(de) FdA-IFA, Gai Dào #33 - Anarchie im Klassenzimmer -- Original: Anarchy in the Classroom - Von: Judith Suissa / Übersetzung: Libertäre Gruppe Karlsruhe

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Fri Sep 27 09:13:50 CEST 2013


Wir haben uns daran gewöhnt, dass die Presse beiläufig mit den Worten "anarchistisch" oder 
"Anarchismus" um sich wirft, wann immer sie einen scheinbar unerklärlichen Akt der Gewalt 
erklären oder eine idealistische Theorie des sozialen Wandels verspotten möchte. 
Allerdings haben sich einige Intellektuelle gleichermaßen der Falschdarstellung schuldig 
gemacht. Sie bestehen darauf, dass der Anarchismus keinen Anspruch darauf hat, als eine 
schlüssige oder seriöse politische Theorie angesehen zu werden. Er wird als 'utopisch' 
oder 'naiv' gebrandmarkt, da er behaupte, dass Menschen von Natur aus gut seien, und dass 
diese natürliche Güte ganz und gar ausreiche, um eine staatenlose Gesellschaft 
aufrechtzuerhalten.

Hier ist Max Beloff schwer damit beschäftigt in diese altbekannte Kerbe
zu schlagen. Anarchismus, so schreibt er: "basiert auf einem grund-
legenden Missverständnis der menschlichen Natur, auf der unbewie-
senen Annahme, dass unter völliger Abwesenheit von Beschränkun-
gen, beziehungsweise materiellem Überfluss durch Kommunismus,
menschliche Gesellschaften ohne jeden Zwang existieren könnten."
Oder betrachten wir Jonathan Wolffs pauschale Behauptung: "Sich
dermaßen auf die natürliche Güte des Menschen zu verlassen er-
scheint extrem utopisch."

Kaum verwunderlich, dass der Anarchismus in der zeitgenössischen
Gesellschaft so wenig beachtet wird. Er ist fast endgültig verun-
glimpft worden durch solche ganz und gar irreführenden und par-
teiischen Darstellungen seines zentralen Argumentes. Wenn diese
Ansicht eine grobe Falschdarstellung ist, was ist dann die anarchisti-
sche Konzeption der menschlichen Natur? Sowohl Proudhon als auch
Bakunin bestanden darauf, dass diese von Natur aus zweifältig ist,
und sowohl ein egoistisches, als auch ein geselliges, altruistisches Po-
tential beinhaltet. Wie Bakunin es bildlich ausdrückt: "Der Mensch
hat zwei entgegengesetzte Instinkte, Egoismus und Geselligkeit. Er
ist gleichzeitig grausamer in seinem Egoismus als die wildesten Tiere
und geselliger als die Bienen und Ameisen."

Eine sehr ähnliche Auffassung von der Komplexität der menschlichen
Natur finden wir bei Kropotkin, dessen monumentale Abhandlung
'Mutual Aid', geschrieben zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Versuch
interpretiert werden kann sich dem extremen Sozialdarwinismus von
Theoretikern wie Huxley entgegenzustellen. Kropotkin sah das sim-
plistische Konzept vom 'Überleben der Stärkeren' als irreführende
Interpretation der Evolutionstheorie an, und wies darauf hin, dass
Darwin selbst die sozialen Qualitäten des Menschen als essenziellen
Faktor seines evolutionären Überlebens bemerkt hatte. 'Origin of the
Species' ist voll von verweisen auf die soziale Natur des Menschen,
ohne die, so Darwin, es sehr warscheinlich ist, dass "die Evolution des
Menschen, wie wir sie kennen, niemals stattgefunden hätte".

