(de) FdA-IFA Gai Dao #38 - Zur Kritik der Grundlagen der Lehre P.A. Kropotkins Teil 1 Von: Jehuda Solomonowitsch Grossman-Roschtschin / Übersetzung aus dem Russischen: Ndejra

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Sun Feb 16 11:34:41 CET 2014


Kropotkin wurde zu seiner Zeit viel diskutiert, aber wenig studiert. Die russischsprachige 
Literatur über Kropotkin ist äußerst dürftig. Natürlich kann man auf die Wiedergabe der 
Theorie bei Elzbacher verweisen, oder bei Zoccoli, aber diese Wiedergabe ist eher ein 
photographisches Abbild als ein Portrait; dieses fleißige Zitieren hat nichts zu tun mit 
dem tiefen Begreifen und selbständigen Durcharbeiten des Kropotkinismus. Einmal hat Herr 
Dioneo fleißig, obschon sehr fade, auf den Seiten des "Russkoje Bogatstwo" über das Buch 
"Gegenseitige Hilfe" referiert. G. Karejew hat auch das wahrlich großartige, die 
Aufmerksamkeit der ganzen sozialistischen Welt genießende Buch "Die französische 
Revolution" wiedergegeben und teilweise kritisiert (nicht ganz gelungen, wie er selbst 
später zugab).

Der Soziologe De Roberty schrieb einen kleinen Essay über Kropotkin, zudem hat auch
Basarow in seiner Broschüre nebenher einige Anmerkungen zur na-
turwissenschaftlichen Methode gemacht. Und das ist alles. Ich lasse
die neulich im Verlag "Golos truda" erschienene Aufsatzsammlung
"P. A. Kropotkin" unter der Redaktion von den Genossen Borowoj1
und Lebedjew2 beiseite. Diese Aufsatzsammlung bringt etwas We-
sentliches in die Literatur über Kropotkin.
------------------------------------------------------------------
1 http://deu.anarchopedia.org/Alexej_Borowoj
2 Lebedew, Nikolaj (1879-1934) - Schriftsteller, Geschichtswissenschaftler, Geograf und 
Anarcho-Syndikalist
------------------------------------------------------------------

Ich persönlich musste relativ viel über Kropotkin schreiben.
Merkwürdig: Ich war nie ein Kropotkin-Anhänger, habe den Kropot-
kinismus in Vorträgen und Referaten bekämpft; aber über Kropotkin
schreiben musste ich eher dogmatisch - ich fühlte, dass man erst ein
tieferes Verständnis und Urteil über das System liefern sollte, bevor
man zur fruchtbaren Kritik übergehen könnte. Nur in meinen Arti-
keln, die dem Kampf gegen pro-imperialistische Positionen Kropot-
kins während des imperialistischen Krieges gewidmet sind, kritisiere
ich Kropotkin, wo ich die Selbstwidersprüche Kropotkins offenlege.
(Interessierte verweise ich auf die Broschüre "Eine Charakterisie-
rung des Werks von P. A. Kropotkin", "Gedanken über Kropotkins
Werk" in der bereits erwähnten Aufsatzsammlung im Verlag "Golos
truda", "Rede am Grab Kropotkins" ebenda und "Die Zweideutigkeit
der Position Kropotkins in "Zhisn' dlja wsech" 1918).

Betrachten wir die Hauptvoraussetzungen der Lehre von Pjotr Alek-
sejewitsch Kropotkin:

1. Die naturwissenschaftliche Methode. Die Wissenschaft beseitigt
Theologie und Metaphysik auf allen Gebieten, darunter auch in der
Soziologie. Der naturwissenschaftliche Materialismus des 18. Jahrhun-
derts und der Positivismus August Comtes bilden die Basis einer syn-
thetischen Weltanschauung. Die Soziologie muss sich das Glück und
die Versorgung eines*r jeden und aller zum Ziel machen - die Soziolo-
gie soll quasi zur Physiologie der Gesellschaft werden. Die naturwis-
senschaftliche Methode wird u.a. der dialektischen entgegengestellt,
die Kropotkin auch zur metaphysischen Denkart zählt.

