(de) FdA-IFA Gai Dao #38 - Science-Fiction und Anarchie -- Teil 1 der Reihe Von: Organize! (Anarchist Federation, Nr. 81) / Übersetzung: knopfauge

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Thu Feb 13 10:55:18 CET 2014


Jenseits der Perfektion: Was wir von anarchistischen Utopien in der 
Science-Fiction-Literatur lernen können ---- Vorwort der Redaktion: Mit diesem Text 
beginnen wir die in der Januarausgabe der Gaidao angekündigte Reihe zu "Science-Fiction 
und Anarchie". Der vorliegende Text aus der letzten Ausgabe von Organize! geht unter 
anderem auf die Bedeutung von Utopien für Anarchist*innen ein. Einer der Hauptkritikpunkte 
am Anarchismus als politische Philosophie besteht darin, dass dieser utopisch sei. Viele 
würden nun argumentieren, dass dies ein Missverständnis des Anarchismus darstellt und dass 
die Grundlage einer anarchistischen Gesellschaft nicht auf Naivität, Undurchführbarkeit 
oder einer grob vereinfachenden und übertrieben positiven Sichtweise auf die Menschheit 
beruht. Ich möchte dagegen das Argument vorbringen, dass dies ein Missverständnis des 
Utopismus darstellt.

Wer denkt, dass seine eigene
Ideologie nicht utopisch ist, hat diese entweder nicht richtig durch-
dacht, oder möchte aus irgendwelchen Gründen in einer Gesellschaft
leben, die zu Ungleichheit, Elend und schließlich Selbstzerstörung
verdammt ist. Und wer denkt, dass Utopismus grob vereinfachend,
unpraktisch oder naiv ist, hat eindeutig nicht genug utopische Fikti-
on gelesen. Es gibt eine Vielzahl entfernter Welten, die sich anarchis-
tischer Gesellschaften rühmen können, die so komplex, so pragma-
tisch, so inspiriert und inspirierend, so mit Problemen belastet und
beunruhigend sind wie jede beliebige historisch oder gegenwärtige
Revolution auf dieser Erde - und alle tragen utopische Gesichtszüge.
Andererseits mögen die Kritiker*innen nicht ganz unrecht haben,
wenn man sich manche Utopien aus dem 19. Jahrhundert anschaut
(z.B. "Kunde von Nirgendwo" (News from Nowhere) von William
Morris, "Jenseits des Sirius" (A Modern Utopia) von H.G. Wells und
"Das Jahr 2000: ein Rückblick auf das Jahr 1887" (Looking Back-
ward) von Edward Bellamy). Als Leser von Science-Fiction habe ich
jedoch mehr an diesen Büchern zu kritisieren als ihre Naivität oder
gar ihre skurrile und grässliche Gender-Politik: Es sind wirklich
langweilige Geschichten. Was nicht heißt, dass es sich nicht um in-
teressante Utopien handelt. Als Portraits der utopischen Ideale von
Anarchist*innen und Sozialist*innen dieser Zeit bieten sie faszinie-
rende Einblicke und vieles in den langatmigen und technischen Er-
klärungen der Organisation von Arbeit und Eigentum ist immer noch
relevant. Aber diese Utopien
versagen so ziemlich, wenn es
um die Handlung oder die Cha-
raktere geht oder darum, Orte
darzustellen, die mehr Tiefe
und Authentizität haben als die
Bühne einer Schulaufführung.
Nehmen wir "Kunde von Nir-
gendwo", die am meisten anar-
chistische dieser frühen Utopi-
en: Eine Rundreise durch eine
vorindustrielles ländliche Idyl-
le ohne Nationen oder Grenzen
und ohne Schwerindustrie oder Geld, wo alle Produkte großzügig
geteilt werden, alle Objekte wunderschöne und praktische Werke
der Handwerkskunst darstellen und die Worte "Arbeit" und "Spiel"
so ziemlich dasselbe bedeuten. Schön und gut, wie Reiseprospekte
nun mal aussehen. Eine Woche Aufenthalt buche ich, aber wenn ich
mich dauerhaft in einer Utopie niederlassen möchte, will ich im All-
gemeinen ein wenig nachhaken und einen zynischeren Blick darauf
werfen. Ich könnte zum Beispiel fragen: "Was passiert, wenn es eine
Missernte gibt?", "Was ist, wenn eine Naturkatastrophe die schnelle
Bereitstellung massenhaft produzierter Werkzeuge und Unterkünf-
te notwendig macht?" und "Wenn Kindererziehung und Hausarbeit
so hochangesehene und einträgliche Berufe darstellen, hat sich von
diesen sexuell befreiten und sozial emanzipierten Frauen nie eine ge-
fragt, warum kein Mann diese Berufe ausübt?" Etwas an diesen uner-
schütterlich liebenswerten, umgehenden Antworten des Reiseleiters
auf alle Fragen des Protagonisten legt nahe, dass es ein Skript gibt
oder wenigstens eine Parteilinie, die routiniert und möglicherweise
unter Bedrohung auswendig gelernt wurde. Man möchte, dass der
Protagonist wenigstens einmal etwas sagt wie: "Ich kauf dir das nicht
ab, Bärtiger. Es ist zu perfekt und all dieser "Arbeit ist Spiel"-Scheiß
klingt für mich eindeutig nach Orwell. Leg deine erlesen geschnitzte
Pfeife beiseite und erzähl mir, wo sie die Gulags verstecken."

