 
nehmen. Im Februar 2013 feierten tausende Menschen mit einem großen Solidaritätskonzert 
die Wiedereröffnung der Fabrik. Seit April 2013 produziert Vio.Me mit Hilfe 
selbstorganisierter Strukturen Thessaloníkis umweltfreundliche Reinigungsmittel. Die 
Produkte werden in sozialen Zentren, anarchistischen Treffpunkten, besetzten Häusern und 
auf informellen Märkten vertrieben. Ziel ist es auch, mittels des Produkts und der 
selbstverwalteten Produktion und Verteilung die Vision einer selbstorganisierten 
Gesellschaft zu vermitteln. Alle Gespräche mit staatlichen Behörden sind bisher 
gescheitert. Auch die von der KKE dominierte Gewerkschaftsfront Pame und der 
Gewerkschaftsdachverband GSEE verweigern die Unterstützung der Fabrik in Selbstverwaltung. 
Trotzdem machen die ArbeiterInnen weiter und kämpfen für ihre Ziele: Übernahme der Aktien 
von Vio.Me ohne die angehäuften Schulden. Sie wollen die Rückzahlung der Kredite von über 
1,9 Millionen Euro, die an den Mutterkonzern Philkeram & Johnson gezahlt wurden, und sie 
stellen die Forderung an Vio.Me, die ausstehenden Löhne zu begleichen.

BUNDESWEITER UNTERSTÜTZERKREIS GEGRÜNDET

Ein Zusammenschluss von Kollektivbetrieben, Basisgewerkschaften, politischen Gruppen, 
Netzwerken und Einzelpersonen aus Deutschland versucht den Kampf der Vio.Me-ArbeiterInnen 
solidarisch zu unterstützen. Das Beispiel der selbstverwalteten Fabrik in Thessaloníki 
soll bekannt gemacht werden. Darüber hinaus sind alle aufgerufen, sich dem Krisendiktat 
der Troika nicht zu beugen, sich selbstorganisierten Initiativen anzuschließen. Vio.Me 
zeigt, dass es eine Alternative jenseits von Austerität, Nationalismus und sozialer 
Zertrümmerung gibt - die Solidarität sozialer Bewegungen und die Selbstorganisation von 
unten. Außerdem will der UnterstützerInnenkreis Druck auf die griechische Regierung und 
ihre europäischen PartnerInnen ausüben, da die Gefahr einer Räumung des Projekts immer 
bestehe. "Vio.Me hat mittlerweile in ganz Griechenland und einigen Ecken Europas viele 
FreundInnen gewonnen. Falls Vio.Me oder andere selbstverwaltete Strukturen von staatlicher 
Repression betroffen sind, werden wir nicht still sein, sondern unseren Protest spürbar 
auf die Straße und in die Öffentlichkeit tragen."

Ralf Dreis, FAU Frankfurt

Interessierte Gruppen, Betriebe und Einzelpersonen können sich in Kontakt setzen: 
friendsofviome(a)riseup.net


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