2. Kosmischer Föderalismus. Bürgerliche Denker*innen, die die Welt
analog zur staatlichen Zentralisation denken, stellen den Kosmos
hierarchisch dar; die Sonne ist das Zentrum, um das die abhängigen
Planeten kreisen. In Wahrheit ist der Kosmos ein stabiles Gleichge-
wichtssystem, in dem ausgerechnet die Zusammenhänge zwischen
dem unendlich Kleinen dieses Gleichgewicht und diese Stabilität "her-
stellen".

3. Sozialer Föderalismus. In der Geschichte kämpfen nach wie vor zwei
Tendenzen gegeneinander - der Zentralismus und der Föderalismus.
Der Zentralismus brachte immer Ungleichheit hervor: Das Zentrum,
einem Blutegel gleich, saugte alle Säfte aus der Provinz. Der Zentralis-
mus schaffte immer nur einen Abdruck, eine gesichtslose Schablone.
Dagegen verdankt jede Kultur, in welcher die Kreativität der Mas-
sen üppige Blüten trieb, ihre Blüte dem Föderalismus. Der Kampf der
Hanseatischen Union, einige Perioden des Mittelalters, der Kampf der
Städte Pskow und Nowgorod für ihre Autonomie - das alles war der
Kampf der Massenkreativität gegen den Zentralismus. Im Sozialismus
kämpfen auch zwei Tendenzen gegeneinander: Der staatliche Sozialis-
mus - genauer gesagt der Sozialismus der Staatsmänner, der Jacobiner,
der Zentralist*innen und der Anhänger des römischen Rechts (Marx,
Lassalle) - gegen den föderalistischen, nicht-staatlichen Sozialismus,
der durch Bakunin und die Jura-Föderation vertreten ist.

4. Alles Positive, Vernünftige und Freiheitliche in der Geschichte ist
Produkt der Massenkreativität. Dieses Produkt braucht kein Gesetz,
kein Recht, keinen staatlichen Schutz. Massenkreativität wird im Na-
turrecht festgehalten. Wie gelingt es dann dem Staat die Kreativität
der Massen zu brechen und das Reich des Rechts, des Gesetzes und
der Staatlichkeit zu installieren? Die Masse stagniert oft in ihrer Ent-
wicklung oder die von ihr hervorgebrachten Normen sind zu lokal und
nicht universal genug. Dann übernimmt der Staat die "progressive"
Initiative im Sinne der Störung der vorübergehenden Ruhe und der
Erweiterung der Anwendungsgrenzen der im Naturrecht begründeten
Normen. Aber für diesen "Gefallen" nimmt der Staat - Shylock3 - das
lebendige Fleisch als Pfand. Der Staat macht aus dem Gesetz eine Art
ewige, verfestigte Norm und hindert das aufgewachte Volk, diesen Re-
cken, an der weiteren Entwicklung; der Staat schafft es, sich dem "Fort-
schritt" anzudienen und macht aus Gesetz, Recht, Staatsanwält*in,
Richter*in und Henker*in unvermeidliche Begleiter der Geschichte.
5. Die Bestimmung des Staates. Man soll den Staat nicht mit der Regie-
rung verwechseln. Der Staat existierte im Rom, verschwand im Mit-
telalter und wurde im 16. Jahrhundert wieder geboren. Der Staat ist
kennzeichnet durch territoriale Konzentration und ein Zentrum, aus
dem heraus alles bestimmt und geregelt wird.
---------------------------------------------------------
3 Shylok - eine der Figuren aus dem Drama "Der Kaufmann von Venedig", jüdischer Wucherer
---------------------------------------------------------
6. Fortschritt ist "der Übergang vom Schlechteren zum Besseren".
7. Gegenseitige Hilfe. Es ist falsch, dass Überlebenskampf, Streitereien
und Konkurrenz das Überleben und die Auslese der Besten fördern.
In Wahrheit übersehen bürgerliche Darwinist*innen den wichtigsten
Faktor der Evolution und des Fortschritts: Die gegenseitige Hilfe, die im
Kosmos wirkt. Dieser Faktor wird im sozialen Umfeld dank der Prin-
zipien der Konkurrenz, des privaten Eigentums und der Staatlichkeit
eingeengt und verkehrt. Kommunismus, Föderalismus, freie Verein-
barung - das ist das Ideal der Massenkreativität, des anarchistischen
Kommunismus.

8. Ethik. Ethisch ist es, zum Wohl der Gattung beizutragen. So ent-
wickelt sich das Individuum exzessiv und intensiv, wird größer und
stärker.