Das ist vielleicht ein wenig unfair. "Kunde von Nirgendwo" wurde
geschrieben, um zu erklären, wie eine anarchistische Gesellschaft
unter den Bedingungen der Zeit und des Ortes, in denen das Buch
verfasst wurde, produktiv und stabil sein kann - nicht um ihre Re-
aktionen auf Umweltkrisen oder umfassenden sozialen Wandel zu
erkunden. Aber man muss zugeben, dass Antworten auf diese Fragen
es zu einem viel interessanteren Roman machen würden. Diejenigen
Utopien, die wirklich unsere Phantasie anregen, sind weniger mit den
Lösungen befasst, die eine anarchistische Gesellschaft bieten kann,
als mit den Problemen, mit denen sie konfrontiert werden könnte.

Wenn du dich fragst, ob eine Geschichte, die Probleme innerhalb
einer anarchistischen Gesellschaft untersucht, wirklich eine Utopie
ist, sollten wir uns die Definition anschauen. Das von Thomas Mo-
rus geprägte Wort "Utopie" ist ein Sprachspiel mit den griechischen
Wörter für "kein Ort" und "guter Ort". Also bestehen die wesentli-
chen Eigenschaften einer Utopie darin, dass sie etwas für die Gesell-
schaft Wünschenswertes um-
fasst und dass eben jenes nicht
existiert. Jeder der denkt, dass
die Errichtung einer besseren
Gesellschaft umgehend glück-
selige Zufriedenheit für alle mit
sich bringt, wird die Revolution
damit verbringen, gewaltsam
Abweichler*innen umzuer-
ziehen (und bis dahin werden
diese Leute dir wahrscheinlich
die Zeitung "The Socialist Wor-
ker" verkaufen [trotzkistische
Wochenzeitung in Großbritannien, A.d.Ü.]). Eine Utopie muss kein
perfekter Ort sein, an dem alltägliche Probleme vollständig beseitigt
sind. Sondern es geht darum, eine Alternative und eine wünschens-
werte Lebensweise aufzuzeigen. Man kann das mit einer Rundreise
durch eine perfekte Gesellschaft machen, aber es ist interessanter
und überzeugender, zu zeigen wie diese Gesellschaft mit Unvollkom-
menheit und Konflikt, sowohl von innen wie von außen kommend,
umgeht.

