(de) FAU-IAA Direct Action #221 - Der kleine Unterschied -- Lösungswort der letzten DA -Ausgabe: "Lohnfortzahlung"

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Sat Feb 22 18:40:52 CET 2014


Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung von 1955 (Quelle: BlackIceNRW, CC BY-SA 3.0)
Für die jüngere Generation ist es heute eigentlich kaum vorstellbar, dass es früher einen 
Unterschied zwischen ArbeiterInnen und Angestellten gegeben hat. Dieser bestand unter 
anderem lange darin, dass ArbeiterInnen im Krankheitsfall keine Lohnfortzahlung bekamen. 
---- Ebenfalls schwer vorstellbar ist wahrscheinlich für viele jüngere Menschen, dass die 
Gewerkschaften im DGB durchaus einmal kämpferisch waren. Vor allem die IG Metall hat 
häufiger lange Streiks geführt. Der längste Streik in der Geschichte der Bundesrepublik 
begann am 24. Oktober 1956 in Schleswig-Holstein und wurde von der IG Metall geführt. Sie 
hatte sich vorgenommen, den Unterschied zwischen ArbeiterInnen und Angestellten zu 
beseitigen. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Unterschiedes war die fehlende 
Lohnfortzahlung für ArbeiterInnen im Krankheitsfall. Wenige Monate zuvor war eine 
Initiative für eine gesetzliche Regelung noch im Bundestag gescheitert. Für die 
ArbeitgeberInnenseite war klar, dass es hier um einen Präzedenzfall ging und dieser 
verhindert werden musste.

Neben der Lohnfortzahlung ging es auch um mehr Urlaub und die Einführung von Urlaubsgeld. 
77,5 Prozent der Mitglieder waren bereit, dafür in den Streik zu ziehen. Die 
Ausgangsbedingungen waren gut, denn Deutschland befand sich gerade in Mitte des 
Wirtschaftswunders. Trotzdem war es das erste Mal, dass es in einem Streik nicht um 
Gehaltserhöhungen, sondern die Verbesserung der Bedingungen ging. Auch die Taktik der 
"flexiblen Eskalation" der IG Metall, zunächst nicht alle Betriebe zu bestreiken, um die 
Streikfront wachsen lassen zu können, war neu. So legten am 24. Oktober zunächst rund 
20.000 WerftarbeiterInnen ihre Arbeit nieder. Bis zum Ende des Streiks wuchs die Zahl der 
streikenden ArbeiterInnen auf 34.000. Um auch die Öffentlichkeit zu gewinnen, erschienen 
tägliche Streiknachrichten. In größeren Städten gab es Kundgebungen und 
Filmveranstaltungen in Kinos. Die Schwestergewerkschaften im DGB solidarisierten sich und 
unterstützten den Streik finanziell und mit Sachspenden. Trotz der guten 
Öffentlichkeitsarbeit wurden nach zwei Schlichtungsversuchen, die am 7. und am 30. Januar 
1957 mit großer Mehrheit von den Streikenden abgelehnt wurden, bereits damals Rufe laut, 
in die Tarifautonomie einzugreifen. Erst der dritte Schlichtungsversuch vom 8. Februar 
brachte einen Erfolg. Zwar wurde dieser ebenfalls von ca. 60 Prozent abgelehnt, allerdings 
reichte das Verhältnis nicht aus, um den Streik fortzuführen. Im Kompromiss wurde die 
Lohnfortzahlung angenommen, und nach 16 Wochen im Streik wurde die Arbeit wieder aufgenommen.

Im Zuge des Streikes wurde im Juni 1957 das erste Lohnfortzahlungsgesetz vom Bundestag 
verabschiedet, das zumindest einen Zuschuss der ArbeitgeberInnen zum Krankengeld regelt. 
Dadurch erhielten ArbeiterInnen für sechs Wochen immerhin 90 Prozent ihres Gehaltes. Erst 
1969 wurde die vollständige Lohnfortzahlung für ArbeiterInnen Gesetz; und damit war einer 
von vielen Unterschieden zwischen ArbeiterInnen und Angestellten beseitigt. Der Streik von 
1957 wird heute als wichtiger Durchbruch bei der Gleichbehandlung von ArbeiterInnen und 
Angestellten gewertet.

Morten Hefner


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