Hier haben wir die Hauptpunkte der Lehre von Pjotr Aleksejewitsch
Kropotkin vorgestellt. Freilich gedenken wir nicht, seine Lehre Punkt
für Punkt der Analyse zu unterziehen. Wir wollen einige Momente
andeuten, die anderen Forscher*innen als Material für eine umfas-
sende und fruchtbare Kritik des Kropotkinismus vom Nutzen sein
werden. (...)

An einer anderen Stelle formulierte ich das hauptsächliche Manko
des kropotkin-bakuninschen Anarchismus so:
Der Anarchismus gibt uns eine Formel des Fortschritts, liefert uns
aber keine Vorstellung von der Mechanik des geschichtlichen Pro-
zesses.

Die obige Formulierung aber benötigt eine wichtige Ergänzung: Kro-
potkin nimmt eine einzigartige Stellung zwischen dem wissenschaft-
lichen Sozialismus und dem Utopismus ein. Er ist kein Utopist in dem
Maße, dass er darauf verzichten könnte, seine Weltanschauung "na-
turwissenschaftlich" zu begründen, aber er ist nicht so wissenschaft-
lich und objektiv, um seine unbewusst-wissenschaftliche Schluss-
folgerungen seinem moralischen Ideal doch nicht zu unterordnen.
Gerade das macht die Analyse des Kropoktinismus so schwierig und
überzieht die ganze Lehre mit einiger Unschärfe und Verschwom-
menheit, trotz Kropotkins großartiger Fähigkeit, die eigenen Gedan-
ken klar, verführerisch klar, darzulegen.

Aber man muss naive*r Moralist*in sein, um zu glauben, dass der
"Sündenfall" des kropotkinschen Anarchismus nur das Resultat
einer falschen Vorstellung, eines Vernunftfehlers, sei. Natürlich,
der Anarchismus und seine intellektuelle Unreife ist ein Abbild be-
stimmter gesellschaftlicher Umstände.

Man sagt: Kropotkinismus sei kleinbürgerlich. Das stimmt, obwohl
man sofort hinzufügen müsste, dass die "Kleinbürgerlichkeit" Kro-
potkins auf eine einzigartige Weise mit dem Liberalismus vermischt
und verwoben ist. Vor langer Zeit, noch auf den Seiten des illegalen
"Tschjornoje znamja" verwies ich auf Liberalismus im Anarchismus,
auf das Fehlen der voll ausgearbeiteten Idee des Klassenkampfes in
der Theorie.

Das ist es ja: Wir gebrauchen den Begriff der "Kleinbürgerlichkeit" zu
oft und laufen Gefahr, daraus ein Klischee, ein Label zu machen, das
schlampig und unterschiedslos den Erscheinungen der verschiede-
nen sozialen Dimensionen aufgeklebt wird.

Falls man unter der Kleinbürgerlichkeit eine Apologie der individu-
alistischen Bauernwirtschaft versteht, so ist diese Bezeichnung, die
man im Allgemeinen für Proudhon gebrauchen kann, für die kom-
munistische Theorie Kropotkins entschieden unbrauchbar. Falls man
unter der Kleinbürgerlichkeit die territoriale Isolation der Kommune,
gewissermaßen eine wirtschaftliche "Monadologie" versteht, so wird
dieser Vorwurf, der nicht unbegründet ist, im Allgemeinen trotzdem
durch den Fakt abgewehrt, dass Kropotkin von der Massenkreativität
auf allen Gebieten Universalität, Allgemeinheit verlangt, ohne wel-
che die Massenkreativität versiegt und dem staatlichen "Progressis-
mus" zum Opfer fällt.

Unanwendbar auf den Kropotkinismus ist der Begriff "Kleinbürger-
lichkeit" auch in seinem psychologisch-kulturellen Sinne. Der*die
Kleinbürger*in erreicht nie irgendwelche Höhen, deswegen lallt er ja
entspannt und träumt von himmlischen "Idealen" und bricht manch-
mal in komischen Hass auf "Opportunist*innen" aus, die in der Reali-
tät Maschinen bauen, mit deren Hilfe man real und nicht in den Träu-
men die Gipfel des Himalaya erreichen kann. Der*die Kleinbürger*in
sieht nie die Wurzel und ist deswegen zu einer mutigen objektiven
Analyse nicht fähig. Er ersetzt das real Existierende durch das blut-
arme, auf Stelzen laufende "Sein-Sollende".