Ian M. Banks lässt seine "Kultur"-Romane in einem Kontext spielen,
in der seine fortgeschrittene anarchistische Gesellschaft sich an et-
was reiben kann: nämlich in einem Universum voller deutlich weni-
ger utopischer Gesellschaften. Die "Kultur" ist Utopismus in seiner
dekadentesten Form: jenseits von Knappheit, hochtechnologisch und
wünscheerfüllend. Rohstoffe sind nahezu unbegrenzt verfügbar, Ar-
beit ist nicht notwendig und unfehlbare, empfindungsfähige Compu-
ter (die Gehirne) mit einem verdrehten Sinn für Humor und tadellosem
ethischen Urteilsvermögen stellen den reibungslosen Betrieb aller
Umwelten sicher. Die verbesserten humanoiden Bewohner*innen der
vielen Welten der "Kultur" haben nichts, mit dem sie ihre nahezu
unsterbliche Existenz verbringen könnten, außer Spiele, Sex, Drogen,
die Suche nach intellektueller und kreativer Erfüllung und Einmi-
schung in die Entwicklung anderer Gesellschaften. Letzteres ist die
Aufgabe einer Organisation namens "Kontakt", die eine beliebte Be-
rufswahl für diejenigen darstellt, die seltsamerweise von den buch-
stäblich unbegrenzten Möglichkeiten, die die "Kultur" ihnen bietet,
unbefriedigt sind und zu den Sternen aufbrechen, um andere, weni-
ger glückliche Welten zu sehen und schließlich zu retten. Dies sind
die interessantesten Charaktere, da ihre Geschichten uns das meis-
te über die "Kultur" selbst und über unsere eigene Zwiespältigkeit
gegenüber dem Utopismus verraten. Wir fürchten und misstrauen
der Perfektion sogar dann, wenn wir danach streben, weil sie uns
letztlich mit nichts, wonach wir streben könnten, zurücklassen wird
- ohne Gefahr, der wir trotzen könnten, ohne Sache, die wir verteidi-
gen könnten und ohne Bedeutung für unsere Existenz. Die "Kultur"
ist wie das "Nirgendwo" eine statische Gesellschaft, aber anders als
Morris' Utopie bewahrt sie nicht mit Widerwillen gegen jede weite-
re Entwicklung gerade so ihren Status Quo, sondern hat den Gipfel
ihrer Möglichkeiten - den Gipfel aller Möglichkeiten - erreicht und
kann sich nirgendwohin weiterentwickeln. Das ist das Problem, das
zur Rastlosigkeit derjenigen führt, die "Kontakt" beitreten und dann
mit dem ethischen Dilemma ihrer Tätigkeit zu kämpfen haben: Ob
die Welten, die sie besuchen, überhaupt gerettet werden wollen, ob
sie diese tatsächlich retten oder zu dem der "Kultur" eigenen Zustand
des Stillstandes verurteilen. All das wäre ziemlich angsteinflößend,
wenn es nicht den Humor der Gehirne gäbe, die bewaffnete Raum-
schiffe, die so groß wie Planeten sein können, bewohnen und sich Na-
men geben wie Gewissensprothese, Natürlich Liebe Ich Dich Noch,
Du Wirst Mir Später Danken, Ehrlicher Fehler, Wundersame Wege
Des Schicksals, Weisheit Gleich Schweigen, Taktische Gnade und
Nur Ernstzunehmende Anrufer.

