(de) FAU-IAA Direct Action #221 - Soliparty? Bankraub! -- Die Blekingegade-Gruppe und ihr "Finanzierungskonzept" für die Linke

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Sun Feb 23 11:28:31 CET 2014


Der legendäre US-amerikanische Bankräuber Willie Sutton soll einmal auf die Frage, warum 
er Banken ausraube, geantwortet haben: "Weil dort das ganze Geld ist!". Ob die dänische 
Blekingegade- Gruppe, die rund zwei Jahrzehnte lang ebenfalls Banken ausraubte, dann und 
wann einen ähnlich nüchternen Zugang hatte, ist nicht bekannt. Ihre Motivation war aber 
auf alle Fälle eine andere, weil zutiefst politisch. Mit eben jener Gruppe politischer 
Bankräuber beschäftigt sich Gabriel Kuhn in seinem aktuellsten Buch Bankraub für 
Befreiungsbewegungen. Die Geschichte der Blekingegade-Gruppe. Die Anfänge und politische 
Basis dieser Gruppe sind im Jahr 1963 in einer kommunistischen und anti-imperialistischen 
Organisation namens Kommunistischer Arbeitskreis (Kommunistik Arbejdkreds, KAK; nach einer 
Spaltung war es dann die Gruppe Manifest - Kommunistik Arbejdkreds, M-KA, die in diesem 
Zusammenhang relevant war) zu finden.

  Knapp 20 Jahre lang raubten Mitglieder der Blekingegade-Gruppe Banken aus, um das Geld 
vornehmlich an die Popular Front for the Liberation of Palestine (PFLP) weiterzuleiten. 
Antrieb hierfür war vor allem die sog. "Schmarotzerstaatentheorie", die von einem Kreis 
dänischer KommunistInnen ausgearbeitet wurde. Diese besagt kurz zusammengefasst, dass die 
Arbeiterklasse der "imperialistischen Länder" kein revolutionäres Potential habe, da auch 
sie von der Ausbeutung des Trikont profitiere und so "ein objektives Interesse an der 
Aufrechterhaltung des globalen Kapitalismus" hätte. (S. 38) Es sei "sonnenklar", dass "die 
Arbeiterklasse Westeuropas in den 1960er Jahren nicht revolutionär war". (S. 38) Daher 
wurde das revolutionäre Subjekt nicht in Europa, sondern im Trikont verortet. Man könne 
den Kapitalismus folglich nur dann schwächen und stürzen, wenn man primär die 
Arbeiterklasse in diesen Ländern in ihren antikapitalistischen und antiimperialistischen 
Kämpfen unterstütze. Die Blekingegade-Gruppe tat das - mit viel Geld aus Banküberfällen. 
Theorie und Praxis dänischer AktivistInnen dieser Zeit unterschieden sich dabei auch stark 
von jenen der RAF oder den Roten Brigaden, glaubten diese doch an eine "westliche Front" 
in diesem Kampf. 1988 wurde im Zuge eines Überfalls unbeabsichtigt ein Polizist durch 
einen Warnschuss getötet, was zu einer beispiellosen Fahndung führte. Ein Jahr später flog 
die Gruppe durch einen grotesken Zufall auf, wurde verhaftet und hinter Gitter gebracht.

Durch eine Einführung des Herausgebers, ein langes Interview mit zwei ehemaligen 
Mitgliedern und Originaldokumenten der KAK und M-KA wird ein direkter Eindruck von den 
politischen Ansichten und Aktivitäten der involvierten Personen vermittelt. Die 
Ausführungen zur "Schmarotzerstaatentheorie" und die Frage nach dem revolutionären 
Potential der Arbeiterklasse in unterschiedlichen Teilen der Welt sind ebenfalls Themen, 
die zu diskutieren in syndikalistischen, sozialistischen und anarchistischen Kreisen auch 
heute noch spannend ist. Zudem hat die Geschichte fernab davon das Zeug zum 
Krimi-Bestseller und ist dementsprechend spannend zu lesen.

Sebastian Kalicha

Gabriel Kuhn (Hg.): Bankraub für Befreiungsbewegungen. Die Geschichte der 
Blekingegade-Gruppe, Unrast Verlag, Münster 2013, 232 Seiten, 14,00 Euro ISBN: 
978-3-89771-535-6


More information about the A-infos-de mailing list