Die Philosophie des*der Kleinbürger*in lieferte Shakespeare im
"Hamlet":

Hamlet. Meine trefflichen guten Freunde! Was machst du, Güldenstern?
Ah, Rosenkranz! Gute Burschen, wie gehts euch?
R o s e n k r a n z. Wie mittelmäßigen Söhnen dieser Erde.
G ü l d e n s t e r n. Glücklich, weil wir nicht überglücklich sind.
Wir sind der Knopf nicht auf Fortunas Mütze.
H a m l e t. Noch die Sohlen ihrer Schuhe?
R o s e n k r a n z. Auch das nicht, gnädger Herr.
H a m l e t. Ihr wohnt also in der Gegend ihres Gürtels, oder im Mittel-
punkte ihrer Gunst?

Ist dieser klassische Typus des*der geistigen Kleinbürger*in Kropot-
kin in irgendeiner Weise verwandt? Natürlich nicht. Eine unendliche
geistige Großzügigkeit, der Kampf gegen die "goldene Mitte" - das
sind das Motto und der Hauptcharakterzug von Kropotkins Ethik.

"Gib, ohne nachzuzählen" - das ist das Motto einer geistig überrei-
chen Persönlichkeit.

In welchem Sinne dürfte man also von der Kleinbürgerlichkeit Kro-
potkins sprechen? Nur in dem, dass er die objektive Rolle und die
Bedeutung des Kapitalismus nicht verstanden, außerdem die organi-
satorisch-befreiende Rolle der Technik nicht verstanden und unter-
schätzt hatte. Auch wenn das Proletariat und die Großindustrie ein
Teil seiner kommunistischen Weltanschauung sind, hat er das große
notwendige Gesetz, vom Proletariat als der einzigen, verlässlichen
Avantgarde der Freiheit auszugehen, nicht begriffen.

Gerade deswegen wird er, da er die einzig richtige objektive Basis
verliert, oft zum Utopisten und verfällt, da er reale Kräfte und An-
triebe in der Gegenwart nicht bemerkt, einem soziologischen Passeis-
mus, das angeblich "freie" Mittelalter oder die alten Städte Pskow und
Nowgorod idealisiert.

Natürlich hatte der kleinbürgerliche Proudhon Elemete des Libera-
lismus, weil er glaubte, dass jede ökonomische Kraft, wenn sie sich
selbst überlassen wird, zur Freiheit führt und nur der Staat die Rich-
tung dieser freiheitlichen Kraft pervertiert. Im Liberalismus Kro-
potkins gibt es ein Element der Kleinbürgerlichkeit, weil Kropotkin
nicht vom objektiv Gegebenen ausgeht und einige Aspekte der vor-
kapitalistischen Verhältnisse idealisiert. Aber sie beide über einen
Kamm - den der "Kleinbürgerlichkeit" - zu scheren, das geht nicht.

Für uns ist es wichtig anzumerken, dass ideologische und philoso-
phische Schwankungen Kropotkins aus diesem Nicht-Verstehen der
objektiven Logik der Dinge resultieren. Wahrlich, "die Rache ist mein
und ich werde vergelten" - wer den Schlüssel zum Verständnis der
Entwicklungsgesetze der Gesellschaft verlor, der ist zum Eklektizis-
mus und zur Instabilität in der Theorie verdammt. Das sehen wir am
Beispiel der Lehre Kropotkins.

Was am meisten bei der Analyse der Lehre Kropotkins auffällt, ist
ihr rein ethischer, moralischer Charakter. Sie ist gänzlich von mo-
ralischem Pathos, von der Kategorie des Sollens durchdrungen; das
ist durchaus verständlich, wenn wir uns daran erinnern, dass Kro-
potkin ein glorreicher Vertreter "büßender Aristokrat*innen" ist,
die sich verpflichteten, "ihre Schulden dem Volk zu zahlen" und es
wenigstens ein bisschen für seine Erniedrigungen und Unterjochung
zu belohnen. Zu kaum jemand anderem passt der Spruch Wladimir
Solowjows4, dass die Intellegenzja gemäß der paradoxen Vorgabe
denke, "der Mensch stammt vom Affen ab und danach werden wir
alle gut", wie zu Kropotkins System. Denn Kropotkin will sein ethi-
sches Ideal naturalistisch, mit der naturwissenschaftlichen Methode,
begründen. Theoretisch ist es aber aussichtslos.