Man sollte sich nicht von der Anwesenheit von Kriegsschiffen und
Konflikten in die Irre führen und sich zu der Annahme verleiten las-
sen, dass es sich bei dieser Utopie um einen Schwindel handelt. Es
gibt keine doppelten Böden und die Gehirne sind keine größenwahn-
sinnigen heimlichen Aufseher*innen, die die Menschheit in Luxus
versklavt halten, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Sie sind selbst
komplexe und sympathische (wenn auch etwas unbeschreibliche)
Charaktere, die genau so in den ethischen Dilemmata des utopischen
Lebens gefangen sind wie ihre menschlichen Gefährt*innen. Wäh-
rend manche von ihnen manipulativ sein können, scheinen sie auf-
richtig zu versuchen, nicht so zu sein, obwohl sie viel intelligenter
sind und sich über Handlungen und ihre Folgen weitaus bewusster
sind als ihre organischen Freund*innen, so dass sie es kaum verhin-
dern können. Die Pointe dieser anarchistischen Utopie besteht nicht
darin, dass in ihr eine unbeachtete Machtbeziehung wirkt, welche
die Integrität der Utopie beeinträchtigt oder dass man zu viel von
etwas Gutem haben kann. Es ist eine subtilere und komplexere Bot-
schaft über Trägheit und Entropie, über die Natur von Macht und Pri-
vilegien sowie die Notwendigkeit von Wandel und Entwicklung, per-
sönlich wie gesellschaftlich, auch angesichts scheinbarer Perfektion.
Am anderen Ende der Skala liegt Anarres, eine von Knappheit ge-
prägte Gesellschaft auf einem nahezu wüstenhaften Mond in Ur-
sula Le Guins Universum der Ekumen. Am ausführlichsten wird es
in "Planet der Habenichtse" (The Dispossessed) dargestellt, das im
Original den Untertitel "An Ambigous Utopia" (etwa: eine zweideu-
tige Utopie) hat. Anarres ist weder das einfache Idyll von Morris'
"Nirgendwo" noch das Paradies von Banks "Kultur". Als isolierte
Gemeinschaft, im selbstgewählten Exil von ihrem kapitalistischen
Nachbar*innen Urras, haben die Anarresti ihre Utopie unter bei
weitem nicht idealen Bedingungen aufgebaut. Diese anarchistische
Gesellschaft leidet unter Hungersnöten, Mangel an Arbeitskräften
und sozialen Umwälzungen und hat viele technologische Entwick-
lungen erst noch zu erreichen. Weil wir den Protagonisten Shevek
sowohl in Anarres aufwachsen sehen als auch erfahren, wie er seine
Heimatwelt denjenigen erklärt, die er auf Urras trifft, gibt es gute,
klare Ausführungen darüber, wie Arbeit, Eigentum, Sicherheit, Fa-
milie und institutionelle Entscheidungsfindung in einer Welt ohne
Geld oder Führungsfiguren funktionieren. Es lassen sich einfache
Parallelen ziehen zwischen den Revolutionen in unserer Welt und
der Gründung von Anarres, welches diejenige Gesellschaft wider-
spiegelt, die viele russische Revolutionär*innen sich vorgestellt hat-
ten und möglicherweise errichtet hätten, wenn sie nicht im Kontext
einer kapitalistischen Gesellschaft gefangen gewesen wären. Sogar
die Sprache und die Namen klingen ein bisschen russisch. "Planet
der Habenichtse" ist eine großartige Utopie, weil sie zeigt, wie der
Anarchismus eine genauso stabile Gesellschaft aufbauen kann wie
jedes andere System, aber auch wie Isolation und ideologische Or-
thodoxie Stagnation hervorbringen, und weil sie die Bedeutung der
Revolution als sozialen Wert und nicht als einmaliges Ereignis oder
Mittel zum Zweck aufzeigt.

