(de) FdA-IFA, Gai Dào #33 - Anarchie in Malaysia?! -- Ein Veranstaltungsbericht -- Von: Anarchistische Gruppe Freiburg

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Tue Sep 24 10:01:44 CEST 2013


Am 26. Juni besuchte uns Arip Jordi, ein Genosse aus Malaysia, um uns etwas über die 
anarchistische "Bewegung" dort zu erzählen. Ca. 40 Zuhörer*innen lauschten seinen 
Ausführungen im autonomen Zentrum KTS in Freiburg -- i.Br. ---- Arip startete mit einem 
allgemeinen historischen Abriss. In Malaysia gab es vor der Kolonialherrschaft eine ganze 
Hand voll zentralistisch regierter Königreiche und Sultanate. Im Laufe des 19 Jh. wurde 
dann Großbritannien die dominante Kolonialmacht in der Region. Einige Königreiche wurden 
unter britischer Herrschaft zusammengefasst, andere blieben Unabhängig hatten jedoch 
britische Berater. Während des 2. Weltkrieges wurde das Land von Japan besetzt, es 
bildeten sich die Anfänge einer antikolonialen-national Bewegung, welche 1948 die 
Staatsgründung der Föderation Malayia durchsetzte.

Beeinflusst durch das erfolgreiche Agieren der Kommunisten unter Mao in China,
wuchs auch die kommunistische Bewegung in Malaysia, zeitgleich
wurden auch, aus dem chinesischen Raum kommend, anarchistische
Ideen rezipiert. Die verfügbare Literatur zum Anarchismus hielt sich
jedoch in Grenzen, auch ein Organisierungsgrad über kleine Grup-
pen hinaus wurde nie erreicht. Während die Maoisten einen Gueril-
lakrieg im Norden des Landes gegen die Regierung führten, traten
die Anarchisten mit einzelnen Attentaten auf führende Regierungs-
beamten in Erscheinung. 1957 erfolgte die formale Unabhängigkeit
des Landes. Die anarchistischen Kleingruppen wurden zerschlagen
und die Maoisten verloren den Guerillakrieg. In den sechziger Jahren
verschärften sich die rassistischen Anfeindungen gegenüber, der im
Land lebenden, chinesischen Minderheit. Rassismus gegen Chinesen,
Sexismus und Homophobie sind auch heute noch gesellschaftlich he-
gemonial. Seit 1981 wurde das Land zunehmend autoritärer regiert,
alle Organisationen der (radikalen) Linken wurden verboten, öffent-
licher Protest wurde unter Strafe gestellt. Dies ging jedoch mit einer
relativ erfolgreichen Wirtschaftspolitik einher, von der vor allem der
malayische Teil der Bevölkerung profitierte, die chinesische Min-
derheit wurde auch ökonomisch benachteiligt. Laut Arip sehen viele
Malayen, aufgrund des ökonomischen Erfolges, über die autoritäre
Herrschaft hinweg oder unterstützen solch ein Vorgehen.

Arip berichtete nun über die anarchistische "Bewegung" heute. Er
selbst ist in einem autonomen Zentrum in Kuala Lumpur aktiv. Dort
gibt es einen kleinen Infoladen, eine Radiostation und einen Kon-
zertraum. Das Land ist stark islamisch dominiert, dies macht sich
in allen möglichen Situationen bemerkbar. So ist der Konsum von
Alkohol verboten, Drogenbesitz wird mit der Todesstrafe geahn-
det, Homosexualität ist ebenfalls strafbar. Nationalismus und isla-
mische Religion gehen Hand in Hand (trotzdem existieren massive
Unterschiede zu Islamisten). Die extreme Rechte lässt sich eher als
Religiös-Faschistisch beschreiben. Das autonome Zentrum war des
öfteren Angriffen von Neonazi Skinheads (Brandanschläge, Angriffe
mit Messern) ausgesetzt - nur durch massive körperliche Gegenwehr
und einem Toten auf Neonaziseite konnten die Attacken unterbun-
den werden. Die Neonazi Banden integrierten sich daraufhin in die
religiös-faschistische Partei in Malaysia.

Auch die Punk Szene ist ultra-religiös, nationalistisch und extrem Ho-
mophob, bei Punk Konzerten kam es deswegen öfter zu Auseinander-
setzungen. Die Punk Szene meidet seitdem das Autonome Zentrum.

Von staatlicher Seite gibt es ebenfalls Druck: Polizeischikanen
und -kontrollen gehören zum Alltag. Aufgrund der Strafbarkeit
von politischen Aussagen (bis zu 8 Jahre Haft!), müssen sich die
malayischen Anarchisten bedeckt halten und können keine öf-
fentliche Propagandatätigkeit entfalten. Sie organisieren dafür
lokale Projekte, wie eine Suppenküche für die unzähligen Ob-
dachlosen (Food not Bombs), und unterstützen soziale Kämp-
fe gegen die Verdrängung armer Menschen von ihrem Land.

Zudem wurden Aktionen der Schwulen und Lesben Bewegung un-
terstützt und es wurde bei den Anti-Regierungsprotesten anarchisti-
sche Propaganda verteilt.

Food Not Bombs Kuala Lumpur/Malaysia: fnbkl.blogspot.de
Diemomentane Situation ist jedoch mehr als düster: im ganzen Land gibt
es nicht mehr als eine Hand voll Genoss*innen, die Geheimpolizei beob-
achtet die Gruppe, mehrere Leute - einschließlich Arip - mussten un-
tertauchen und falls möglich ins Ausland fliehen, einige Genoss*innen
wurden wegen politischer Propaganda für mehrere Jahre inhaftiert.

Arip und seine Genoss*innen werden weiterkämpfen auch wenn die
Aussicht auf Erfolg verschwindend gering ist.


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