(de) FAU-IAA - Basisgewerkschaft Nahrung Gastronomie (BNG-FAU) streikt in Dresdner Kneipe

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Sat Feb 1 12:17:21 CET 2014


In Dresden hat die Basis-gewerkschaft Nahrung Gastronomie (BNG-FAU) seit heute zum 
unbefristeten Streik aufgerufen. Grund ist die Kündigung fast aller Kellner_innen in der 
als Szenekneipe bekannten Lokalität "Trotzdem" in der Dresdner Neustadt. Ein Ultimatum, 
welches die Forderung auf Rücknahme der Kündigungen sowie die Aufnahme von Verhandlungen 
zu einem Haustarifvertrag beinhaltete, ließ die Chefin Annett Kalex, eine ehemalige 
DDR-Friedensaktivistin verstreichen. Die ehemalige "Anarchistin" hat jedoch noch ein 
weiteres Angebot von der anarchosyndikalistischen Basisgewerkschaft erhalten: Die 
Kollektivierung des Betriebs bei einer Ausgleichszahlung an sie. Die Betriebsgruppe, in 
der die Kellner_innen organisiert sind, wird nun so lange streiken, bis die Kündigungen 
zurück genommen sind und ernsthafte Verhandlungen beginnen.

FREIE ARBEITER_INNEN UNION | Dresden
Basisgewerkschaft Nahrung und Gastronomie
Trotzdem unbequem!
Informationen zum Arbeitskampf für Interessierte
Achtung! Eure Kellner_innen streiken, damit sie weiter im Laden bleiben können und das 
Trotzdem nicht an Anspruch und Charme verliert. Bitte unterstützt uns und überlegt euch, 
ob ihr in diese Kneipe gehen wollt bis zur Klärung des Konflikts! Hier erhaltet ihr eine 
umfassende Information zum Arbeitskampf, da wir keinen Populismus, sondern eine sachliche 
Diskussion und Meinungsbildung ermöglichen wollen.

Worum geht's?

Drei langjährige Kellner_innen der Kneipe "Trotzdem" werden gekündigt. Die 
Basisgewerkschaft Nahrung und Gastronomie (BNG-FAU) kämpft nun für deren 
Weiterbeschäftigung. Und bittet dich die Kolleg_innen zu unterstützen.

Was ist das "Trotzdem"?

Das "Trotzdem" gehört zu den originalen Kultkneipen der Neustadt. Gegründet vor weit über 
10 Jahren von der Friedensaktivistin Johanna Kalex. In Dresden ist das Trotzdem als linker 
Gruftischuppen bekannt und die Stammkneipe von über hundert verschiedenen Leuten. Hier 
arbeiten die Chefin, ihr Lebensgefährte, eine Putzkraft und vier Kellner_innen. Letztere 
allesamt Gewerkschaftsmitglieder der BNG-FAU und seit Jahren im Betrieb. Der Betrieb läuft 
stabil und gut, in der Wintersaison war der Laden fast jeden Abend brummevoll. Eine 
wirtschaftliche Grundlage zur Entlassung der Kolleg_innen besteht nicht.

Was hat es mit der Kündigung auf sich?

Die Chefin hat die drei Kolleg_innen zum 1. April gekündigt. Gleichzeitig zum Stellenabbau 
will sie aber auch einen Freund der Familie einstellen. Das ist unserer Meinung nach 
rechtlich und moralisch nicht haltbar, zumal dieser Freund nicht einmal 
Gastronomie-Arbeiter ist. Die genauen Motive, die zur Kündigung führten
können wir nur vermuten. Die Tatsache, dass alle Gewerkschaftsmitglieder mit 
unselbstständigem Beschäftigungsverhältnis rausgeworfen werden, lässt einen 
gewerkschaftsfeindlichen Hintergrund aber zumindest nicht ausschließen.

Gab es vorher Vorfälle, die die Kündigung begründen?

Inwieweit bei der Kündigung eine antigewerkschaftliche Haltung eine Rolle spielt lässt 
sich nur mutmaßen.
Im Mai hatte die Belegschaft nach Jahren eine Lohnerhöhung durchgesetzt und sich danach zu 
einer I-BNG Betriebsgruppe zusammengeschlossen. Weitere Lohnerhöhungen waren immer wieder 
im Gespräch gewesen.

Im Sommer und Herbst letzten Jahres hatte es eine Reihe politischer Auseinandersetzungen 
im "Trotzdem" um einen Freund der Chefin gegeben, der sich immer wieder mit Merchandise 
rechter und rechtsoffener Bands sehen ließ. Im Trotzdem ist in solchen Fällen Einsicht 
des/r Kund_in oder ein Hausverbot üblich. Hier wurde der Kunde durch die Chefin und ihren 
Lebensgefährten geschützt und es gab massive Meinungsverschiedenheiten mit Teilen der 
Belegschaft und anderen Kund_innen.