Aus all diesen Gründen ist "Die Enteigneten" tendenziell der utopi-
sche Roman der Wahl für Anarchist*innen, die Zyniker*innen zu er-
klären versuchen, wie eine Gesellschaft ohne Geld oder Herrschaft
tatsächlich funktionieren könnte. Wir sehen eine Gesellschaft, in der
Kindern von klein auf beigebracht wird, dass sie keine Besitztümer
für sich behalten können (auch wenn sie wenig haben, was sie be-
halten könnten), aber die Freiheit haben, zu tun was sie wollen (und
es gibt viel für sie zu tun). Sie lernen gemeinsam durch Spiel und
Diskussion und ihre Bildung setzt sich durch selbst gesteuerte For-
schung ins Erwachsenenalter fort. Arbeit ist nicht verpflichtend und
Ressourcen sind nicht rationiert, aber Mitwirkung für die Gemein-
schaft und Ablehnung exzessiven Konsums sind starke soziale Werte.
Persönliche Freiheit und soziale Pflicht befinden sich in einer Balan-
ce, die meistens solide, rational und erfüllend ist - aber das kann sich
mit einer Missernte ändern. Die Geschichte folgt Sheveks Karriere
als Physiker, dessen bedeutsame Entdeckung sich auf alle bekannten
Welten des Ekumen-Universums auswirken könnte. Sheveks Streben,
anarchistischen Prinzipien zu folgen, Privateigentum zu vermeiden
und Mauern einzureißen, führt ihn nach Urras, das sehr stark einer
gegenwärtigen westlichen Demokratie ähnelt (abgesehen von den
Ländern in Urras, die sehr stark dem gegenwärtigem Staatskom-
munismus ähneln). Auf Anarres kämpft Shevek mit ökologischen
und sozialen Umwälzungen, informellen Machtstrukturen und der
Inbesitznahme und Zensur von Ideen - aber dennoch schneidet die
anarchistische Gesellschaft besser ab als Urras, wo die Machstruktu-
ren für Shevek noch unklarer zu erkennen und weitaus gefährlicher
sind. Protest und die Missachtung von Konventionen rufen in beiden
Welten Gewalt hervor, aber letztlich sind in beiden die Revolution,
Wachstum und Wandel und Hoffnung für die Zukunft möglich.

Niemand kann besser alternative Gesellschaften entwerfen als Le
Guin und sie hat abgesehen von Anarres einige geschaffen, die als
uneindeutig anarchistisch und noch weniger eindeutig als utopisch
angesehen werden könnten. Diese erhalten tendenziell weniger Auf-
merksamkeit als Anarres, wahrscheinlich weil sie weniger nützlich
für Anarchist*innen sind, die in Diskussionen verwickelt sind. Diese
Gesellschaften sind jedoch interessant für nuanciertere Diskussionen
anarchistischer Gesellschaften und des Utopismus, indem sie nicht
die Gesellschaft erkunden, die Anarchist*innen notwendigerweise
zu errichten wünschen, sondern die vielen möglichen Varianten an-
archistischer Gesellschaft und Möglichkeiten, wie menschliche Ge-
sellschaften Herrschaft abschaffen könnten, untersuchen. Einer der
meistgerühmten ist "Always Coming Home", aber obwohl es in den
Gesellschaften der Kesh keine bestimmte Hierarchie von Individuen
gibt, existiert eine große Zahl von Bräuchen, die sozialen Status ver-
schiedener Art vorschreiben. Zudem landet die Gesellschaft in einem
statischen Zustand, da die Kesh sich auf das Spirituelle verlassen und
Technologie zurückweisen (abgesehen von einer Art Internet, das
nicht viel genutzt wird). Darin würde diese Utopie Morris' "Kun-
de von Nirgendwo" ähneln, wenn es da nicht die viel ausgefeiltere
Untersuchung kultureller Unterschiede und Interaktionen und die
Anerkennung verschiedener Konflikte, sowohl persönlicher und ge-
sellschaftlicher Art, gäbe.