-------------------------------------------
4 Solowjow, Wladimir (1853-1900) - russischer Religionsphilosoph und Dichter
-------------------------------------------

Im Allgemeinen ist entweder ein naturalistischer Amoralismus
möglich, was zum großen Teil auf die Lehre Spinozas zutrifft. Hier
werden alle moralischen Überlegungen aufgedeckt und bloßgestellt,
die ethischen Überlegungen sind demnach nur ein gewisses Epiphä-
nomen natürlicher Wünsche, Leidenschaften und Begierden. Oder
Panethizismus, worin die moralische Kategorie zu einer gewissen
Weltsubstanz erklärt wird und die Natur selbst einen bestimmten,
wenn auch nur rudimentären, moralischen Plan verfolgt. Schließlich
ist auch ein Dualismus möglich, wonach die Natur gegenüber dem
Guten oder dem Bösen gleichgültig ist und in ihr nur das eiserne Ge-
setz der Notwendigkeit herrsche, das Ethische aber eine rein mensch-
liche Kategorie sei.

Im Grunde schafft es Kropotkin, die verschiedenen Kategorien zu-
sammenzubringen und den naturalistischen Amoralismus und mit
dem Panmoralismus in eins zu vermischen. Betrachten wir ein Bei-
spiel. Was für einen Sinn hat die Idee Kropotkins, dass der Kosmos fö-
deralistisch organisiert ist? Dass es dort, im Kosmos, kein "Zentrum",
keine*n Herrscher*in gibt, dass der Kosmos ein bereits existierendes
Reich des anarchistischen Föderalismus ist? Denn Herrschaftslosig-
keit, die föderalistische Organisation hat eine Bedeutung und einen
Sinn nur dort, wo es lebendige Menschen, wo es den Zentralismus
verfluchende, für Autonomie kämpfende Elemente gibt. Auf die me-
chanische Natur angewendet sind all diese Begriffe nur Metaphern;
aber für Kropotkin sind es keine Metaphern. Das hier ist zweifellos
ein unbewusster Anthropomorphismus. Und hier wird gleich der ei-
gentliche Widerspruch des Systems sichtbar: Ein*e Anhänger*in ei-
ner mechanischen Weltanschauung, der die naturwissenschaftliche
Methode anwendet, kennt nicht und kann keine ethische Kategorie
kennen. Er kennt nur Regungen der Natur, und diese Regungen sind
gegenüber dem Guten und dem Bösen gleichgültig. Dann verschwin-
det aber alles, was Kropotkin so lieb und teuer ist - das System der
ethischen Werte. Also wendet Kropotkin, unbewusst natürlich, ei-
nen eigenartigen "Trick" an: Der Mensch wird tatsächlich naturali-
siert, die Natur aber wird dafür ethisiert. In der Natur sei bereits ein
Postulat des freiheitlichen Föderalismus vorhanden; den Menschen
in die Hände dieser Natur zu werfen, ist nicht mehr so bedenklich,
denn diese Natur ist kein "Abbild, kein geistloses Antlitz, in ihr ist
eine Seele, eine Freiheit". Und was für eine Freiheit: eine anarchis-
tisch-föderalistische!

Es ist klar, dass die naturwissenschaftliche Methode in diesem Fall
nicht nur die Fakten und ihre Zusammenhänge konstatiert, sondern
dass sie auswählt, um eine moralische Hypothese zu begründen.

Die naturwissenschaftliche Methode, auf die Kategorien des Sollens
angewendet, wurde glänzend und unwiderruflich kompromittiert
durch Kant, der wiederum auf dem Gebiet der Geschichte und der So-
ziologie durch den dialektischen Materialismus Marx' besiegt wurde.
Die Hauptidee der ganzen Kantschen Philosophie kann folgenderma-
ßen formuliert werden: Durch die Erforschung der Zusammenhänge
zwischen verschiedenen Erscheinungen der Natur kann man keines-
falls, in keiner Weise und in keinerlei Ausmaß die Kategorien des
Sollen gewinnen. Zwar schien Kant die physische und die ethische
Welt in seiner berühmten Formel "Himmel über mir, moralisches
Gesetz in mir" zusammen gebracht zu haben. Aber diese Einheit in
der Universalität wurde durch unterschiedliche Methoden erreicht.
Der zweite Satz von Kant: Die Welt der Mechanik ist die Welt der
quantitativen Kombinationen. Die Welt der moralischen Werte aber
ist ein qualitativer Komplex. Und die Quantität schlägt niemals in
Qualität um.

