(de) FdA-IFA, Gai Dào #33 - Kuba: Hommage an Alfredo López -- Ein anarcho-syndikalistisches Gedenken in Havanna. -- Von: Marcelo "Liberato" Salinas (Taller Libertario Alfredo López) / Übersetzung: jt (afb)

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Sun Sep 22 08:22:41 CEST 2013


Für die Historikerin Olga Cabrera, wo immer sie sein möge. ---- I ---- Am Samstagmorgen 
vom 20. Juli trafen sich mehrere von uns, die im Taller Libertario Alfredo López aktiv 
sind, an der Straßenecke von Monte und Belascoaín, dem Eingang zum historischen 
Arbeiterviertel Jesús María in Havanna. ---- Dort besprachen wir die letzten Details 
unseres Vorhabens im Viertel, tauschten Meinungen darüber aus und verteilten die 
mitgebrachten Druckmaterialien untereinander. Aus den Büchern, die wir als Geschenke für 
die Kinder dabei hatten, radierten wir den Preis aus. In diesem Moment nähert sich uns ein 
bereits in die Jahre gekommener Mann in Arbeitskluft, dem die harte Arbeit körperlich 
anzusehen war, und nimmt sich ohne viel Federlesens eines der Bücher, die wir auf der Bank 
liegen hatten.

,So geht das aber nicht, Freundchen!', sagte ich empört. ,Wenn du
wissen möchtest, was wir hier haben, dann sag' bitte: ,Einen schönen
Tag, wie geht es euch, darf ich mal reingucken?'

,Ich hab' das Recht mir anzugucken, was auch immer ich will,
Freundchen! Hier kommt Hinz und Kunz daher, um Sachen zu ver-
kaufen ... und ich dachte, ihr verkauft vielleicht religiöse Bücher ...'

Ich musste mir die auf die Zunge beißen. Wir befanden uns an einem
Platz, den unser Genosse Ramón García als Grenzregion definieren
würde, als eine Art Marktplatz, wo die Ärmsten des Stadtviertels
kommen, um informell und spontan mit Dingen zu handeln.

Eduardo machte meine schroffe Zurückweisung wieder gut und un-
terhielt sich dann ausgelassen mit dem Mann, der ihn schließlich
fragte, ob wir uns dieser Menschenrechtssache verschrieben hätten. -
,Das ist für uns viel zu wenig, wir sind Anarchist*innen', antwortete
ihm Eduardo und übergab ihm dann im Laufe einer sehr offenher-
zigen Diskussion einige unserer Materialien. So begann also unser
Morgen, bevor wir Jesús María überhaupt erst betreten hatten und
uns auf den Weg gemacht hatten zur Straße Florida, Hausnummer 46,
auf der Suche nach dem Ort, wo Alfredo López gelebt und am 20. Juli
1926 entführt worden war.

II.
Im ärmlichen Mehrfamilienhaus an der Adresse Florida Nr. 46, wo
Alfredo López damals mit seiner Lebenspartnerin Inocencia lebte,
gibt es heute eine staatliche Bäckerei mit dem Namen ,,La Colonial",
mit weißen Wänden, die mit allen möglichen Texten übersät sind.

Wir waren bereits letztes Jahr hier gewesen. Wir begrüßten einige
der Nachbar*innen, die wir das letzte Mal kennengelernt hatten und
machten uns ans Werk. Wir begannen mitgebrachte Aufkleber zu
verteilen und fingen Gespräch zum Thema mit den Leuten aus der
Umgebung und den Angestellten der Bäckerei an. Und wir überleg-
ten, wo an der Wand wir am besten das vergrößerte Abbild von Alf-
redo López hinhängen konnten, um darunter einige Blumen nieder-
zulegen.

In den Gesprächen darüber, was wir hier taten, war die übliche Vor-
sicht zu erkennen, aber keine Angst. Jesús María ist schon immer ein
aufsässiges Arbeiterviertel gewesen, vermutlich das älteste der In-
sel, und alle Mächtigen in der Geschichte Kubas haben das gewusst.
Mehrere Nachbar*innen zeigten sich im Dialog überrascht und er-
freut und meinten, dass sie trotz der vielen Jahre, die sie bereits in
dem Viertel wohnten, trotzdem nicht wussten, wer Alfredo López
gewesen war und noch weniger, dass er in ihrer Straße, in Florida,
gelebt hatte.

Ein junge Frau, die so beschwingt war wie der Morgen, den wir ver-
lebten, zeigte eine riesige Begeisterung für unser Vorhaben, nachdem
Daysi sie darüber aufgeklärt hatte und wir tauschten Kontaktdaten
aus, für spätere gemeinsame Aktivitäten. Andere Nachbar*innen äu-
ßerten die Ansicht, dass es sehr gut sei, dass wir so etwas täten, und
es ihnen eine Freude sei zu sehen, dass die Jugend sich auch solchen
Dinge widmete.