Noch ungewöhnlicher und seltener erkundet ist die Welt von Ele-
ven-Soro in der Kurzgeschichte "Solitude" (Einsamkeit), eine Welt,
in der eine Gesellschaft nach einer großen Katastrophe soziale Ar-
rangements entwickelt hat, die extreme Maßnahmen umfassen, um
sich gegen die Fehler der Vergangenheit zu wappnen. Jede Machtaus-
übung über eine andere Person ist tabu und wird als "magisch"
bezeichnet. Dies umfasst jeden Versuch, das Verhalten anderer zu
manipulieren und sie sich schuldig oder dazu verpflichtet fühlen zu
lassen, eine bestimmte Handlungsweise zugunsten eines Anderen zu
unternehmen. Männer leben alleine und Frauen leben in kreisförmig
angeordneten Häusern, die als "auntrings" bezeichnet werden, wo sie
gegenseitig ihre Kinder erziehen, aber nicht die Häuser anderer Frau-
en betreten und selten ohne guten Grund mit anderen erwachsenen
Frauen sprechen - dies erscheint als ultimativer Ausdruck des anar-
chistischen Individualismus. Niemand bittet um Hilfe oder bietet die-
se an, obwohl die Frauen gegenseitig auf ihre Gesundheit achten, ihre
Kinder mit Essen zu den Kranken schicken und sich gegenseitig bei
Geburten unterstützen. Nur Kinder können Fragen stellen oder et-
was beigebracht bekommen. Kein erwachsener Mensch macht einem
anderen Vorschriften und erteilt nicht einmal Ratschläge, es sei denn
höchst indirekt und unter den schlimmsten Umständen. Als Ge-
sellschaft ist Eleven-Soro brutal dystopisch (besonders für Männer),
aber die Individuen können darin eine Art Utopie finden, die durch
völlige Selbsterkenntnis und Selbstgenügsamkeit erreicht werden
kann, und in vielerlei Hinsicht sind die Leben der Sorovianer*innen
reicher und glücklicher als man es sich vorstellen kann. Es ist eine
seltsame, traurige, schöne Geschichte, die beständig unsere aus dem
Bauch kommenden Reaktionen auf und Bewertungen von Macht und
Gemeinschaft infrage stellt. Ich empfehle sehr, "Solitude" zu lesen,
nicht als Modell einer anarchistischen Gesellschaft, sondern um ei-
nige unserer Konzepte von zwischenmenschlichen Beziehungen und
sozialer Verpflichtung infrage zu stellen.

Welche dieser Gesellschaften - wenn überhaupt eine - kommt nun
dem am nächsten, wonach wir als Anarcho-Kommunist*innen stre-
ben? Für mich muss jede Gesellschaft, die für sich utopischen Cha-
rakter beansprucht, überzeugenderweise resilient und widerstands-
fähig sein und zeigen, dass sie nicht beim ersten Anzeichen von
Veränderung oder der ersten Herausforderung zerfallen wird und
dass ihre Systeme robust genug sind, um kulturelle, ökologische und
technologische Entwicklungen auszuhalten, ohne ihre ideologischen
Grundlagen zu beeinträchtigen. Statische Gesellschaften sind weder
glaubhaft noch erstrebenswert. Wer möchte schon in einer Welt le-
ben, wo sich nie etwas ändert?

Diesen Fehler machen viele, wenn es um Utopismus und Revolution
geht. Sie glauben, dass es darum geht, ein Ideal innerhalb der Ge-
sellschaft zu verkörpern und dann zu versuchen, sich gegen die Flut
menschlicher Fehlbarkeiten und externe Einflüsse zu stemmen, um
diesen einen Moment der Perfektion zu bewahren. Diese Art von
Utopismus ist nicht das, wonach wir streben - weder im Leben noch
in der Science-Fiction-Literatur. Ich lese Utopien und wirke für den
anarchistischen Kommunismus nicht, weil ich an eine perfekte Welt
glaube, sondern weil ich an eine bessere Welt glaube. Die am meisten
inspirierenden und überzeugendsten Utopien sind daher diejenigen,
die wie Anarres nicht nur fragen "Wo wollen wir sein?" oder sogar
"Wie kommen wir dahin?", sondern "Wohin gehen wir als nächstes?"
Für Science-Fiction-Autor*innen wie für Aktivist*innen ist es glei-
chermaßen wichtig, das im Kopf zu behalten. Die Revolution ist kein
Ereignis, sondern ein Prozess, und eine Utopie ist eine Reise und kein
Ziel.


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