Kropotkins beispielhafter Fall von 'gegenseitiger Hilfe', als Faktor
in der Evolution tierischer Spezies, ist der, der Ameisen. Während
es aggressive Kämpfe ums Überleben zwischen Spezies geben kann,
setzen sich innerhalb der Ameisengemeinschaft gegenseitige Hil-
fe und Kooperation durch: "Die Ameisen und Termiten haben dem
Hobbes'schen Krieg entsagt, und sind deshalb besser geeignet für
ihn." Obwohl Kropotkin das Prinzip des Kampfes um die Existenz als
Naturgesetz nicht leugnete, hielt er schließlich das Prinzip der geen-
seitigen Hilfe für wichtiger aus evolutionärer Sicht, da dieses Prinzip
"die Entwicklung solcher Gewohnheiten und Charaktereigenschaf-
ten fördert, die die Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung der
Spezies, sowie das Höchstmaß an Wohlstand und Lebensfreude für
das Individuum und die geringste Energieverschwendung sicherstel-
len."

Der Gedanke, dass der Anarchismus an der Entwicklung von "Ge-
wohnheiten und Charaktereigenschaften" interessiert sein sollte, ist
offensichtlich inkompatibel mit dem Gedanken an einen ursprüng-
lichen, altruistischen Gnadenzustand. Aber Kropotkin wurde noch
deutlicher. In einem besonders kraftvollen Artikel, für 'Freedom'
von 1888 mit dem Titel 'Are We Good Enough?', konfrontierte
Kropotkin direkt das verbreitete Argument, die Menschen seien
'nicht gut genug' oder 'noch nicht reif für den freien, anarchistischen
Kommunismus', indem er prägnant fragte: "Aber sind sie denn gut
genug für den Kapitalismus?" Wären Menschen von Natur aus und
vorwiegend gütig, selbstlos und gerecht, so Kropotkin, bestände die
Gefahr von Ausbeutung und Unterdrückung gar nicht. Eben weil sie
es nicht sind, ist das bestehende System untragbar und muss geändert
werden.

Kropotkin glaubte letztendlich daran, dass die altruistischen Aspek-
te der menschlichen Natur die Kraft haben sich durchzusetzen. Er
behauptete, im Gegensatz zu Rousseau, dass sogar eine korrupte Ge-
sellschaft nicht in der Lage sei, individuelle menschliche Güte zu ver-
nichten: selbst ein kapitalistischer Staat könne "das Gefühl menschli-
cher Solidarität, tief verwurzelt in Verstand und Herz des Menschen,
nicht ausrotten". Nichtsdestoweniger räumte er ein, dass Menschen
"nicht durch plötzliche Verwandlung zu Anarchisten werden". Selbst
nach einer erfolgreichen Revolution, die den Staat niederreißt, würde
es immer noch den dringenden Bedarf an einer Bildung geben, die die
sozialen Tugenden fördern könne, auf denen sich eine anarchistische
Gesellschaft gründet. Das ist ein zentrales Thema.
Kein Wunder. Eben weil Anarchisten - insbesondere Sozialanarchis-
ten - die menschliche Natur nicht als etwas essenziell Gutes annah-
men, sprachen sie dem Thema Bildung eine so wichtige Rolle zu.

Aber was genau ist anarchisti-
sche Bildung und Erziehung?
Bildungshistoriker und -theo-
retiker werfen sie oft mit 'liber-
tärer Erziehung' zusammen, ein
Ansatz, der die traditionellen
Modelle von Lehrerautorität
und hierarchischer Schulstruk-
tur ablehnt, und der maximale
Freiheit für das individuelle
Kind innerhalb des Erziehungs-
prozesses befürwortet - im
Extremfall auch die Möglich-
keit aus dem Prozess ganz aus-
zusteigen. Auch Autoren mit
Sympathien für anarchistische
Bildungsgedanken fassen Be-
schreibungen anarchistischer Schulen (wie die Escuela Moderna, 1907
durch Francisco Ferrer in Spanien gegründet und die Modern School
Bewegung in den USA, die ihr nachfolgte) mit libertären Schulen wie
A.S. Neills Summerhill zusammen.