Danach gab es eine spürbare Distanz im Betrieb. Über zwei Kolleg_innen wurden Gerüchte 
gestreut, dass sie den Betrieb selbst verlassen wollten (was zu keiner Zeit der Fall war), 
Gewerkschaftswerbung und eine uns rechtlich zustehende Gewerkschaftswand zur Information 
der Betriebsgruppe wurden entfernt.

Sind eure Maßnahmen gegen das Trotzdem nicht zu hart?

Niemand in der Belegschaft hatte eine so harte Auseinandersetzung gewollt. Diskussionen im 
Betrieb sind immer sachlich geführt und notwendige und rechtlich legitime Verbesserungen 
der Arbeitsverhältnisse in Hinblick auf die persönliche Situation immer wieder verschoben 
worden. Die aktuelle Kündigung trifft uns als Kolleg_innen allerdings äußerst hart. Da wir 
nur bis April Zeit haben, sind wir damit gezwungen
schnell unseren Standpunkt klarzumachen und Verhandlungen, die uns rechtliche Sicherheit 
und mehr Zeit geben, zu erzwingen.

Warum trifft die Kolleg_innen die Kündigung so hart?

Alle drei Kolleg_innen leben unter prekären Bedingungen. Sie sind dringend auf das 
Einkommen im Trotzdem angewiesen. Alle drei engagieren sich privat in einer Vielzahl von 
Vereinen und Initiativen ehrenamtlich, auch diese Tätigkeiten werden vom Wegfall der 
Existenzgrundlage bedroht.

Insgesamt ist für alle drei Kellner_innen die Arbeit im Trotzdem ein gutes Stück ihres 
Lebens. Identität. Eben weil soziale und politische Spannungen, aber auch Freundschaften 
zu Kund_innen nicht an der Betriebstür enden, weil sie für das Trotzdem auch immer wieder 
außerhalb der Dienstzeit da sind und weil der Austausch und die Bewirtung der Kund_innen 
auch einen sozio-kulturellen Aspekt hat. Den Job aufgeben heißt einen
Teil des eigenen Lebens und der Sozialkontakte aufgeben. Und auch für Kneipe und Gäste 
wäre der Wegfall der bekannten Gesichter gleichbedeutend mit dem Wegfall von Vertrautheit, 
Flair, Vertrauen in die Kneipe, Verlust von inhaltlichem Anspruch.

Was ist euer Plan?

Wir führen aktuell einen unbefristeten Streik durch und bitten euch und alle anderen 
Kund_innen für diese Zeit das Betreten des Ladens zu überdenken! Wir wollen der Chefin 
zeigen, dass das Trotzdem nicht nur "ihr Ding" ist, sondern eben auch die Kellner_innen 
Anteil an Frequentierung und Flair der Kneipe haben. Bevor wir streikten haben wir ihr 
einen Brief mit Forderungen überreicht und zur Grundlage für Verhandlungen
eine rechtlich bindende Erklärung über eine Weiterbeschäftigung ohne Kündigung bis Juli 
verlangt.

Nachdem diese ausblieb, mussten wir nun handeln, um nicht die Initiative zu verlieren. Wir 
wollen mit diesen Arbeitskampfmaßnahmen nun unsere berechtigten Forderungen auf Sicherung 
unserer Lebensverhältnisse erreichen und bieten zwei Lösungsansätze an. Wir wollen dem 
Betrieb oder der Chefin nicht schaden und hoffen auf eine schnelle Einsicht der Chefin und 
eine Wendung des Konfliktes zum Guten.

Was fordert ihr?

Wir fordern in jedem Fall die Weiterbeschäftigung der Kolleg_innen und die Sicherung der 
Arbeitsplätze.
Außerdem fordern wir entweder den Abschluss eines Haustarifvertrages, der den Kolleg_innen 
gute und sichere Arbeitsverhältnisse auch in Zukunft garantiert, oder aber die Übergabe 
des Betriebes zwecks Umwandlung in einen Kollektivbetrieb unter monatlicher Zahlung an die 
dann ehemalige Chefin.

Was kann ich tun, um euch zu unterstützen?

Wenn du uns unterstützen willst, erzähl anderen von dem Fall. Mach es öffentlich! Macht 
euch bewußt, daß ihr als Gäste auch eine Wahl habt, eine Kneipe zu unterstützen oder ihr 
fern zu bleiben. Wir wollen den Betrieb mit guten Bedingungen und guter Belegschaft 
erhalten. Spende Geld in unsere Streikkasse, von der die Kolleg_innen und Anwält_innen für 
diesen Arbeitskampf bezahlt werden. Wenn du magst kannst du auch gerne mit uns 
Streikposten stehen, uns mal einen Tee vorbei bringen oder uns mit kreativen Aktionen
unterstützen.

Bitte check regelmäßig unsere Website www.fau.org/dresden oder unseren Facebook-Account 
"Allgemeines Syndikat Dresden".

Vielen Dank für dein Verständnis und auf bald, hoffentlich dann wieder unter besseren Be-
dingungen und mit ALLEN Kolleg_innen im Trotzdem.


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