III.
Gestört wurde die Harmonie dann vom Subdirektor der Bäckerei, der
in Begleitung des schweigenden Direktors kam, eines jungen Mannes
mit deutlich hervorstechendem Wanst, gekleidet in den von der Kom-
mandantur bevorzugten Klamotten und Schuhen von Nike und Adi-
das [Verweis auf Fidel Castro, der bei seinen spärlichen öffentlichen
Auftritten in den letzten Jahren sein Militär-Outfit durch Sportkla-
motten dieser beiden Marken getauscht hat, Anm. d. Ü.], das lebende
Abbild des neuen Unternehmertums, den der Staat derzeit fördert.
Die Rolle des Subdirektors war die, genau das umzusetzen, was in
der letzten Rede des General-Präsidenten dieser Republik [gemeint
ist Raúl Castro, Anm. d. Ü.] an die Mitglieder der Kommunistischen
Partei Kubas proklamiert wurde: ,,Probleme zu suchen" und hinaus-
zugehen, um die Interessen des Staates zu verteidigen.

Als wir uns daran machten, unter dem Foto von Alfredo López, das
wir an der weißen Wand angebracht hatten, einen der Aufkleber an-
zubringen, die wir zuvor verteilt hatten, schritt der Subdirektor der
Bäckerei ,,La Colonial" ein. Er sagte uns, das aber wirklich auf höfli-
che Art und Weise, dass er damit nicht einverstanden sei, weil dort
Dinge stünden, die nicht vereinbar wären mit dem gesellschaftlich
Akzeptierten, und er las uns den entsprechenden Abschnitt vor:

,,Alfredo war, wie auch seine engsten Freund*innen und Genoss*innen,
Anhänger davon, anarchistische Ideen in die Gewerkschaften zu tra-
gen - er war Anarchosyndikalist. Sie alle waren davon überzeugt,
dass keine Regierung die Probleme der arbeitenden Bevölkerung
auf Dauer würde lösen können. Sie waren der Meinung, dass nicht
einmal die perfekte Regierung sie jemals derart ernsthaft anpacken
könnte, wie es die Arbeiter*innen und Konsument*innen in freier
Vereinbarung selbst tun könnten.

Beinahe ein Jahrhundert später, und trotz der vielen Experimente
kubanischer Regierungen mit allen möglichen Regierungsformen,
haben diese Probleme weiterhin Bestand. Wenn die kubanischen
Arbeiter*innen heute dem Staat mehr stehlen, dann nicht deswegen,
weil wir unmoralischer sind als früher, sondern deswegen, weil der
Staat zwar weniger mörderisch ist, weil er alle relevante Macht in
sich vereint, aber zugleich auch betrügerischer ist, weil er behauptet,
eine ,Regierung der Arbeiter*innen' zu sein. Heute haben wir jedoch
einen entscheidenden Vorteil gegenüber den Zeiten von Alfredo: Sie
mögen zwar die Macht des Staates haben, wir jedoch sind die Revo-
lution."

Die Aufkleber hatten wir bereits großzügig unter den Nachbar*innen
verteilt und wir hatten das Foto von Alfredo an der Wand der Bä-
ckerei angebracht mitsamt einem kurzen Text darüber, wer er war
und in wessen Händen er starb. Wir legten das erste Fundament für
Beziehungen im Stadtviertel und die Hommage war vollbracht. An-
gesichts dessen erschien uns ein Konflikt mit einem Funktionär, der
im System keine große Rolle einnahm, einfach ohne Belang. Daher
entschieden, wir darauf zu verzichten, den Aufkleber ebenfalls an der
Wand anzubringen.

Vor dem Fällen der Entscheidung hatten wir mit der fraglichen Person
allerdings eine sehr lebhafte und erhellende Diskussion, zu der sich
auch einige Nachbar*innen gesellten. Es kamen all die reaktionären,
schizophränen und prokapitalistischen Rückschritte zu Tage, denen
dieser Staat die Arbeiter*innen und die Bevölkerung ganz allgemein
unterwirft, nur um die Privilegien einer kleinen herrschenden Kaste
und ihrer Günstlinge zu sichern.

Die Anrufung der Erinnerung an Alfredo López, den sozialen Kämp-
fen, an denen er teilnahm und den Konzepten, die er - gemeinsam
mit so vielen heute ebenso vergessenen Genoss*innen - damals zur
Anwendung brachte und im Feuer dieser Kämpfe weiterentwickelte,
erstrahlten kurz in neuem Licht an eben jenem Ort, 87 Jahre nachdem
die kubanische Staatssicherheit jener Epoche ihn entführen und ver-
schwinden lassen würde.

Jede*r der sechs anwesenden Genoss*innen nahm haufenweise Er-
fahrungen mit. Es ist an uns, das fortzuführen, was wir an diesem 20.
Juli in der Straße Florida Nr. 46 angestoßen haben.

Auf deine Erinnerung, Alfredo López, und darauf, dass die Hommage
an dich uns als Impuls dienen möge, deinen Elan zu übernehmen!

Quelle:

www.periodicoellibertario.blogspot.de/2013/08/la-habana-homenaje-
en-su-barrio-al.html

Mehr Informationen zum Taller Libertario Alfredo López findet
ihr in den vergangenen Ausgaben der Gaidao.


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