Dies ist ein weiteres Missverständnis. Die schiere Masse an anarchis-
tischer Literatur, die der Bildungsproblematik gewidmet ist, und die
Anstrengungen, die Anarchisten in Bildungsprojekte investiert ha-
ben, zeigt sehr deutlich, dass für den Sozialanarchisten Schulen und
Bildung allgemein ein wichtiger Aspekt des Projektes für sozialen
Wandels sind, anstatt etwas, was zusammen mit der restlichen Ma-
schinerie der Staatsbürokratie demontiert werden sollte.

Es ist wahr, dass anarchistische Schulen oft strukturelle Eigenschaf-
ten mit Freien Schulen teilen, beispielsweise zwangfreie Pädagogik,
demokratische Verwaltung, von Schülern gestaltete Stunden- und
Lehrpläne, und ein ungezwungenes Verhältnis zwischen Schülern
und Lehrern. Aber es gibt entscheidende Unterschiede. Typische
anarchistische Schulen haben substantielle Lehrinhalte mit klaren
antistaatlichen, antimilitaristischen und antireligiösen Botschaften.
Eine besondere Betonung liegt auf den gemeinschaftlichen Aspekten
des Schullebens und der Beteiligung an breiteren politischen Anlie-
gen.

Im Kontrast dazu macht die libertäre Position, die mit pädagogischen
Experimenten wie Summerhill verbunden ist, genau die Art von op-
timistischen oder naiven Annahmen über die menschliche Natur, die
oft fälschlicherweise dem Anarchismus zugeschrieben werden. John
Darling zitiert A.S. Neill mit der Aussage, dass Kinder "von Natur aus
gut" sind und zu "guten Menschen heranwachsen, wenn sie nicht in
ihrer natürlichen Entwicklung durch Einmischung verkrüppelt und
ausgebremst werden."

Neill hatte beträchtliche Sympathien für Homer Lanes Idee der 'ur-
sprünglichen Tugend' - was sich in seinem Beharren darauf wider-
spiegelte, dass jede Art von moralischer Belehrung die angeborene
Güte des Kindes verdirbt. Diese reine libertäre Ansicht steht klar der
anarchistischen Ansicht entgegen, die besagt, dass an dem Versuch
von Erziehern substantielle Ansichten oder moralische Prinzipien an
Kinder weiterzugeben nichts moralisch anstößig ist. Anarchistische
Schulen, anders als Schulen wie Summerhill, machten keine Anstal-
ten in ihrem Ethos und ihrem Lehrplan neutral zu erscheinen.

Für Anarchist*innen ist die ideale Gesellschaft etwas, was geschaffen
werden muss. Und Bildung ist in erster Linie ein Teil dieses schöpferi-
schen Prozesses; er beinhaltet die radikale Herausforderung aktuel-
ler Praktiken und Institutionen, und doch gleichzeitig das Vertrauen
in die Idee, dass Menschen bereits die Eigenschaften und Tugenden
besitzen, die notwendig sind um eine derart andere Gesellschaft zu
schaffen und aufrechtzuerhalten. Sie müssen deshalb weder eine ra-
dikale Verwandlung durchmachen noch das marxistische 'falsche
Bewusstsein' ablegen. Bildung ist kein Mittel, um eine andere politi-
sche Ordnung zu schaffen, sondern ein Raum, in dem wir mit Visio-
nen einer neuen politischen Ordnung experimentieren - ein Prozess,
der selbst eine lehrreiche und motivierende Erfahrung für Lehrende
wie Lernende darstellt.

In vielen Standardwerken zum Anarchismus wird Bildung gera-
de einmal im Vorbeigehen erwähnt. Schade. Denn die Einsicht der
Anarchisten in die Notwenigkeit eines substanziellen Bildungspro-
zesses, entworfen entlang klarer ethischer Prinzipien, geht Hand in
Hand mit ihrer kontextualistischen Darstellung der menschlichen
Natur. Dadurch macht sie etwas, was andernfalls nichts als naiver
Optimismus sein könnte, zu einer komplexen und inspirierenden ge-
sellschaftlichen Hoffnung.


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