Wer hat aber Kant besiegt? Der naturwissenschaftliche Materia-
lismus etwa? Nein. Kant unterlag der Hegelschen Logik, in der die
Quantität zur Qualität wird. Die naturwissenschaftliche Methode
aber musste kapitulieren, Kant fügte ihr unheilbare Wunden zu.
Kropotkin verneint die Dialektik und verfällt dem Eklektizismus;
über das Natürliche schleicht er sich an das Sollenden heran; die na-
turwissenschaftliche Methode aber kennt solche Wege nicht!
Es ist bezeichnend, dass die "subjektive Methode in der Soziologie",
die von N. K. Michajlowskij5 verteidigt wird, uns mehr gegen den
Einbruch des Subjektivismus schützt, als die naturwissenschaftliche
Methode Kropotkins.

Ja, die "subjektive Methode" in der Soziologie schützt uns eher von
der Einmischung der subjektiven Willkür als die angebliche Begrün-
dung des sozialen Ideals durch die naturwissenschaftliche Methode.
N. K. Michajlowskij protestierte auf die entschiedenste Weise gegen
den Gedanken, dass die subjektive Methode eine Art "Pferd ohne
Zaum" sei, das willkürlich die objektive Regelmäßigkeit durchbricht
und die empirische Gegebenheit durch die Früchte der edlen Phan-
tasie ersetzt. Michajlowskij argumentiert so: Die Natur, so wie sie
wissenschaftlich gegeben und durch Darwins Theorie erschlossen
ist, kennt nichts Gutes und Böses, keine Heldentat, kein Verbrechen.
Sie sät den Tod hier und das unendlich volle, üppige Leben dort. Sie
kennt nichts Wertvolles, Teures, Wünschenswertes. Aber der lebende
Mensch kennt Wertvolles und Wünschenswertes. Und dieser lebende
Mensch ist ein Kind der Natur. Wie ließe sich denn die Exaktheit der
wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeit mit dem nicht weniger realen
Bedürfnis nach dem Ideal der Wahrheit vereinbaren? Der Mensch
braucht vor der Natur nicht zu kapitulieren, aber wehe, wenn er im
Namen des moralisch Sollenden drohende Erscheinungen der Natur-
notwenigkeit vergisst. Die subjektive Methode ist ein offener Aus-
druck dessen, dass eine gegebene Person einen bestimmten Platz in
der Gesellschaft einnimmt und ein*e Anhänger*in eines bestimmten
Typus sozialer Kooperation ist. Das Individuum kennt keine unvor-
eingenommene Einstellung zum Leben. Um ihre Ideale nicht durch
die Hintertür herein zu bringen, um ihr moralisches Ideal durch
gesichtslose Naturgesetze nicht gesichtslos zu machen, um der Na-
tur ihr unübliche Wertungen nicht unterzujubeln, formuliert die
subjektive Methode offen ein Ideal der Klasse oder des Individuums
und versucht mittels der Erforschung der Naturgesetze einen Sieg zu
erringen. Nicht umsonst hat der polnische Soziologe Krzhiwitzki6
in der subjektiven Methode Keime eines Klassenansatzes gesehen.
Natürlich kann es sich dabei nur um einen Klassenansatz in "embry-
onaler" Form handeln, denn auch Michajlowskij war die Erkenntnis
objektiver historischer Entwicklungsgesetze fremd. In der Praxis war
Pjotr Aleksejewitsch Kropotkin, trotz all seiner "imperialistischer"
Neigungen, unvergleichlich revolutionärer als N. K. Michajlowskij,
der typische Ideologe mittelschichtlicher und zum Teil adelig-deklas-
sierter Intelligenzja. Wie viel Mühe auch immer sich der Erz-Eklekti-
ker W. Tschernow7 macht, es so darzustellen, dass bei Michajlowskij
alles perfekt sei und es keine Risse gäbe, in Wahrheit wissen wir, dass
das System von N. K. Michajlowskij durch und durch dualistisch ist:
Wie ein eigenartiger ethischer Geschichtsphilosoph ist Michajlows-
kij ein romantischer Maximalist. Als Praktiker ist er ein gemäßigter
Sozialist, wahrscheinlich noch rechter als Mjakotin.8

---------------------------------------------
5 Michajlowskij, Nikolaj (1842-1904) - russischer Soziologe, Publizist, einer der 
Theoretiker*innen der "Volkstümler"

6 Krzhiwitzki, Kazimir (1820-1883) - polnischer Schriftsteller und Soziologe

7 Tschernow, Wiktor (1873-1952) - einer der Mitbegründer*innen der sozial-demokratischen 
Partei Russlands

8 Mjakotin, Wenedikt (1867-1937) - russischer Historiker, Schriftsteller, Volkstümler
---------------------------------------------

Aber methodologisch gesehen ist die naturwissenschaftliche Metho-
de für die Aufgabe der Begründung revolutionärer Weltanschauung
zweifellos einen Schritt hinterher, was wiederum auch die unvoll-
kommene und längst verworfene "subjektive Methode in der Sozio-
logie" charakterisiert.

Diese methodologische Inkonsequenz Kropotkins tritt besonders
deutlich in seiner Einschätzung des Darwinismus hervor.

Wie steht der Marxismus zum Darwnismus? Vor allem distanzierte
sich der Marxismus methodologisch vom Darwinismus. Versuche,
biologische Gesetze auf die soziale Sphäre zu übertragen, werden al-
leine schon aus dem Grund entschieden abgewiesen, dass Marx das
spezifische Wesen des gesellschaftlichen Seins feststellt und dialek-
tische Entwicklungsgesetze ausarbeitet. Daher erkennt der Marxis-
mus gänzlich das Gesetz des Kampfes ums Überleben an, aber aus
der ewigen, natürlichen Kategorie und dem Kampf der Arten macht
er einen historischen Kampf der Klassen.

Und wie steht der erwähnte N. K. Michajlowskij zum Darwinismus?
Michajlowskij verweist auf die Kooperation als auf ein Faktum, wel-
ches das Gesetz des Kampfes verändert und einschränkt. Aber sei-
nem "subjektiven Anthropozentrismus" treu, arbeitet Michajlowskij
verschiedene Typen der Anpassung heraus. Dergestalt, dass "prakti-
sche" Typen eher überleben und "ideelle" Typen eingehen. Die prak-
tischen Typen überleben, weil ihnen "die Liebe zum Fernen" fehlt. Sie
haben sich parasitär unter konkreten Umständen eingerichtet, aber
gehen ein, sobald die Umstände sich ändern, komplizierter werden
oder Vielfalt statt Einfalt und Passivität gefordert wird. Die "ideellen"
Typen, umgekehrt, sind vielfältig und kompliziert, passen sich nicht
der Umgebung an, weil die Umgebung von ihnen den Verzicht auf
Komplexität und Vielfalt, weniger Aktivität und mehr passive An-
passung fordert. Ja, der "am meisten Angepasste" überlebt, aber der
Angepasstere bedeutet keinesfalls "der Vollkommenere". Moltscha-
lin9 "überlebt", weil er zum "praktischen" Typus gehört, Giordano
Bruno stirbt, weil er "ideeller" Typus ist. Überlebt aber in diesem Bei-
spiel der "Vollkommenere"?
------------------------------------------------
9 Moltschalin, Aleksej - eine der Hauptfiguren in der Komödie "Verstand schafft Leiden" 
von A. Gribojedow, ein arschkriecherischer Angestellter
--------------------------------------

Kropotkin unterzieht den Darwinismus ebenfalls einer harten Kri-
tik, seine Herangehensweise ist aber anders. P. A. Kropotkin schrieb
ein großartiges, von allen geschätztes Buch "Gegenseitige Hilfe als
Evolutionsfaktor". Kropotkin erklärt, dass nicht der Kampf, sondern
die gegenseitige Hilfe eines der Faktoren des Fortschritts ist.

Fortsetzung in der nächsten Ausgabe!


More information about the A-infos-de mailing list